Finanziell hätte ich mir durchaus etwas Größeres leisten können, aber wozu? Ich hatte ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein kleines Arbeitszimmer. Das war mehr als genug.
Auch die Küche war recht klein, doch das störte mich nicht, da ich fast nie kochte. Unter der Woche aß ich in der Firma, und am Wochenende ging ich meistens essen oder bestellte mir etwas. Ab und zu musste es auch einmal eine Tiefkühlpizza tun. Mehr brauchte ich nicht.
Seit ich mich von Sandra getrennt hatte – oder sie wohl eher von mir –, war es mir eigentlich egal, was ich aß. Sandra war eine recht gute Köchin gewesen, auch wenn sie es nicht unbedingt gern tat. So hatten viele unserer Abende in Restaurants stattgefunden. Ich kannte fast jedes in der Stadt.
Wir hatten beide gute Jobs und konnten es uns leisten. Warum sollten wir da selbst kochen?
Immer noch liefen wir uns recht häufig über den Weg, denn wir arbeiteten in derselben Firma. Glücklicherweise war es eine ziemlich große Firma, und wir arbeiteten in verschiedenen Abteilungen.
Am Anfang war es nicht einfach für mich gewesen, wenn ich sie sah, auf dem Gang oder in der Kantine oder manchmal auch bei Besprechungen.
Aber mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, und mein Herz behielt seinen normalen Rhythmus, sobald ihre Gestalt irgendwo auftauchte. Nicht immer, aber immer öfter.
Als Abteilungsleiterin stand ich rein firmenhierarchisch betrachtet über ihr, aber das spielte keine Rolle. Sandra hatte mich immer um den Finger wickeln können, wenn sie das gewollt hatte.
Als sie es nicht mehr wollte, vermisste ich es.
Aber ich konnte auch nichts daran ändern.
3
»Nanu? Was ist denn mit dir heute los?« Meine Kollegin Julia blieb mit einem erstaunten Gesichtsausdruck auf dem Gang vor mir stehen.
»Was?« Ich hatte sie erst im letzten Augenblick gesehen und war fast in sie hineingelaufen.
»Da liegt so ein selbstversunkenes Lächeln auf deinem Gesicht«, erklärte sie, selbst ebenfalls ein Schmunzeln auf den Lippen. »Wenn du zu einer Besprechung unterwegs bist, lächelst du meistens nicht.«
»Du kennst mich anscheinend besser als ich selbst.« Ich hob die Augenbrauen. »Ich beobachte mich nicht, wenn ich zu einer Besprechung gehe.«
»Das liegt nahe.« Nun grinste Julia fast. »Außer du würdest ständig mit einem Spiegel vor dem Gesicht herumlaufen.« Sie drehte sich um und schloss sich meiner Richtung an, da ich weiterging. »In letzter Zeit hast du überhaupt nicht mehr viel gelächelt. Deshalb freut es mich, dich wieder lächeln zu sehen.«
»In letzter Zeit gab es nicht viel zu lächeln«, erwiderte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. »Du weißt, wie die Stimmung in der Firma ist. Und dabei nimmt die Arbeit kein Ende, wird immer mehr. Mehr Leute bekomme ich aber nicht, und der Krankenstand derjenigen, die schon da sind, ist so hoch wie nie.«
Sie nickte. »Das ist der Stress. Und die unklaren Zukunftsaussichten. Einige haben sicherlich schon innerlich gekündigt.«
Das konnte ich nur tief durchatmend bestätigen. »Einer hat heute tatsächlich seine Kündigung eingereicht. Gott sei Dank jemand, auf den ich gut verzichten kann. Aber seine Arbeit muss nun trotzdem von jemand anderem übernommen werden. Bis ich jemand Neuen einstellen kann. Falls ich jemanden finde.«
»Bei mir sieht es ähnlich aus.« Sie holte tief Luft. »Vielleicht bringt diese Sitzung ja was. Du bist doch zur Abteilungsleitersitzung unterwegs?« Fragend sah sie mich an.
Ich blickte etwas zweifelnd zurück. »So richtig teile ich deine Zuversicht nicht. Im Grunde genommen weiß ich schon, was gleich in der Sitzung passieren wird. Nämlich gar nichts. Es werden keine Entscheidungen getroffen. Das ist ein Problem, das die Firma immer weiter in Schwierigkeiten bringt.«
»Richtig«, entgegnete sie seufzend. »Ich muss dir ehrlich sagen, ich schaue mich auch schon nach etwas anderem um.«
»Du?« Nun blieb ich doch noch einmal stehen. »Du warst doch schon da, bevor ich gekommen bin.«
»Eben.« Mit etwas schief verzogenem Gesicht schaute sie mich an. »Viel zu lange. Ich bin einfach zu loyal. Obwohl ich schon eine ganze Weile nichts mehr dafür bekomme.« Sie lachte leicht. »Außer mein Gehalt natürlich. Aber seit mein früherer Chef in Rente gegangen ist, ist da eigentlich niemand mehr, demgegenüber ich loyal sein müsste. Von ihm habe ich enorm viel gelernt. Und ich wusste, dass er meine Arbeit schätzt.«
»Das ist schade, dass du gehen willst.« Bedauernd schaute ich sie an. »Aber ich verstehe dich. Ich werde dich sehr vermissen.«
Wieder lachte sie. »Noch bin ich ja nicht weg. Vielleicht tut sich bei der Sitzung gleich ja doch was.«
Ich merkte, wie meine Lippen ironisch zuckten. »Du bist eindeutig die größere Optimistin von uns beiden. Anscheinend gibst du die Hoffnung nie auf.«
Sie hob die Schultern und ließ sie gleich wieder sinken. »Deshalb habe ich bis jetzt noch nicht gekündigt.« Wieder legte sich ihr Kopf leicht auf eine Seite, als sie mich ansah. »Und du lächelst, obwohl es nach allem, was du eben gesagt hast, keinen Grund dazu gibt.«
Da hatte sie mich jetzt kalt erwischt. Sollte ich ihr etwas sagen oder nicht? Sie war eine sehr gute Kollegin. Aber eine Freundin war sie eigentlich nicht. Wir hatten nur im selben Team zusammengearbeitet, bevor ich befördert worden war.
Meine ironisch zuckenden Lippen verbreiterten sich zu einem Schmunzeln. »Ich habe auch noch ein Leben außerhalb der Firma, Julia. Obwohl das viele nicht glauben.«
»Aha.« Möglicherweise hätte ich das nicht sagen sollen. Jetzt hatte ich ihr Interesse geweckt. Ihre Augen blitzten neugierig. »Wenn jemand so etwas sagt, heißt das meistens, dass sich etwas an der Liebesfront tut. Habe ich recht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ohne dir etwas verheimlichen zu wollen, aber das könnte ich dir noch nicht einmal sagen. Ich weiß es selbst noch nicht.«
Was erzählte ich denn da? Ich hatte doch schon beschlossen, dass Gila Burckhardt hetero war. Also war es völlig egal, was ich wusste oder nicht wusste. Die Aussichten waren einfach gleich null. Egal, was ich mir wünschte oder einbildete.
Julias Schmunzeln kehrte auf eine höhere Ebene gehoben zurück. »Dann halt mich bitte auf dem Laufenden. Was gibt es Schöneres als eine junge Liebe? Besonders für eine alte Ehefrau wie mich.«
Und auf ihre sympathische Art leise lachend bog sie nach rechts ab, während ich den Gang hinunter links zum Besprechungszimmer musste.
4
Der Tag war lang gewesen, da ich noch einiges an Arbeit nach der Sitzung hatte nachholen müssen, und so war ich auf meinem Heimweg schnell noch bei einem meiner Lieblingsrestaurants vorbeigefahren, um mir ein Abendessen – oder eher wohl ein Nachtessen – für Zuhause mitzunehmen.
Es direkt im Restaurant zu verspeisen war mir zu aufwendig gewesen. Ich wollte mich beim Essen auf meine Couch lümmeln.
Couch. Das war das Stichwort. Schon als ich an der Wohnungstür von Gila Burckhardt vorbeiging, musste ich wieder daran denken, was der Anlass für unsere erste Begegnung gewesen war. Eben diese rehbraune, asymmetrische Couch, die scheinbar nicht durch ihre Wohnungstür gepasst hatte.
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