Wie man *keinen* Thriller schreibt ...

Thriller liegen absolut im Trend. Alles lechzt und schreit nach Thrillern. Anscheinend können die Leser (und vor allem auch die Leserinnen) davon überhaupt nicht genug bekommen. 😉

Ich will jetzt gar nicht auf die Gründe eingehen, warum das so ist – vielleicht geht es uns zu gut in unserer Wohlstandsgesellschaft, und unsere heutige Zeit ist so langweilig, dass wir immer einen neuen Kitzel brauchen, vielleicht schreckt uns Gewalt auch nicht mehr so ab wie früher, sondern zieht uns eher an, eventuell sind wir auch abgestumpfter, weil so viel Gewalt in den Medien gezeigt wird. Wahrscheinlich gibt es tausend Gründe, und dann hat man immer noch einen vergessen –, sondern ich will eher darauf eingehen, was das für den Markt bedeutet. Den Literaturmarkt.

Thriller gehören genauso wie Krimis und Liebesromane zur Unterhaltungsliteratur, sie sind also weit entfernt davon, irgendein Lob für hohes schriftstellerisches Talent oder künstlerische Leistung, für Kreativität oder Intelligenz erhalten zu können. Die meisten Leute meinen ja anscheinend, so etwas ist für Unterhaltungsliteratur nicht erforderlich.

Die meisten Kritiker. Und vielleicht auch die meisten Leser(innen). Aber was ist mit den Autor(innen)? Meinen die das auch?

Der Selfpublishing-Boom hat natürlich auch das Thriller-Genre erfasst, und es werden auch in diesem Bereich – wie in allen anderen – mehr Bücher auf den Markt geworfen, als man sich überhaupt nur vorstellen kann. Jeden Tag wacht morgens jemand auf und meint, er oder sie wäre Thrillerautor(in). Insbesondere scheinen auch Liebesromanautorinnen – sogar und speziell jetzige oder frühere Autorinnen von ChickLit, dem Genre, das selbst ich nicht verstehe 😎 – sich zu Thrillern hingezogen zu fühlen, und zwar nicht nur als Leserinnen, sondern vor allem auch als Autorinnen.

Ich bin selbst Liebesromanautorin und habe auch schon einen Thriller geschrieben, also sage ich nicht, eine Liebesromanautorin kann das nicht. Es gibt keinen Grund, warum man nicht genreübergreifend schreiben (können) sollte. Das Schreibhandwerk ist im Prinzip für alle Genres gleich. Wenn man das Handwerk beherrscht und anwenden kann, sollte man eigentlich jedes Buch schreiben können. Ob es ein gutes Buch wird, steht jedoch immer noch auf einem anderen Blatt.

ChickLit ist ein Genre, das – sagen wir es mal ganz vorsichtig – keine große Kunstfertigkeit verlangt. Die Bücher dieser Gattung – man nennt das manchmal auch „freche Frauenromane“ – werden üblicherweise in Gegenwartsform und aus der Ich-Perspektive geschrieben. Es liest sich, als schriebe die Autorin lediglich Tagebuch oder führte ein Telefongespräch mit ihrer besten Freundin. Auch der Stil (und die Spannungskurve – wenn es denn eine gibt) sind oft dementsprechend umgangssprachlich schlicht.

Dessen scheinen sich die Schreiberinnen aber gar nicht bewusst zu sein. Denn einige der Autorinnen, die es gewohnt sind, diese Liebesromane der eher schlichten Art manchmal wie am Fließband zu produzieren, wollen nun unbedingt Thriller schreiben. Offensichtlich ohne darüber nachzudenken, worin sich ein Thriller von einem „frechen Frauenroman“ unterscheidet.

Ein ChickLit-Roman verlangt keine Spannung. Die Autorin plappert wie gesagt einfach so vor sich hin, als würde sie die Geschichte ihren Freundinnen erzählen, ohne groß darüber nachdenken zu müssen, was genau sie da erzählt. Wie bei einem Kaffeekränzchen oder einem Mädelsabend, an dem großzügig und ohne Rücksicht auf Verluste über Männer (oder wenn die Autorin lesbisch ist – denn es gibt selbstverständlich auch lesbische ChickLit – ersatzweise über Frauen) hergezogen wird. Wie man das seinem ureigensten Liebesobjekt antun kann, wird mir immer ein Rätsel bleiben, aber ChickLit-Autorinnen können das.

Wenn man es gewöhnt ist, so zu schreiben, ist ein Thriller ein gewaltiger Schritt. Denn Thriller kann man nicht einfach so „herunterplappern“. Ein Thriller schreibt sich nicht praktisch von selbst, indem man über Männer oder Frauen kichert und sich über sie lustigmacht, als wäre man erst zwölf Jahre alt. Insbesondere der Spannungsbogen eines Thrillers muss gut überlegt sein.

Eigentlich gilt das für jeden Roman, auch für einen normalen Krimi oder einen Liebesroman – jedenfalls für die, die bei el!es erscheinen 😉 –, aber ChickLit-Romane sind wirklich eine besondere Gattung. Sowohl die Autorinnen als auch die Leserinnen scheinen da gut auf Spannung verzichten zu können, wenn nur genug gelästert wird.

Kürzlich habe ich etwas über Narzissmus geschrieben, und so ein Verhalten hat auch etwas Narzisstisches. Es geht immer nur um Ich, Ich, Ich. So wie ChickLit-Romane eben auch generell aus der Ich-Perspektive geschrieben sind. Manchmal hat man das Gefühl, die Autorinnen können gar nicht anders. Weil sie selbst die Hauptperson sind. Weil sie tatsächlich das erzählen, was sie glauben, erleben zu können, zu wollen oder vielleicht sogar teilweise erlebt haben.

Welche Position soll solch eine Autorin aber in einem Thriller einnehmen? Soll sie der Serienkiller sein und in Gegenwartsform und aus der Ich-Perspektive seine grausamen Taten beschreiben, als wäre sie selbst dabei, als würde sie sich wünschen, das tun zu können, das zu erleben? Das passt irgendwie nicht, oder?

Und da liegt der Hund begraben. Wobei er auch gar nicht so leicht wieder auszubuddeln ist. 😉 Denn auch wenn man sich mit dem Schreibhandwerk beschäftigt und das vielleicht schon recht routiniert anwendet, ist Spannung immer noch eine Sache für sich. Spannung entsteht meines Erachtens vor allem auch daraus, dass man etwas Spannendes in seinem Leben erlebt hat, dass man weiß, was Angst ist, Panik eventuell sogar, dass man tiefe, auch verstörende Gefühle aus eigener Erfahrung kennt.

Sonst bleibt ein Thriller immer an der Oberfläche wie ein Teenager-Slasher-Movie. Es werden die äußeren Umstände beschrieben, was nacheinander passiert, aber egal, wie grausam das ist, es berührt uns nicht. Weil die Autorin beispielsweise nicht in der Lage ist, glaubwürdige Figuren zu erschaffen, mit denen wir mitfühlen können, mit denen wir uns verbunden fühlen, an denen uns etwas liegt.

Vor vielen, vielen Jahren hat Patricia Highsmith, die berühmte und faszinierende Thrillerautorin, die schon beklemmende Psycho-Thriller geschrieben hat, als viele der heutigen Möchtegern-Thrillerautorinnen noch gar nicht geboren waren, ein Buch über das Thrillerschreiben geschrieben: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt

Wenn man dieses Buch liest (was ich nur empfehlen kann), merkt man, dass Patricia Highsmith kein leichtes Leben geführt hat. Sie hat viele nicht besonders schöne Erfahrungen gemacht. Einschließlich der Erfahrung, dass sie als Lesbe wohl niemals das Glück finden wird, in einer Zeit wie der damaligen. Ein bisschen darüber erfährt man in ihrem Buch Carol, das aber auch vieles verschleiert, weil man das damals eben nicht offen aussprechen durfte und sich selbst eine Frau wie Patricia Highsmith nicht traute, das Kind beim Namen zu nennen.

Unser Thema hier ist jedoch nicht das harte lesbische Leben in früheren Zeiten, sondern es geht um Thriller. Und was Patricia Highsmith ganz massiv von den Ex-ChickLit-jetzt-Möchtegern-Thrillerautorinnen unterscheidet, ist vor allen Dingen, dass sie sich schon von frühester Kindheit an für psychische Abgründe interessiert hat.

In Wikipedia steht:

Wesentliche Anregungen bekam Highsmith durch das Buch The Human Mind (nicht auf Deutsch erschienen) des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl A. Menninger, das sie im elterlichen Bücherschrank fand und zu lesen begann, als sie acht Jahre alt war. In diesem populärwissenschaftlich geschriebenen Buch werden Personen mit den unterschiedlichsten psychischen Defekten geschildert. Highsmith selbst beschrieb den Einfluss dieses Buchs 1993 mit den Worten:
„Es waren Fallgeschichten – Kleptomanen, Pyromanen, Serienmörder – praktisch alles, was mental falsch laufen konnte. Die Tatsache, dass es sich um reale Fälle handelte, machte es so interessant und sehr viel wichtiger als Märchen. Ich merkte, dass diese Leute äußerlich völlig normal aussahen und bemerkte, dass ich von solchen Menschen umgeben sein könnte.“

Unter anderem deshalb sind Highsmith’ Thriller so gut. Schon als Kind erkannte sie anscheinend, dass nicht der offensichtliche Horror der größte Horror ist, sondern der versteckte. Der, der sich als der freundliche Nachbar tarnt, als der gute Onkel oder die gute Tante, als der wohlmeinende Gutmensch, der sich dann als grausamer Serienmörder entpuppt.

Wenn ein Teenager in einem Slasher-Movie aufgeschlitzt wird, die Därme herausquellen und das Blut spritzt, berührt uns das viel weniger, als wenn sich langsam und quälend eine psychologische Spannung entwickelt, die man zuerst gar nicht als bedrohlich empfindet, die aber immer bedrohlicher wird. Da braucht man gar keine blutspritzenden Effekte, bekommt aber trotzdem eine Gänsehaut. Und man fühlt mit den Opfern dieses sich Schicht für Schicht, Ebene für Ebene aufbauenden psychischen Horrors mit, wird praktisch mit hineingezogen in das Dilemma, dem die Hauptfigur anscheinend nicht entkommen kann.

Ganz berühmt ist in dieser Hinsicht ja Highsmith’ erster Roman Fremde im Zug. Da begegnen sich zwei völlig normal wirkende Männer im Zug, von denen man nichts besonders Aufregendes erwartet. Aber was wird dann daraus . . .

So etwas geht aber nur, wenn man tief in die Abgründe der menschlichen Seele hinabtaucht, wenn man sich nicht scheut, sich auch die dunkelsten Ecken unserer eigenen Psyche anzusehen und seine Phantasie damit spielen zu lassen. Wenn man keine Angst vor den grausamen Konsequenzen hat, auch wenn dabei vielleicht nicht ein einziger Blutstropfen vergossen wird.

Kann eine ChickLit-Autorin, die – wie ich neulich in einem Textauszug las – ihren Serienkiller Wahrheit oder Pflicht spielen lässt, sich so etwas überhaupt vorstellen? Ja, da blutet und stöhnt jemand im Hintergrund und ist offensichtlich in Lebensgefahr, ja, das Blut tropft noch von dem Messer, mit dem er das arme Opfer gequält hat und das er noch in der Hand hält, aber erschreckt uns das wirklich, wenn er dann ein harmloses Mädchenspiel wie Wahrheit oder Pflicht erwähnt? Da kann man doch nur noch lachen. Und schon ist die Spannung dahin.

Patricia Highsmith wäre nie auf den Gedanken gekommen, einen „frechen Frauenroman“ zu schreiben, und sie hätte es wahrscheinlich auch gar nicht gekonnt, selbst wenn sie es versucht hätte. So harmlos war sie nicht.

Wenn man aber solche harmlosen Romane schreiben kann, wenn man eine Psyche hat, die das erlaubt, wie kann man dann auf die Idee kommen, Thriller schreiben zu wollen? Woher will man die Fähigkeit dazu nehmen, wenn man sie nicht hat?

Man kann vieles lernen, aber die eigene Psyche spielt da schon eine entscheidende Rolle. Bei Thrillern auf jeden Fall. Und wenn man einen Thriller dann wie einen ChickLit-Roman schreibt – wer soll das ernstnehmen?

Doch das ganz Entscheidende ist: Woher soll die Spannung kommen, die ein Thriller nun einmal braucht? Wie schon gesagt geht es nicht um das Blut, das vergossen wird. Das ist überhaupt nicht spannend. Was spannend ist, das ist die Psyche, die Abgründe, zu denen Menschen fähig sind, die Abweichungen von der Norm, die sich ein normaler Mensch gar nicht vorstellen kann.

Und dass diese Abgründe sich hinter einer Fassade verbergen, die das absolut nicht vermuten lässt. Einer Maske, die so harmlos ist, dass es umso mehr erschreckt, wenn sie dann fällt, wenn man das wahre Gesicht, die wahre hässliche Fratze dahinter erkennen kann.

Wie will eine ChickLit-Autorin das gestalten, wenn die größten Abgründe, die sie jemals dargestellt hat, die Entscheidung zwischen „Soll ich heute einen Rock anziehen oder lieber eine Hose“ war? Denn größere Probleme gibt es in einem ChickLit-Roman nicht.

Das jedoch ist genau die Art, wie man einen Thriller nicht schreiben sollte, eigentlich gar nicht schreiben kann. Weshalb die meisten dieser Autorinnen, auch wenn sie sich noch so viel Mühe geben, dann auch daran scheitern. Sie schreiben den Roman wieder und wieder um, schreiben ihn sogar mehrmals neu, und doch kommt nichts dabei heraus.

Weil eine ganz entscheidende Zutat fehlt. Die psychologische Spannung, die unser Herz rasen, uns vor Angst zittern lässt. Weil wir nicht wissen, was als nächstes passieren wird. Und wenn diese Zutat fehlt, ist es kein Thriller, da beißt die Maus keinen Faden ab. 😋

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6

Suche

Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.