Automatisch wollte ich zur Treppe gehen, aber dann würde ich garantiert Gila treffen, die vom Eingang ihrer Wohnung aus vermutlich alles dirigierte. Also entschied ich mich für den Fahrstuhl.

Was, wie sich schnell herausstellte, die falsche Entscheidung gewesen war. Bereits, als der Aufzug schon im nächsten Stock wieder hielt, ahnte ich Böses. Als sich die Türen öffneten, bestätigte sich das. Gila stand davor.

Sie stutzte ein wenig, trat dann aber beherzt in den Aufzug hinein, blickte auf die Schalttafel und nickte. »Da will ich auch hin.«

Ich schwitzte Blut und Wasser. Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn. Dieser verdammte heiße Sommer!

Mittlerweile hatten sich die Türen wieder geschlossen, und der Lift bewegte sich langsam nach unten.

»Ähm . . .«, setzte ich an.

Doch sie unterbrach mich schon da mit einer Handbewegung. »Ihr Privatleben geht mich nichts an. Das möchte ich auch umgekehrt so halten.«

Bäng! Der hatte gesessen. Das mit der Kaffeeeinladung hatte sich wohl erledigt. Und das mit der netten Nachbarin, als die sie mich bezeichnet hatte, auch.

Schon öffneten sich die Aufzugtüren erneut. Davor standen ein paar aufgestapelte Kisten und zwei Männer, die nicht gerade aussahen wie Möbelpacker.

Beide blickten Gila mit etwas erschöpfter Miene an. »Das sind die letzten«, bemerkte der eine, ein blonder, unverschämt gutaussehender Mann um die vierzig. »Danach hätte ich gern einen Kaffee.«

»Auf jeden Fall.« Gila lachte, beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich wollte euch doch sowieso zum Essen einladen für eure Hilfe. Was hätte ich nur ohne euch gemacht?« Ihr Blick wanderte vom einen zum anderen und verwöhnte sie mit ihrem bezaubernden Lächeln.

Ich hätte ihr meine Hilfe beim Umzug anbieten sollen. Dann hätte ich vielleicht auch etwas davon abbekommen.

So konnte ich nur schnellstmöglich aus dem Aufzug und dem Haus desertieren und Gila den beiden Männern überlassen, die die Kartons einen nach dem anderen in den Lift hineinstapelten.

Als ich mich immer mehr von der Haustür entfernte, versuchte ich, keinen Blick zurückzuwerfen, obwohl ich es gern getan hätte. Es kostete mich einiges an Beherrschung.

Meine Gedanken, die ich nicht so leicht im Zaum halten konnte, rasten dennoch. Was bedeutete dieser Kuss auf die Wange? Offenbar doch eine innigere Beziehung. Zwar hatte sie beide Männer ähnlich lächelnd angesehen, aber den anderen hatte sie nicht geküsst.

Da sie offensichtlich auf Männer stand – was ich mir schon gedacht hatte –, war dann die Szene mit Sandra, in die sie zufällig hineingestolpert war, ein Schock für sie gewesen?

Eigentlich war das heute ja kein Problem mehr, aber man konnte nie wissen. Sie hatte schon ziemlich entsetzt ausgesehen.

Ich atmete tief durch, während ich die Straße entlang den Supermarkt ansteuerte. Ein wenn auch nur kurzer Traum, der wieder einmal zerplatzt war.

Obwohl mein Einkauf zuvor lediglich auf Butter und Bananen ausgerichtet gewesen war, wurde es dann doch mehr. Und das meiste davon waren Süßigkeiten. Ich brauchte Trost.

Viel länger, als ich es vorgehabt hatte, und auch, als es nötig gewesen wäre, schlenderte ich im Supermarkt herum.

Als ich zum Haus zurückkehrte, war nichts mehr von Kartons, Männern oder Gila zu sehen. Vermutlich waren sie zusammen essen gegangen.

Vielleicht war das auch besser so. Wenn ich sie noch einmal gesehen hätte, womöglich sogar Arm in Arm mit dem schönen blonden Mann und ihn anhimmelnd, hätte ich wahrscheinlich noch ein paar Schokoriegel mehr gebraucht.

Seufzend nahm ich die Treppe nach oben, um schon im Voraus ein paar von den Kalorien abzuarbeiten, die ich mir gleich zuführen würde.

Ich wusste, dass das nicht half, aber ehrlich gesagt waren mir die Optionen ausgegangen, was ich sonst hätte tun können.

In meiner Wohnung angekommen stellte ich die Einkaufstasche auf einen Stuhl in der Küche.

Irgendwann würde Gila zurückkommen, vermutlich nicht mit beiden Männern, sondern nur mit einem, dem schönen Blonden, den sie geküsst hatte. Und dann würden sie . . .

Vielleicht sollte ich mich wieder einmal nach einer neuen Wohnung umsehen.

Und schon verschwand meine Hand in der Einkaufstasche und gleich darauf ein Schokoriegel in meinem Mund.

7

Was war bloß mit mir los? Warum fiel es mir plötzlich so schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren? In meinem Kopf kreiste alles um Dinge, die vorher keine Rolle gespielt hatten.

Ich funktionierte. Tat meine Arbeit gut – das wurde mir jedenfalls immer wieder bestätigt. Aber wie, das wusste ich selbst nicht so genau. Ich kam morgens ins Büro, und kaum hatte ich die Tür geöffnet, wurde ich mit Problemen überhäuft: von Mitarbeitern, von Logistikpartnern, von Lieferanten und Kunden von überall auf der Welt.

Unser Transportunternehmen organisierte Lieferungen nach Amerika, Australien, China – und von dort zurück. Ich hatte den Überblick über Züge, Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge. Und ständig ging irgendetwas schief. Züge fielen aus oder kamen zu spät, Lastwagen blieben liegen, Schiffe hingen im Hafen fest. Ich war die Frau für das Unmögliche – manchmal jedenfalls.

Und ich war viel unterwegs: Shanghai, Rotterdam, New York. Dienstreisen gehörten zum Job. Mein Koffer stand eigentlich immer gepackt bereit.

Oft war das gut so. Ich mochte es, nicht jeden Tag am Schreibtisch festzukleben. Andererseits raubten mir diese Fahrten auch Kraft. Lange Autobahnkilometer, Gespräche mit genervten Kollegen vor Ort, Krisenmanagement im Halbschlaf.

Aber ich liebte diesen Job. Wirklich. Er forderte mich und langweilte mich nie. Vielleicht lebte ich ein bisschen zu sehr für die Arbeit – Sandra hatte mir das oft genug vorgeworfen. Und sie war nicht die Erste gewesen.

Was sollte ich machen? Für mich war Arbeit nie nur Broterwerb gewesen, sondern etwas, das mich befriedigte – vielleicht sogar etwas, das mir Sinn gab. Andere arbeiteten, um zu leben. Ich lebte oft, um zu arbeiten.

Und trotzdem – oder gerade deshalb – war da in letzter Zeit ein Gefühl, das ich so früher nicht gekannt hatte: Sehnsucht. Vielleicht lag es am Alter, vielleicht an all den gescheiterten Beziehungen. Beruflich war ich erfolgreich. Privat? Ein einziges Trümmerfeld.

Ich wusste, dass ich daran meinen Anteil hatte. Aber sollte ich wirklich alles umkrempeln – nur wegen einer Frau?

Aber . . . es kam eben auf die Frau an.

Bei Gila hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, sie könnte diese Frau sein. So etwas wie Liebe auf den ersten Blick – ich hatte nie geglaubt, dass es das gibt. Begehren, ja. Aber Liebe?

Für solche Dinge hatte ich früher keine Worte gebraucht. Doch jetzt wünschte ich sie mir.

Ich stützte den Ellbogen auf den Schreibtisch, das Kinn in die Hand. Wie viele Beziehungen Gila wohl gehabt hatte? Sie wirkte nicht verheiratet, jedenfalls trug sie keinen Ring. Aber dieser schöne, blonde Mann – die Art, wie sie ihn angesehen, wie sie ihn geküsst hatte . . .

Ich seufzte. Wenn ich sie nur früher kennengelernt hätte . . .

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Katja Freeh: Wenn nicht jetzt, wann dann? ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 »Oh nein! Das darf nicht wahr sein!« Mit entsetzt vors Gesicht geschlagenen Händen stand sie da....
»Deshalb habe ich sie gleich hierher liefern lassen«, beendete sie halb versunken in die...
Finanziell hätte ich mir durchaus etwas Größeres leisten können, aber wozu? Ich hatte ein...
Eine schöne Couch, auf der ich gern einmal neben ihr gesessen hätte. Oder vielleicht nicht nur...
Aber Sandra war . . . na ja, eben Sandra. Immer schon hatte ich ihr schlecht widerstehen können....
Aber auch mit der hätte ich im Moment nichts anfangen können. Oder wollen. »Wir haben nichts zu...
Automatisch wollte ich zur Treppe gehen, aber dann würde ich garantiert Gila treffen, die vom...
Aber wie viel früher? Zwanzig Jahre? Damals war sie noch ein Teenager. Und ich auch. Selbst wenn...
Und brauchte nicht jede Frau eine gute Freundin, mit der sie sich austauschen konnte? Ich war...
»Wenn ich nur genau wüsste, was mich beschäftigt«, antwortete ich, ohne sie anzusehen....
»Gila?« Thomas. Es war eindeutig Thomas’ Stimme, die da durch die Tür drang. Da musste sie wohl...
Und dann war Gila gekommen. Ein leiser Riss im Fundament. Eine Ahnung von dem, was möglich sein...