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»Oh nein! Das darf nicht wahr sein!«
Mit entsetzt vors Gesicht geschlagenen Händen stand sie da. Im Treppenhaus. Auf dem Absatz der zweiten Etage, während ich auf dem Weg in meine Wohnung im dritten Stock war.
Die Frau meines Lebens.
Auch wenn mich diese Erkenntnis für einen Moment bewegungsunfähig machte und mein Fuß fast in der Luft hängenblieb, hätte ich sowieso stehenbleiben müssen.
Denn genau diese meine Traumfrau versperrte zusammen mit zwei Männern in blauen Overalls und etwas Großem, Braunen, das quer in der Tür steckte, meine übliche Route nach Hause.
Meine hochgezogenen Augenbrauen trafen auf ihren weit aufgerissenen Blick.
»Da weiß ich jetzt auch nich’, junge Frau«, brummelte der Ältere der beiden Möbelpacker, der zwar muskulös, aber gleichzeitig auch mit einem durchaus veritablen Bierbauch ausgestattet auf dem Absatz über mir stand.
Ja, genau. Ein Möbel musste das, was ich jetzt, da ich ein paar Stufen höher gestiegen war, besser sehen konnte, wohl sein. Eine Art Couch. Aber asymmetrisch. Und das hatte anscheinend zu diesem Stau geführt, der mich nun am Weitergehen in meine eigene Wohnung hinderte.
Gut, ich hätte den Fahrstuhl nehmen können. Wegen der Figur nahm ich lieber die Treppe, aber ein Fahrstuhl war in diesem Haus durchaus vorhanden. Nur ein paar Stufen hinunter . . . auf den Knopf gedrückt . . .
Aber dann hätte ich SIE aus dem Blick verloren.
Sah so aus, als ob sie gerade hier einzöge, und das bedeutete wohl, dass wir uns demnächst vielleicht öfter sehen würden. Wenn sie auch die Treppe nahm.
Sollte ich sie mal fragen? Doch jetzt war jetzt, und ich wollte sie nicht gleich wieder verlieren, kaum dass ich sie das erste Mal gesehen hatte.
Der Möbelpacker kratzte sich am seit gestern nicht mehr rasierten Kinn. »Hab’n Se das denn nich’ ausgemessen?«, fragte er etwas vorwurfsvoll.
»Doch, habe ich.« Mittlerweile waren die Hände der Frau mit den halblangen braunen Haaren langsam wieder heruntergesunken. Ihr ratloser Blick hatte sich jedoch nicht verändert. »Sie müsste eigentlich durchpassen.«
»Vielleicht hochkant?«, schlug ich ohne nachzudenken vor.
Im Grunde genommen wusste ich, dass mich das nichts anging, aber ich konnte mich in solchen Situationen oft einfach nicht zurückhalten.
Eine meiner größten Schwächen. Oder auch Stärken. Je nachdem, wie man es betrachtete. Als Führungskraft der mittleren Ebene in einem großen Logistik-Betrieb musste ich meist schnell Problemlösungen finden, und das war mir wohl in Fleisch und Blut übergegangen.
Mit ihren schönen seelenvoll haselnussbraunen Augen sah sie mich an, als hätte sie nicht erwartet, dass ich überhaupt den Mund aufmachen würde.
Um Verzeihung bittend hob ich die Hände. »Entschuldigung. Das geht mich nichts an.«
Ein leises Lächeln schlich sich in ihre bislang verzweifelt verkrampften Mundwinkel. »Ich bin für jede Einmischung dankbar, die diese Couch durch meine Tür bringt.« Schon halb resigniert warf sie die Arme in die Luft. »Wenn die nicht durchpasst, laufe ich Gefahr, hier gleich einen veritablen Nervenzusammenbruch aufs Parkett zu legen.« Ihr Lächeln wurde etwas breiter. »Und Sie halten mich für hysterisch.«
»Ich halte Sie nicht für hysterisch«, widersprach ich sofort und trat nun endgültig auf den Absatz, der auf gleicher Höhe mit ihrem Wohnungseingang lag. »Eher halte ich diese Couch hier für ausgesprochen störrisch.«
Mit leicht gerunzelter Stirn legte ich eine Hand auf die Lehne der Couch, die aus der Tür hervorstach, und ließ meinen Blick prüfend in die Wohnung hineinschweifen. Gleicher Schnitt wie bei meiner – logisch, sie befand sich direkt darunter.
Ich nickte. »Das Problem hatte ich oben auch schon mal«, erklärte ich, während ich mit einer Hand über die Couch hinweg in die Tür hineinwies. »Weil da die Ecke ist und man nicht gerade durchgehen kann.« Auffordernd sah ich die Möbelpacker an. »Sie müssen die Couch erst einmal wieder herausziehen und sie dann hochkant stellen. Dann kann man sie wahrscheinlich um die Ecke herumdrehen. Bei mir hat das geklappt.«
Der ältere Möbelpacker strich sich skeptisch übers unrasierte Kinn, doch sein jüngerer Kollege packte die Couch schon mit kräftigen Händen und zog sie heraus. Gemeinsam drehten sie das kleine Ungetüm auf die Seite, und es dauerte keine fünf Minuten, da hatten sie es ohne viel Aufhebens in die Wohnung bugsiert.
Meine vermutlich neue Nachbarin schwebte ihnen wie eine Elfe – ja, ich weiß, übertrieben, aber ich konnte mich trotzdem nicht des Eindrucks erwehren – hinterher. Als hätte sie zudem noch einen Elfenmagneten eingebaut, folgte ich ihr, als gehörte ich dazu.
Der ältere Möbelpacker hielt ihr einen Zettel hin. »Das wär’s dann, Frau Burckhardt. Bitte hier unterschreiben.«
Aha. Ihren Nachnamen kannte ich damit schon mal.
Unbewusst fiel mir auf, dass der Rest des Wohnzimmers noch vollkommen leer war. Das Einzige, was darin stand, war jetzt diese in einem warmen Rehbraun gehaltene Couch.
Obwohl ich die Wohnung mit den beiden Möbelpackern zusammen hätte verlassen können, deren schwere Arbeitsschuhe die Treppe hinunterpolterten, stand ich immer noch wie angewurzelt im Raum.
»Ohne Ihre Hilfe wäre das wahrscheinlich nicht so schnell gegangen.« Eine Stimme, die mir wesentlich weicher erschien als eben noch, traf mich unvermutet von hinten.
Ein wenig zu abrupt drehte ich mich um. »Ich habe doch gar nichts getan.«
»Sie hatten die entscheidende Idee.« Ihr Lächeln zog mich in eine Welt voller Elfen hinein, von denen sie die schönste war. Die, die unter allen anderen hervorstach. Immer noch lächelnd trat sie näher, streckte mir die Hand hin. »Gila Burckhardt.«
Es kribbelte schon in meiner Hand, bevor ich ihre berührte. Als ich es dann tat, wurde das Kribbeln noch schlimmer, fast unerträglich.
»Lucie Kaiser«, stellte ich mich vor. So schnell, wie es die Höflichkeit erlaubte, zog ich meine Hand zurück und wies damit zur Decke. »Ich wohne genau über Ihnen.«
Schulterzuckend schüttelte sie den Kopf. »Ich wohne eigentlich noch gar nicht hier.« Und wieder wurden ihre Worte von einem hinreißenden Lächeln begleitet. »Ich habe die Wohnung erst ab nächstem Monat gemietet.«
»Also ab nächster Woche.« In ihre Augen zu schauen war wie sanft in ein Samtkissen einzusinken. Ich musste das lassen. Leicht verlegen lachend wandte ich mich halb zur Balkontür und blickte durch das Glas hindurch in einen mit weißen Schäfchenwölkchen überzogenen hellblauen Sommerhimmel. »Dieser Monat geht ja nur noch bis diese Woche Samstag.«
»Richtig.« Sie nickte in meinem Augenwinkel. »Am Samstag ziehe ich um. Aber als ich diese Couch sah«, sie schlenderte zu dem rehbraunen Zweisitzer und ließ sich genüsslich hineinfallen, »musste ich sie einfach haben.«
Der Balkon hatte nicht denselben Reiz für mich wie ihr Anblick, also wandte ich mich ihr wieder ganz zu. »Sie ist wirklich sehr schön.«
»Und sie hätte definitiv nicht mehr in meine alte Wohnung gepasst.« Vergnügt lachte sie auf und ließ ihre Finger neben sich über den Stoff streichen. Es schien ihr sehr zu gefallen.
Genauso wie es mir gefallen hätte, jetzt diese Couch zu sein . . . Als würde ich ihre Finger auf meiner Haut spüren, kribbelte es überall, ließ sich nicht mehr wegdenken und auch nicht wegfühlen.
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