Und dann war Gila gekommen. Ein leiser Riss im Fundament. Eine Ahnung von dem, was möglich sein könnte.

Nun war der Riss wieder geschlossen.

Arbeit, klare Abläufe, ab und zu eine Frau im Bett, die nichts wissen wollte – und ich auch nicht. Keine Erwartung. Keine Enttäuschung.

Ich würde damit klarkommen. Musste ich ja. So war das Leben. Nicht alles war für alle gemacht.

Und Liebe offenbar nicht für mich.

11

In Laufleggins, einem Lauf-Top, das die Schultern freiließ, und mit einem locker übergeworfenen Handtuch betrat Gila den Supermarkt, noch etwas außer Atem von ihrem morgendlichen Lauf.

Die Luft im Supermarkt war kühl, fast frostig – der Unterschied zur sonnenwarmen Straße schlug ihr wie ein kleiner Schock entgegen, und der Schweiß auf ihrer Stirn kühlte augenblicklich ab. Ihr Körper war noch auf Betriebstemperatur vom Joggen, aber die Kälte kroch in die feinen, feuchten Fasern ihres Shirts, sog sich durch die Poren in die Haut, ließ sie leicht frösteln.

Doch sie würde ja gleich wieder draußen sein. Etwas enger zog sie sich das Handtuch um die Schultern und steuerte direkt auf das Kühlregal zu, griff nach Quark und Buttermilch.

Wieder einmal merkte sie, dass sie vielleicht doch besser einen Korb genommen hätte, da ihr ein Einkaufswagen für diese paar Dinge zu viel war.

Sie seufzte. Sollte sie noch einmal zurückgehen? Nein, sie hasste das. Also wechselte sie in die Gemüseabteilung hinüber, sammelte Gurke, Tomaten, Möhren und einen Salatkopf ein und stopfte alles auf und unter ihre Arme. Bis zur Kasse würde es schon gehen.

Doch was sie nicht bedacht hatte – nicht zum ersten Mal – war, dass sie sich ungeheuer wach und kräftig fühlte nach so einem Lauf, viel zu energiegeladen, um langsam zu gehen. Was zur Folge hatte, dass die Tomaten sich in Richtung Boden verabschiedeten und der Salat ihnen hinterhersprang.

»Mist!« Eine der Tomaten war aufgeplatzt und verteilte ihr Innenleben vor Gilas Füßen wie eine kleine rote Pfütze. Nicht so rot wie Blut, aber rot genug, um gewisse Assoziationen zu wecken.

Rasch beugte sie sich hinunter, ohne zu beachten, dass ihre Arme noch nicht leer waren, und bevor sie ganz in die Hocke gehen konnte, schlüpfte auch die Salatgurke noch aus dem improvisierten Nest.

»Wenn jetzt noch der Quark folgt, ist das die italienische Flagge«, kommentierte das jemand über ihr.

Sie erkannte die Stimme nicht sofort – so oft hatte sie sie noch nicht gehört –, aber schon, als sie hochsah, wusste sie, wessen Antlitz sich ihr da offenbaren würde.

Lucie.

Kurz verhielt sie, doch dann schlich sich ein Lächeln in ihr Gesicht. »Wo Sie recht haben, haben Sie recht.«

»Darf ich Ihnen einen Platz in meinem Wagen anbieten?«, fragte Lucie. »Meinem Einkaufswagen«, präzisierte sie dann. »Ich bin sowieso auf dem Weg zur Kasse.«

»Sehr nett. Danke.« Schnell sammelte Gila alles auf und verstaute es in Lucies Wagen, der praktisch leer war bis auf ein paar Bananen, eine Angebotspackung mit vier Tiefkühlpizzen, sowie einer Kekspackung und ein paar Schokoriegeln.

»Der Gesundheitsfaktor der Einkäufe in diesem Wagen hat sich hiermit in Windeseile um hundert Prozent erhöht.« Lucies Bemerkung wurde von einem schuldbewusst verlegenen Lächeln begleitet. »Ich sollte mir an Ihnen ein Beispiel nehmen.«

»Immerhin Bananen«, stellte Gila leicht lächelnd fest. »Die sind sehr gesund.«

Es war kühl in der Gemüseabteilung, weshalb sie erneut fröstelte. Als sie hereingekommen war, war sie noch von ihrem Lauf erhitzt gewesen, aber das ließ nun nach. Wenn auch eine gewisse innere Hitze das zu ersetzen suchte.

»Aber ein Beispiel nehmen müssen Sie sich nicht«, ergänzte sie schnell. »Lassen Sie uns nur zur Kasse gehen. Ich bin leider«, sie blickte an sich hinunter, »falsch angezogen für gekühlte Abteilungen.«

Lucies Blick schien ein wenig zu lang an Gilas Brüsten hängenzubleiben, die durch das enge Sport-Top gut zu erkennen waren, bevor sie ihn auf ihren Wagen senkte und den weiter in Richtung Kasse schob. »Sie waren im Fitness-Studio?«

»Nein.« Gila schüttelte den Kopf. »Ich habe nur meinen üblichen Morgenlauf gemacht. Einmal um den See herum. Damit ich frisch in den Tag starten kann.«

»Einmal um den See herum?« Lucies Augen öffneten sich weit, während sie Gila verblüfft ansah. »Sind das nicht mehrere Kilometer?«

»Sieben«, sagte Gila. »Nicht besonders viel.«

»Nicht besonders viel«, murmelte Lucie. »Ich glaube, ich würde noch nicht mal einen schaffen.«

»Da irren Sie sich.« Gila konnte dieser süßen Verlegenheit kaum widerstehen. Lucie war einfach . . . zum Anknabbern. »Die meisten Leute überschätzen so eine Zahl und unterschätzen sich selbst.«

»Wenn Sie es sagen . . .« Lucie schien geradezu erschüttert.

Sie waren an der Kasse angekommen und packten ihre Einkäufe aufs Fließband. Die Kassiererin war so schnell, dass sie sie nicht mehr trennen konnten, bevor schon der Kassenzettel ausgeworfen wurde.

»Oh . . . das . . .« Gila war nun selbst etwas verlegen. »Lassen Sie mich bezahlen.«

»Schon geschehen.« Lucie hatte mit einer Karte bezahlt, die den Ablauf noch beschleunigt hatte. »Kein Problem.«

»Wir können das vielleicht gleich auseinanderrechnen«, schlug Gila vor. »Bei einem Kaffee? Bei mir?«

Es schien, als ob Lucie zusammenzuckte.

»Ich bin Ihnen sowieso noch eine Entschuldigung schuldig«, fuhr Gila schnell fort. »Für mein unmögliches Verhalten im Fahrstuhl.« Sie nahm den Beutel auf, in die sie ihre Einkäufe mittlerweile gepackt hatte. »Und einen Kaffee hatte ich Ihnen auch versprochen.«

Anscheinend hatte sie zu schnell gesprochen, denn Lucie stand mit ihren eigenen Einkäufen in einer zweiten Tasche direkt hinter der Kasse, rührte sich nicht, als wäre sie am Boden festgewachsen, und sah aus, als müsste sie jedes einzelne Wort erst einmal verarbeiten. »Es war . . .« Sie schluckte. »Sie müssen sich nicht entschuldigen. Da war nichts.«

»Doch«, beharrte Gila. »Ich war mit den Nerven fertig. Wegen des Umzugs. Deshalb habe ich Sie so angezickt. Normalerweise bin ich nicht so. Hoffe ich.« Sie lächelte Lucie an.

»Sie haben mich nicht angezickt.« Kurz sah Lucie sie an, dann jedoch gleich in eine andere Richtung. Anscheinend völlig egal, welche.

»Wollen Sie da noch länger Kaffeekränzchen halten?«, fauchte sie ein älterer Mann an, vermutlich Rentner. »Andere Leute wollen auch einkaufen.«

»Oh . . . ja . . . Entschuldigung.« Lucie stolperte fast, als sie sich rasch von ihm entfernen wollte.

Automatisch griff Gila nach ihrem Arm, um sie zu stützen. Ein Stromschlag belohnte sie für ihre Hilfsbereitschaft. Den Lucie wohl genauso spürte wie sie, denn sie zuckten beide gleichzeitig zurück.

ENDE DER FORTSETZUNG

. . . aber nicht das Ende der Geschichte: Ab heute ist das Buch überall erhältlich.

Katja Freeh: Wenn nicht jetzt, wann dann? ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 »Oh nein! Das darf nicht wahr sein!« Mit entsetzt vors Gesicht geschlagenen Händen stand sie da....
»Deshalb habe ich sie gleich hierher liefern lassen«, beendete sie halb versunken in die...
Finanziell hätte ich mir durchaus etwas Größeres leisten können, aber wozu? Ich hatte ein...
Eine schöne Couch, auf der ich gern einmal neben ihr gesessen hätte. Oder vielleicht nicht nur...
Aber Sandra war . . . na ja, eben Sandra. Immer schon hatte ich ihr schlecht widerstehen können....
Aber auch mit der hätte ich im Moment nichts anfangen können. Oder wollen. »Wir haben nichts zu...
Automatisch wollte ich zur Treppe gehen, aber dann würde ich garantiert Gila treffen, die vom...
Aber wie viel früher? Zwanzig Jahre? Damals war sie noch ein Teenager. Und ich auch. Selbst wenn...
Und brauchte nicht jede Frau eine gute Freundin, mit der sie sich austauschen konnte? Ich war...
»Wenn ich nur genau wüsste, was mich beschäftigt«, antwortete ich, ohne sie anzusehen....
»Gila?« Thomas. Es war eindeutig Thomas’ Stimme, die da durch die Tür drang. Da musste sie wohl...
Und dann war Gila gekommen. Ein leiser Riss im Fundament. Eine Ahnung von dem, was möglich sein...