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Geschichte Nr. 5

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 5 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

Der folgende Text ist urheberrechtlich geschützt und geistiges Eigentum der Autorin. Kopieren und Weiterverbreiten des Inhalts, vollständig oder auszugsweise, sind nicht gestattet. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin.

 

Inhalt

Nora wird in einer Kneipe von Alex nach ihrem Sternzeichen gefragt. Da Nora Steinbock ist, will Alex gleich weiter. Sie sucht eine Beziehung, und da nach einer neuen Studie Steinbock-Geborene untreu seien, wäre Nora ungeeignet. Nora, die selbst betrogen wurde, fühlt sich ungerecht behandelt. Doch sie kann Alex nicht ziehen lassen. Sie möchte mehr über sie erfahren. Im Laufe des Gesprächs wird die Anziehung zwischen Nora und Alex immer stärker, so dass der der Abend in Noras Wohnung endet. Obwohl sie nicht der Typ für one-night-stands ist, springt Nora über ihren Schatten und gibt sich Alex‘ Zärtlichkeiten hin.

Nach einer leidenschaftlichen Nacht  erwacht Nora und erwischt Alex, als diese sich davonstehlen will. Auf ihre Frage hin, warum Alex weg will, bricht es aus dieser heraus, dass sie Nora nicht wiedersehen kann. Damit rennt Alex aus Noras Wohnung, die ihr folgt. Sie will wissen warum. Hat die Nacht Alex denn gar nichts bedeutet? Doch Alex reagiert nicht.

Nora fühlt sich verletzt und ausgenutzt. Dass sie bereits nach nur ein paar Stunden Gefühle für Alex entwickeln konnte, erstaunt sie. So etwas hat sie noch nie erlebt. Langsam beginnt Nora das Geschehene zu verarbeiten und sich damit abzufinden, dass sie Alex wohl niemals wiedersieht. Sie kennt schließlich nur den Vornamen.

Eines Abends klingelt Alex an Noras Türe und macht Nora ein Angebot. Sie fand die gemeinsame Nacht wunderschön, jedoch kann sie keine Beziehung eingehen, da Nora das falsche Sternzeichen hat. Sie schlägt eine Freundschaft mit Extras vor, ohne eine feste Bindung. Trotz anfänglicher Zweifel willigt Nora ein und es ihr, das Experiment mit Alex zu genießen. Sie erfährt währenddessen auch den Grund für Alex‘ “Aberglaube“. Alex hat viele Enttäuschungen erlebt und später herausgefunden, dass die Sterne gegen sie gestanden haben.

Je länger das Arrangement zwischen Nora und Alex geht, umso mehr merkt Nora, dass sie Alex liebt. Nora bemerkt schließlich Unstimmigkeiten zwischen dem Inhalt von Astrologiebüchern und der Studie, auf die Alex sich bezieht. Nora stellt Alex zur Rede. Alex bleibt zwar auf ihrem Standpunkt, kann die Unterschiede aber nicht leugnen. Nora gesteht Alex, dass sie sie liebt und konfrontiert sie mit ihrer Situation. Sie fragt, ob Alex denn weiß, was sie will. Was ist wirklich wichtig für sie? Was sagt ihr Gefühl, ihr Herz? Zögerlich gesteht Alex, dass sie ebenfalls Nora liebt, doch steht noch immer die Studie zwischen ihnen, die bereits das Scheitern der Beziehung vorhergesagt hat. Nora deckt schließlich auf, dass die Studie lediglich eine nicht repräsentative Umfrage ist. Erleichtert, dass sie dieses Hindernis aus dem Weg geräumt haben, entscheiden sie sich bewusst dafür ihrer Liebe eine Chance zu geben.

 

Auszug

Ein Tippen auf ihrer Schulter veranlasste Nora sich umzudrehen. Vor ihr stand eine Frau, die ihr den Atem raubte. Sie hatte blonde, lange Haare, die ihr Gesicht umschmeichelten und sich unter den Schultern leicht eindrehten. Grüne Augen sahen sie neugierig an und glänzten dabei wie ein Edelstein. Volle, sanft geschwungene Lippen lächelten ihr zaghaft entgegen. Es schien, als wollte die Frau etwas wissen, traute sich aber nicht so recht die Frage zu stellen.

Nora erwiderte kurzerhand das Lächeln und lehnte sich entspannt an den Tresen. „Ja? Was kann ich für Sie tun, schöne Frau?“ Sie beobachtete, wie ein zarter Rotton auf den Wangen ihres Gegenübers erschien, der die zarte Haut noch zauberhafter aussehen ließ.

„Nun, erstmal vielen Dank für das Kompliment.“ Die Frau machte eine kurze Pause, in der sie Nora eindringlich musterte. Eine Augenbraue hob sich schließlich. „Ich hoffe, das ist keine Floskel, die jede Frau von dir zu hören bekommt.“ Ungefragt ging die Fremde zum Du über.

Nora zuckte mit den Schultern. „Eine Floskel ist es zwar, aber jeder Frau sage ich das nicht.“ Sie nippte an ihrem Bier, während sie die freie Handfläche der Frau zeigte. „Nur denjenigen, bei denen es stimmt.“ Nora zwinkerte ihr zu.

„Aha.“ Die Frau fuhr sich mehrmals durch die Haare.

Grinsend hielt Nora ihr die Hand hin. „Ich bin übrigens Nora. Mit wem habe ich das Vergnügen?“ Der verlegene Ausdruck im Gesicht der Fremden war richtig niedlich.

„Alex.“ Fast schon reflexartig griff Alex zu und als sich ihre Hände berührten, glaubte Nora einen leichten Stromschlag zu spüren, der wie ein angenehmer Schauer über ihren Körper zog.

„Nun Alex, was wolltest du von mir wissen?“

Grüne Augen blinzelten Nora einen Moment lang an, als wüsste sie nicht, worauf Nora sich bezog. Dann nickte sie. „Ich wollte von dir wissen, welches Sternzeichen du bist.“

Vor Verwunderung wanderten Noras Augenbrauen ans obere Ende ihrer Stirn. „Warum interessiert dich das?“

Alex schaute zu ihren Schuhen. „Es ist eben wichtig für mich, auch wenn du das albern findest. Ich glaube daran, dass die Sterne zusammenführen, was zusammen gehört.“

„Und du denkst, wir könnten zusammen gehören?“ Nora kam aus dem Staunen nicht mehr raus.

Alex nickte zaghaft und traute sich schließlich wieder Nora anzusehen. „Danke, dass du mich nicht auslachst“, sagte sie leise.

„Auslachen?“ Nora schüttelte den Kopf. „Es klingt zwar etwas komisch was du da sagst, aber auslachen würde ich dich deswegen nicht.“

Hoffnungsvoll blickte Alex sie an. „Also, was bist du nun?“

„Definitiv Single und noch nicht betrunken.“ Nora grinste frech. Mit Astrologie hatte sie nicht viel am Hut. Daher versuchte sie, das Thema zu umschiffen.

Alex rollte mit den Augen. „Das wollte ich nicht wissen.“ Sie klang bereits ein wenig genervt.

„Spielt das etwa keine Rolle für dich?“ Nora kräuselte die Stirn. Irgendwie war Alex ein wenig seltsam.

Alex seufzte. „Doch, aber das ist erst einmal zweitrangig. Wichtiger ist zuerst, dass es von den Sternen her passt.“

„Wieso ist das so wichtig? Glaubst du, dass zwei Menschen sonst nicht zusammen sein können?“

„Doch schon. Nur kann eine Beziehung nicht funktionieren, wenn die Sterne dagegen sprechen.“ Sie kam näher und flüsterte in Noras Ohr. „Weißt du, ich finde dich ganz süß, aber um zu entscheiden, ob da mehr sein kann, muss ich wissen, welches Sternzeichen du bist.“

Nora spürte, wie ihre Knie weich wurden, als sie Alex‘ Atem an ihrem Ohr fühlte, der warm und verheißungsvoll darüberstrich. Ihre Nase füllte sich mit einem wunderschönen, blumigen Duft, der ihr die Sinne vernebelte. Alex sah nicht nur so aus, nein, sie roch auch nach Versuchung. Nora wurde mit einem Mal heiß und sie bedauerte, dass Alex nicht länger so dicht vor ihr stand. Sie atmete tief durch, um sich zu sammeln, ehe sie antworten konnte. „Steinbock.“

Schlagartig verschwand das verheißungsvolle Lächeln von Alex‘ wundervollen Lippen. Ihre Miene verdunkelte sich. „Es tut mir leid, aber das geht nicht.“ Sie drehte sich um und ging davon.

Als hätte man sie schockgefroren, so stand Nora für einen Augenblick bewegungsunfähig da und schaute Alex hinterher. Sowas war ihr ja noch nie passiert. Sie brauchte den Moment, um das Geschehene zu begreifen, dann ruckartig setzte sie Alex nach. Es brauchte nicht lange, bis sie sie eingeholt hatte. Sie ergriff Alex an der Hand. „Warte mal. Du kannst mich doch nicht einfach so stehen lassen.“

Alex drehte sich um. „Du siehst doch, dass ich es kann.“ Sie versuchte Nora abzuschütteln, die weiterhin ihre Hand festhielt. „Lass mich los.“

„Erst wenn du mir erklärst, warum du mich einfach so zurücklässt. Das ist nicht die feine Art.“

„Das habe ich dir schon gesagt. Es geht nicht mit uns beiden. Und jetzt, lass mich augenblicklich los, oder ich schreie.“

„Schon gut, beruhige dich wieder.“ Nora gab die weiche Hand frei. Lust auf eine Szene in ihrer Lieblingskneipe hatte sie nicht. „Aber eine richtige Erklärung ist das nicht. Ich will genau wissen, was so schlimm an meinem Sternzeichen ist, dass du mich stehenlässt, als wäre ich eine heiße Kartoffel.“

„Also gut.“ Alex sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Du kannst nicht treu sein. Und davon habe ich gehörig die Nase voll. Ich möchte eine Beziehung haben, in der beide treu sind und nicht eine sich noch woanders extra Aufmerksamkeit holt, weil ihr die Bewunderung von einer nicht genug ist.“

„Das ist ja ….“ Nora blieb die Spucke weg. Sie schnappte ein paar Mal nach Luft, um nicht die Beherrschung verlieren. „Ungeheuerlich. Wie kommst du dazu, mir so eine Anschuldigung einfach vor den Latz zu knallen? Eine bodenlose Unverschämtheit!“

Alex verschränkte die Arme vor der Brust. „Du wolltest doch den Grund wissen. Das ist er. Und was passt dir an der Wahrheit nicht?“

„Was mir daran nicht passt?“ Nora stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihr Gegenüber böse an. „Dass es nicht die Wahrheit ist, zum Beispiel. Das passt mir ganz und gar nicht.“

„Wenn du wirklich Steinbock bist, ist es die Wahrheit.“ Alex klang bockig, wie ein Kleinkind.

„Ist es nicht. Du kannst doch nicht alle Menschen, die ein Sternzeichen haben, über einen Kamm scheren. So einfach ist es nicht.“

„Oh doch, es ist so einfach. Die Sterne lügen nicht.“

Nora glaubte mit einer Wand zu sprechen, denn Alex hob trotzig den Kopf in die Höhe. Daher setzte sie zum Gegenbeweis an. „Glaubst du, du bist die einzige, die man belogen und betrogen hat? Mir ist es in meiner letzten Beziehung genauso ergangen. Und wenn es stimmen würde, was du sagst, dann wäre ich fremdgegangen und hätte nicht meine Freundin mit einer anderen im Bett erwischt.“

Alex‘ Augen weiteten sich. „Das ist dir passiert?“ Ihre Stimme klang erstaunt. Sie überlegte einen Moment. Grüne Augen musterten Nora eindringlich und sie kam sich vor, wie unter einem Mikroskop. „Aber dass deine Freundin eine Affäre hatte, heißt nicht, dass du nicht auch mit jemand anderem was hattest.“

Frustriert fuhr sich Nora durch die Haare. War das hier ein schlechter Scherz? „Ich bin nicht fremdgegangen. Noch nie. Und ich werde das nicht tun. Ich hasse es, wenn jemand nicht aufrichtig ist und Geheimnisse hat. Sie hat mir das Herz gebrochen, weil sie einfach Lust auf eine vollbusige Jüngere hatte. Eine Praktikantin aus ihrer Firma, die sie vergöttert hat. Und die Jahre, die wir zusammen waren, waren es ihr nicht wert, ihre Hormone im Zaum zu halten.“ Sie seufzte. „Aber es scheint dir ja egal zu sein, was für ein Mensch vor dir steht, egal welche Erfahrungen er gemacht hat. Daher werde ich dich jetzt auch in Frieden deiner Wege gehen lassen.“

Sie drehte sich um und wollte zurück zum Tresen, als eine Hand auf ihrem Oberarm sie zurückhielt. „Halt.“ Alex klang erschrocken.

Ein wenig genervt schaute Nora über ihre Schulter. „Was gibt es denn noch? Ich denke, es ist alles gesagt.“

„Warte, bitte.“ Ihre Stimme war plötzlich ganz weich. Es klang irgendwie verletzlich.

Nora konnte nicht verhindern, dass ihr diese Bitte ans Herz ging. Es war unmöglich nun einfach zu gehen. Also wandte sie sich erneut Alex zu, die Arme vor der Brust verschränkt, schaute sie sie erwartungsvoll an. „Nun, was willst du loswerden?“

Alex fuhr sich durch die Haare, während sie neugierig Nora betrachtete, als wäre sie ein ungewöhnliches Ausstellungsstück, etwas das sie noch niemals zuvor gesehen hatte. „Was du eben gesagt hast, dass du betrogen worden bist.“ Sie atmete tief durch. „Ist das wirklich war?“

„Glaubst du ich lüge? Warum sollte ich das tun?“ Nora trommelte mit den Fingern auf ihrem Arm. „Was hätte ich davon?“

„Nun ja, wenn man etwas Bestimmtes will, dann sagt manche das, was die andere hören will.“

„Das ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit.“ Nora stampfte mit dem Fuß auf. Sie war kurz davor zu explodieren, so wütend war sie. „Du warst es doch, die mich angesprochen hat. Und da du mich anscheinend nicht für einen Menschen hältst, mit dem du näher Kontakt haben willst, ist das Thema Sex sowieso vom Tisch. Warum sollte ich mir dann noch die Mühe machen zu lügen?“

„Ja, also …“ Alex sah ein wenig aus, wie ein Fisch auf dem Land.

„Mal abgesehen davon: Warum interessiert dich das auf einmal? Ich dachte, nur mein Sternzeichen entscheidet hier, nicht ob ich ein Mensch bin der lügt oder nicht.“ Nora war richtig in Fahrt geraten und hatte Alex einfach das Wort abgeschnitten.

„Kein Grund, sich so aufzuregen. Ich habe dich doch nur ein paar Dinge gefragt.“ Alex hob abwehrend die Hände. „Und so wie du mich vorhin angesehen hast, hat das schon Bände gesprochen. Du bist an mir interessiert, oder etwa nicht?“

Nora rollte mit den Augen. „Natürlich habe ich dich angesehen. Schon mal in den Spiegel geschaut? Du bist der wandelnde Traum einer jeden Frau.“ Sie schaute erneut Alex von oben bis unten an, ganz ohne es zu wollen. Der Gedanke, mehr mit ihr zu tun als zu reden, ließ ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken laufen. „Aber das ist jetzt völlig egal. Wenn eine Frau nein sagt, dann ist das Thema damit für mich beendet. Du hast deine Position klar gemacht. Und überhaupt habe ich es nicht so nötig, dass ich dafür lügen würde.“ Insgeheim fragte Nora sich, wie lange es jetzt her war, dass sie Sex gehabt hatte. Es war auf jeden Fall schon länger her, denn auf Anhieb konnte sie sich nicht mehr daran erinnern.

„Na, dann habe ich doch richtig gelegen“, stellte Alex zufrieden fest.

Nora schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Allein damit, dass ich dich interessant gefunden habe. Damit, dass ich unaufrichtig war, nicht. Ich hasse es, wenn man nicht ehrlich ist. Das gibt nur Probleme.“

Alex legte den Kopf schief, als könnte ihr der andere Blickwinkel dabei helfen, die Dinge zu verstehen. „Und jetzt bist du nicht mehr an mir interessiert?“ Ihre Stimme klang irritiert.

„Wie ich schon sagte: Nein heißt nein. Daran gibt es nichts zu rütteln. Was ich möchte, ist daher irrelevant.“

„Hast du noch mehr solcher Prinzipien?“ Alex wirkte ehrlich interessiert.

„Klar, einige habe ich. Wie soll man sonst durchs Leben kommen, ohne wie ein Fähnchen im Wind zu sein?“ Nora entfaltete ihre Arme und legte eine Hand auf ihre Hüfte. Sie fragte sich, wohin das alles führen sollte. Alex war ein Blatt, das sie nicht lesen konnte. Doch zugleich ging von dieser Eigenschaft eine Faszination aus, der Nora schwer wiederstehen konnte. Warum sonst stand sie noch immer hier und diskutierte mit einer Frau, die bereits eine festgefahrene Meinung hatte, wie ein alter Esel, der sich zum Stehenbleiben, anstatt zum Lastentragen entschieden hatte.

„Darf ich dich auf ein Getränk einladen und du erzählst mir mehr davon?“

Die unvermittelte Frage stürzte Nora erneut in Verwirrung. Mit einer Einladung hätte sie am wenigsten gerechnet und sie konnte ad hoc keinen klaren Gedanken fassen, so dass sie automatisch „ja“ sagte.

Alex lächelte zuckersüß. „Noch ein Bier, oder etwas anderes?“

Dieses Lächeln hatte die Eigenschaft, Noras Verstand zu vernebeln. „Ein Bier bitte.“ Mehr brachte sie nicht zu Stande und kam sich gleichzeitig vor, wie ein unmündiges Kind, anstatt der selbstbewussten Frau, die sie war.

Inzwischen hatte Alex sie tatsächlich stehen gelassen, aber mit dem Versprechen, wiederzukommen. Nora schaute ihr nach, als sie auf die Bar zuging, um Getränke zu holen. Ein Seufzer kam ihr über die Lippen. Alex sah auch von hinten zum Anbeißen aus. Ein wohlgeformter Po, lange Beine und ein rückenfreies Oberteil, das den Blick auf zarte Haut gestattete, ließen Noras Gedanken auf eine Reise gehen, die im Kino eine Altersbeschränkung bekommen hätte. Hinzu kam, dass Nora bewusst wurde, dass Alex keinen BH trug.

Es war grausam. Wusste sie doch, dass diese Träume eben solche bleiben würden. Sie hat Nein gesagt, rief sie sich in Erinnerung. Ihr Bett und sie würden heute Nacht und in naher Zukunft unweigerlich allein bleiben, das stand bereits fest. Zudem war sie – trotz der Fantasien – kein Typ für eine Nacht. Es nützte also nichts sich Dinge vorzustellen, die sowieso nicht eintreten würden. Sie schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Sie wollte sich nicht den Abend vermiesen lassen. Alex würde ihr ein Bier mitbringen, das würde sie genießen und wenn noch ein nettes Gespräch entstehen würde, konnte sie mit dem Verlauf der Ereignisse völlig zufrieden sein.

Und doch meldete sich da eine Stimme in ihr, ganz leise, die sie an menschliche Bedürfnisse nach Nähe und Körperwärme erinnerte. Es war zum Verzweifeln. Eine wunderschöne Frau war zum Greifen nah und gleichzeitig so weit entfernt, wie ein Bergsteiger im Tal vom Gipfel.

Nora setzte sich an einen freien Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Nora zuckte zusammen. Wie aus dem Nichts war Alex‘ Stimme ganz nah und sanft an ihrem Ohr aufgetaucht. Und wieder war da ihr unwiderstehlicher Duft, der Noras Nase umschmeichelte und die Achterbahnfahrt ihrer Gedanken beschleunigte. Die Nähe von Alex, die das Bierglas vor Nora abstellte, war betörend. Nora hätte am liebsten die Arme um sie gelegt und den Moment so lange wie möglich ausgedehnt. Doch er verging viel zu schnell.

Alex ließ sich auch schon geschmeidig wie eine Katze auf dem gegenüberliegenden Platz nieder und schaute sie erwartungsvoll an. Vor ihr stand ein bunter Cocktail, der für Nora so aussah, als sei er gefärbter, flüssiger Zucker, den man in Milch oder Sahne eingerührt hatte.

Sie schaute Nora mit festem Blick an, die Augenbrauen zusammengezogen, als würde sie stumm ihre Frage wiederholen. Nora atmete tief durch, ehe sie die Antwort präsentierte. „Es ist alles in Ordnung. Ich habe nur über einige Dinge nachgedacht.“

„Aber du willst mir nicht sagen, worüber“, stellte Alex fest und zog genüsslich einen Schluck ihres Getränks durch den Strohhalm in den Mund.

Nora sah ihr zu, wie sie kurz die Augen schloss, als die Flüssigkeit über ihre Zunge lief. Der Anblick war zauberhaft. Alex wirkte so entspannt und losgelöst, völlig zufrieden mit der Welt und sich selbst. All das geschah in einem kurzen Augenblick, nicht viel mehr als ein paar Wimpernschläge, doch es reichte, um Nora ebenfalls vergessen zu lassen, wo sie war und in welchem Dilemma sie sich befand.

Am liebsten wäre sie über den Tisch geklettert, hätte Alex die eine Strähne ihrer blonden Haarpracht hinters Ohr gestrichen, die frei an ihrer Wange baumelte und danach sanft ihre einladenden Lippen geküsst, um schließlich mit ihrer Zunge in Alex‘ Mund einzutauchen und dort, neben der Süße von Alex selbst, die Reste des übersüßen Cocktails zu schmecken.

„Ich nehme das als ein Nein.“

Unbarmherzig holte sie Alex‘ Stimme in das Hier und Jetzt zurück. Sie benötigte einen Moment, um den Faden wieder aufnehmen zu können. „Gestatte mir bitte, dass ich nicht sofort alles offenbare, wenn ich jemanden kennenlerne. Ein paar Dinge möchte ich noch gerne für mich behalten.“

„Noch?“ Auf Alex’ Lippen formte sich ein wissendes Lächeln. „Also habe ich die Chance, das Geheimnis zu erfahren.“ Sie faltete die Hände und lehnte sich im Stuhl zurück.

„Ein Geheimnis ist es nicht. Ich versuche lediglich, mir etwas Privatsphäre zu belassen.“ Sie lehnte sich nach vorn und griff nach ihrem Glas. „Es kommt ganz darauf an, ob du es erfährst.“ Nora versuchte ein möglichst neutrales Gesicht beizubehalten.

Alex‘ Augenbrauen schossen nach oben. „Worauf kommt es an?“ Jetzt hatte Nora sie am Haken, um etwas mehr über ihren plötzlichen Sinneswandel zu erfahren.

„Darauf, wieviel Zeit du bereit bist, mit mir zu verbringen. Willst du mich kennenlernen oder nicht?“ Sie spielte ihre Karte aus.

„Ist das auch eine deiner Prinzipien?“ Alex legte den Kopf schief. Ihre Neugierde war definitiv geweckt worden.

„Ja, ist es.“ Nora nickte. „Ebenso wie Pünktlichkeit. Und ein paar andere Sachen.“

„Du bist eine ungewöhnliche Person.“

„Tatsächlich?“ Nora fand sich selbst ziemlich normal.

„So jemanden wie dich, habe ich noch nie kennengelernt. Jemanden, der eigene Regeln hat und sich daran hält, der so ein komplettes und kompliziertes Bild abgibt.“ Sie warf den Kopf zurück und lachte. „Außer meine Eltern vielleicht. Die sind auch so überkorrekt, fast schon spießig.“

„Das sagt die Richtige.“ Nora stürzte einige Schlucke Bier hinunter. Sie benötigte etwas Abkühlung. „Du bist doch diejenige, die ihre Partnerinnen nach einem strengen Muster aussucht, wie aus einem Katalog, ohne genauer hinzusehen. Es ist eigentlich nichts anderes, nur in Zusammenhang mit den Sternen.“ Sie pochte mit dem Finger auf die Tischplatte. „Außerdem schien dir am Anfang die Treue, die auch zur Spießigkeit gehört, sehr wichtig zu sein. Schon vergessen? Du hast mich stehenlassen, weil ich es angeblich nicht bin.“

Alex wiegte den Kopf hin und her, als würde sie die Argumente im Geiste herumräumen.

„Und überhaupt, wer hat gesagt, dass ich überkorrekt bin? Vielleicht habe ich ja noch eine ganz andere Seite“, ergänzte Nora mit geheimnisvoller Stimme und einem verschmitzten Lächeln. Sie sah zu, wie es förmlich in Alex arbeitete und die Neugierde schließlich die Oberhand bekam.

„Ja, ich will mich darauf einlassen und dich besser kennenlernen.“ Alex‘ Augen huschten erneut über Noras Körper, von ihrem Gesicht zu ihrem Dekolleté, verweilten dort für einige Sekunden und kehrten über ihre Lippen zu ihren Augen zurück. Die Blicke ließen Noras Mund trocken werden. Sie schluckte und beobachtete, dass Alex es ihr gleich tat. Diese beugte sich ebenfalls nach vorn, so dass ihre Gesichter sich plötzlich sehr nah waren. „Deshalb habe ich dich auch gefragt, ob du Lust hast, etwas mit mir zu trinken.“ Sie räusperte sich. „Ich kann es nicht genau sagen, aber etwas ist da, das mich reizt.“

Nora hob eine Augenbraue. „Ich hoffe, der Reiz sitzt nicht nur zwischen deinen Beinen.“ Sie musste lachen, als sie Alex‘ Reaktion sah. Dieser war fast die Kinnlade auf die Tischplatte geknallt. Ein wenig hatte sie auch ihre Gesichtsfarbe eingebüßt, so dass Nora für sich vermerkte, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Die Frage, sie sich nun für Nora noch stellte war, in wie weit war es nur dieser Punkt, der Alex reizte, oder war da mehr, was sie interessierte.

„Du bist unmöglich“, schnaubte Alex und drehte wie eine Filmdiva den Kopf zur Seite.

„Jetzt schmoll nicht gleich wie ein kleines Kind. Du wirst es wohl verkraften, wenn man dich aufzieht.“

Alex‘ Augen funkelten. „Das war kein Aufziehen, das war ja schon kränkend.“ Aufgebracht fuhr sie mit der Hand über die Tischplatte. „Ich dachte, ich hätte am Anfang klargemacht, dass ich nicht nur jemanden für eine Nacht suche, sondern etwas Ernstes. Ich bin nicht so jemand.“

Nora hob beschwichtigend die Hände. „Hey, ich wusste nicht, dass du so dünnhäutig bist.“ Ganz automatisch legte sie eine Hand auf die von Alex, die noch immer über den Tisch fuhr und brachte diese so zum Ruhen. „Ich wollte dir auch nichts unterstellen. Es sollte vielmehr ein Scherz sein.“ Sie genoss die Wärme, die von Alex‘ Hand ausging und begann sanft über die weiche Haut zu streicheln.

Es schien Alex zu beruhigen, denn ihre Gesichtszüge entspannten sich und wurden wieder freundlicher. Sie seufzte schließlich und drehte ihre Hand, so dass sie Noras festhalten konnte. „Ich habe gerade etwas überreagiert. Entschuldige bitte. Ich weiß auch nicht, aber in letzter Zeit bin ich irgendwie nicht mehr ganz ich selbst.“

Die Haut auf Noras Stirn legte sich in Sorgenfalten. „Ist etwas Schlimmes passiert?“

„Wie man es nimmt.“ Alex lachte hohl auf. „Ich verliere nur den Glauben an die Menschheit. Und die Ereignisse der letzten Tage setzen dem ganzen noch die Krone auf.“ Sie schüttelte den Kopf und sah Nora an, sagte aber weiter nichts.

Geschichte Nr. 6

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 6 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

Der folgende Text ist urheberrechtlich geschützt und geistiges Eigentum der Autorin. Kopieren und Weiterverbreiten des Inhalts, vollständig oder auszugsweise, sind nicht gestattet. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin.

 

Inhalt

Erholung am Meer – so stellt Bea sich ihren Urlaub auf dem Campingplatz in Markgrafenheide an der Ostsee vor. Doch bereits kurz nach ihrer Ankunft lernt sie die reizende Melanie kennen, die ihr prompt beim Zeltaufbau behilflich ist. Und mit dieser Begegnung nimmt das Chaos auch schon seinen Lauf. Denn Bea fühlt sich sofort zu Mel hingezogen, und dies scheint auch auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Doch Mel ist offensichtlich mit Katrin „liiert“, und das rothaarige Biest macht Bea sofort klar, was sie von ihr und ihrer Anwesenheit hält – nämlich nichts. Nach einem Platzwechsel von Bea, denn sie will keinen Ärger und schon gar nicht will sie sich in eine Beziehung einmischen, erwischt sie Katrin am nächsten Abend beim Fremdküssen mit einer Frau aus Mels Bekanntenkreis. Irritiert über die seltsamen Verwicklungen rennt sie Mel eher zufällig in die Arme. Beim Tanzen auf der Strandparty und einem anschließenden Mondscheinbad im Meer kommen sich die beiden gefährlich näher. Ausgerechnet in diesem Moment taucht Katrin auf, die offenbar nach Mel sucht. Die Situation führt dazu, dass Beas Verstand sich zurückmeldet. Plötzlich fühlt sie sich wie ein Spielball zwischen Mel und Katrin. Aber sie will nicht nur ein netter Zeitvertreib sein. Ihr wird klar, dass es besser wäre abzureisen, um dem ganzen Stress aus dem Weg zu gehen. Doch erneut kann sie sich Mels Anziehungskraft nicht erwehren. Schließlich verbringen sie eine leidenschaftliche Nacht miteinander.

Am nächsten Morgen verlässt Mel schon sehr früh das Zelt. Und dann ist sie plötzlich verschwunden. Den ganzen Tag wartet Bea vergeblich auf sie. Tieftraurig trifft sie dann ausgerechnet auf Katrin, die sofort wieder Giftpfeile gegen sie schießt. Bea ist völlig fertig mit den Nerven. Schließlich weiß sie sich nicht mehr anders zu helfen, als den Campingplatz endgültig zu verlassen. Doch wieder wird sie aufgehalten. Diesmal von Conni, jener Frau, von der Bea glaubt, dass sie eine Affäre mit Katrin hat. Nach anfänglichem Zögern stimmt sie einem gemeinsamen Frühstück zu. Auf Connis Frage, warum sie sich noch nicht bei Mel gemeldet hat, reagiert Bea wütend. Sie fühlt sich komplett verschaukelt. Schließlich hat sie gar keine Telefonnummer von Mel und kennt nicht mal den Grund für deren plötzliches Verschwinden. Erst jetzt erfährt sie, dass Mel kurzfristig nach Hause gefahren ist, weil ihre Mutter einen schweren Verkehrsunfall hatte. Und Connis Tipp, mal am Auto nach einer Nachricht von Mel zu schauen, erweist sich als goldrichtig.

Nach Mels Rückkehr verläuft das Wiedersehen sehr harmonisch und liebevoll. Doch Bea ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, um Mel zu kämpfen und den Warnungen ihres Verstandes, Mel ziehen zu lassen. Immer weniger glaubt sie, dass ihre Liebe eine Chance hat. Aber dann kommt alles ganz anders. Plötzlich klärt sich ein großes Missverständnis auf, und Bea erfährt den wahren Grund, warum Katrin sich so seltsam und ablehnend ihr gegenüber verhält. Ein schlimmes Erlebnis vor einem Jahr führte dazu, dass Katrin zu Mels Retterin wurde. Seitdem will sie Mel vor jedem beschützen. Aber mit ihrer übertriebenen Fürsorge hat sie Mel auch zu einer Gefangenen gemacht. Erst durch Bea gelingt es Mel, sich davon zu lösen. Und damit ist der Weg für ihre Liebe endlich frei. 

 

Auszug

1

„Brauchst du vielleicht Hilfe?“

Überrascht blickte Bea auf. Sie war vor nicht mal einer halben Stunde auf dem Campingplatz in Markgrafenheide angekommen und hatte gerade erst das Innenzelt auf dem Boden ausgebreitet. „Nein, danke. Ich schaff das schon.“ Sie hielt einen Metallhering in die Höhe und lächelte der jungen Frau zu.

Ein kurzer Blick Richtung Himmel sagte ihr, dass sie sich mit dem Aufbau beeilen musste, ehe der Wind noch mehr auffrischte und es womöglich noch zu regnen anfing. Sie schob den Haken durch die Öse und rammte ihn in den Waldboden. Als sie wieder aufschaute, sah sie, dass die Brünette sich nun ebenfalls einen der Haken gegriffen hatte und ihn mit erstaunlicher Schnelligkeit im Erdreich versenkte. Schon ging sie zur nächsten Ecke über. Bea musste unwillkürlich schmunzeln. Sie griff nach einer Zeltstange und faltete sie auseinander. Wie selbstverständlich stellte sich die Frau ihr nun quer gegenüber. Sie kannte sich offensichtlich damit aus. Im Nu hatten sie das kleine Iglu-Zelt aufgebaut.  

Ein Moment lang betrachtete Bea die Frau, die auffallend hübsch aussah. Kleine Sommersprossen zierten ihr Gesicht. Ihre langen, braunen Haare hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Als sie sich erhob, blickte sie geradewegs in zwei grüne Augen, die wie Smaragde funkelten. Nur zwei bis vier Prozent der Weltbevölkerung besaß diese seltene Augenfarbe. Das hatte sie irgendwo mal gelesen.

„Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen“, bedankte Bea sich. Sie ging um das Iglu herum und reichte der Frau die Hand. „Hallo. Ich bin Bea.“ Ein wohliges Gefühl durchströmte sie. Die Berührung wirkte nahezu elektrisierend auf sie.

Die Andere verstärkte ein wenig den Händedruck. „Melanie, kurz gesagt Mel.“ Sie lächelte verschmitzt. Es war einfach nur süß, und Bea verliebte sich sofort in dieses bezaubernde Lächeln. So standen sie sich eine Weile gegenüber und hielten sich immer noch an den Händen.

„Meine Freundin und ich, wir sind gleich da drüben.“ Melanie räusperte sich und zeigte mit dem Finger auf einen der Wohnwagen, die mit den üppigen Vorzelten, die immer so unverschämt viel Platz wegnahmen.

„Dürfte deutlich wetterfester sein als meine bescheidene Behausung.“ Bea grinste schräg und schaffte es nun endlich, Mels Hand loszulassen. „Das erinnert mich daran, dass ich noch das Außenzelt anbringen muss.“ Eilig wandte sie sich ab. Während sie ihren Blick über den Boden schweifen ließ, atmete sie geräuschlos aus. Ganz schön heiß heute.

„Warte. Ich helfe dir. Zu zweit geht das doch viel besser.“ Mel schnappte sich die Nylonrolle zu ihren Füßen und zog die Plane aus der Hülle. „Dann lass uns mal loslegen. Der Wind wird stärker. Es könnte ein Gewitter geben.“ Flugs breitete sie die Plane aus und hielt sie an zwei Enden fest. Sie nickte Bea auffordernd zu, die immer noch wie angewurzelt verharrte und ungläubig Mels entschlossenes Auftreten verfolgte.

Langsam ging sie in die Hocke und griff nach den anderen beiden Enden. Sie suchte Mels Blick und lächelte ihr dankbar zu. Zeitgleich erhoben sie sich und warfen die Plane über das Zelt. Jetzt hatten sie alle Mühe, die Spannschnüre zu straffen und im Boden zu verankern, denn über ihnen verdunkelte sich der Himmel zusehends, und es wurde immer stürmischer.

„So, geschafft“, rief Bea lachend, nachdem sie den Kampf gegen den Wind gewonnen hatten. Beschwingt trat sie auf Mel zu und reichte ihr ein weiteres Mal die Hand. Es war, als hätte sie nur nach einem Grund gesucht, damit sich ihre Finger noch einmal berühren konnten. Aber das musste sie Mel ja nicht verraten. „Danke. Das war wirklich sehr nett von dir.“

Mel schmunzelte leicht. Eine lange Strähne löste sich aus ihrem Zopf und fiel ihr ins Gesicht. „Gern geschehen. Aber was willst du denn jetzt machen? Ich meine“, sie hob ihren Arm Richtung Himmel, „gleich wird es hier ordentlich krachen.“

„Keine Ahnung“, erwiderte Bea. Ratlos zuckte sie mit den Schultern. „Meine Sachen lasse ich wohl besser erst mal im Auto. Vielleicht setze ich mich in das kleine Restaurant, das ich vorhin hier ganz in der Nähe entdeckt habe.“

„Ach, was.“ Mel winkte ab. „Ich habe eine bessere Idee. Willst du nicht mit zu uns rüberkommen? Dort ist es auf jeden Fall geschützter als in deinem Zelt.“ Sie schaute Bea fragend an, mit einem Blick, der zu sagen schien, dass sie sich über Beas Gesellschaft sehr freuen würde.

„Hm.“ Nachdenklich kniff Bea die Lippen zusammen. „Ich weiß nicht so recht.“ Sie war sich unschlüssig, ob sie Mels Angebot wirklich annehmen sollte. Sie mochte die junge Frau und ihre freundliche, herzerfrischende Art auf Anhieb. Bestimmt konnte man mit ihr Pferde stehlen und um die Wette lachen. Aber Mel war mit ihrer Freundin hier, und Bea wollte sich ganz gewiss nicht aufdrängen. Ohnehin blieb sie lieber allein. Sie gehörte nicht unbedingt zu den geselligen Menschen. Seit Jahren fuhr sie zum Campen an die Ostsee, und ihre schönsten Momente hatte sie immer dann gehabt, wenn sie ohne Begleitung unterwegs gewesen war.

Mel stupste sie in die Seite. „Du kannst es dir ja noch überlegen. Ich verschwinde dann mal. Hab nämlich gerade keine Lust auf eine Dusche von oben.“ Sie lachte leicht und schlang die nackten Arme um ihren Oberkörper. Es war jetzt merklich kühler geworden, seit die Sonne endgültig von den dicken, schwarzen Wolken verdrängt wurde.

Bea nickte lächelnd mit dem Kopf. „Okay, bis gleich vielleicht.“

Mel winkte ihr noch kurz zu, dann lief sie zügig zu ihrem Wohnwagen. Bea blieb grübelnd zurück. Der Sturm zerrte an dem kleinen Zelt. Hoffentlich stand es nachher noch. Erste, dicke Regentropfen platschten hernieder. Bea huschte zu ihrem Auto und kramte in der Reisetasche nach ihrer Regenjacke. Was sollte sie jetzt machen? So ein kleiner Regenschauer und selbst ein Gewitter schreckte sie für gewöhnlich nicht ab. Sie konnte also auch im Wagen bleiben und warten, bis es vorüber war. Oder sie ging in das Restaurant… oder doch rüber zu Mel. Genug Optionen hatte sie auf jeden Fall. Nur sollte sie sich langsam mal entscheiden.

Ein paar Minuten verweilte sie noch und lauschte dem Donnergrollen. Erste Blitze zeigten sich am Horizont. Sie ließen den wunderschön bewaldeten Campingplatz wie das Bühnenbild eines verwunschenen Märchenwaldes erscheinen.

Spontan holte sie noch eine Flasche Weißwein aus der Kühltasche hervor und schlüpfte aus dem Wagen. Die wenigen Meter, die sie zu gehen hatte, wurde sie von mehreren Donnerschlägen begleitet. Sie war gerade an dem Vorzelt angekommen, als der Regen erbarmungslos herniederprasselte. Unschlüssig stand sie davor. Sie konnte doch jetzt nicht einfach so hier reinspazieren. Dann sah sie einen Schatten und vernahm das mechanische Geräusch eines sich öffnenden Reißverschlusses.

„Herrje, komm schnell rein“, rief Mel und zog Bea unter das schützende Zeltdach. „Wolltest du erst noch das Gewitter genießen oder das Wasser fürs Duschen sparen?“ Sie war fast nicht zu verstehen bei dem lauten Getöse, das das Unwetter bescherte.

„Nein, nein“, lachte Bea. Sie ließ sich von Mel aus der tropfenden Regenjacke helfen. „Es ging plötzlich so schnell, und ich wollte wenigstens noch etwas beisteuern.“ Sie hielt die Weinflasche hoch und drückte sie Mel kurzentschlossen in die Hand.

„Oh, vielen Dank. Womit habe ich das denn verdient?“ Sichtlich erfreut schenkte Mel ihr ein strahlendes Lächeln.

„Ist doch keine große Sache“, gab Bea sich betont lässig. „Du hast mir vorhin geholfen. Da kann ich doch hier nicht mit leeren Händen auftauchen.“ Sie musste schmunzeln, als Reaktion auf Mel, die sie immer noch anstrahlte.

„Komm“, sagte Mel nun. Und dann stiegen sie die kleine Treppe, die in den geräumigen Wohnwagen führte, hinauf.

Als Bea das Innere betrat, wäre sie am liebsten wieder umgekehrt. Zwei Männer und vier weitere Frauen tummelten sich in der Sitzecke und auf der Schlafmatratze. Um den Regentrommel zu übertönen, brüllten sie alle durcheinander, und offenbar war von denen auch keiner mehr ganz nüchtern. Stirnrunzelnd blieb Bea in der Tür stehen.

„Hey Süße… machst du mal die Tür zu? Sonst schlägt hier noch der Blitz ein“, rief eine großgewachsene Rothaarige zu ihr herüber. Ihren Worten folgte das Gelächter der anderen. Sie spitzte die Lippen und sah Bea dabei provozierend an.

Mel griff an Bea vorbei und schloss die Tür. „Kaddl, das ist Bea… die mit dem Iglu schräg gegenüber. Ich habe dir vorhin von ihr erzählt.“

„Ach ja, die…“, erwiderte Rotschopf im gelangweilten Ton. Mit ihren hellen Augen taxierte sie Bea von oben bis unten. „Na dann mach‘s dir mal gemütlich. Sofern du noch ein Plätzchen findest.“ Sie grinste süffisant.

Bea atmete tief durch. Sie warf einen abschätzigen Blick auf Miss Rotflamme, die ihr im Gegensatz zu Mel direkt  unsympathisch war. Sie seufzte innerlich auf. Was für eine blöde Idee von ihr, Mels Einladung zu folgen. Entgegen ihrer Art verunsicherte sie das alles. Sie fühlte sich schlichtweg nicht wohl in ihrer Haut. Hilfesuchend blickte sie zu Mel, die immer noch neben ihr stand und sie jetzt mit einem aufmunternden Lächeln bedachte, so als wüsste sie, dass Bea im Begriff war, auf der Stelle kehrtzumachen.

„Das ist Katrin, meine Freundin. Ignorier sie einfach, wenn sie dir frech kommt.“ Mel drehte sich zu ihrer Freundin um, und Bea kam es so vor, als warf sie ihr eine warnenden Blick zu. Die zog theatralisch die Augenbrauen nach oben, ehe sie sich demonstrativ wieder ihren Sitznachbarn zuwandte. „Ich glaub, sie hat schon ein Bier zu viel“, sagte Mel, als müsste sie sich dafür entschuldigen. „Die anderen sind übrigens gute Bekannte von uns, auch alles Camper, aber wir haben uns hier eher zufällig getroffen.“

Bea nickte verstehend. Was sollte sie auch sonst tun? Ehe sie es sich anders überlegen konnte, zog Mel sie zur einzigen freien Stelle, die der Wohnwagen noch zu bieten hatte. Sie holte zwei Gläser aus dem Schrank und goss den Wein ein.

„Prost“, sagte sie. „Auf einen schönen Urlaub.“

Bea hob ihr Glas an und stieß es leicht gegen Mels. Während sie einen kleinen Schluck von dem leichten Sommerwein nahm, musterte sie Mel über den Rand ihres Glases hinweg. Mit gerunzelter Stirn stand die hübsche Brünette an die Wand gelehnt, und es sah so aus, als würde sie angestrengt über etwas nachdenken. Bea wäre dem gern auf den Grund gegangen. Überhaupt hätte sie gern mit ihr über dies oder jenes geplaudert und ihre Anwesenheit genossen, aber hier drinnen war das nahezu unmöglich. Zum Geräuschpegel des Gewitters und der lautstarken Unterhaltung kam nun auch noch Beat-Musik hinzu, die mit viel Bass aus einem Recorder dröhnte. Allmählich wähnte Bea sich im falschen Film. Noch immer hielt sie das Weinglas an ihre Lippen gepresst, als könnte sie sich dahinter verstecken.

Unvermittelt schaute Mel sie plötzlich an. Der Blick aus ihren jetzt viel dunkleren Augen nahm Bea völlig gefangen. Starr erwiderte sie den Blick. Sie konnte sich kaum rühren. Es war wie ein Zauber, der sich über ihre Seele legte. Mel beugte sich langsam zu ihr rüber. Dabei berührten ihre weichen Lippen ganz sacht Beas linkes Ohrläppchen. Zufällig? Bea wusste nicht, ob dies aus Versehen geschah, aber die kurze Berührung genügte, dass sie aufzuckte und tief durch die Nase atmete.

„Vielleicht sollten wir woanders hingehen“, bot Mel an. Ihr warmer Atem streifte die empfindlichen Stellen an Beas Ohr.

Aahhh, ich werde wahnsinnig. Sie wollte mir nur was sagen. Kein Grund also, etwas anderes in die klitzekleine Berührung hineinzuinterpretieren, rief Bea sich zur Ordnung. Trotzdem, sie konnte nichts dagegen machen, dass ihr Körper auf seine Weise reagierte. Eine prickelnde Gänsehaut breitete sich vom Hals abwärts über ihre Arme und Schultern aus. Beinahe hätte sie gestöhnt. Blitzschnell biss sie sich auf die Unterlippe. Sie brauchte einen Moment, um sich auf Mels Worte zu besinnen. Nichts lieber als das, war der erste Gedanke, der ihr nun kam.

„Wieso? Amüsierst du dich etwa nicht?“, fragte sie jedoch mit neckendem Unterton. Sie hatte sich wieder halbwegs im Griff. Bloß gut!

Mel stutzte für einen Augenblick und schaute Bea mit großen Augen an. Eine Hand vor den Mund haltend, fing sie plötzlich an zu lachen. „Der war gut“, meinte sie immer noch lachend. „Nun, wenn du magst, können wir uns ruhig noch ein bisschen wie zwei Sardinen in der Konservendose fühlen.“

Bea verfiel in ein breites Grinsen. Mels Humor war wirklich sehr erheiternd. „Nein, du darfst mich natürlich gern erlösen“, erwiderte sie schließlich und wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn. „Hast du irgendeine Idee, ohne dass wir vom Blitz getroffen werden?“

Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als sie noch mit geöffnetem Mund innehielt. Plötzlich war ihr die Zweideutigkeit ihrer Worte bewusst geworden. Wie vom Blitz getroffen… Ja, genauso fühlst du dich gerade, liebe Bea, schoss es ihr durch den Kopf. Sie klappte den Mund wieder zu und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Sie spürte, dass Mel sie aufmerksam beobachtet hatte. Deren Blick ruhte regungslos auf ihrem Gesicht.

„Alles okay?“, fragte Mel nach einer Weile. Ein sanftes Lächeln schlich sich um ihre Mundwinkel.

„Ja, alles prima“, antwortete Bea mit einem leichten Kratzen in der Stimme.

Mel nickte zufrieden. „Wir können ja erst mal im Vorzelt bleiben, bis das Gewitter vorüber ist. Und danach?“ Sie zuckte mit den Achseln. „Warst du heute überhaupt schon am Strand?“

Bea schüttelte den Kopf. „Nein, dafür war noch keine Zeit.“

„Na dann haben wir doch schon mal ein Ziel“, meinte Mel augenzwinkernd. Sie nahm die Weinflasche an sich und drehte sich bereits zur Tür, um sie zu öffnen.

Doch wie aus dem Nichts erschien plötzlich Katrin, die sich regelrecht vor ihnen aufbaute. „Wo soll es denn hingehen, ihr zwei Hübschen?“, fragte sie mit schwerer Zunge.

i>Oh je, dachte Bea. Bestimmt gab es jetzt gleich Ärger. Einerseits wunderte sie sich schon ein wenig, dass Mel sie so ohne Weiteres eingeladen und jetzt mit ihr allein durch die Gegend ziehen wollte. Aber andererseits konnte sie Mel auch verstehen, so wie Katrin drauf war und wie die sich benahm. Unbewusst fragte sie sich, ob Katrin immer so war und was das dann für eine Art Beziehung sein sollte zwischen ihr und Mel.

„Hier kann man doch sein eigenes Wort nicht mehr verstehen“, antwortete Mel laut, jedoch ohne sich umzudrehen. Mehr sagte sie nicht. Offensichtlich war sie nicht gewillt, weitere Erklärungen abzugeben.

Bea sah, wie die Rothaarige Mel ziemlich unsanft am Arm packte. Irgendwie bedrohlich schob die sich direkt hinter Mel und sagte dann etwas zu ihr, was Bea allerdings nicht verstehen konnte. Mel wirkte plötzlich wie erstarrt, und ihre Fröhlichkeit war wie weggeblasen. In Beas Kopf arbeitete es. Sollte sie sich einmischen, Mel irgendwie zur Seite stehen? Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

„Gibt es ein Problem?“, fragte sie nun doch, weil sie aus irgendeinem Grund sich dazu genötigt sah, etwas zu unternehmen.

„Nein“, antwortete Mel schnell. Sie drehte sich um und versuchte sich aus Katrins festem Griff zu lösen. Als die nicht gleich losließ, warf sie ihr einen wütenden Blick zu.

„Ob es ein Problem gibt?“, lallte Katrin. „Wie wär’s, wenn du einfach in deine Eskimohütte verschwindest.“ Jetzt war ihre gesamte Aufmerksamkeit nur noch auf Bea gerichtet. Sie war größer, augenscheinlich auch kräftiger.

Auf keinen Fall wollte Bea, dass die ganze Situation hier womöglich noch ausartete. Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen? Aber wenn Rotlöckchen glaubte, sie würde sich von ihr einschüchtern lassen, dann hatte sie sich geschnitten. Daher sagte sie mit fester Stimme: „Das werde ich tun, wenn Melanie das möchte.“

Wie in Zeitlupe klappte Katrin der Unterkiefer nach unten. Mit zusammengekniffenen Augenbrauen starrte sie Bea finster an, und irgendwie rechnete Bea schon damit, dass sie sich gleich einen Schlag einfing.

Plötzlich trat eine gespenstige Ruhe ein. Das Geplapper der anderen verstummte, die CD im Recorder hatte offenbar zu Ende gespielt. Nur noch das Rauschen der Bäume war zu hören, aber das Unwetter schien sich mit einem Male verzogen zu haben.

„Lass sie in Ruhe, Katrin“, erklang fast unwirklich Mels leicht zitternde Stimme. „Tu mir einen Gefallen und schlaf deinen Rausch aus. Okay?“ Sie wartete nicht auf eine Antwort. Stattdessen nahm sie Bea an die Hand und verließ mit ihr ohne ein weiteres Wort den Wohnwagen.

Als sie draußen standen, hatte es tatsächlich aufgehört zu regnen. Bea schob die Hände in die Taschen ihrer Shorts. Ihr war unbehaglich zumute. “Vielleicht sollte ich wirklich gehen, damit du dich um deine Freundin kümmern kannst“, sagte sie verhalten.

“Nein. Bitte bleib.“ Mel schloss die Augen und fuhr sich seufzend durchs Haar. Inzwischen hatten sich noch weitere Strähnen aus ihrem Zopf gelöst.

Bea fand Mel einfach nur wunderschön, und natürlich wollte sie gern Zeit mit ihr verbringen. Aber wo sollte das denn hinführen? Irgendwie war hier der Stress vorprogrammiert. Und das konnte Bea nun wirklich nicht gebrauchen, erst recht nicht in ihrem Urlaub. Und dann meldete sich auch noch hartnäckig ihr Anstandsgefühl, dass sie sich nicht in die Beziehung der beiden, wie auch immer die aussehen mochte, drängen sollte.  “Weißt du…“, setzte sie an, wurde aber von Mel unterbrochen.

“Es tut mir leid, dass ich dich in diese unangenehme Lage gebracht habe. Als ich dir angeboten hatte, zu uns zu kommen, da wusste ich noch nicht, dass die anderen alle da waren und dass vor allem Katrin schon so viel intus hat. Ich war spazieren gewesen, bevor ich dich…“ Sie brach ab und ließ die Schultern hängen. Ihr trauriger Gesichtsausdruck traf Bea mitten ins Herz.

“Wenn Katrin so betrunken ist, dann ist es besser für mich, ich gehe ihr aus dem Weg“ setzte sie fort. “Dann ist einfach nicht gut Kirschen essen mit ihr.“

“Kommt das denn oft vor?“, fragte Bea behutsam nach.

Mel spannte kurz die Schultern an. Doch gleich darauf sank sie wieder in sich zusammen, als wäre ihr jegliche Körperspannung abhandengekommen. Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment.

Bea tastete besorgt nach ihrer Hand. “Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht willst.“

“Das ist es nicht.“ Mel schüttelte den Kopf. “Katrin trinkt nicht ständig Alkohol, falls du das meinst. Aber sie verträgt nicht besonders viel. Und dann ist sie einfach unausstehlich. Sie weiß das. Aber in so einer Runde vergisst sie das gern mal.“

“Heißt das, sonst ist sie eigentlich ganz nett?“ Bea musste das einfach fragen. Nach diesem ersten Aufeinandertreffen konnte sie sich das überhaupt nicht vorstellen. Aber vielleicht wollte sie sich auch gar keine nette Katrin vorstellen. Der Gedanke erschreckte sie.

Mel lachte kurz auf. “Ja, sie kann auch nett sein.“ Ihr Gesicht nahm einen in sich gekehrten Ausdruck an, während sie sich mit den Fingern über die Stirn fuhr. „Gehen wir ein Stück?“, fragte sie leise.

Bea wollte schon zustimmen, doch dann zögerte sie. „Ich muss erst mal nach meinem Zelt schauen und mich ein bisschen einrichten“, antwortete sie ausweichend. Sie konnte Mel jetzt  nicht in die Augen schauen. Das funkelnde Grün machte sie schwach und sie wusste, dass sie Mels Wunsch dann nur schwer widerstehen könnte. Daher visierte sie den Baum dahinter an.

„Ist schon gut“, erwiderte Mel. „Ich habe dich verschreckt. Entschuldige!“

Erstaunt richtete Bea nun doch wieder ihren Blick auf das hübsche Gesicht mit den kleinen, lustigen Sommersprossen, die Mel eine kesse Ausstrahlung verliehen. „Du hast mich nicht verschreckt. Es ist nur…“ Sie räusperte sich und brachte trotzdem kein einziges Wort mehr heraus.

Mel war ihr ganz nah gekommen, viel zu nah. Bea hielt automatisch den Atem an. In ihren Ohren begann es zu rauschen, und sie glaubte schon, das Knistern zwischen ihnen hören zu können. Ganz sacht schob Mel ihre Hand in Beas Nacken. Ihre Finger streichelten zärtlich über die feinen Härchen, die sich sofort aufstellten. Zögernd kamen sich ihre Lippen näher.

Geschichte Nr. 7

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 7 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

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Inhalt

Lena ist ein Cupido und arbeitet zusammen mit Annie für Amor. Sie erledigen seine Aufträge und helfen den Menschen sich zu verlieben.

Lena verliebt sich in die Notärztin Klara und verbringt eine Nacht mit ihr. Lenas Verpflichtungen als Cupido verhindern aber, dass sie bei Klara bleiben und mit ihr zusammen sein kann. Lena überlässt Klara als Beweis, dass sie zurück zu ihr kommt, ihren Pfeilbogen. Anschließend geht Lena zu Amor und bittet ihn darum sie aus seinen Diensten zu entlassen.

Amor kann Lena nicht entlassen, gibt ihr aber eine Halskette für Klara mit. Wenn Klara sich diesen umlegt, wird sie auch zum Cupido und kann mit Lena zusammen sein. Was aber auch bedeutet, dass sie ihr Menschsein für immer aufgeben muss.

Lena erfährt bei ihrer Rückkehr von Klara, dass ihr Pfeilbogen, der die Liebe der Menschen beschützt, inzwischen gestohlen wurde. Annie kommt Lena daraufhin zu Hilfe und gemeinsam hecken sie einen Plan aus, um den Pfeilbogen wieder zurück zu bekommen.

Im Handgemenge um den Pfeilbogen wirft sich Klara aus Schuldgefühlen für den von ihr verschuldeten Diebstahl vor Lena und wird lebensbedrohlich verletzt. Lena verfällt in Angesicht des nahen Todes von Klara in Panik. Sie weiß nicht, dass Klara sich Amors Halskette inzwischen umgelegt hat, was Klara das Leben rettet. Somit steht Lena und Klara für eine gemeinsame Zukunft nichts mehr im Weg.

 

Auszug

1

„Kommst du jetzt da weg!“, zischte Annie zwischen ihren Zähnen hervor. „Nur weil sie dich nicht sehen können, heißt das nicht, dass du sie beim Küssen beobachten darfst.“

Lenas Gesicht verzog sich schmerzvoll unter Annies Fingern, die sich tief in ihren Oberarm krallten und sie weg zerrten. Warum nur musste Annie auch immer so fest zupacken? Und warum wollte ihre Arbeitskollegin sie davon abhalten, den Menschen beim Küssen zuzusehen? Die Menschen nahmen die Cupidos doch eh nicht wahr.

Aber Annie verfinsterte ihre Mine so fest, dass sich Lena nicht getraute, ihr zu widersprechen. Wehmütig sah sie über ihre Schulter zurück auf das küssende Paar und stolperte neben Annie her.

„Warst du schon einmal verliebt?“ Lena strich sich über ihren schmerzenden Arm und sah zu ihrer Arbeitskollegin hinüber. Doch Annie schien sie nicht zu hören oder nicht hören zu wollen, denn diese ließ ihre Augen nur ziellos über die vielen Menschen hier im Park schweifen und beachtete sie nicht weiter.

„Warst du schon einmal verliebt?“, wiederholte Lena ihre Frage. Diesmal lauter und energischer.

„Hm, was?“ Annie hob verwundert ihre Augenbrauen. „War … Nein, ich, ich war noch nie verliebt.“ Annie verlangsamte ihre Schritte und senkte ihre Augen nachdenklich zu Boden.

Der leichte Rotschimmer, der auf Annies Wangen erschien, fiel Lena sofort auf. Auch die Unsicherheit und das Zögern in ihrer Stimme. Aber sie hatte keinen Grund, an den Worten ihrer Arbeitskollegin zu zweifeln.

Aber warum nur wedelte Annie plötzlich nervös mit ihrer Hand vor ihrer Brust rum? Das machte Annie doch sonst nie. Seltsam. Lena strich sich nachdenklich übers Kinn. Das tat Annie erst, seit sie sie aufs verliebt sein angesprochen hatte.

Eilig hastete Annie ein paar Schritte nach vorne und streckte ihre Nase in die Luft.

„Riechst du eine Eris?“ Mit weit geöffneten Augen blieb Lena neben Annie stehen. Doch sie kannte den Anblick dieser gerümpften Nase schon gut. Denn meistens, wenn sie sich unter vielen Menschen aufhielten und ihren Aufträgen von Amor nachkamen, war auch irgendwo eine Eris in der Nähe.

„Ja“, antwortete ihr Annie mit einem kleinen Kopfnicken. „Ich kann sie riechen, sie sind auch hier. Zum Cupido nochmal, warum müssen die nur nach faulen Eiern stinken?“ Angeekelt strich Annie sich um ihre Nase. „Lass uns auf den Baum gehen, von dort oben haben wir einen besseren Ausblick.“

Oben auf dem dicken Ast sitzend, baumelten Lenas Beine hin und her. Sie war froh, nie unter Höhenangst gelitten zu haben, denn als Cupido verschlug es einem schon an die verrücktesten Orte. Da führten sie ihre Aufträge auf wackelige Holzbrücken in die Berge oder auch mal auf ein Hochhausdach.

Mit ihrem Pfeilbogen auf dem Schoss sah sie zu Annie hinüber, die unter gelegentlichem und missmutigem Grunzen mit ihrem Fernrohr den Park absuchte. Lena wusste, dass ihre Arbeitskollegin nach der Eris Ausschau hielt. Für Annie war es inzwischen ein geliebtes Hobby geworden ihren Erzfeinden gehörig in den Hintern zu treten und das wortwörtlich.

„Annie?“

„Ja.“

„Hast du dich schon einmal gefragt, wie es sich anfühlt verliebt zu sein?“ Lena biss sich nervös auf ihrer Unterlippe herum und starrte auf ihren Pfeilbogen. Diese Frage brannte ihr nun schon so lange unter den Nägeln. Aber bisher, kam sie sich immer lächerlich vor Annie danach zu fragen.

Aber warum auch nicht? Gab es einen besseren Platz, als fünf Meter über dem Boden, auf einer alten Eiche sitzend, um sich der Lächerlichkeit preiszugeben? Annie konnte nicht mehr machen, als sie schallend auszulachen oder für total beschränkt zu halten.

Außerdem, sie beide arbeiteten nun schon so lange zusammen. Sie waren in all den Jahren mehr als nur Arbeitskolleginnen geworden und unter Freunden durfte man sich auch mal lächerlich machen. Oder nicht?

„Hm…, nein habe ich nicht“, murmelte Annie nur beiläufig.

„Hast du dir den noch nie Gedanken darüber gemacht, was mit den Menschen passiert, wenn wir sie mit unseren Pfeilen treffen?“ Lena zog erstaunt über Annies simple Antwort beide Augenbrauen hoch.

„Warum sollte ich denn?“ Annie zuckte nur mit ihren Schultern. „Wir bekommen den Auftrag, erledigen ihn und gut ist. Amor wird schon wissen, was er tut.“

Warum nicht? Lena hätte Annie am liebsten an den Schultern gepackt und kräftig durchgeschüttelt. Das veränderte doch alles im Leben. Wie konnte man sich NICHT Gedanken darüber machen? Manchmal war Annies Unbekümmertheit einfach nur unerträglich.

Aber anstatt Annie für so viel Sorglosigkeit schlicht vom Baum zu schupfen, nickte Lena nur beiläufig und strich mit ihren Fingern über den Griff ihres Bogens. Nicht dass sie das je tun würde, also Annie vom Baum schupfen oder Ähnliches. Aber der Gedanke daran ließ ihren Mundwinkel für einen kleinen Moment nach oben wandern.

Das laute Piepsen von Annies Natel, holte Lena aus ihren Gedanken zurück. Neugierig schaute sie zu Annie hinüber, die ihr Natel aus ihrer Hosentasche zog und das Teil mit einem griesgrämigen Seufzer entsperrte. Lena kannte das Verhalten von Annie aber bereits zu gut, um sich von ihrer kratzbürstigen Fassade täuschen zu lassen. Denn auch wenn Annie immer tat, als interessierte es sie kaum, verrieten ihre leuchtenden Augen, dass sie sich über jedem Auftrag wie ein kleines Kind freute.

„Rahel, ein hübscher Name“, murmelte Annie leise vor sich hin. Ihre Augen starr auf ihren Bildschirm gerichtet, prägte sich Annie das Bild der jungen Frau gut ein und scrollte nach unten, um sich die Angaben über Ort und Zeit anzusehen. „Das ist ja gleich hier im Park“, brach sie für ihre Verhältnisse schon fast etwas zu überschwänglich hervor. „Sie wird jeden Moment hier durchkommen.“  

Rahel war nicht nur ein hübscher Name, sie sah auf dem Bild auch nach einer sympathischen Frau aus. Das musste Lena uneingeschränkt zugeben. Sie betrachtete das Bild von Annies nächstem Auftrag, was allerdings nur kurz war. Denn Annie zog ihr das Natel bereits wieder unter ihrer Nase weg und verrenkte ihren Hals in den seltsamsten Windungen, um nach Rahel Ausschau zu halten.

„Da, da ist sie.“ Annie zwickte Lena ungestüm in den Arm und ihre andere Hand deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger zu Rahel hinüber.

Lena schaute in die angedeutete Richtung und sah Rahel, die völlig in ihrem Buch versunken, das sie sich dicht vor ihre Nase hielt, den Weg entlang schlenderte. Hin und wieder rückte sie ihre Brille zurecht, nur um sie schon wenige Meter später erneut auf der Nasenspitze zu haben.

Ja das war spannend. Lena erlebte das schon zum gefühltesten tausendsten Mal. Aber als es dann endlich so weit war und ihr eigenes Natel in ihrer Hosentasche piepste, zog auch sie es mit einem erwartungsfrohen Lächeln hervor.

„Es ist eine Frau, Olivia heißt sie.“ Lena scrollte nach unten, um sich die Infos über Ort und Zeit anzusehen, und sagte dann: „Sie muss auch gleich hier sein.“

Sie hätte am liebsten in ihre Hände geklatscht und sie gegeneinander gerieben vor Freude. Zwei Frauen, die nichts ahnend hier im Park flanierten und schon in ein paar Minuten von ihren Pfeilen getroffen wurden, gab es etwas Aufregenderes als das?

Bevor jetzt aber die Pfeile eingespannt werden konnten, hieß es erst einmal Olivia finden.

Lena streckte ihren Kopf in die Höhe und mit zusammengekniffenen Augen sondierte sie die Menschen durch. Ein kurzer Blick auf Annie verriet ihr, dass diese ihre Aufmerksamkeit immer noch auf Rahel gerichtet hatte, die in ihrem Buch vertieft den Weg entlang schlendert und schon bald zu ihnen aufgeschlossen hatte.

„Da kommt sie.“ Lena ertappte sich selbst dabei, wie sie aufgeregt an Annies Arm rum zerrte. War das womöglich etwas zu viel sich derart zu freuen? Egal. Hauptsache sie hatte Olivia gefunden, und solange Annie ihr nicht böse entgegen knurrte, war wohl alles in Ordnung.

Olivia spazierte nichts ahnend den Weg entlang und ihre Finger hielten die Leine fest umschlossen. An ihren Lippenbewegungen meinte Lena zu erkennen, dass Olivia mit ihrem Hund sprach. Dieser ignorierte sein Frauchen aber und schnupperte lieber am Wegrand an einem Abfalleimer herum.

„Lass uns runter gehen.“ Schon stieß sich Lena vom Ast ab und landete sanft am Boden. Gleich darauf schlugen auch Annies Stiefel hinter ihr im Gras auf. Lena beobachtete Annie, wie diese routiniert in ihren Köcher griff und einen goldenen Pfeil heraus zog. Die Sehne stöhnte gequält auf, als Annie sie spannte und mit einem zugekniffenen Auge auf Rahel zielte, die ahnungslos auf sie zu spazierte.

Das war er doch der Moment. Aber warum zum Teufel, äh zu Cupido, musste es Annie immer so spannend machen und es bis zum letzten Augenblick hinauszögern? Es war fast unerträglich. Lena hätte am liebsten vor Aufregung in ihren Pfeilbogen gebissen. Aber endlich war es soweit und Annie ließ die Sehne los. Der Pfeil zischte durch die Luft und traf Rahel mitten ins Herz.

Im selben Moment knirschten die kleinen Steinchen unter Rahels Schuhen und sie blieb abrupt stehen. Das Buch glitt durch ihre Hände und landete mit einem dumpfen Plumpsen auf dem Boden.

„Ha. Mitten ins Herz getroffen.“ Annies Faust sauste triumphierend in die Luft und sie grinste stolz zu Lena hinüber.

„Ja ich weiß.“ Lena rollte gespielt genervt mit ihren Augen. „Du triffst immer mitten ins Herz.“

Annie traf wirklich immer mitten ins Herz und Lena konnte ihren Mundwinkel nicht davon abhalten, etwas in die Höhe zu wandern. Sie freute sich mit Annie über den guten Schuss. Irgendwie beneidete sie Annie für ihre Bogenschießkünste, obwohl, sie zuckte einmal innerlich mit den Schultern, sie stand Annie darin in nichts nach.

Dennoch spürte sie den Ehrgeiz in sich auflodern. Einen besseren Schuss als Annie hinzulegen, das wäre was und würde Annie das überhebliche Grinsen aus dem Gesicht wischen. Tja, aber wie übertrifft man den perfekten Schuss? Bevor sie sich aber jetzt in solchen Nichtigkeiten wie Annie ein auszuwischen verlor, galt es zuerst ihren Auftrag zu erledigen. Nicht auszudenken, wenn sie vor lauter Konkurrenzdenken Olivia noch verpassen würde und ihren Auftrag vermasselte. DAS Grinsen aus Annies Gesicht zu wischen, das würde Wochen dauern.

Lena legte ihre Finger um das befiederte Ende des Pfeils und zog ihn aus ihrem Köcher hinaus. Sorgsam spannte sie ihn in ihren Bogen ein und stellte sich in Position. Lena kniff ein Auge zu und wartete, bis das Schussfeld frei war. Die Sehne glitt mit einem leisen Schnallen durch ihre Finger und der Pfeil schoss durch die Luft, direkt in Olivias Herz hinein.

Augenblicklich klappte Olivias Kiefer nach unten und ihre Augen weiteten sich. Die Kraft in ihrer Hand ließ nach und die Leine rutschte durch ihre Finger hindurch.

Seine Zunge flatterte wie eine Fahne im Wind, als Olivias Hund seine Gelegenheit ergriff und er so schnell er konnte losrannte. Die kleinen Steinchen unter seinen Pfoten spickten in alle Richtungen und mit einem beherzten Satz, sprang er frontal auf die sich nach dem Buch bückende Rahel los. Ein leises Stöhnen drang aus ihrer Kehle empor, als Rahel rücklings auf den Boden knallte und der Hund seine Vorderpfoten in ihren Brustkorb drückte.

„Oh mein Gott!“, schrie Olivia mit weit aufgerissenen Augen. Sie konnte fühlen, wie ihr Herz für eine Sekunde stehen blieb, bevor es anfing zu rasen. Die kurze Strecke zwischen ihr und ihrem Hund erschien Olivia plötzlich endlos. Beherzt und mit aller Kraft, versuchte sie ihren Hund von Rahel zu zerren. Der aber dachte gar nicht daran, sich von seiner Halterin unterbrechen zu lassen und verteilte weiterhin unaufhörlich seinen nassen Sabber über Rahels Gesicht.

Rahel hob ihre Hände schützend vor ihr Gesicht, konnte aber nicht anders und lachte laut unter der Sabberattacke des Hundes los. Er hatte sich direkt auf ihrem Oberkörper positioniert und ließ sich nicht davon abhalten, sie weiter hastig abzulecken.

Schwer atmend und mit zittrigen Fingern umschlossen Olivias Hände schlussendlich sein Halsband und zwangen ihn zur Ordnung. „Das tut mir so leid“, stotterte Olivia verängstig. „Bitte entschuldigen Sie.“ In ihren Augen glitzerten bereits die ersten Tränen.

„Das macht doch nichts.“ Rahel setzte sich auf und wischte sich mit dem Ärmel den Sabber aus dem Gesicht. „Es ist mir nichts passiert.”

Rahel grinste immer noch, während sie sich nach ihrem Buch und ihrer Brille umsah, die neben ihr auf dem Boden verstreut lagen. Sie klopfte sich den Staub aus den Kleidern und richtete sich auf.

Als sich Olivias und Rahels Blicke trafen, setzten ihre Herzen für einen Schlag aus.

Mit stolzgeschwellter Brust stand Lena da. Das war ein guter Schuss, auch wenn Selbstlob stinkt, so viel Eigenlob durfte sein. Annies Arm, der sich um ihre Schulter legte, fühlte sich gut an. Aber noch besser hörte sich ihr zustimmendes Grunzen an, das Annie anerkennend hervorbrachte.

„Schau genau hin“, forderte Annie sie auf. „Das ist der schönste Moment für mich.“

Ja, das war der ergreifendste Moment an ihrer Arbeit. Das empfand auch Lena so. Sie sah, wie sich ein Schwall aus Licht, der in den wunderschönsten Farben strahlte, aus dem Herzen von Rahel und Olivia löste, sich wie Rauch, der vom Wind getragen wurde durch die Luft bewegte und ins Herz der jeweils anderen hinein floss.

„Siehst du, jetzt sind sie für immer in Liebe miteinander verbunden.“ Annies Gesicht überzog ein bekloppt glückliches Lächeln.

Lena grinste zufrieden in sich hinein. Ja sie wusste es und in Momenten wie diesen konnte selbst Annie es nicht verheimlichen. Ihre Arbeitskollegin war eine kleine Romantikerin und früher oder später würde der Tag kommen, da konnte sich Annie nicht mehr hinter ihrem Grunzen und Knurren verstecken.

Lena zuckte erschrocken zusammen, als das laute Piepsen von Annies Natel diesen schönen Moment unterbrach. Aber warum drehte sich Annie jetzt so schnell von ihr ab, kaum hatte sie sich das Natel unter die Nase gehalten und warum zum Cupido noch mal wurde sie hier alleine stehen gelassen?

„Ein neuer Auftrag?“ Lauter als gewollt, brüllte Lena hinter Annie her.

„Nein, äh, es ist nur Luna.“ Annie schüttelte nur mit dem Kopf, würdigte Lena aber keines Blickes.

„Was will sie denn?“ Lena legte ihren Kopf schief und stemmte ihre Hände in die Hüfte.

Sie wusste zwar, dass Annie und Luna schon seit Langem lose befreundet waren. Aber die Reaktion von ihrer Arbeitskollegin, kam ihr doch etwas seltsam vor.

Außerdem war eine Nachricht von Luna doch noch lange kein Grund, sie einfach alleine stehen zu lassen und das Weite zu suchen. Und warum wedelte Annie nun schon wieder nervös mit ihrer Hand vor ihrem Herzen rum?

Auch wenn ihre Arbeitskollegin jetzt gerade nicht den Eindruck machte, dass sie ihre Fragen beantworten würde oder wollte. Über ihren nervösen Tick mit dem Wedeln, sollten sie sich dennoch einmal unterhalten.

Aber vielleicht am besten erst, wenn sie wieder oben auf dem Ast saßen und genau das machte Lena. Sie nahm hoch oben auf dem dicken Ast Platz und beobachtete Rahel und Olivia noch ein wenig. Die beiden hatten sich zusammen auf der Wiese niedergelassen und plauderten ausgelassen miteinander. Hin und wieder strich eine Hand zögerlich über die der anderen und Olivias Hund schien das so zu langweilen, dass er ungeniert neben den beiden frisch verliebten, vor sich hin schnarchte.

In Momenten wie diesen wünschte sich Lena nichts mehr, als dass sie es selbst auch einmal erleben durfte. Das Gefühl sich zu verlieben, die Liebe zu spüren, wie sie aus ihrem Herzen floss und sich mit der Liebe und dem Herzen einer anderen verband. Die sanfte Berührung einer liebenden Hand auf ihrer Haut oder die weichen Lippen einer Frau, die ihre zärtlich liebkosten.

Leider musste sie sich eingestehen, dass sie keine Ahnung von der Liebe hatte. Zum Glück sah man ihr das nicht an. Das wäre ja auch zu peinlich, wenn das raus kommen würde. Sie als Cupido durfte in Liebesdingen doch nicht unerfahren sein wie ein Baby. Annie würde sie endlos damit aufziehen und dazu hatte sie überhaupt keine Lust.

Apropos Annie, die hatte inzwischen wieder neben ihr Platz genommen und wedelte nur noch sporadisch vor ihrem Herzen rum.

Lena stieß ernüchtert einen tiefen Atemstoß aus. Das Piepsen von Annies Natel hatte sie schon wieder aus ihren trüben Gedanken geholt, aber irgendwie, so musste sie sich eingestehen, verspürte sie jetzt gerade keine Lust dazu, zwei Menschen zu ihrem Liebesglück zu verhelfen.

„Ein neuer Auftrag?“ Lena hätte sich selbst in den Hintern treten können für ihre Neugierde, aber mehr als ein zustimmendes oder verneinendes Grummeln würde eh nicht von Annie als Antwort kommen.

„Ja ein neuer Auftrag“, bestätigte ihr Annie und nickte dabei eifrig. „Hm, seltsam …“, nuschelte Annie in ihre Hand, mit der sie sich gerade über ihr Kinn wischte. „Warum das denn auf einmal?“, murmelte ihre Arbeitskollegin verschwörerisch vor sich hin.

Lena verdrehte ihre Augen und zupfte unentschlossen an der Sehne ihres Pfeilbogens rum.

„Was ist denn so komisch?“, konnte Lena sich nicht davon abhalten zu fragen.

„Es ist gleich hier“, erklärte ihr Annie erstaunt. „In sieben bis zehn Minuten.“

„Lass mal sehen.“ Lena schnappte sich Annies Natel aus ihrer Hand und ihre Augen weiteten sich. Oh mein lieber Cupido ist die hübsch! Wenn Lenas Mund nicht sperrangelweit aufgestanden wäre, hätte sie die Worte wohl laut ausgesprochen. Aber jetzt galt es erst mal wieder zu Atem zu kommen, denn der war ihr seltsamerweise abhandengekommen beim Anblick der wunderschönen Blondine, die ihr entgegen strahlte. Lena musste sich selbst dazu ermannen ihren Mund zu schließen, da ansonsten unschöne Sabberfäden aus ihrem Mundwinkel gelaufen wären. Ihre Hand jedoch, landete ohne ihr zu tun auf ihrem Herz. Sie merkte gar nicht, wie zwischen ihren Fingern fein der Schwall aus Liebe hervortrat, sich über ihre Schulter erhob und sich dann verlor.

„Sie ist wunderschön und ihre blauen Augen strahlen so hell wie der Himmel“, stammelte Lena zwischen zwei flachen Atemzügen hervor.

Lena spürte zwar die wollige Wärme, die sich in ihrer Brustgegend sammelte und ihr Herz, das plötzlich heftig schlug. Doch das musste doch gewiss an dem heißen Sommertag liegen, erklärte sie sich selbst und das Herzklopfen… das beschloss sie kurzerhand zu ignorieren.

„Hey was soll das?“, protestierte Lena erzürnt. Das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Warum schnappte sich Annie ihr Natel ausgerechnet jetzt wieder aus ihren Händen zurück? Sie hatte sich das Bild von Annies nächstem Auftrag doch noch gar nicht genau ansehen können. Sie hatte doch noch gar keine Zeit die blonden Haare, ihre süßen Grübchen und das charmante Lächeln der jungen Frau auf dem Bild zu betrachten.

„Jaja, sie ist hübsch.“ Annie nickte nur knapp, betrachtete erneut kurz das Bild ihres nächsten Auftrags und ließ ihr Natel wieder in ihrer Hosentasche verschwinden.

Lena runzelte ihre Stirn, nicht genug, dass Annie ihr das Bild nun vorenthielt, die Konturen ihres Natels zeichneten sich, seit sie es in ihre Hosentasche gesteckt hatte, auch noch exakt daran ab. Würde es Annie wohl merken, wenn sie ihr vorsichtig in die Hosentasche greifen würde? Lena schüttelte innerlich den Kopf ab sich selbst und ihren wirren Gedanken. Obwohl, der Anblick der blonden Frau wäre es wert, deswegen ein böses Knurren von ihrer Arbeitskollegin zu riskieren.

„Wie heißt sie denn?“, versuchte Lena behutsam an mehr Informationen zu kommen.

„Klara,“  brummelte ihr Annie entgegen, während sie sich bereits nach der Blonden umsah.

„Klara, Klllaaara…Klaaraa…“, nuschelte Lena wiederholt vor sich hin.

„Hör schon auf damit“, grummelte Annie sie an und schlug sie beiläufig am Oberarm.

„Autsch!“, rief Lena laut aus und rieb sich ihren Arm. Das war doch noch lange kein Grund sie hier zu schlagen. Sie wollte doch nur wissen, wie sich der Name aus ihrem Mund anhört. Natürlich in all seinen möglichen Varianten. Sie musste sich doch schließlich auf Annies Auftrag vorbereiten oder etwa nicht?

Da, da war es erneut. Das Piepsen von Annies Natel. Lena hatte es genau gehört und dieses Mal, so beschloss sie gerade, würde sie sich das Natel nicht ein weiteres Mal aus den Händen nehmen lassen. Aber warum bekam ihre Arbeitskollegin und nicht sie den nächsten Auftrag? Oder war es Luna?

Lena streckte ihren Kopf und schielte auf Annies Natel.

„Oh“, stieß Annie erstaunt aus und ihre Augenbrauen hoben sich fast bis zum Haaransatz hoch.

„Wer ist es?“ Lena legte ihre Finger um Annies Handgelenk, aber ihre Arbeitskollegin war schneller und zog ihren Arm kraftvoll aus Lenas Griff.

„Das ist definitiv neu“, stammelte Annie leise vor sich hin, scrollte nach unten und guckte mit großen Augen zwischen dem Display und Lena hin und her.

„Was? Was ist denn?“, verlangte Lena zu erfahren. Sie spürte Wut in sich aufkeimen. War das den die Möglichkeit? Zuerst wurde sie hier geschlagen und dann wurden ihr wichtige Informationen vorenthalten. Wie zum Beispiel der Anblick einer ganz bestimmten Blonden. Wenn Annie jetzt noch anfängt, nervös mit der Hand zu wedeln, würde sie sich bei Amor beschweren.

Lena lachte innerlich auf ab ihren Gedankenkapriolen. Nein natürlich würde sie das nicht tun, das wusste sie selbst. Denn auch wenn ihre schrullige Arbeitskollegin ihr manchmal den letzten Nerv raupte, sie mochte sie viel zu sehr.

„Es tut mir wirklich leid Lena“, entschuldigte sich Annie bei ihr. Ihre Finger umfassten dabei einen Pfeil in ihrem Köcher und zogen in vorsichtig heraus. „Aber du weißt ja, Auftrag ist Auftrag.“

„Was tut dir leid?“ Lena verstand nicht, was hier gerade geschah. Der Anblick von Annie, die ihren Pfeil auf die Pfeilauflage legte und ihn hinten in der Sehne einspannte, verlangsamte ihren gehetzten Herzschlag auch nicht spürbar.

Am liebsten hätte Lena vor Schreck laut aufgeschrien, doch dafür blieb ihr keine Zeit. Denn Annies Arm raste durch die Luft und prallte so fest auf ihre Schulter auf, dass sie ihr Gleichgewicht verlor und vom Ast stürzte. Lenas Arme schwangen in der Luft und ihre Hände griffen verzweifelt ins Leere. Lena sah nur noch Annies Finger, die sich eilig um die Sehne legten und sie nach hinten zogen. Die Sehne schnallte mit voller Wucht nach vorne und katapultierte den Pfeil über die Auflage hinweg, mitten in ihre Brust hinein.

Ein dumpfer Bums hallte in Lenas Ohren nach, als sie rücklings auf dem Gras aufschlug und die Luft aus ihrer Lunge wich. Alles schien still zu stehen, sogar ihr Herz.

Nur langsam begann ihr Brustkorb sich wieder zu bewegen. Ein schwerer Augenaufschlag und das befiederte Ende des Pfeils dran in ihr Sichtbereich. Da steckte er, senkrecht aus ihrer Brust heraus. Annie hatte sie wahrhaftig vom Baum geschupft und auf sie geschossen. Müde drehte sie ihren Kopf zur Seite und Annies Stiefel prallten gefolgt von ihren Knien, kaum einen Meter neben ihr auf den Boden.

„Es tut mir so leid Lena“, entschuldigte sich Annie erneut bei ihr und dieses Mal wusste Lena auch wofür. „Ich hoffe, du verzeihst mir.”

Lenas Mundwinkel zuckte kurz, bevor alles um sie herum in Dunkelheit verschwand.

 

 

2

 

„Was ist passiert, geht es Ihnen gut? Ich werde einen Krankenwagen rufen.”

Die tiefe Stimme drang nur langsam in Lenas Bewusstsein. Sie öffnete mühevoll ihre Augen und sah auf den Herrn, der neben ihr kniete. Seine Hand auf ihre gelegt, langte er mit der anderen hastig in seine Manteltasche und nahm sein Natel hervor.

Wieder wurde alles dunkel.

Etwas drückte kräftig ihre Hand und Lena blinzelte. „Versuchen Sie Ihre Augen offen zu halten und ruhig zu atmen”, sprach der Mann beruhigend auf Lena ein. „Der Krankenwagen wird gleich hier sein.”

Über Lenas Gesicht huschte kurz ein Lächeln. Nach all den Jahren unter ihnen, ohne von ihnen gesehen oder auch nur im Geringsten wahrgenommen zu werden, spürte sie nun zum ersten Mal die Berührung eines Menschen. Es fühlte sich vertraut an, fast wie die Berührung von Annie.

Lenas Augen wurden wieder schwer und fielen zu.

„Hey Lena, Augen auf.“ Dieses Mal war es Annie, die ihr fest in den Arm kniff, um sie wach zu halten. „Schau“, sagte Annie. „Der Krankenwagen ist schon da.“

Lena sah, wie ihre Arbeitskollegin sich erhob und ein paar Schritte zurück trat. Annies Hand näherte sich ihrem Köcher und zog einen Pfeil hervor. Wollte ihr Annie jetzt allen Ernstes noch einen Pfeil ins Herz schießen? Reichte der Einte nicht, der bereits mittig aus ihrer Brust ragte? Oder noch schlimmer, war der Pfeil, der Annie da gerade einspannte für den Herrn bestimmt, der neben ihr kniete? Lena hätte sich freiwillig vor den Mann geworfen und den Pfeil mit ihrem Körper abgefangen, wenn sie den die Kraft dazu gehabt hätte, um das zu verhindern.

„Dieser hier ist nur für dich“, versicherte ihr Annie und nickte ihr zuversichtlich zu.

Das durfte nicht wahr sein, beschloss Lena. Das musste am Blutverlust oder an sonst was liegen. Aber Annie durfte jetzt nicht mit dem Pfeilbogen in Position dastehen und auf den Mann zielen. Vor allem nicht bei der Zielgenauigkeit die Annie an den Tag legte. Da war jede Hoffnung auf einen Fehlschuss vergebens.

Lena blinzelte und der Pfeil zischte unbeachtet von dem Herrn über seine Schulter hinweg. Noch im selben Moment schlug er mittig in die Brust der blonden Frau ein, die gerade aus der hinteren Türe des Krankenwagens sprang.

„Klara!“, krächzte Lena erfreut. Sie hätte am liebsten gejubelt beim Anblick der Notärztin und ihrer Ärztetasche, die zu Boden plumpste.

Lena hatte die zwei Sanitäter gar nicht bemerkt die bereits neben ihr knieten und erwartungsvoll zu Klara hinüber sahen. Lena hatte keine Augen für die beiden, denn sie sah nur auf Klara, die ihren Kopf schüttelte und sich nach ihrer Tasche bückte.

„Hallo, ich bin Dr. Graf“, begrüßte Klara ihre Patientin.

Lena beobachtete die Notärztin dabei, wie diese vorsichtig die Stelle um den Pfeil herum abtastete. Jede Berührung, jeder kleine Druck ihrer Finger schmerzte auf ihrer Brust, aber dennoch genoss sie jeden dieser sanften Begegnungen ihrer Körper.

„Du bist ja noch schöner als auf dem Bild“, hauchte Lena schwach zwischen ihren Lippen hervor und hätte sich noch im selben Augenblick am liebsten auf die Zunge gebissen dafür. Denn die Notärztin hielt abrupt in ihrer Bewegung inne und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an.

Aber warum hätte sie das auch nicht sagen sollen? Es war wahr. Klara war wahrhaftig in natura noch schöner als auf dem Bild. Ihre blonden Haare bändigte sie in einem losen Zopf und ihre blauen Augen, strahlten klarer als der tiefste Bergsee. Bedauerlicherweise lächelte die Notärztin gerade nicht, denn dann hätten sich gewiss noch ihre süßen Grübchen auf ihren Wangen abgezeichnet, die Lena schon auf dem Bild entzückten.

Nüchtern betrachtet musste Lena sich aber eingestehen, dass selbst der skeptische Gesichtsausdruck von Klara, der ihr gerade entgegen schlug, ihr Herz zum Schmelzen brach.

Lena sah an sich hinunter und auf ihre Hand, die auf der der Notärztin lag. Selbst durch den dünnen Untersuchungshandschuh hindurch, konnte sie Klaras Wärme spüren. So weich und fein, Klara fühlte sich wunderbar an. Sanft strich sie der Notärztin über den Handrücken und genoss das Kribbeln, das sich in ihrem Bauch bemerkbar machte. Die Wärme, die sich in ihrer Brust sammelte, ließ sie den Pfeil vergessen, der darin steckte.

Langsam und fein, drang der farbige Schwall aus Liebe aus ihrem Herz heraus, hob sich höher und mit jedem Herzschlag verdichtete er sich. Die Farben strahlten kräftiger, als Lena es je gesehen hatte und es fühlte sich noch besser an, als in ihren kühnsten Träumen. Dieses schöne Gefühl daheim zu sein, sich mit allem was man ist, einfach angenommen zu fühlen und eine tiefe allumfassende Zufriedenheit.

Das war er nun, der Moment, den Lena schon sehnsüchtig herbei gesehnt hatte und sich ihre Herzen in Liebe miteinander verbanden.

Sie sah, wie sich auch aus Klaras Herz der Schwall aus Liebe löste und heraus strömte. Doch die Notärztin tat etwas, das Lena noch nie zuvor gesehen hatte. Klara unterbrach ihren Blickkontakt und zog ihre Hand unter Lenas hervor. Sofort vermisste Lena die Verbindung ihrer Hände, aber als die Notärztin ihre Hand dann noch auf ihr Herz legte und schwer schluckte, lichtete sich die Liebe langsam, die aus ihrem Herzen floss.

 

Geschichte Nr. 8

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 8 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

Der folgende Text ist urheberrechtlich geschützt und geistiges Eigentum der Autorin. Kopieren und Weiterverbreiten des Inhalts, vollständig oder auszugsweise, sind nicht gestattet. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin.

 

Inhalt

Am Rande des Dorfes Walddorf liegt ein verfluchter Wald. Gerade als der Lehrer seinen Schülern von diesem Wald erzählt, betritt die Direktorin den Klassenraum und stellt die neue Mitschülerin Sonja vor. Als Hausaufgabe stellt der Lehrer die Aufgabe, über das Wochenende alles über den Wald und den Fluch heraus zu finden, was möglich ist. Von Anfang an versteht Sonja sich besonders gut mit ihrer Klassenkameradin Katja, die von ihren Mitschülern nur als Lesbe und Klassenmonster gemieden wird. Während Sonja den Nachmittag in der Dorfbibliothek mit Recherche verbringt, erfährt Katja in der Schulbibliothek von ihrer Direktorin, dass deren Sohn vor vielen Jahren im Wald verschollen ist.

Gemeinsam beschließen die beiden Mädchen am nächsten Tag zur Zeitung zu fahren um dort in alten Aufzeichnungen etwas herauszufinden. Während der Recherche erfährt Katja, dass Sonja in einer Pflegefamilie wohnt, weil ihre Eltern tot sind. Außerdem finden sie einige alte Zeitungsartikel. Sie beschließen die Nacht bei Sonja zu verbringen und von dort aus am nächsten Tag wieder zur Zeitung zu fahren. Doch als Katja alleine nach Hause fährt um ihre Sachen zum Übernachten zu holen, wird sie von ihren Klassenkameraden angehalten und bedrängt. Aus lauter Angst läuft sie weg und landet direkt im Schwarzbaumwald. Als Katja nicht wie vereinbart bei Sonja zu Hause auftaucht, macht diese sich große Sorgen und geht mit ihrem Bruder zusammen zu Katjas Eltern. Gemeinsam suchen Sonjas Brüder, Katjas Vater und Sonja die Gegend ab, bis Sonja ihren Klassenkameraden Mirko trifft, der ihr erzählt Katja wäre in den verfluchten Wald gerannt.

Unterdessen irrt Katja im Wald umher, bis sie von einem Mann zu einem Schloss geführt wird. Es stellt sich heraus, dass die Menschen, die im Wald verschollen sind, freiwillig dort geblieben sind um die Legende des Fluches aufrecht zu erhalten. Als Katja dem Mann der sich als Lukas, Sohn ihrer Direktorin entpuppt, erzählt wie es dazu kam, dass sie in den Wald gerannt ist, entschließt sich dieser ihr alte Briefe zu zeigen.

Während sie die Briefe liest erfährt sie, dass vor 230 Jahren ein lesbisches Liebespaar für ihre Liebe zueinander zum Tode verurteilt wurde. Vor ihrer Hinrichtung bat die Gräfin darum, ihren Kettenanhänger mit dem halben Wappen ihres Schlosses der Tochter ihrer Geliebten zu geben, damit das Schloss ewig in Familienbesitz bleiben würde. Katja findet beim Lesen der Briefe jedoch einen Kettenanhänger mit halben Wappen in der Schachtel, in der auch die Briefe liegen. Kurz darauf führt Lukas Sonja auf den Dachboden, die auf der Suche nach Katja im Wald umhergeirrt ist und von ihm gefunden wurde. Überglücklich fallen sich die Beiden in die Arme und Katja zeigt Sonja die Briefe der beiden Frauen.

Sonja legt nach dem Lesen den letzten Brief weg und erzählt, dass auch sie einen Kettenanhänger ihrer Mutter habe. Allerdings wisse sie nicht, was dieser Anhänger bedeutet, da ihre Mutter ja starb, als sie klein war. Als Katja nach Sonjas Kette greift um sie sich anzusehen, erkennt sie das halbe Wappen des Schlosses.

Während Lukas sich mit den anderen Bewohnern des Schlosses darüber unterhält was Sonjas Kette zu bedeuten hat, diskutieren Sonja und Katja darüber ob sie im Schloss bleiben, oder zurück zum Dorf gehen sollen. Schließlich entscheiden sie sich gemeinsam dazu, dass Lukas, Sonja und Katja zurück ins Dorf gehen um herauszufinden, ob Sonjas Pflegemutter etwas über den Anhänger weiß. Tatsächlich ist diese im Besitz eines alten Briefes in dem steht, dass der Kettenanhänger wunschgemäß weitergegeben wurde.

Lukas beschließt, dass Sonja die Erbin des Schlosses ist und übergibt ihr den Hauptschlüssel. Am nächsten Morgen gehen alle gemeinsam zur Schule und erzählen die Geschichte vom Fluch des Waldes.

 

Auszug

„Ein großer dunkler Wald. Die hoch gewachsenen Bäume stehen dicht beieinander. Leise spielt der Wind seine Melodie in den Baumkronen. Einige Tiere, wie Hasen, Rehe und Wildschweine leben hier. Sehr lange schon hat kein menschliches Wesen diesen Wald betreten. Seit fast 300 Jahren gehört dieser Wald wieder allein den Tieren. Denn seit dieser Zeit gilt dieser Wald als verflucht und niemand hat den Mut sich diesem Fluch zu stellen. Und jeder der töricht genug war es dennoch zu versuchen, wurde nie wieder gesehen. Gerüchten zufolge soll tief im Inneren, komplett von Bäumen verdeckt, ein sehr altes kleines Schloss liegen.“

 

 

 

Durch das Klopfen an der Klassentür wurde der Lehrer mitten in seinen Erzählungen unterbrochen. Es war ein Montag wie jeder andere. Draußen schien die Sonne, der Sommer stand kurz bevor, es waren nur noch wenige Wochen bis zu den Sommerferien und es hörte ihm sowieso niemand zu. Also seufzte er auf, und nachdem er `herein´ gerufen hatte, öffnete sich die Türe langsam. 

Die Direktorin und ein Mädchen, etwa 15 - 16 Jahre alt, traten ins Klassenzimmer.

 

Augenblicklich saßen die Schüler gerade auf ihren Plätzen. Vor der Direktorin der Schule hatten alle Schüler Respekt, wenn nicht sogar Angst. Wie immer trug die Direktorin ein streng wirkendes graues Kostüm und ihre Haare hatte sie in einem Knoten hinter ihrem Kopf zusammengebunden. Prüfend sah sie sich über den Rand ihrer Brille hinweg im Zimmer um. Kein Schüler rührte sich.

 

„Guten Morgen Herr Stein. Ich habe hier eine neue Schülerin für sie. Sonja Zimmer. Sie ist letzte Woche erst mit ihren Eltern und Geschwistern hergezogen.“ und an das Mädchen fügte sie hinzu: „So, Fräulein Zimmer. Das ist Herr Stein, ihr neuer Klassenlehrer. Aber sofort kümmert er sich um all ihre Belange. Noch Fragen? Nein, gut.“ und ohne eine Antwort abzuwarten marschierte sie schnellen Schrittes den Flur entlang.

 

„Guten Morgen. Ich bin Marcus Stein, ab sofort dein Lehrer und für alle Belange zuständig.“ witzelte der Lehrer und reichte Sonja die Hand.

 

Sonja griff die Hand, drückte feste zu und entgegnete: „Sonja Zimmer, ab sofort hierher strafversetzt und überhaupt nicht glücklich darüber. Ich will nur noch die letzten paar Wochen Schule hinter mich bringen und dann wieder hier abhauen. Das ist ja das letzte Kuhdorf hier. Walddorf, allein der Name ist schon ein Witz. Wo soll ich mich hinsetzen?“

 

„Willst du nicht erstmal ein bisschen von dir erzählen? Deine Mitschüler interessiert bestimmt wo du herkommst und was du so tust.“

 

„Ich bin nicht hier, um Freunde zu finden. Ich muss hier nur meine Zeit rumkriegen. Aber bitte, wenn’s unbedingt sein muss.“ Sonja drehte sich zur Klasse um und erzählte gespielt freundlich: „Hallo ich bin die Sonja. Ich komme aus ´ner etwas größeren Stadt und hänge jetzt hier fest, weil die Leute bei denen ich wohnen muss wegen nem Job hergezogen sind. Fertig. Darf ich mich jetzt hinsetzen, oder hat noch jemand ´ne Frage?“

 

„Deine Eltern haben hier also Arbeit gefunden?“ versuchte Marcus Stein es noch einmal.

 

„O nein. Sie sind nicht meine Eltern. Nur die Leute bei denen ich leben muss.“

 

„Ey Klassenlesbe. Die würde echt gut zu dir passen. Die ist ja genauso bissig wie du.“ rief ein Klassenkamerad quer durch die Klasse zu einem Mädchen, das in einer Ecke saß.

 

„Yo das geht bestimmt heiß her bei den beiden.“ gröhlte ein anderer und brachte damit die ganze Klasse zum Lachen.

 

„Hört sofort auf. Hört auf, immer auf Katja rum zu hacken. Sie hat euch nichts getan.“ ging Stein dazwischen. Und an Sonja gewand sagte er: „Du solltest dich hier etwas anpassen. Hier schenkt dir keiner was. Setz dich hinten zwischen Katja und Tobi hin.“

 

Nachdem Sonja sich in die hintere Reihe gesetzt hatte, fuhr der Lehrer mit seinen Erzählungen fort.

 

 

 

„Ich war gerade dabei, euch vom Schwarzbaumwald zu erzählen. Weiß jemand von euch warum der Wald so heißt? Nein? Dacht ich mir. Also der Name...“

 

Zögernd hob sich in der letzten Reihe eine Hand.

 

„Ja? Katja, kennst du die Antwort auf meine Frage?“

 

„Der Wald soll so heißen, weil die Bäume viel dichter stehen als in anderen Wäldern und darum kein Sonnenlicht bis zum Boden durchkommt. Darum sehen die Bäume schwarz aus.“

 

„Sehr gut Katja. Als Hausaufgabe sucht ihr bitte mal alles, was ihr finden könnt über diesen Wald heraus. Das heißt aber nicht, dass irgendjemand auf die dumme Idee kommen sollte vor Ort Nachforschungen anzustellen. Klar? Schönes Wochenende.“ Damit erhob sich der Lehrer und verließ den Klassenraum.

 

Die anderen taten es ihm gleich und verließen den Raum so schnell sie konnten. Nur Katja blieb auf ihrem Platz sitzen.

 

Sonja bemerkte dies auf dem Weg nach draußen und blieb verwundert stehen. „Kein Bock abzuhauen? Es ist Wochenende.“

 

Irritiert sah Katja auf und blickte in zwei sanfte braune Augen. „Deine Augen passen nicht zu deiner Art. Ich wette, du bist echt umgänglich in Wirklichkeit. Keine Angst ich erzähl´s keinem. Ich bin noch hier, weil ich mich gleich in die Bibliothek setzen will um etwas über den Wald herauszufinden. Und die Bibliothek hat nur bis um sechs heut Abend auf. Und dann erst am Montag wieder.“

 

„Und du hast mehr drauf als ich dachte. Ich behalt´s für mich, keine Sorge. Gibt’s hier keine Bibliothek im Dorf? Oder sonst such doch im Internet.“ Sonja setzte sich auf den Tisch vor Katjas und ließ ihre Füße in der Luft baumeln.

 

„Internet? Generell keine schlechte Idee, aber ich hoffe irgendwelche alten Aufzeichnungen oder so was zu finden und die Chance ist größer, wenn ich in der Bibliothek nachsehe. Und in die Bibliothek hier im Dorf gehe ich nicht, da hängen die anderen Affen rum.“ Und die muss ich in meiner Freizeit nicht auch noch um die Ohren haben. Hier in der Schule reicht es mir vollkommen.“

 

„Ja, die sind irgendwie echt albern. Bist du wirklich lesbisch oder erzählen die das nur, weil die dich ärgern wollen?“

 

„Was glaubst du?“ Katja sah Sonja tief in die Augen und stand auf. „Ich muss in die Bibliothek. Hab noch viel zu tun. Schönes Wochenende.“ Damit ging sie um ihren Tisch herum und verließ den Klassenraum, ohne sich noch mal umzudrehen.

 

 

 

 

„Fräulein Wizzel, wir schließen gleich. Nehmen sie die Bücher doch mit nach Hause übers Wochenende.“

 

„Ja gerne, Direktorin Müller. Es ist wirklich zu viel, um es in dieser kurzen Zeit durchzusehen.“ antwortete Katja höflich.

 

„Kommen sie her, wir tragen die Bücher noch schnell in die Liste ein.“

 

Katja ging zur Direktorin, um die Bücher in die Leihliste eintragen zu lassen. „Herr Stein hat uns als Hausaufgabe aufgetragen alles, was wir finden über den „Blacktreewood“ zusammenzusuchen.“

 

„Den Blacktreewood? Dieser Wald ist verflucht. Es haben schon viele Menschen diesen Ort verlassen, weil sie Angst davor hatten. Kein Mensch, der bei klarem Verstand ist, traut sich auch nur in die Nähe dieses Waldes. Es ist unzumutbar euch eine solche Hausaufgabe zu geben. Lassen sie die Bücher ruhig hier, ich werde sofort Herrn Stein anrufen, dass er diese Hausaufgabe noch heute zurückzieht.“ Empört wollte die Direktorin zum Telefon eilen, das in der Nähe an der Wand hing.

 

„Nein bitte, Frau Direktorin. Es interessiert mich. Ich möchte wissen, warum dieser Wald verflucht ist. Woher diese Geschichten kommen. Und wer in dem Schloss im Inneren des Waldes gelebt hat.“ Katja sah die Direktorin bittend an.

 

„Ich habe befürchtet, dass es eines Tages soweit sein wird und wieder jemand das Geheimnis des Waldes erkunden will. Aber bitte nicht sie, Fräulein Wizzel. Sie haben noch so vieles im Leben vor sich.“ entgegnete die alte Dame traurig.

 

„Wieder jemand? Wer wollte zuletzt etwas herausfinden? Und wo finde ich ihn? Kann er mir etwas verraten?“

 

„Der letzte, der das Geheimnis lösen wollte, ging von zu vielen Fragen geplagt direkt in den Wald hinein, in der Hoffnung dort Antworten zu finden.“

 

„Und? Hat er welche gefunden?“ Katja bemerkte vor Nervosität, Informationen zu erhalten, die die anderen nicht finden würden, nicht wie traurig die Direktorin wurde.

 

„Nein, mein Sohn ist niemals wieder aufgetaucht.“ Mit Tränen in den Augen drehte sie sich um und verließ die Bibliothek.

 

 

Geschockt von dieser Information nahm Katja die Bücher zusammen und verließ langsam die Bibliothek. `mein Sohn ist niemals wieder aufgetaucht.´ Diese Worte hallten in ihrem Inneren nach und ließen ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. So in Gedanken verloren bemerkte sie nicht, dass sie beobachtet wurde, als sie das Schulgebäude verließ.

 

 

 

 

 

Sonja saß noch einen kurzen Moment auf dem Tisch, nachdem Katja gegangen war. Sonja dachte immer sie selbst wäre schlagfertig, aber Katja war noch besser. Sie war wirklich nicht auf den Mund gefallen. Und dann der Spruch über Sonjas Augen. Ob Katja wirklich lesbisch war? Sie hätte doch einfach antworten können auf die Frage danach. Irgendwie war Katja so anders als alle anderen. Grübelnd stand Sonja auf und verließ die Schule. Sie wurde zu Hause sicher schon erwartet.

 

 

 

Nach dem Mittagessen erklärte Sonja ihrer Pflegemutter die Hausaufgabe und dass sie dafür dringend in die Bibliothek müsse. Also fuhr Sonjas Pflegemutter sie zur Bibliothek und ging anschießend etwas einkaufen.

 

 

 

In der Bibliothek angekommen, bemerkte Sonja, dass noch niemand ihrer neuen Klassenkameraden da war. Also konnte sie noch auf alle Bücher zugreifen und würde hoffentlich was wirklich Interessantes finden.

 

Nachdem sie fast zwei Stunden erfolglos in den Büchern gesucht hatte, fiel ihr ein sehr alter Zeitungsartikel in die Hände.

 

 

 

`Verkauf von Schloss Blacktreewood eingestellt´

Nachdem erneut ein Kaufinteressent von Schloss Blacktreewood spurlos verschollen ist, hat die Stadt nun endgültig beschlossen, das gesamte Waldgebiet als gefährlich einzustufen und das Betreten des Waldes ausdrücklich zu verbieten. Insgesamt sind in diesem Wald in den letzten Jahren etwa 6 Menschen spurlos

 

 

Mehr war auf dem alten und vergilbten Stück Papier nicht mehr zu lesen, da der letzte Rest des Artikels abgerissen war. Trotzdem war Sonja sehr zufrieden mit ihrem Fund. Mittlerweile waren auch einige ihrer neuen Klassenkameraden da und suchten ebenfalls in den Büchern nach Hinweisen und Besonderheiten.

 

 

„Ey hier findet man doch nix Interessantes. Bestimmt hat das Klassenmonster die Bücher hier schon alle durch.“ bemerkte einer der Jungen aus der Klasse.

 

„Nein, die sitzt in der Schule. Sie hat deutlich gemacht, dass sie kein Interesse daran hat hier mit uns anderen zu sitzen.“ entgegnete Sonja betont lässig, obwohl es ihr innerlich einen Stich versetzte, wie die anderen über Katja redeten.

 

„Na ist auch besser so. Hinterher fängt die noch an unsere Mädels anzugraben.“ lachte der Junge erneut.

 

„Ist sie echt lesbisch?“ fragte Sonja neugierig nach, da sie von Katja keine Antwort auf die Frage danach bekommen hatte.

 

„Na klar doch. Die war mal mit dem Sven zwei Klassen über uns zusammen. Hat immer nur bei seiner Schwester gesessen, wenn sie eigentlich bei ihm zu Besuch war. Und er sagt, mehr als Händchenhalten hat sie auch nie zugelassen. Die wollte sich nicht mal küssen lassen. Und dann hat er sie nach einem Monat wieder abgeschossen. Seitdem hat sie keinen Kerl mehr in ihre Nähe gelassen. Also Lesbe, ich sag’s doch. Wieso? Hat sie noch nicht versucht dich anzugraben?“

 

„Nee, lass mal. Wir haben uns nur ganz kurz unterhalten und dann bin ich weg. Ich hau jetzt auch mal ab. Hab keine Lust mehr. Bis Montag dann.“

 

„Yo Süße, bis Montag.“ Und damit grinste er Sonja nochmal an, bevor sie die Dorfbibliothek verließ.

 

 

 

Schleimiger Kerl dachte Sonja, als sie durch die Straßen ging. Ihrer Pflegemutter hatte sie gesagt, sie würde zu Fuß nach Hause kommen. Doch da wollte sie noch nicht hin. Ihr Weg führte sie geradewegs zurück zur Schule. Die Schulbibliothek würde bald schließen und sie wollte Katja unbedingt von ihrem Fund erzählen. Also setzte sie sich gemütlich auf die niedrige Mauer, die das Schulgelände abzäunte und wartete.

 

 

 

Als Katja aus dem Gebäude kam, wirkte sie sehr zerstreut. Sonja beobachtete sie einen Moment und folgte ihr dann langsam.

 

 

 

`mein Sohn ist niemals wieder aufgetaucht.´ Diese Worte hallten immer und immer wieder nach in Katjas Innerem. Diese Geschichten um den alten Wald waren wirklich angsteinflößend. Doch viel mehr beschäftigte Katja die Frage was dahinter steckte. Diese Frage war für sie mehr als nur eine Hausaufgabe.

 

 

„Katja pass auf!“ Sonja rannte zu Katja und hielt sie am Arm fest, da sie beinahe auf die Straße gelaufen wäre.

 

Ein LKW fuhr hupend und schimpfend vorbei und Katja sah Sonja verwirrt an. „Wo kommst du denn so plötzlich her?“

 

Sonja half Katja die Bücher aufzuheben, die diese vor Schreck fallen gelassen hatte. „Ich war vorhin in der Dorfbibliothek. Und als ich da weg bin, bin ich noch ein bisschen durch die Gegend gelaufen. Hab noch keine Lust, nach Hause zu gehen. Und was ist mit dir? Du bist ja reichlich zerstreut. Hast du was Interessantes gefunden?“

 

„Nein, gefunden nicht direkt. Aber erfahren. Ich weiß jetzt wer zuletzt im Wald verschwunden ist.“

 

„Ja und? Mach´s nicht so spannend. Wer war es?“

 

„Ich weiß nicht, ob es der Person recht wäre, von der ich es weiß. Sie hat es mir im Vertrauen erzählt. Entschuldige.“ Katja hätte so gern mit Sonja darüber gesprochen, doch sie kannte Sonja noch nicht richtig und hatte Bedenken, dass diese die Information für ihre Hausaufgaben verwenden würde.

 

„Kein Problem. Aber wie lange es her ist, darfst du mir doch erzählen, oder?“

 

„Genau weiß ich es nicht, aber es muss so 20 – 30 Jahre her sein.“

 

„Danach kam auf jeden Fall noch mindestens einer.“

 

„Wonach? Hast du was raus gefunden?“ Katja spürte, dass Sonja etwas wusste. „Na los, sag schon.“

 

„Lass uns irgendwo hingehen. Ein Café oder so. Hier ist es etwas zu windig. Okay?“

 

Skeptisch sah Katja zu Sonja herüber. „Da vorne ist ein Café. Es hat aber nicht mehr lange geöffnet.“

 

„Kein Problem. Nur einen schnellen Kaffee und ich zeige dir, was ich gefunden hab. Na komm.“ Und wie selbstverständlich griff sie Katja am Arm und zog sie zum Café.

 

Nachdem sie einen Kaffee und einen Milchkaffee bestellt hatten, wurde Katja etwas unruhig. „Jetzt zeig schon. Was hast du gefunden?“

 

„Das hier.“ Sonja holte vorsichtig den alten Zeitungsartikel aus der Tasche und reichte ihn Katja.

 

„Wow. Sechs verschwundene Menschen. Wie alt mag dieser Artikel sein? Dann könnten wir vielleicht herausfinden wie viele genau verschwunden sind.“

 

„Katja, du scheinst ganz schön versessen auf diese Geschichte zu sein. Nicht, dass dir das eines Tages noch zum Verhängnis wird.“

 

„Wir kennen uns erst seit heute Morgen. Du brauchst dir also noch keine Sorgen zu machen. Ich will nur so viel wie möglich herausfinden. Ich weiß nicht wieso, aber mich interessiert diese Geschichte unheimlich. Vielleicht finde ich in den Büchern hier ja noch was.“ Katja klopfte sanft auf die alten Bücher, die auf dem Tisch lagen.

 

Sonja sah auf die Bücher und betrachtete Katjas Hand die darauf lag. „Gut, mach das. Wenn du morgen nichts vor hast könnten wir mal nachsehen, ob wir bei der Zeitung noch was finden. Vielleicht lassen die uns ja im Archiv nachsehen.“

 

Katja war wieder hellauf begeistert. „Klasse Idee. Treffen wir uns da? Um neun?“

 

„Ich weiß nicht wo es ist. Treffen wir uns doch lieber bei der Schule oder bei mir. Das ist leichter zu finden.“ grinste Sonja.

 

„Wo wohnst du denn?“

 

„Herrmann-Schiller-Straße 5“

 

„Dann komme ich zu dir. Hast du ein Fahrrad? Das sind von dir aus dann noch knappe 5 km.“

 

„Ja, hab ich. Also morgen um neun. Ich freu mich. Schlaf gut.“ Sonja lächelte Katja noch einmal an und verließ dann das Café.

 

Katja schüttelte leicht den Kopf, lächelte und machte sich auch auf den Heimweg.

Geschichte Nr. 9

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 9 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

Der folgende Text ist urheberrechtlich geschützt und geistiges Eigentum der Autorin. Kopieren und Weiterverbreiten des Inhalts, vollständig oder auszugsweise, sind nicht gestattet. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin.

 

Inhalt

Viktoria ist entsetzt. Die Buchprüfung in ihrer Firma soll ausgerechnet von Belinda durchgeführt werden, ihrer Ex-Freundin.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, wird Viktoria ihr dann auch noch als Assistentin zugeteilt.

Trotz allem was zwischen ihnen vorgefallen ist, muss Viktoria feststellen, dass sie immer noch Gefühle für Belinda hat. Und so versucht sie Belinda so gut es geht aus dem Weg zu gehen, was bei der gemeinsamen Arbeit nicht einfach ist.  

Seltsamerweise macht Belinda immer wieder kleine Andeutungen und Anspielungen auf sie beide, doch Viktoria geht nicht auf ihr Spiel ein. Immerhin ist Belinda verheiratet und Viktoria will sich nicht noch einmal in ihr verlieren.

Als sie sie in einem Café trifft, schiebt sie ihre Mitbewohnerin als ihre Freundin vor, in der Hoffnung, dass Belinda sie nun in Ruhe lassen würde.

Am nächsten Tag sorgt Belinda in der Firma dafür, dass Viktoria mit ihr zusammen nach Berlin reisen wird. Viktoria kann sich ihr Verhalten nicht erklären,  denn Belinda wird nach diesem Wochenende zu ihrer Frau zurückkehren.

 

Es kommt, wie es kommen muss. Viktoria kann sich Belindas Anziehungskraft nicht weiter entziehen und sie verbringen die Nacht  miteinander.

Nach dieser Nacht beschließt Viktoria jedoch, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben werden.

Und selbst  als Belinda ihr offenbart, dass ihre Frau sie verlassen hat und sie Single ist, gibt Viktoria ihren Gefühlen für sie nicht nach. Zu tief hatte sie sie damals verletzt. Das kann sie nicht vergessen und ihr einfach nicht noch einmal vertrauen.

Im Glauben, Belinda nie wieder zu sehen, kehrt sie nach Frankfurt zurück. Doch ihre Chefin lädt sie zum Essen ein. Mit Belinda, die ja für den Abschluss der Buchprüfung noch einmal nach Frankfurt kommen muss.

Viktoria bittet ihre Mitbewohnerin noch einmal als ihre Freundin aufzutreten und Belinda räumt tatsächlich niedergeschlagen das Feld.

Es ist Viktorias Mitbewohnerin, die ihr schließlich die Augen öffnet und ihr klar macht, dass sie dabei ist eine große Chance zu vergeben. Eine Garantie für die ewige Liebe gibt es nicht. Man muss an sich selbst arbeiten und vor allem muss man auch ein Wagnis eingehen können.

Getrieben von ihren gemischten Gefühlen geht Viktoria zu Belinda ins Hotel und bittet sie schließlich, bei ihr zu bleiben.

 

Auszug

„Wo bleibst du denn?“ Strafend blickte Helga Viktoria entgegen, als diese sich neben ihr in die Ecke drückte.

 „Hab ich was verpasst?“ Leicht atemlos hielt Viktoria ihr einen Becher entgegen. „Hier, ich habe uns einen Kaffee besorgt.“

„Und ich dachte schon, du drückst dich vor der Versammlung.“

 „Als wenn ich das wagen würde.“ Grinsend zog Viktoria die Schultern nach oben. „Wer weiß, warum wir hier einbestellt wurden. Ich dachte da kann eine kleine Stärkung nicht schaden.“

„Es hat bestimmt mit dieser leidigen Buchprüfung zu tun.“  Dankbar nahm Helga ihr den Kaffee aus der Hand.

„Wir werden es sicher gleich erfahren.“ Viktoria ließ ihre Blicke durch den Raum gleiten als sich die Tür hinter ihr öffnete und augenblicklich Stille einkehrte.

„Wer ist denn das neben der Richter?“ Neugierig stieß Helga ihr in die Rippen.

Viktoria drehte sich um und erstarrte. Sie hatte das Gefühl als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Ihr Blut schoss mit einem einzigen Blick auf die Frau nach unten und ließ sie schwindelig werden. Wankend griff sie neben sich und packte Helga am Arm.

„Autsch, was machst du denn da?“ Zischte Helga leise und versuchte Viktorias Finger von ihrem Arm zu lösen. „Ist alles in Ordnung? Du bist kreidebleich geworden.“

Wie hypnotisiert starrte Viktoria auf die Frau, die hinter ihrer Chefin durch den Raum schritt und sich am Rednerpult neben sie stellte. Ihr Mund war mit einem Mal staubtrocken, als hätte sie gerade einen Marsch durch die Wüste hinter sich gebracht.

´Wie kann das sein? Warum ist sie hier? `  Ohne Unterlass rasten ihre Gedanken.

´Himmel, sie sieht immer noch so umwerfend aus, wie vor drei Jahren. `

Ihre Chefin begann zu reden, doch Viktoria verstand kein einziges Wort ihrer Ansprache.

Sie nutzte Helgas breite Schultern, um sich, so gut es ging, hinter ihr zu verstecken. Sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass Belinda sie erkannte. Alles, bloß das nicht.

Auch wenn sie selbst nicht gesehen werden wollte, sie konnte nicht umhin und sah heimlich um Helga herum. Neugierig begann sie, Belinda aus der Entfernung zu mustern.

Sie hatte sich wirklich kaum verändert, wie Viktoria neidlos zugeben musste. Ihre langen, blonden Haare umschmeichelten in sanften Wellen ihr schmales Gesicht. Ihre grünen Augen…

Viktoria seufzte und fuhr sich mit der Hand durch ihre kurzen Haare.

„Sehr schön, Frau Ahrens. Danke, dass Sie sich freiwillig melden. Das wäre dann ja geklärt.“ Frau Richter nickte Viktoria beinahe erleichtert zu und rauschte, mit Belinda im Schlepptau, aus dem Raum.

Aus dem Augenwinkel konnte Viktoria noch den überraschten Blick sehen, den Belinda ihr dabei zuwarf.

„Was ist geklärt? Wofür habe ich mich gemeldet?“ Irritiert drehte Viktoria sich zu Helga um, die sie mitleidig ansah.

„Du hast dich freiwillig zur Buchprüfung gemeldet.“

„Was?“ Pures Entsetzen kroch Viktoria durch die Adern. „Aber wie kommt sie denn auf so eine Idee? Ich habe doch gar nichts gesagt.“

„Aber du hast die Hand gehoben, das hat sie als Meldung angesehen.“

„Ich habe…Aber, das stimmt doch nicht.“ Viktorias Protest löste bei ihrer Kollegin nur ein müdes Schulterzucken aus.

„Nun, ob es stimmt oder nicht. Du kannst ja zu ihr gehen und sagen, dass du es nicht machst.“

„Sehr witzig, Helga.“ Missmutig warf Viktoria ihrer Kollegin einen bösen Blick zu.

„Warum bist du übrigens so bleich geworden?“

„Keine Ahnung was du meinst.“ Viktoria drehte sich um und ging aus dem Raum hinaus. An ihrem Arbeitsplatz ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen und starrte vor sich ins Leere.

„Nun, dann sag ich dir was ich meine.“ Helga baute sich vor ihr auf und sah sie mit erhobenem Finger an. „In dem Moment, in dem die Richter und die andere hier reinkamen, in dem Moment bist du kreidebleich geworden und hast mir fast den Arm ausgerenkt. Also, willst du mir sagen was los ist?“

Seufzend fuhr Viktoria sich über ihre Augen. Für einen Moment überlegte sie, Helga alles zu erzählen, doch dann entschied sie sich dagegen. Auch wenn Helga ihr von all ihren Kolleginnen am liebsten war und somit weitaus mehr als nur eine Kollegin für sie bedeutete, sie war fester Bestandteil des Firmeninternen Buschfunks und Viktoria hatte keine Lust, auch noch zum Gesprächsthema zu werden.

„Frau Ahrens, kommen Sie bitte in mein Büro.“ Die Stimme ihrer Chefin drang durch das Großraumbüro und enthob Viktoria einer Antwort.

Sie schob den Stuhl nach hinten und durchquerte langsam das Büro. Je näher sie dem Zimmer ihrer Chefin kam, umso stärker umschloss die eiserne Klammer ihr Herz und presste es zusammen.

Sie konnte die Schweißperlen spüren, die sich auf ihrer Stirn bildeten.

´Himmel, reiß dich zusammen` schalt sie sich innerlich, doch das war leichter gesagt als getan. ´Du klärst das jetzt mit Frau Richter und gut ist. Dann bekommst du Belinda auch nicht mehr zu Gesicht. `

Sie klopfte leise an die schwere Tür, die augenblicklich von innen aufgerissen wurde.

„Da sind Sie ja, kommen Sie herein.“ Ingeborg Richter zog sie beinahe in den Raum hinein und warf die Tür hinter ihr ins Schloss. „Schön, dass Sie sich freiwillig gemeldet haben.“

„Öhm, Frau Richter, ich glaube da gab es ein Missverständnis.“ Viktoria wusste, dass sie nur eine einzige Chance haben würde, um aus ihrer misslichen Lage herauszukommen. Und sie wollte alles daran setzen, diese Chance zu nutzen.

„Hallo Vicky.“ Die sanfte Stimme drang von der Seite an Viktorias Ohr und ließ sie erschrocken herumfahren. Sie hatte nicht bemerkt, dass Belinda ebenfalls im Zimmer war.

„Hallo, Belinda.“ Mühsam presste sie die Worte hervor.

„Oh, Sie kennen sich bereits.“ Neugierig sah Ingeborg Richter von Viktoria zu Belinda und zurück.

„Wow, du hast dich ganz schön verändert.“ Belinda trat näher und ließ ihre grünen Augen über Viktorias schlanke Gestalt gleiten. „Ich hätte dich vorhin beinahe nicht erkannt.“

„Wenn du das sagst.“ Viktoria spürte wie es ihr angesichts Belindas Blicke heiß und kalt den Rücken herunter lief. Energisch drehte sie sich zu ihrer Chefin um. „Was ich sagen wollte, Frau Richter. Ich habe mich nicht gemeldet. Das ist ein Missverständnis.“

„Nun.“ Ingeborg Richter sah sie nur kurz an. „Das mag wohl so sein. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich Sie nun für die Buchprüfung Frau Sommer zugeteilt habe.“

„Sommer?“ Viktoria fuhr herum und sah Belinda fassungslos an. Sie konnte dabei nicht verhindern, dass ihr der unbekannte Name über die Lippen kam.

„Ich habe geheiratet.“ Belinda trat auf Viktoria zu und lächelte sie beinahe entschuldigend an.

Belindas leise gesprochenen Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht von Viktoria. Eisige Kälte kroch durch ihre Adern, bis sie ihr Herz erreichte und es zum Bersten brachte. Wieder einmal.

Viktoria spürte, wie ihre Lippen zu zittern begannen und biss sich so fest darauf, bis sie den metallischen Geschmack ihres Blutes spürte.

„Glückwunsch.“ Presste sie zwischen ihren schmerzenden Lippen hervor.

Stocksteif stand sie vor Belinda und senkte den Kopf. Sie brachte es einfach nicht fertig, ihr in die Augen zu sehen. Eine tiefe Ohnmacht ergriff von ihr Besitz.

„Danke. Und du? Wie ist es dir so ergangen?“ Belindas sanfte Stimme klang wie Hohn in Viktorias Ohren und ließ sie langsam den Kopf heben.

Viktoria atmete zweimal tief ein und aus. Sie konnte den Druck spüren, der sich hinter ihren Schläfen aufbaute. Am liebsten hätte sie Belinda angeschrien. An den Armen gepackt und geschüttelt. Aber das konnte sie hier, und vor allem vor Frau Richter, kaum tun.

„Alles prima.“ Mehr bekam sie einfach nicht über ihre zitternden Lippen.

Sie standen sich gegenüber und sahen sich weiter an. Viktoria konnte die Intensität von Belindas Blick beinahe körperlich spüren. Ein heftiges Kribbeln raste durch ihre Adern.

Ihr Herz begann erneut schmerzhaft in ihrer Brust zu pochen. Sie konnte sehen, dass Belinda ihr nicht glaubte. Sie hatte sie schon immer leicht durchschaut. Im Gegensatz zu ihr, Viktoria, sie hatte ihr vertraut, hätte niemals im Leben geahnt, dass sie…

´Hör auf `, herrschte sie sich still an.

Für einen  Moment standen sie sich noch stumm gegenüber, dann verzog Belinda ihr Gesicht zu einem schmalen Lächeln. „Wir werden also die Prüfung gemeinsam bearbeiten. Ich freu mich darauf.“ Sie nickte Frau Richter kurz zu und verließ den Raum. Eine Wolke ihres teuren Parfums hinter sich herziehend.

Viktoria schloss die Augen und atmete tief den süßlichen Duft ein. Alte Erinnerungen tauchten vor ihr auf. Erinnerungen, die sie eigentlich tief in ihrem Gedächtnis vergraben hatte und die sie nie mehr an die Oberfläche holen wollte.

„Frau Ahrens, haben Sie mich gehört?“

„Was?“ Irritiert öffnete Viktoria die Augen und sah in das runde Gesicht ihrer Chefin. „Entschuldigung, Frau Richter, was haben Sie gesagt?“

„Ich habe gefragt woher Sie sich kennen, Sie und Frau Sommer.“

Nachdenklich drehte Viktoria sich leicht zur Seite und sah zur Tür, durch die Belinda gerade verschwunden war. Kurz blickte sie zu ihrer Chefin zurück und zuckte leicht die Schultern.

„Das war in einem anderen Leben.“ Sie zögerte einen Moment bevor sie weitersprach. „Bitte, Frau Richter, gibt es eine Möglichkeit, mich von der Aufgabe zu befreien?“

„Tut mir leid, Frau Ahrens. Ich habe Sie jetzt schon dafür eingeteilt und das bleibt auch so.“

Viktoria schluckte wortlos ihre Niederlage herunter und verließ das Büro.

Ohne an ihren Schreibtisch zurückzukehren lief sie aus dem Gebäude. Tief atmete sie die kühle Luft ein und sah in den klaren Himmel über ihr.

Wie konnte das sein? Warum musste Belinda ausgerechnet für ihre Firma für die Buchprüfung eingeteilt werden? Oh, Himmel, warum war sie nur hier?

Nur langsam ließ das unangenehme Pochen hinter ihren Schläfen nach. Noch immer hatte sie den Duft des Parfums in der Nase und noch immer konnte sie nicht fassen, dass Belinda tatsächlich hier in Frankfurt war.

Sie war verheiratet. Dieser Gedanke umfasste ihr Herz wie mit einer Eisenfaust und presste es zusammen. Viktoria versuchte tapfer ihre Enttäuschung herunterzuschlucken.

Ob ihre Frau auch hier war? Und selbst wenn, was machte es schon für einen Unterschied? Zumindest keinen für Viktoria.

 Langsam lief sie durch die Straßen zu sich nach Hause. Sie strengte ihre Gehirnzellen an, kam jedoch nicht auf den Namen der Frau, wegen der Belinda sie damals verlassen hatte. Sie hatte nur über Umwege überhaupt von ihr erfahren. Belinda selbst hatte sie ja einfach wortlos stehen lassen. Und diese Tatsache schmerzte Viktoria auch nach drei Jahren noch am meisten.

Geschichte Nr. 10

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 10 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

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Inhalt

Antonia und Julia sind beste Freundinnen – bis zu dem Zeitpunkt als Antonia ihren neuen Job in New York antritt und sich über ein Jahr nicht bei Julia meldet.

Dies allein wäre schon schlimm genug. Was die Trennung für beide noch unerträglicher macht ist, dass die beiden sich am Tag vor Antonias Abflug unerwartet küssen.

Julia bleibt zurück und muss mit ihren Gefühlen und Zweifeln alleine fertigwerden. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Mitbewohnerin Franka, doch Antonia kann auch sie nicht ersetzen.

Nach ihrer Rückkehr will Toni ihren Fehler wieder gut machen, was ihr eher schlecht als Recht gelingt. Rosalie, ihre Nachbarin, steht ihr mit Rat und Tat zur Seite, aber eine Lösung kann auch sie nicht für Antonia finden.

Jedes Mal wenn Antonia und Julia sich wieder langsam einander annähern und den Verstand abschalten um ihren Gefühlen zu folgen, scheint eine Katastrophe der nächsten zu folgen und macht ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Erst das Zulassen ihrer wahren Gefühle, die schonungslose Wahrheit und eine Reise an die Nordsee machen es möglich, dass Antonia und Julia endlich zueinanderfinden.
 
Dabei hätten die beiden das schon viel früher haben können: Seit über einem Jahr.

 

Auszug

Kapitel 1

Um sich nicht wie auf dem Präsentierteller vorzukommen, setzte Antonia sich schnell an einen freien Tisch im hinteren Bereich des Restaurants. Von dort aus hatte sie den gesamten Gastraum im Blick, ohne gleich auf Anhieb entdeckt zu werden.
Auch wenn seit ihrem letzten Kuss auf dem Labortisch von Julias Chef schon einige Monate vergangen waren, konnte sich Antonia noch immer an den Blick, welcher in Julias Augen lag, erinnern. Würde sie diesen Blick heute – nach all der Zeit – auch wieder entdecken? Gedankenversunken spielte Toni mit ihrer Schlüsselkette.
Erst die Kellnerin holte sie mit ihrer Frage in die Realität zurück. „Möchten Sie schon bestellen?“
„Danke, nein. Ich warte noch auf meine Freundin. Oder warten Sie, vielleicht doch. Einen Espresso. Am besten gleich einen doppelten. Bitte.“, stammelte sie.
Antonia war ihr unsicheres Auftreten mehr als unangenehm. Wenn sie es nicht mal schaffte, gelassen ein Getränk zu bestellen, wie sollte sie es dann schaffen, Julia in die Augen zu sehen?
In diesem Augenblick sah sie, wie ein Auto vor dem Restaurant anhielt und Julia auf der Beifahrerseite ausstieg.
Kneifen ging jetzt nicht mehr – es sei denn, sie würde sie hier hinten nicht entdecken.

 

Das Auto war so schnell verschwunden wie es gekommen war. Und während Julia zum Eingang des Restaurants lief und abwechselnd auf ihr Smartphone und durch die großen Fenster am Eingang schaute, bemerkte Antonia wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Eine Mischung aus Freude, Aufregung und Unsicherheit machte sich in ihr breit. War es doch keine gute Idee sich so schnell bei Julia zu melden? Hätte sie sich etwas mehr Zeit geben sollen? Wenn sie jetzt aufstehen und durch den Hintereingang verschwinden würde, könnte sie so tun, als sei ihr etwas dazwischen gekommen und Julia würde niemals erfahren, dass sie gekniffen hatte. Doch bevor Toni ihren Gedanken zu Ende bringen konnte, stand schon die Kellnerin vor ihr und brachte ihr den doppelten Espresso und ein Glas Wasser. Chance vertan. Würde sie jetzt gehen, wäre sie nicht nur feige, sondern würde auch noch die Zeche prellen.

 

„Danke.“, sagte Antonia stattdessen und griff fast augenblicklich nach dem Glas Wasser. Julia hatte sie noch nicht entdeckt. Toni konnte sie dabei beobachten, wie sie selbstbewusst den Gastraum betrat und ihr langes kastanienbraunes Haar in den Nacken warf. Sie hatte sich in all den Monaten kein bisschen verändert. Obwohl. Die Haare schienen etwas kürzer zu sein. Sie strahlte noch immer mit jedem Schritt diese Präsenz und Zielstrebigkeit aus, die Antonia schon immer an ihr bewundert hat. Und da war es. In dem Augenblick als sich ihre Blicke trafen, huschte dieses zauberhafte Lächeln über ihr Gesicht. Es war nur ein Hauch. Fremde würden diesen Moment vermutlich gar nicht wahrnehmen, doch Antonia war dieses Gesicht so unglaublich vertraut. Ihr wurde heiß und kalt und sie versuchte krampfhaft lässig zu wirken. Sollte sie aufstehen und ihr entgegengehen oder ganz locker sitzen bleiben und Julia auf sich zukommen lassen? Erst Mal sitzen bleiben. Besser aufstehen. Aufstehen ist genau dazwischen. Höflich, aber doch gelassen. So hätte es wirken können als Toni etwas zu schnell aufsprang und mit ihrem Knie so sehr an den Tisch stieß, dass ihr der Schmerz nicht nur durchs Bein jagte, sondern sie zu allem Überfluss auch noch das Glas Wasser umwarf.
„Verdammt. So ein Mist.“ Ungelenk versuchte Toni das Wasser aufzuhalten.
„Na wenn das Mal keine nette Begrüßung ist! Ich freu mich auch dich zu sehen Antonia.“, lachte Julia, stellte ihre Tasche auf einen der freien Stühle und kam direkt auf Toni zu um sie fest in die Arme zu schließen.

Das ging doch Mal gehörig daneben. Seit über einem Jahr hatten sie sich nicht gesehen und dann so etwas.

„Hat es dir jetzt auch noch die Sprache verschlagen oder hast du verlernt deutsch zu sprechen?“ Das war Julia. Kein peinliches Schweigen, keine bissigen Kommentare, einfach nur wohlfühlen.
„Entschuldige. Ich ähm bin da wohl mit dem Fuß hängen geblieben.“ Die Kellnerin hatte das Missgeschick bemerkt und war bereits dabei den Tisch zu wischen. „Danke. Das tut mir sehr leid. Möchtest du vielleicht gleich bestellen?“
„Gerne. Ich nehme einen Espresso.“, antwortete Julia. Die Bedienung nickte freundlich und ließ die beiden am Tisch zurück. Julia hatte zwischenzeitlich auf dem Stuhl gegenüber von Antonia Platz genommen.
„Du trinkst Kaffee? Seit wann? Das letzte Mal als ich dich Koffein zu dir nehmen hab sehen war dir schon ein Milchkaffee zu stark und jetzt gleich Espresso? Ich bin überrascht.“ Das war Toni wirklich. Wie oft musste sie sich in der Vergangenheit anhören, dass sie nicht so viel Kaffee trinken soll und nun zog Julia nach?
„Hallo Julia. Ich freu mich auch dich zu sehen….“  Amüsiert zog Julia ihre Augenbraue nach oben und lächelte Antonia verschmitzt zu.
„Hi. Ja. Also das tu ich wirklich. Schön dass du gekommen bist.“ Toni merkte wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.
„Kein Grund gleich rot zu werden.“ Ihre schonungslose Ehrlichkeit hatte Antonia fast vergessen.
„Wie geht es dir? Du siehst toll aus. Viel zu tun im Labor oder kannst du dir mittlerweile etwas mehr Freizeit gönnen?“ Antonia schüttelte den Kopf. Was redete sie denn da? Und warum musste sie gleich in den ersten Sätzen vom Labor sprechen? Sie hatte sich doch fest vorgenommen diesen Augenblick am Labortisch völlig außen vor zu lassen und mit keiner Silbe zu erwähnen.
„Danke. Ich kann nicht klagen. Es ist gut angelaufen und „Il Dragon“ lässt mir langsam die lange Leine.“, antwortete Julia knapp.  
„Il Dragon“ – nennt ihr euren Chef noch immer so? Hat er sich denn kein bisschen geändert?“, lachte Toni und nahm einen großen Schluck Espresso. Julia tat es ihr gleich als sie ihre Tasse bekommen hatte.
„ Tja, was  soll ich sagen. Manche Dinge ändern sich eben nie. Er ist und bleibt ein Kontrollfreak. Aber er scheint mir zu vertrauen. Immerhin hat er mir nun auch offiziell die Laborleitung übertragen.“ Antonia konnte sehen, dass Julia ziemlich stolz auf ihren Erfolg war. Immerhin hatte sie die letzten Jahre mit aller Energie auf dieses Ziel hingearbeitet.
„Glückwunsch! Wenn das Mal keine Neuigkeiten sind! Ich hab es dir ja immer gesagt. Irgendwann übernimmst du den Laden. Worauf habt ihr euch denn mittlerweile spezialisiert?“, plapperte Antonia drauf los. Läuft langsam doch ganz gut.
„Ich will dich nicht mit dem Laborzeug langweilen. Ist alles nicht der Rede wert. Erzähl du lieber von dir.“ Julia hatte wohl ebenfalls den Plan die Gesprächsführung an sich zu reißen.

„Wo soll ich da anfangen…?“ , schnaufte Antonia und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

„Am besten vor über einem Jahr als du von einem Tag auf den anderen in die USA bist und dich bis vorgestern nicht bei mir gemeldet hast?“ Das hatte gesessen. Julia wirkte ernst, aber nicht wütend.
„Julia. Ich bin nicht von einem Tag auf den anderen in die USA. Ich… Ich musste früher nach New York. Die Firma hat mich auf einen früheren Flug gebucht. Es war alles so hektisch und alles musste so schnell gehen, da hab ich mein Handy liegen lassen…“ Antonia merkte, dass sie sich mit ihren Entschuldigungen in die Rechtfertigungsrolle begab, aber sie wollte um alles in der Welt verhindern, dass Julia ihr weitere Vorwürfe machte.
„Und in Amerika gibt es keine Handys?“, hakte sie nach. Ihr Gesicht wirkte ernst und Antonia konnte nicht zuordnen in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte.
„Doch. Natürlich. Aber ich hatte deine Nummer nicht im Kopf. Du weißt doch, dass ich mir Zahlen nicht besonders gut merken kann…“ Diese Ausrede war lahm, entsprach jedoch der Wahrheit.
„E-Mail? Oder haben die in den USA noch kein „World Wide Web“?“ Julia ließ nicht locker.
„Schon. Na klar. Ich hatte in den ersten Wochen einfach unglaublich viel zu tun. Und als ich langsam etwas mehr Zeit hatte, da kam es mir irgendwie falsch vor….“ Antonia riskierte sich um Kopf und Kragen zu reden. Aber es war die Wahrheit. Zumindest fast. Erst hatte sie keinen Mut Julia zu schreiben und nach einigen Wochen wusste sie nicht wie sie sich melden sollte.
„Ich hätte mich auch über eine Postkarte gefreut…. Oder hast du vor lauter Stress auch noch meine Adresse vergessen?“ Jetzt wirkte Julia fast traurig.
„Julia. Ich weiß, dass es falsch war mich nicht zu melden. Aber ich kann es jetzt nicht mehr rückgängig machen. Komm schon. Sei bitte nicht wütend oder traurig. Ich hab dir auch was aus New York mitgebracht.“ Mit einem unsicheren Lächeln zwinkerte Antonia ihr zu. Sie hatte das Gefühl einen dicken Kloß im Hals zu haben. Es gab nichts was ihr Verhalten entschuldigen konnte. Doch sie wollte nicht, dass Julia erfuhr, dass sie einfach zu feige war sich zu melden. Noch sollte sie es nicht erfahren. Irgendwann vielleicht, aber nicht hier und jetzt.
„Antonia. Ich hab mir einfach Sorgen gemacht! Nachdem ich von deiner Mutter erfahren hab, dass du schon in New York bist, hab ich nicht einmal erfahren, ob es dir gut geht. Dir hätte sonst etwas passieren können! Wir sind doch Freundinnen. Wir waren sogar die besten Freundinnen.“  Das saß.  
„Das sind wir noch immer. Oder können es wieder werden. Es ist so viel passiert. Ich hab dir so viel zu erzählen Julia.“ Toni war bemüht ruhig zu bleiben. Dabei war sie unglaublich beunruhigt und hatte Angst davor, dass Julia aufstehen und sie einfach sitzen lassen könnte.

Julia lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und musterte Antonia mit zusammengekniffenen Augen. Sie schwieg. Neigte den Kopf leicht zur Seite, nahm einen letzten Schluck Espresso und nickte zufrieden.
„Julia! Sag was!“ Toni konnte dieses Schweigen zwischen ihnen nicht ertragen. „Bitte.“
„Ich muss los Antonia. Das Meeting heute Nachmittag hab ich schon vor Wochen einberufen und es kommt wohl nicht besonders gut an wenn die Chefin zu spät kommt.“ Julia stand tatsächlich auf. War es das nun endgültig mit ihrer Freundschaft?
„Julia. Es… es tut mir leid. Es tut mir echt leid, dass ich mich nicht gemeldet hab.“ Toni stand ebenfalls auf.
Wieder dieses eisige Schweigen.
„Dann melde dich heute Abend. Der geht auf dich – das ist das mindeste. Ich muss los. Mach’s gut.“ Julia deute auf die leere Espressotasse, schnappte sich ihre Handtasche und legte eine Karte auf den Tisch. „Damit du meine Nummer nicht wieder vergisst…“ Ein letztes Zwinkern und weg war sie.

 

 

Kapitel 2

Das Herz schlug Julia bis zum Hals. Souverän abweisend zu wirken, hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie dachte. Sie verließ das Restaurant ohne sich nochmals umzudrehen und vermied auch einen letzten Blick auf die zurückgelassene Antonia, als sie an der großen Fensterfront vorbeilief.
In der Querstraße neben dem Lokal stand einige Meter entfernt das Auto, welches Julia vorhin zum Treffpunkt gefahren hatte. Franka saß am Steuer und wartete, so wie es ausgemacht war. Julia öffnete die Beifahrertür und schnallte sich an, noch bevor ihre Fahrerin realisiert hatte, dass sie zurück war.

„Das ging aber schnell.“, bemerkte Franka nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr.
„Fahr los!“, sagte Julia panisch.
„Ist ja gut. War es denn so schlimm?“, fragte Franka und drehte den Zündschlüssel um.
„Schlimmer!“, antwortete Julia und sank resigniert in den Autositz.
Franka versuchte sich in den fließenden Verkehr einzuordnen, was ihr einige Konzentration abverlangte. Am liebsten wäre sie stehen geblieben um in Ruhe mit Julia reden zu können. So hatte sie das Gefühl immer nur mit halbem Ohr bei ihr zu sein.
„Es war schrecklich. Ich hab mich benommen wie ein arroganter Eisklotz.“, jammerte Julia und verbarg ihr Gesicht kopfschüttelnd in ihren Händen.
„Sehr gut! Das ist doch genau das was du wolltest!“ Franka versuchte sie zu bestärken.
„Falsch! Das ist was du wolltest! Sie denkt bestimmt ich sei völlig bescheuert.“ Julia merkte wie all die Anspannung der letzten Tage von ihr abfiel.
„Jetzt hör aber auf! Wir haben die letzten beiden Tage seit Antonia sich bei dir gemeldet hat über nichts anderes gesprochen. Du wolltest, dass ich dir dabei helfe einen Schlachtplan zu entwickeln. Und nichts anderes hab ich getan.“ Franka war enttäuscht, dass Julia kein bisschen mehr von der Genialität ihres Plans überzeugt zu sein schien. Dabei hatten sie wirklich Stunden damit verbracht sich zu überlegen, wie sie sich am besten gegenüber Toni verhalten sollte.
„Entschuldige. Ich komm mir nur so blöd vor.“, sagte Julia und legte ihren Kopf in den Nacken.
„Kein Ding. Wir sind gleich zuhause. Dann kannst du mir alles in Ruhe erzählen.“ Aufmunternd sah Franka zu ihrer Mitbewohnerin hinüber und hoffte, dass sie Julia so etwas aufheitern oder zumindest beruhigen konnte.

Zur gleichen Zeit zahlte Antonia die Rechnung und entschuldigte sich nochmals für das Missgeschick mit dem Wasserglas.
Resigniert und nachdenklich machte sie sich auf den Heimweg. Es war zwar ein Fußmarsch von rund drei Kilometern, aber den brauchte sie nach diesem seltsamen Wiedersehen einfach. Wie schön hatte sie sich das Treffen mit Julia ausgemalt. Nie im Leben hatte sie damit gerechnet, dass sie schon nach so kurzer Zeit gehen würde. Warum hatte sie mit keiner Silbe erwähnt, dass sie ein Meeting hatte? Sie hätten das Treffen doch auch auf einen anderen Tag verschieben können. Auf einen Tag mehr oder weniger kam es doch nun auch nicht mehr an. Julia nahm es ihr wirklich sehr krumm, dass sie sich nicht bei ihr gemeldet hatte. Aber wenn Toni ehrlich zu sich selbst war, konnte sie ihr das gar nicht verübeln. Was hatte sie denn erwartet? Dass Julia nach über einem Jahr freudestrahlend vor ihr stand, sie in die Arme schloss und sie dort anknüpfen konnten, wo sie vergangenes Jahr im Mai aufgehört hatten? Und damit meinte Antonia nicht einmal unbedingt diesen einzigen Kuss auf der Eröffnungsfeier des Labors, sondern vor allem ihre innige Freundschaft. Zugegeben, das Gefühl Julia zu küssen hatte sie in all den Monaten nicht vergessen können, allerdings vermisste sie vor allem ihre beste Freundin.

Antonia wollte nicht ihren Erinnerungen nachhängen. Zu lange hatte sie das in New York getan. Um auf andere Gedanken zu kommen, griff sie nach ihrem Smartphone und wählte die Nummer von Rosalie. Zum Glück musste Toni nicht lange warten bis sie abnahm.
„Hi Toni. Wo bist du? Ist euer Treffen schon vorbei? Wie war’s?“, plapperte Rosalie gleich drauf los. Genau das brauchte Antonia jetzt.
„Hi Rosalie. Ja, ist es. Julia hatte noch einen Termin. Keine Ahnung… Bist du daheim?“ Toni hoffte inständig, dass sie das war.
„Vor zehn Minuten zur Tür rein. Magst du vorbeikommen oder soll ich rauf zu dir?“, fragte Rosalie ohne nachzuhaken. Das mochte Toni so an ihr. Kein Verhör, aber immer ein offenes Ohr. Seit Antonia vor drei Jahren hierhergezogen war, hatte sie schnell ihre quirlige Nachbarin eine Etage tiefer kennengelernt. Rosalie war einige Jahre jünger als Antonia und studierte Medizin. Daher waren in der ersten Zeit einige nächtliche Partys Anlass dafür sich zu beschweren. Bis Antonia spontan zu einer eingeladen wurde und Rosalie und ihre Kommilitonen besser kennenlernen konnte.
„Ich bin gerade auf dem Weg. Kann aber noch dauern. Ich bin zu Fuß unterwegs. Gib mir eine Stunde, dann mach ich mich frisch und komm runter zu dir. Ich wollte ja sowieso noch den Schlüssel von dir abholen.“ Das war nur die halbe Wahrheit. Denn obwohl Antonia schon seit drei Tagen zurück war, hatte sie es bisher nicht geschafft einkaufen zu gehen. Stattdessen ernährte sie sich im Augenblick einzig und allein von Lieferdiensten.
„Klar. Ich wollte mir gerade eine Kleinigkeit kochen. Dann kannst du gleich mitessen. Bis später.“ Und schon hatte Rosalie aufgelegt.
Perfekt. Dann brauchte sie auch heute nicht einkaufen zu gehen dachte Antonia und lief unbewusst einen Schritt schneller.


Als Franka die Tür der WG aufsperrte und hinter Julia in die Wohnung ging, hielt sie das Schweigen nicht länger aus und fasste einen Entschluss.
„Wein?“, fragte sie und war schon auf dem  Weg in die Küche.
„Um diese Zeit? Es ist noch nicht einmal 18 Uhr.“, sagte Julia verwundert und stellte ihre Tasche im Flur ab.
„In Italien ist es nie zu früh für einen guten Rotwein. Hol schon mal die Gläser im Wohnzimmer. Ich komm gleich zu dir auf den Balkon.“ Franka war mit ganzem Herzen Italienerin und liebte guten Wein. Außerdem hoffte sie, dass Julia sich so etwas entspannen und ihr dann den Grund für das schnelle Ende des Treffens erzählen würde.
Julia ging ins Wohnzimmer und griff zu ihrer eigenen Verwunderung wirklich nach zwei Rotweingläsern. Sie öffnete die Balkontür, stellte die Gläser auf dem runden Tisch ab und ließ sich in einen der beiden Stühle fallen. Obwohl das Treffen mit Antonia nur sehr kurz war, hatte es sie sehr aufgewühlt. Julia spürte noch immer diese Anspannung der letzten Tage in sich. Diese Mischung aus Freude und Unsicherheit. Aber auch Wut und Enttäuschung.

Als Antonia damals nach New York ging und sich nicht bei ihr meldete, tröstete sie sich die ersten Tage damit, dass sie wohl viel um die Ohren hatte. Die neue Stelle als Ausbilderin bei dieser großen Versicherung, die neuen Kollegen, die Zeitverschiebung, der Jetlag. Julia ließ sich alle möglichen Entschuldigungen für Antonia einfallen. Als die erste Woche vorbei war und sie auch nach einem Monat noch nichts von ihr gehört hatte, kamen so langsam die ersten Zweifel auf. Hatte Toni dieser Kuss denn gar nichts bedeutet?

„Woran denkst du gerade?“, riss Franka Julia aus ihren Gedanken.
„Ach nichts. Ich  glaub ich hab den Espresso nicht gut vertragen. Ich mach heute Nacht bestimmt kein Auge zu.“ Julia versuchte sich herauszureden und schüttelte den Kopf.
„Klar. Das liegt bestimmt nur am Espresso… Warum hast du denn überhaupt einen getrunken wenn du schon weißt, dass du Koffein nicht gut verträgst.“ Franka setzte sich und griff nach den Gläsern um den Wein einzuschenken. Sie musste fast schmunzeln Julia so zu sehen.
„Hast du nicht gesagt ich solle ihr zeigen, dass auch ich mich verändern kann?“ Kaum hatte Franka die Gläser auf den Tisch gestellt, griff Julia nach ihrem und nahm einen großen Schluck.
„Damit hab ich sicher nicht gemeint, dass du Espresso trinken sollst. Antonia ist die Unmengen an Koffein gewöhnt. Du kriegst ja schon von einem Milchkaffee Herzrasen.“,  lachte Franka und prostete Julia zu.
„Ja ja. Die arme kleine Julia die ein Espresso aus den Latschen haut und ein einziger Kuss um den Verstand bringt. Ist ja gut.“, entgegnete Julia gereizt.

„Magst du reden?“ Fragte Franka ruhig und schluckte ihren ersten bissigen Kommentar hinunter. Normalerweise war sie sehr temperamentvoll und würde ganz anders darauf reagieren, dass sich Julia ihrem Selbstmitleid ergab. Doch Franka hatte miterlebt, wie sehr sie darunter gelitten hatte, dass Antonia sich nicht meldete.
„Sie war so süß. Hat ihr Wasserglas umgeworfen.“, antwortete Julia postwendet und nahm einen weiteren großen Schluck aus ihrem Glas.
„Das findest du süß?“ Franka konnte die Begeisterung nicht nachvollziehen.
„Ja. Weil das bedeutet, dass sie auch aufgeregt war.“, antwortete Julia.
„Oder einfach nur schusselig?“, konterte Franka.
„Es war so schön sie zu sehen. Sie hat sich kein bisschen verändert.“, schwärmte Julia.
„Oder du hast dich kein bisschen verändert.“, gab Franka zu bedenken.
„Wie meinst du das denn?“ Julia sah ihre Mitbewohnerin erwartungsvoll an.
„Julia. Bitte versteh mich nicht falsch, aber hast du vergessen wie sehr du im letzten Jahr gelitten hast?“ Franka lehnte sich zurück und ließ den Satz unkommentiert stehen. Vorerst.
Aber auch sie konnte nicht aus ihrer Haut.
„Hat Antonia dir denn erklärt weshalb sie sich nicht bei dir gemeldet hat? Hat sie dir erklärt weshalb sie dich geküsst hat und dann einfach so verschwunden ist? Hat sie sich bei dir entschuldigt?“ Franka konnte all den aufgestauten Ärger in sich fühlen. Sie konnte einfach nicht glauben, dass Julia Antonia scheinbar einfach vergeben hatte.
„Antonia hat ihr Handy liegen lassen. Sie musste einen früheren Flug nehmen und war deshalb so schnell verschwunden. Meine Nummer konnte sie ja nie auswendig.“ Julia merkte selbst, dass sie bereits wieder dabei war Antonia in Schutz zu nehmen.
„Und an ihr E-Mail-Passwort konnte sie sich in Amerika auch nicht mehr erinnern? Notfalls hätte sie dir ja auch einen Brief schreiben können? Oder eine Ansichtskarte vom Big Apple?“
Franka versuchte Julia ein wenig aus der Reserve zu locken. Mit Erfolg.
„Das hab ich ihr auch gesagt. Ich weiß ja, dass du Recht hast. Aber ich bin eben einfach nicht so abgebrüht wie du. Auch wenn ich mir wirklich alle Mühe gegeben hab. Und ja, sie hat sich entschuldigt.“, antwortete Julia.
„Na immerhin hat sie sich entschuldigt. Weshalb bist du dann der Meinung, dass es nicht gut gelaufen ist?“ Franka war stolz auf ihre Mitbewohnerin.
„Weil ich einfach nicht ich selbst war. Ich bin gegangen, weil ich ihr nicht länger in die Augen hätte sehen können, ohne sie auf unseren Kuss anzusprechen. Ich hab ein Meeting erfunden um schnell abhauen zu können. Und ich hab ihr meine Visitenkarte gegeben, damit sie meine Nummer nicht wieder vergisst. Antonia muss mich für völlig irre halten.“ Julia trank den Rest ihres Glases in einem Schluck leer.
„Süße. Das ist perfekt! Du kannst stolz auf dich sein!“ Und schon schenkte Franka ihr nach.
„Perfekt. Dass ich nicht lache. Das ist absolut lächerlich. Ein Meeting. An einem Freitagnachmittag.“  Julia musste über sich selbst lachen und schüttelte zur eigenen Bestätigung den Kopf.
„Aber das wissen nur wir beide. Antonia hat keine Ahnung, dass es dieses Meeting nie gegeben hat. Oder wäre es dir lieber, wenn du in Tränen ausgebrochen und einfach davongelaufen wärst?“ Und wie stolz sie auf Julia war. Ihr Plan war doch perfekt aufgegangen.

Je länger Julia darüber nachdachte, desto mehr erkannte sie, dass Franka absolut Recht hatte. Sie war standhaft geblieben, hatte Antonia unmissverständlich gezeigt, dass sie sehr enttäuscht davon war, dass sie einfach gegangen war und sich nicht bei ihr gemeldet hatte. Und das ohne auch nur einmal den Kuss zu erwähnen.
„Du hast Recht. Das ist genial. Ich war ein arroganter Eisklotz und hab ihr gezeigt, dass mein Leben auch ohne sie weitergeht. Das müssen wir feiern!“ Julia war wie ausgewechselt und hielt Franka lächelnd ihr Glas zum Anstoßen hin.


 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 3

„Hi. Du bist schon da? So schnell hatte ich gar nicht mit dir gerechnet.“, begrüßte Rosalie Antonia an der Wohnungstür.
„Hi. Ja. Ich war schneller daheim als erwartet.“, lachte Toni verlegen. Mit der Aussicht auf ein leckeres Abendessen, hatte sie gleich einen Zahn zugelegt. Sie hatte vor lauter Aufregung den ganzen Tag noch nichts gegessen und so langsam bekam sie Hunger.
„Das ist für dich. Als kleines Dankeschön, dass du dich um meine Wohnung gekümmert hast.“ Toni streckte Rosalie eine kleine Geschenktüte entgegen.
„Danke. Aber das wäre echt nicht nötig gewesen. Hab ich gern gemacht.“, bedankte sich Rosalie und packte sofort ihr Geschenk aus. „Cool. Ein „Big Apple“ T-Shirt. Fehlt nur noch ein „S“!“, lachte sie und hielt sich das knapp geschnittene Shirt vor.
„Ein „S“?“ Antonia konnte ihrer Nachbarin gerade nicht folgen.
„Naja – „Big Apples“ – kapiert?“, lachte Rosalie verschmitzt und blickte auf ihre Brüste.
„Ach jetzt komm ich mit. Du bist echt unmöglich!“ Jetzt musste auch Toni lachen, obwohl es ihr ziemlich peinlich war, dass sie nicht selbst drauf gekommen war.
„Der Schlüssel liegt auf der Kommode im Flur. Kannst ihn gleich einstecken. Das Essen ist auch bald fertig. Du kannst schon mal ins Wohnzimmer gehen.“, antwortete Rosalie und war schon in der Küche verschwunden.

Als Toni ins Wohnzimmer ging wurde ihr bewusst, dass sie zum ersten Mal allein mit Rosalie in deren Wohnung war. Sonst hatte sie meist Besuch, der auch gerne über Nacht zu bleiben schien. Vermutlich wäre es bei ihr selbst kein bisschen anders gewesen wenn sie studiert hätte. Bei dem Gedanken daran musste Antonia schmunzeln. Viel zu spät ist sie aus ihrer kleinen Heimatstadt weggezogen.
„Was gibt’s zu lachen?“, erkundigte sich Rosalie, als sie mit einer großen Schüssel Nudelsalat ins Wohnzimmer kam.
„Mir ist gerade nur aufgefallen, dass ich zum ersten Mal hier bin und du keinen Gast hast.“, antwortete Antonia und setzte sich an den großen Esstisch in der Ecke des Wohnzimmers.
„Tja. Daran wirst du dich gewöhnen müssen. Ich muss mich auf die letzten Klausuren vorbereiten und ziehe es seit einigen Wochen vor zum Feiern das Haus zu verlassen.“, erklärte Rosalie und lächelte Toni vielsagend zu. „Greif zu.“
Antonia war froh, dass sie Rosalie angerufen hatte. Genau diese Ablenkung hatte sie nach dem verwirrenden Treffen mit Julia gebraucht.

Roman Nr. 12

Anonymer Auszug aus Roman Nr. 12 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

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Inhalt

Annie ist auf einer Farm in Pennsylvania aufgewachsen, umgeben von tiefen Wäldern und ohne viel Kontakt zum städtischen Leben. Als sie erwachsen wird, reizt es sie, das, was sie bisher nicht kannte, kennenzulernen. So landet sie in Las Vegas. Zwar stellt sie schon nach kurzer Zeit fest, dass das Leben in der Stadt genauso hart sein kann wie auf dem Land, aber sie will nicht aufgeben und beißt sich durch.

Nachdem sie schon ein Jahr in Las Vegas ist und sich mehr schlecht als recht von einem Job im Einkaufszentrum ernährt, gewinnt sie plötzlich beim Roulette im Casino. Sie hatte dort immer einmal wieder 5 Dollar riskiert, wenn sie es sich leisten konnte. Da sie nie gewonnen hat, hat sie nach den ersten 5 Dollar immer aufgehört zu spielen. Auf einmal gewinnt sie über 1000 Dollar. Eine Unmenge Geld für Annie. Als sie es jedoch ein weiteres Mal versucht, verliert sie wieder wie üblich. Sie hält den Gewinn von vorher für einen reinen Zufall, wirft ihren letzten 5-Dollar-Chip auf den Tisch und geht.

An der Tür wird sie jedoch aufgehalten, weil der neue weibliche Croupier am Tisch festgestellt hat, dass Annies 5 Dollar gewonnen haben. Zwar ist es nur wenig Geld, keine 1750 Dollar wie beim ersten Mal, aber es gleicht Annies Verlust vom vorherigen Spiel zum Teil aus. Trotz ihrer Freude über den nicht so großen Verlust bemerkt Annie auch ein gewisses Interesse an der Croupière, die ihr den Gewinn auszahlt.

Kurz darauf lernt Annie die Croupière Bess dann tatsächlich kennen, als Bess ihren freien Tag hat. Bess macht Annie an und will mit ihr schlafen, aber Annie ist unsicher und lehnt ab. Als Bess daraufhin geht, läuft Annie ihr aber dennoch hinterher, weil sie mehr über Bess erfahren will.

Bess meint zwar, dass sie und Annie nicht zueinander passen, aber Annie behauptet, sie könnten seelenverwandt sein.

Auch wenn Bess das nicht glaubt, stellt sie in der nächsten Zeit überrascht fest, dass Annie immer beim ersten Spiel des Tages verliert, beim zweiten aber gewinnt. Allerdings nur, wenn Bess anwesend ist. Was Annie in ihrer Vermutung, dass ihre Seelenverwandtschaft etwas damit zu tun hat, bestätigt, während Bess das weiterhin abstreitet.

Annie will sich nicht auf ihr Glück verlassen, aber Bess stammt aus einer Spielerfamilie und meint, dass viele Spieler ihr Leben lang nach einem System suchen, mit dem sie immer gewinnen können, es aber nie schaffen, während es Annie praktisch in den Schoß gefallen ist. So eine Chance durfte man nicht ungenutzt lassen.

So lässt Annie sich überreden, mit Bess von Casino zu Casino zu reisen und überall abzuräumen.

Obwohl sie versuchen, vorsichtig zu sein und es nicht zu übertreiben, wird der Besitzer eines Casinos auf sie aufmerksam. Er lässt sie von seinen Leuten beobachten und schmiedet einen eigenen Plan. Er hat bei der Mafia riesige Schulden und droht sein Casino zu verlieren.

Er lässt die beiden entführen. Sie werden mit Chloroform betäubt. Als sie aufwachen, befinden sie sich gefesselt in einem dunklen Raum.

Dann kommt der Casino-Boss, sagt ihnen, dass er von ihrem Geheimnis weiß, und will Annie für sich engagieren. Die lehnt erst mal ab, aber daraufhin wird Bess misshandelt, also sagt Annie zu.

Sie soll stellvertretend für den Casino-Boss mit dem Mafia-Boss in einem Pokerspiel die Schulden des Casino-Bosses reinspielen. Danach würde er sie beide wieder laufen lassen.

Als Annie am Spieltisch sitzt, merkt sie, dass die Karten gezinkt sind. Der Mafia-Boss gewinnt das erste Spiel. Annie sucht verzweifelt nach einer Lösung, denn mit gezinkten Karten kann sie das zweite Spiel nicht gewinnen. Oder doch? Sie weiß es nicht. So versucht sie das Spiel hinauszuzögern, da Bess immer noch im Keller gefangengehalten wird. Der Casino-Boss hat gedroht, sie zu töten, wenn Annie nicht gewinnt.

Plötzlich stürmen FBI-Agenten herein und wollen alle verhaften.

Annie gelingt es, im Getümmel zu entkommen, aber sie muss rechtzeitig zu Bess in den Keller und sie befreien.

In dem ganzen Durcheinander gelingt ihr das, Bess und sie können fliehen, holen ihr Geld aus dem Versteck und rasen ganz schnell nach Mexiko, wie sie es vorher schon vorgehabt hatten.

Dort können sie nun zusammen ein Leben in der Sonne genießen.

 

Auszug

1

„Hey Annie. Wie geht’s?“ Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu.

„Gut, Steve. Und selbst?“ Annie lächelte.

Steve hob die Hände zum Himmel. „Wir sind in Las Vegas. Es scheint immer die Sonne.“ Zuvorkommend öffnete er ihr die Tür und machte eine einladende Handbewegung. „Viel Glück.“

„Ach, du weißt doch, Steve …“ Mit einem Achselzucken ging Annie an ihm vorbei. „Richtig zu spielen kann ich mir nicht leisten mit meinem kleinen Gehalt. Ich setze immer nur einen Chip.“

Er grinste. „Es ist so ein schöner Tag. Wie wäre es mit einem ganz großen Risiko? Du setzt zwei?“

Lachend schüttelte Annie den Kopf. „Denkst du wirklich, das würde etwas bringen? Außer dass ich zwei Chips verliere statt einem?“

„Man kann nie wissen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Es sind schon Leute mit Zeitungspapier in den Schuhen hier reingegangen und als Millionäre wieder rausgekommen.“

„Nicht ich.“ Ungläubig ließ Annie ihren Kopf erneut von einer Seite zur anderen drehen. „Liegt vielleicht daran, dass ich kein Zeitungspapier in den Schuhen habe.“

Plötzlich zogen seine Augenbrauen sich zusammen. „Sag mal, hast du heute nicht Geburtstag?“ Bevor Annie auch nur einen Ton hervorbringen konnte, riss er sie in seine Arme und wirbelte sie herum. „Annie hat heute Geburtstag! Annie hat heute Geburtstag! Die kleine Annie hat heute Geburtstag!“

„Lässt du mich wohl los?“ Annie trommelte lachend auf seine breiten Schultern. „Und ich bin nicht klein!“

„Verglichen mit mir schon.“ Er setzte sie ab und grinste sie wie Garfield an.

„Verglichen mit dir ist jeder klein.“ Annie schmunzelte und ordnete ihre Kleidung, die er ganz schön in Unordnung gebracht hatte.

„Pass auf“, sagte er und griff in seine Tasche. „Den hier hat mir eben ein Gast geschenkt. Das ist mein Geburtstagsgeschenk an dich.“ Er hielt ihr den Chip hin. „Und du setzt ihn bei der zweiten Runde.“

„Das sind 50 Dollar, Steve.“ Ablehnend verzog Annie das Gesicht. „Das kann ich nicht annehmen.“

„Nimm es an oder ich setze ihn für dich.“ Steve nahm ihre Hand und drückte den Chip hinein. „Mach mir doch die Freude. Ich darf ja nicht spielen, weil ich hier angestellt bin. Wenn du gewinnst, gibst du mir die Hälfte. Deal?“

Annie lachte. „Ich gewinne bestimmt nicht. Und deine 50 Dollar sind weg.“

„Es sind nicht meine 50, jetzt sind es deine“, beharrte er. „Und du kannst damit machen, was du willst.“

Nun verzog sich Annies Gesicht noch mehr. „Zum Beispiel meine Miete bezahlen? Da bin ich nämlich im Rückstand, weil Henderson –“ Sie brach ab.

„Hat er euch schon wieder nicht bezahlt diese Woche?“ Steve verschränkte drohend die Arme vor der Brust. „Soll ich mal mit ihm reden?“

„Er wird schon zahlen“, versicherte Annie ihm beruhigend.

Steve hatte ihren Boss Henderson schon einmal „verwarnt“, und Annie hatte Henderson nur mit allergrößter Überredungskunst davon abhalten können, Steve anzuzeigen. Das wollte sie Steves Frau und seinen drei Kindern nicht antun. Deshalb musste sie Steve unbedingt davon abhalten, sich noch einmal als weißer Ritter aufzuspielen.

„Setz die 50, und ich lasse ihn in Ruhe … diesmal“, versprach Steve.

„Na gut.“ Annie schloss ihre Finger um den Chip. „Aber es wäre besser, du würdest deiner Frau davon etwas kaufen.“

Steve klopfte grinsend auf seine Tasche, in der es klimperte. „Ich hab noch mehr davon. Die Leute sind großzügig, wenn sie gewonnen haben.“

Kopfschüttelnd ging Annie endgültig hinein, und als sich die schwere Eingangstür hinter ihr schloss, war von der Sonne nichts mehr zu merken. Hier drin war es dunkel bis auf die flackernden Anzeigen der Einarmigen Banditen, an denen eine Menge Leute standen und die Hebel immer wieder herunterzogen. Selten folgte ein metallisches Klackern, wenn Münzen in die Gewinnschale fielen. Meistens wurden die Vierteldollarchips in den Bechern, die die Spielenden hielten, nur weniger.

Aber diese Art Spiel interessierte Annie nicht. Sie liebte Roulette. Es war Entspannung für sie, wenn sie nach einem harten Arbeitstag hierherkam. Auch wenn sie meistens nur zusehen konnte. Sie hatte kein Geld, um wirklich zu spielen. Aber manchmal erlaubte sie sich einen einzigen Chip. Nur um das Gefühl zu haben, einmal nicht um jeden Penny kämpfen zu müssen.

Sie war nach Las Vegas gekommen, weil die Sonne und die glamourösen Bilder sie gelockt hatten. Aber dann hatte sie schnell festgestellt, dass man auch hier erst einmal Geld verdienen musste, wenn man leben wollte. Mit Mühe und Not hatte sie einen Bürojob im Einkaufscenter ergattert, aber manchmal dachte sie, der war nicht besser bezahlt als die 5-Dollar-Jobs der Einpacker an den Kassen. Und das Leben war teuer in Las Vegas.

Deshalb riskierte sie ab und zu fünf Dollar. Gewonnen hatte sie noch nie etwas. Dennoch gab es ihr für die kurze Zeit, in der das Rad sich drehte, das Gefühl, gleich könnte sie reich sein. Auch wenn sie wusste, dass der Traum endete, sobald die Kugel fiel. Aber wie die Spieler, die hektisch von einem Tisch zum anderen liefen, um nur keine Chance zu verpassen, und dabei immer ärmer wurden, hoffte auch sie darauf, dass es einmal klappen würde. So sehr jede Wahrscheinlichkeit auch dagegen sprach.

Sie ging zu ihrem Lieblingstisch hinüber. Wie alle Spieler, selbst eine Gelegenheitsspielerin wie sie, war sie abergläubisch. Sie hatte einen bestimmten Tisch und einen bestimmten Platz, von dem aus sie spielte. Wenn der Platz besetzt war, wartete sie, bis er frei wurde. Jeder andere Platz hätte ihr Unglück gebracht. Dass ihr Stammplatz ihr bisher auch kein Glück gebracht hatte, blendete sie dabei aus.

Wie üblich beobachtete sie das Spiel eine Weile, um die Vorfreude auszudehnen. Sobald sie gesetzt und verloren hatte, war das Vergnügen zu Ende.

Gerade war Schichtwechsel am Tisch, und der Croupier übergab seinen Platz einer Frau, die Annie noch nie gesehen hatte. Sie musste neu sein.

Kurz ließ Annie ihren Blick über sie schweifen, aber Croupiers, ob männlich oder weiblich, waren alle einheitlich gekleidet und deshalb eher unauffällig. Manchmal hatte Annie das Gefühl, sie gehörten alle derselben Pinguinfamilie an.

Nachdem der Schichtwechsel vollzogen war, ging es sofort weiter, damit die Spieler am Tisch nicht ungeduldig wurden. Die Stimme der Croupière verkündete „Machen Sie Ihr Spiel!“, und zu den Chips, die bereits auf dem grünen Tuch lagen, gesellten sich einige mehr.

Annie wartete noch. Sie beobachtete die elegante und doch kraftvolle Bewegung, mit der die Croupière den Roulettekessel drehte und dann die Kugel hineinwarf. Sie hatte diese Bewegung schon oft beobachtet, und es war nichts Besonderes dabei. Sobald die Kugel ins Rollen kam, hing Annies Blick daran, als ob sie ihren Lauf dadurch beeinflussen könnte.

„Nichts geht mehr.“ Diese drei Wörter beendeten die Möglichkeit, noch Einsätze tätigen zu können, und die Spieler am Tisch warteten geradezu atemlos, bis die Kugel ihren endgültigen Platz gefunden hatte und die Croupière verkündete: „Zwölf. Rot. Gerade. Niedrig. Erstes Dutzend.“

Viele Spieler setzten aus Aberglauben gern auf die 13. Dort lagen mehrere Chips. Alle Einsätze auf dieser Zahl und den anderen Zahlen außer der Zwölf und den angrenzenden Chancen mit zwei, drei, vier oder sechs Zahlen inklusive der Zwölf wurden sofort eingezogen, ebenso die einfachen Chancen auf schwarz, ungerade und hoch sowie die Einsätze auf der ersten und zweiten Kolonne und dem zweiten und dritten Dutzend.

Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnschips und wurden entsprechend ihrer Chancen ausgezahlt. Das alles geschah in kürzester Zeit, denn die Croupiers beherrschten die Zahlen und Berechnungen im Schlaf.

Eine schlanke Hand mit schmalen, langen Fingern schob einen Gewinn direkt vor Annies Nase, aber das lag nur daran, dass sie am roten Feld stand, da sie ja nicht gespielt hatte. Dennoch schaute sie unwillkürlich auf und in die Augen der Frau, die den Gewinn auszahlte.

Für einen Moment sah sie die Reflektion eines Lichtkegels, der über dem Spielfeld hing, in einer dunklen Pupille, dann verschwand das Auge wieder aus ihrem Blickfeld.

Dennoch hatte Annie das Gefühl, die Croupière hatte sie eindringlicher als üblich gemustert. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass sie noch neu war und die Stammgäste erst einmal kennenlernen musste.

Ein paar Spiele ließ Annie noch vorbeiziehen, dann setzte sie ihren 5-Dollar-Chip … und verlor.

Sie seufzte. Natürlich. Was auch sonst? So war es doch immer.

Sie tastete nach dem Chip, den Steve ihr gegeben hatte. Es wäre wirklich vernünftiger gewesen, ihn für die Miete zu verwenden. Aber heute war ihr Geburtstag. Und was, wenn Steve fragen würde? Sie hatte ihm die Hälfte des Gewinns versprochen.

Es würde keinen Gewinn geben, also war es doch egal, ob er nichts bekam, weil sie verloren oder weil sie gar nicht gespielt hatte.

Aber heute ist mein Geburtstag! wiederholte sie in Gedanken. Fast trotzig warf sie den Chip auf die 13. Die gewann sowieso nie. Normalerweise setzte sie eher auf einfache Chancen. Einen Chip nur auf eine einzelne Zahl zu setzen erschien ihr von vornherein als Vergeudung, denn die Chancen, dabei zu gewinnen, waren verschwindend gering.

Der Kessel wurde in Gang gesetzt, die Kugel rollte … und rollte … und rollte.

Das Geräusch erschien ungeheuer laut in Annies Ohren.

Sie schloss die Augen, als die Kugel fiel. Sie wollte es gar nicht wissen.

Aber dann hätte sie auch ihre Ohren verschließen müssen, denn kaum war das Rad angehalten worden, verkündete die Croupière: „13. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.“

Annies Herzschlag setzte fast aus. Was? Nein. Sie musste sich verhört haben. Doch als sie Augen öffnete, sah sie, dass ihr Einsatz immer noch auf der Zahl lag, während die anderen Einsätze eingezogen wurden.

Kurz darauf wurde ein großer Betrag in ihre Richtung geschoben. „1750 für 50“ war der Kommentar dazu, mit genauso ausdrucksloser Stimme wie bei jedem anderen Gewinn. Für Croupiers waren diese Zahlen bedeutungslos.

Annie starrte die Ansammlung Chips vor sich nur an. Wann hatte sie zum letzten Mal 1000 Dollar auf einem Haufen gesehen? Mehr als 1000 Dollar? Wahrscheinlich noch nie.

„Wollen Sie den Einsatz stehenlassen?“, fragte dieselbe Stimme in derselben ausdruckslosen Art, als Annie sich nicht rührte.

Immer noch brauchte sie eine Sekunde, bis sie endlich antworten konnte. „Nein! Nein, auf keinen Fall!“ Schnell griff sie zu und zog die Chips vom Spielfeld.

„Machen Sie Ihr Spiel“, ertönte es daraufhin, und ein paar Sekunden später wurde das Rad wieder in Gang gesetzt.

Annie konnte es immer noch nicht glauben. Die Chips, die da vor ihr lagen, waren alle ihre? Sie hatte gewonnen?

Endlich schlich sich ein Lächeln in ihre Mundwinkel. Was für ein Geburtstagsgeschenk! Nun konnte sie nicht nur ihre Miete bezahlen, sondern auch noch ein paar andere Sachen. Und sie musste keine Angst haben, wenn Henderson wieder einmal in Verzug geriet.

Fast benommen packte sie die Chips, trug sie auf beiden Händen vor sich her und begab sich zur Kasse.

„Annie.“ Der Mann hinter dem Schalter lächelte. „Endlich einmal gewonnen?“

„Und wie.“ Annies Mundwinkel begaben sich noch mehr nach oben. „Muss wohl daran liegen, dass ich heute Geburtstag habe.“

„Na dann: Herzlichen Glückwunsch!“ Der Mann kassierte die Chips und schob einen Packen Scheine durch das Gitter. „Dann kauf dir mal was Schönes.“

„Die Hälfte gehört Steve“, sagte Annie, während sie versuchte, die vielen Scheine in ihrer Tasche unterzubringen. „Er hat mir einen Fünfziger zum Geburtstag geschenkt.“

Der Mann verzog das Gesicht. „Manche von uns können sich das nicht leisten.“ Er war eindeutig sauer auf Steve.

„Hier.“ Annie schob 50 Dollar durch das Gitter zurück. „Für die Angestellten.“

Der Mann nahm das Geld und steckte es in einen Schlitz neben seinem Arbeitsplatz. „Danke“, sagte er. „Und viel Spaß noch heute beim Geldausgeben.“ Er war zwar sauer auf Steve, aber offensichtlich nicht auf Annie. Er lächelte sie wieder freundlich an.

„Das war das erste und bestimmt auch das letzte Mal, dass ich gewonnen habe“, lachte Annie. „Da werde ich lieber ein bisschen sparen!“ Sie nickte ihm zu und steuerte den Ausgang an.

Dort zog sie ein Geldbündel aus der Tasche und überreichte es Steve. „Ich habe gewonnen!“, verkündete sie ihm strahlend. „Das ist deine Hälfte!“

„Wirklich?“ Er konnte es wohl auch nicht glauben. „So viel?“

„Ich habe auf die 13 gesetzt“, strahlte Annie weiter. „Mache ich sonst nie.“

„Das war eigentlich nicht ernst gemeint mit der Hälfte“, sagte Steve und wollte ihr das Bündel zurückgeben.

„Weil du dachtest, ich verliere.“ Annie nickte. „Aber nun habe ich gewonnen, und es war dein Fünfziger. Also gehört dir die Hälfte. Wie vereinbart.“

Steves Augen strahlten auch. „Dann bekommt meine Frau doch noch ihr Geschenk.“

„Hoffentlich“, sagte Annie und ging schon zur Straße. „Und grüß sie von mir. Wir haben heute wohl beide Geburtstag.“

„Mach ich.“ Steve winkte ihr zu, musste aber schon dem nächsten Kunden die Tür aufhalten.

Mit ausgreifenden Schritten brachte Annie schnell eine ganze Strecke hinter sich, bevor sie stehenblieb und überlegte. Wo wollte sie eigentlich hin?

Sie blickte zum Casino zurück. Sollte sie es noch einmal probieren, weil heute anscheinend ihr Glückstag war?

Zögernd drehte sie sich um, ging ein paar Meter, blieb wieder stehen. Nein, das war Unsinn. So verlockend es auch war. Aber sie würde nur wieder alles verlieren.

Die Entscheidung fiel ihr schwer, denn normalerweise hatte sie nicht so viel Geld, um es zu verlieren. Sie beschränkte sich auf fünf Dollar Einsatz. Und selbst diese fünf Dollar musste sie sich quasi vom Mund absparen.

Aber das Gefühl, das sie erfasst hatte, als der Angestellte die Chips in so viele Scheine umtauschte, war unbeschreiblich gewesen. Es war reine Euphorie. Als ob sie auf Wolken schweben würde.

Und das Geld war ihr eigentlich in den Schoß gefallen. Wenn sie es jetzt wieder verlor, hatte sie in Wirklichkeit überhaupt nichts verloren. Denn normalerweise hätte sie das Geld gar nicht gehabt.

Immer wieder lief sie vor und zurück wie ein aufgescheuchtes Huhn, das nicht wusste, wo die Körner lagen.

Endlich entschied sie sich und ging mit starrem Blick über die Straße.

Sie musste ihre Miete bezahlen.

Das war jetzt das Wichtigste.

2

„Was für’n schickes Kleid, Annie!“ Cynthia, Annies Kollegin und Nemesis, begrüßte sie am Morgen eindeutig neidisch im Büro. „War das im Sonderangebot?“

„Nein.“ Annie lächelte gespielt freundlich. Eigentlich hatte sie öfter mal das Bedürfnis, Cynthia mit dem Kopf gegen die Wand zu hauen, aber sie wollte nicht im Gefängnis landen. „Es hat mir einfach nur gefallen.“

„Hattest du nicht gestern noch gesagt, du wüsstest nicht, wie du deine Miete bezahlen sollst?“ Cynthia grinste bösartig. „Hat dein Vermieter auf eine andere Art … kassiert? Und noch was draufgelegt?“

„Aber Cynthia …“ Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben Friedens willen. „Ich bin doch nicht du. Ich weiß, dass du schon lange keine Miete mehr bezahlst …“

Cynthia musste offenbar für einen Augenblick überlegen, was das bedeutete, dann plusterte sie sich auf wie ein Truthahn kurz vor Thanksgiving. „Attraktive Frauen müssen sich um so was nicht kümmern.“ Die Betonung lag sehr auf attraktiv, denn Cynthia hielt sich für ein Geschenk an die Männerwelt. Und fand alle anderen Frauen, einschließlich Annie, maßlos unattraktiv.

„Dann sei doch froh“, sagte Annie so freundlich zu Cynthia wie selten zuvor in ihrem Leben. Sie war immer noch nicht ganz von ihrer Wolke heruntergestiegen. „Da hast du ja noch ein paar Monate Zeit, bevor du Miete zahlen musst.“

Auch darüber musste Cynthia erst einmal nachdenken, bevor sie prustend wie ein Nilpferd abzog. Für eine Weile hatte sie wahrscheinlich genug.

Schmunzelnd setzte Annie sich an ihren Platz hinter der Glasscheibe, von wo aus sie in den Supermarkt hinuntersehen konnte. Von hier oben sahen die Regale fast wie Spielzeugteile aus. Als ob sie ein übergroßes Kind aneinandergereiht hätte.

Sie ließ ihren Blick lächelnd darüberschweifen, ohne wirklich hinzusehen. Ach, war das ein Erlebnis gewesen, in diese Boutique gehen zu können und sich einfach etwas auszusuchen, ohne auf die Preise achten zu müssen! Davon konnte sie jetzt eine ganze Weile zehren. Denn außer diesem Kleid würde sie sich nichts Außergewöhnliches gönnen.

In der Scheibe spiegelte sich eine Figur, die hinter ihr vorbeihuschte.

„Mr. Henderson …“ Sie drehte sich schnell um.

„Ja, ja, ich weiß.“ Er hob beide Hände, als müsste er sich gegen einen Schlag wehren. Möglicherweise erinnerte er sich an seine letzte Begegnung mit Steve. „Sie bekommen Ihren Gehaltsscheck.“

„Wann?“, rief Annie ihm hinterher, aber da war er schon verschwunden.

Sie seufzte. Normalerweise hätte sie das jetzt in Panik versetzt, aber heute … nein. Sie lächelte und lehnte sich zurück. Geld zu haben war wirklich eine großartige Sache.

Der Tag verlief wie viele andere vor ihm, langweilig und unspektakulär. Annie versuchte sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber immer wieder schweiften ihre Gedanken ab zu dem Ereignis, das gestern kurzfristig ihre Situation verändert hatte.

Sie wusste, dass es nur Glück gewesen war, dass sich solche Ereignisse nicht so einfach wiederholen ließen. Zwar spielte sie gern, aber sie war dem Spiel nicht verfallen wie so viele andere. Deshalb konnte sie frei entscheiden, ob sie spielen wollte oder nicht. Und sie hielt das Spiel nicht für eine Einkommensquelle.

Aber es war ihr erster Gewinn gewesen. Daran erinnerte man sich wohl immer.

Lächelnd schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Ja, es war eine schöne Erinnerung, aber nicht mehr. Sie würde wieder ins Casino gehen, so wie schon das ganze letzte Jahr, und regelmäßig ihre fünf Dollar verlieren, ohne dass sich daran etwas änderte.

Andererseits – für 50 Dollar hatte sie 1750 Dollar bekommen, hätte sie 100 Dollar gesetzt, wären es 3500 Dollar gewesen. Was für eine Zahl! Und bei 200 Dollar hätte sie 7000 Dollar gewonnen ... Fast eine unvorstellbare Summe für sie.

Normalerweise hatte sie keine 200 Dollar geschweige denn dass sie sie ins Casino getragen hätte, aber im Augenblick … war das anders. Es war immer noch Geld da, das wie Manna vom Himmel gefallen schien.

Sie war nie verschwenderisch gewesen, als Farmerstochter war sie es wie ihre ganze Familie gewöhnt, nicht viel Geld zu haben. Die Frage, mehr Geld auszugeben, als man hatte, hatte sich nie gestellt. Bescheidenheit und Zurückhaltung im Umgang mit Geld waren ihr von klein auf anerzogen worden. Wenn sie sich als Kind einen Lolli kaufen konnte, hatte sie das schon glücklich gemacht.

Genauso wie dieses Kleid, das sie jetzt trug. Sie stand auf und betrachtete sich selbst in der Glasscheibe. Es war wirklich ein schönes Kleid, und sie hätte nichts dagegen gehabt, noch mehr solche Kleider zu kaufen. Ein oder zwei passten sicher noch in ihren winzigen Kleiderschrank hinein.

Aber das war Unsinn. Sie setzte sich wieder. Hätte sie sich das Kleid nicht kaufen können, wäre sie dann unglücklich gewesen, hätte ihr Leben ohne das keinen Sinn mehr gehabt? Natürlich nicht.

Sie schnaubte durch die Nase. Auf was für Gedanken man kam, wenn man mehr hatte, als man wirklich zum Leben brauchte. Ihre Mutter hätte nur gelacht und all diese Überlegungen unnütz gefunden. Für sie wäre ganz klar gewesen, dass man so viel Geld auf die Bank legte. Abgesehen davon, dass sie nie in ein Casino gegangen wäre. Zwar hatte Annie nie mit ihr darüber gesprochen, weil es damals dazu noch keinen Anlass gegeben hatte, aber möglicherweise hätte ihre Mutter gemeint, dass ein solches Verhalten dem widerspräche, was sonntags in der Kirche gelehrt wurde.

Schon dass Annie nach Las Vegas gegangen war, hatte ihre Mutter nicht verstanden. Ihr Vater war da weniger voreingenommen, aber auch er prophezeite ihr keine guten Aussichten in dieser Stadt des Lasters. Er hatte sie gebeten, gut auf sich aufzupassen, und ihr versichert, dass zu Hause stets ein Platz für sie war. Sie könne jederzeit zurückkommen.

Wenn sie das hätte tun wollen, wäre sie aber wahrscheinlich gar nicht erst gegangen. Sie hätte wie viele ihrer Schulfreundinnen einen netten Farmersjungen aus der Nachbarschaft heiraten können. Vermutlich hätte sie dann schon drei Kinder gehabt.

Das war aber nie ihr Traum gewesen. Schon öfter hatte sie darüber nachgedacht, ob es ihre Eltern sehr schockiert hätte, dass ihr Interesse an den Jungs aus der Nachbarschaft eher gering war. Dafür fand sie deren Schwestern wesentlich interessanter.

Wie sollte sie erklären, dass die wenigen Male, die sie in der nächstgrößeren Stadt gewesen war, eines Tages in einem Kuss mit einer Frau gegipfelt hatten, die sie gerade einmal ein paar Stunden kannte?

Es hatte sie selbst überrascht, wie selbstverständlich sich das angefühlt hatte. Verglichen mit den Küssen, die einige ihrer Schulkameraden ihr geraubt hatten. Auf einmal hatte sie gewusst, wo sie hingehörte. Und damit reifte der Entschluss in ihr, in eine Stadt zu ziehen. Denn auf dem Land sah sie keine Zukunft für sich.

Es war nicht gleich Las Vegas gewesen. Zuerst hatte ihr Altoona in ihrem Heimatstaat Pennsylvania gereicht. Verglichen mit dem Dorf, aus dem sie kam, war ihr selbst dieses kleine Städtchen groß erschienen. Groß genug auf jeden Fall, um ein paar Frauen kennenzulernen.

So hatte sie ihre Jungfräulichkeit verloren und nach ein paar weiteren Versuchen festgestellt, dass es ihr zu kalt in Pennsylvania war. Das galt für die Herzen ebenso wie für das Wetter.

Auf dem Discovery Channel hatte sie dann einmal eine Dokumentation über die Wüste in Nevada gesehen, und da sie gerade fror und sich mit dicken Socken und einem überdimensionalen Pullover ins Bett gelegt hatte, erschien ihr die Hitze sehr verführerisch. Die vielen schillernden Lichter in den Bildern von Las Vegas taten ein Übriges – und schon packte sie ihre Sachen und startete in den Süden.

Dass die Wirklichkeit einen dann immer schnell auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte, merkte sie schon bald. Auch in Altoona hatte sie nicht viel verdient, aber das Leben dort war recht billig gewesen. Hier in Las Vegas gab es zuerst einmal massenhaft Leute, die einen Job suchten, das drückte die Gehälter, und dann schienen die Lebenshaltungskosten sich an den Gewinnen der Millionäre zu orientieren.

Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den kalten Nordosten zurückzukehren. Ein bisschen mehr Geld wäre schön gewesen, aber zumindest war ihr Job im Einkaufscenter nicht zu anstrengend, und wenn man einmal davon absah, dass Mr. Henderson immer wieder vergaß, die Gehaltsschecks rechtzeitig auszustellen, sogar eine ziemlich sichere Einkommensquelle.

Während sie Rechnungen kontrollierte und Post ablegte, bemerkte sie, wie das euphorische Gefühl, das sie für eine Weile auf Händen getragen hatte, langsam nachließ. Das war schade. Aber was sollte man machen? Schließlich konnte man nicht jeden Tag ins Casino gehen und fast 2000 Dollar gewinnen.

Je näher der Feierabend rückte, desto mehr sehnte sie sich nach dem Gefühl zurück. Aber sie hatte auch Angst, dass sie das, was sie gewonnen hatte, wieder verlieren könnte. Es war wie eine Zwickmühle.

Nachdem sie noch ein paar Lebensmittel eingekauft hatte, ging sie mit der braunen Papiertüte im Arm nach Hause und packte dort bewusst langsam aus. Sie stellte den Saft in den Kühlschrank, obwohl sie wusste, dass sie ihn gleich wieder herausnehmen würde, um etwas davon zu ihrem abendlichen Sandwich zu trinken. Auch als sie sich ihr Sandwich zubereitete, tat sie das fast wie in Zeitlupe.

Was vielleicht ganz gut war, denn so vermied sie es, etwas von der Gesichtscreme, die sie im Kühlschrank aufbewahrte, damit sie in der Hitze nicht verdarb, statt Peanut Butter auf ihr Sandwich zu schmieren. Erst im letzten Moment stellte sie fest, dass sie das falsche Töpfchen geöffnet hatte.

Irgendetwas zog sie ins Casino, und sie konnte nichts dagegen tun.

Sie schlief unruhig, und der nächste Tag im Büro war auch nicht besser.

Warum nicht noch einmal fünf Dollar riskieren? ging es ihr durch den Sinn. Schließlich musste sie sich im Moment das Geld noch nicht einmal vom Mund absparen. Es war einfach da.

So fand sie sich am Abend fast ohne ihr eigenes Zutun vor dem Eingang ihres Stammcasinos wieder. Anscheinend war Steve heute nicht im Dienst, ein anderer Türsteher zog die große Glastür vor ihr auf.

Sie nickte ihm zu, als sie hineinging. Sofort umfing sie die schummrig glitzernde Beleuchtung wieder. Es war wie eine eigene Welt, die nichts mit der da draußen zu tun hatte.

Ihre Tasche an sich gepresst ging sie zu ihrem Stammplatz hinüber. Sie traute den klapprigen Schlössern in ihrer Wohnung nicht, deshalb trug sie das ganze Geld mit sich herum, auch wenn sie heute nur ihre üblichen fünf Dollar setzen wollte.

Eine Weile beobachtete sie das Spiel, ohne sich zu beteiligen. Wieder war die Croupière im Dienst, die sie vor zwei Tagen das erste Mal gesehen hatte. Sie beherrschte die Chips mit schlafwandlerischer Sicherheit, und nach der dritten Runde, in der Annie nicht mitgespielt hatte, blickte sie fragend zu ihr auf.

„Wollen Sie Ihr Glück heute gar nicht versuchen?“

Ihre Stimme klang anders, wenn sie nicht einfach nur die Spielzüge und Gewinne verkündete. Sie hatte einen eher schleppenden, fast singenden Tonfall, wie es für Leute üblich war, die aus dem Süden stammten.

Annie lächelte. „Ich glaube nicht, dass ich noch einmal so viel Glück habe“, antwortete sie. „Und ich kann das Geld gebrauchen.“

„Hübsches Kleid.“ Die Croupière lächelte sie ebenfalls an.

„Das einzige, was ich mir von dem Gewinn gekauft habe.“

„Machen Sie Ihr Spiel!“ Mit Schwung brachte die Croupière das Rouletterad zum Drehen und warf die Kugel hinein. Während sie mit einem Auge dessen Verlauf verfolgte, musterte sie mit dem anderen immer noch Annie. „Ungewöhnlich.“

Beinah entschuldigend zuckte Annie die Schultern. „Ich bin sparsam.“

„Nichts geht mehr!“ Der Kopf mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren wandte sich dem Spielfeld zu, während die Kugel sich ihr Ziel suchte. „13. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.“ Ein leichtes Schmunzeln ließ die Mundwinkel der Croupière zucken, als sie erneut einen Blick auf Annie warf. „Wäre das nicht Ihre Zahl gewesen?“

Annie spürte, wie es in ihren Fingerspitzen kribbelte. 200 Dollar wären 7000, wenn sie gewann …

Sie öffnete ihre Handtasche und schloss sie wieder.

200 Dollar … das war so viel Geld …

Aber 7000 war wesentlich mehr …

Das nächste Spiel zog wie hinter einem Schleier vor ihr vorbei. Sie hörte gar nicht, welche Zahl gewonnen hatte.

Langsam öffnete sie die Tasche wieder, und noch langsamer glitt ihre Hand hinein …

„Machen Sie Ihr Spiel!“

Schnell zog Annie ein paar Scheine heraus und warf sie auf das grüne Tuch. „13“, sagte sie.

Mit einer fließenden Bewegung zog die Croupière das Geld zu sich heran und ersetzte es durch Chips, die sie auf die 13 schob.

„Nichts geht mehr!“

Die Kugel rollte stumm. Annie hörte nichts mehr. In ihren Ohren war nur noch ein alles übertönendes Rauschen.

Endlich sah sie, wie das Rad angehalten wurde.

„Null“, verkündete die ausdruckslose Stimme der Croupière. Alle Einsätze wurden schlagartig eingezogen, und das Tuch war leer. Niemand hatte auf die Null gesetzt, und da die Null weder rot noch schwarz noch gerade oder ungerade war, gab es auch hier keine Auszahlung. Die Bank kassierte ganz allein.

Entgeistert starrte Annie auf das leergeräumte Spielfeld. Erst nach einer Minute konnte sie sich wieder rühren. Da lief das nächste Spiel schon, und die Felder füllten sich erneut mit Einsätzen.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? 200 Dollar. Einfach so für nichts. Sie schüttelte den Kopf. Nie wieder.

Ihre Tasche war immer noch aufgeklappt, und sie sah einen einzelnen 5-Dollar-Chip darin schimmern. Den musste sie das letzte Mal beim Umtauschen vergessen haben.

Nie wieder würde sie spielen. Also konnte sie diesen Chip auch nicht mehr gebrauchen.

Mit einer verächtlichen Bewegung warf sie ihn hinter sich, als sie sich umdrehte und zum Ausgang begab.

Als sich die Glastür schon vor ihr öffnete, wurde sie auf einmal von einem Sicherheitsmann zurückgehalten, der seine Hand auf ihre Schulter legte. „Sie müssen mitkommen.“

„Wie bitte?“ Annie war völlig perplex. Sicherheitsleute waren doch nicht für Verluste am Spieltisch zuständig, höchstens für Diebstähle und so. Auf einmal lief sie rot an. „Das Geld in der Tasche gehört mir. Ich habe es vorgestern hier gewonnen“, teilte sie ihm wütend mit.

Er grinste. „Und eben haben Sie wieder gewonnen. Sind wohl ein richtiges Glückskind. Ich soll Sie zum Tisch zurückholen, damit Sie Ihren Gewinn nicht vergessen.“

„Gewinn?“ Annie runzelte die Stirn. „Aber ich habe verloren.“

„Nee, kann nicht sein.“ Er machte eine in das Casino zurückweisende Handbewegung. „Der Chef vom Tisch hat mich zu Ihnen geschickt, weil da noch Chips von Ihnen sind.“

Annies Stirn runzelte sich noch mehr. „Sind Sie sicher?“

„Mehr weiß ich nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Ich soll Sie nur holen.“

Zögernd folgte Annie ihm zum Tisch zurück.

„175 für 5“, begrüßte die Croupière sie lächelnd. „180 insgesamt.“ Sie schob ihr ein kleines Häufchen Spielchips hin.

„Ich habe doch gar nicht gesetzt“, wunderte Annie sich.

„Ich habe genau gesehen, dass der Chip von Ihnen geflogen kam.“ Die Croupière nickte. „Er landete auf der 26. Und die 26 ist gekommen.“

Es dauerte zwar ein paar Sekunden, aber dann schüttelte Annie verdattert den Kopf. „Der 5-Dollar-Chip?“, fragte sie. „Der ist auf den Tisch geflogen?“

„Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen“, erklärte die Croupière, die Annies verdutztes Gesicht anscheinend sehr amüsant fand. „Das sind wir schon gewöhnt.“

„Ja … dann … d-danke …“ Annie stotterte sonst nicht, aber das hier überforderte sie.

„Nichts zu danken.“ Die Croupière ließ die Kugel erneut rollen. „Die Kugel hat das entschieden, nicht ich.“

Annie nahm die Chips so vorsichtig in die Hand, als ob sie sich daran verbrennen könnte. 200 Dollar verloren, 175 gewonnen, das machte summa summarum nur einen Verlust von 25 Dollar. Entsprach fünf Tagen, an denen sie einen 5-Dollar-Chip gesetzt und verloren hatte. Gar nicht so schlimm.

Ein ungläubiges Lächeln überzog ihr Gesicht. Zweimal hintereinander gewonnen. Das konnte doch gar nicht sein. Bisher hatte sie immer nur verloren.

Aber die Chips in ihrer Hand und die Scheine in ihrer Tasche sprachen eine andere Sprache.

Übermütig warf sie den 5-Dollar-Chip noch einmal über ihre Schulter, als das nächste „Machen Sie Ihr Spiel!“ ertönte. Vielleicht war das der Trick.

Aber er war es nicht. Der Chip war noch nicht einmal in der Nähe der Gewinnzahl gelandet.

„Glück. Einfach nur Glück“, murmelte Annie zu sich selbst. „Zweimal hintereinander, aber nicht für immer.“

Sie klappte ihre Tasche entschlossen zu.

Genug für heute.

3

In den nächsten Tagen riss sie sich am Riemen. Auch wenn es sie ins Casino zog, ging sie nicht hin. Sie brachte das Geld, das sie nicht brauchte, auf die Bank, und die nächste Wochenmiete bezahlte sie von ihrem Gehaltsscheck, den Mr. Henderson endlich geschafft hatte auszustellen. Es war alles wie immer.

Oder auch nicht … Sie träumte vom Casino. Das war ihr bis jetzt noch nie passiert. Normalerweise war ins Casino gehen für sie so etwas wie für andere Leute sich vor den Fernseher setzen. Erholung. Entspannung. Den Alltag hinter sich lassen.

Aber auf einmal war es das nicht mehr. Es war wie eine Sucht. Bisher hatte sie die armen Getriebenen immer bedauert, die von einem Tisch zum anderen hetzten, ihren schweißnassen Eifer nicht verstanden. Gehörte sie nun auch dazu? Hatte der Virus sie erfasst?

Wenn sie darüber nachdachte, konnte sie es nicht genau feststellen. War es das Geld, was sie lockte? Der Glamour? Die angespannte Atmosphäre, solange die Kugel rollte? Viele hielten dann geradezu den Atem an. Eine erwartungsvolle Stille schwebte über dem Tisch.

Wahrscheinlich war es das. Der Nervenkitzel. Das Leben war so langweilig, dass man ein wenig Abwechslung brauchte, etwas, bei dem es etwas zu gewinnen oder zu verlieren gab. Und wenn es nur fünf Dollar waren.

Doch während sie sich unter ihre Bettdecke kuschelte, stellte sie fest, dass Geld noch nie eine solche Anziehungskraft auf sie ausgeübt hatte. Es konnte sie nicht wärmen, wenn sie fror, oder sie umarmen, wenn sie sich einsam fühlte.

Fühlte sie sich einsam? Seit sie nicht mehr bei ihrer Familie lebte, hatte sie sich nicht wirklich Gedanken darüber gemacht. Zu Hause war immer jemand dagewesen, und als sie weggezogen war, hatte sie es zuerst einmal genossen, ihre Privatsphäre zu haben. Aber wie viel Privatsphäre brauchte sie?

War es vielleicht das? Waren die Besuche im Casino für sie zu so einer Art Ersatzfamilie geworden? In Las Vegas war es nicht einfach, Freunde zu finden. Die Stadt war ein Hexenkessel in der Wüste. Die meisten Leute kamen wohl nicht hierher, um Freundschaften zu schließen. Anders als in anderen Städten war das Vergnügungsviertel hier nicht etwas, das es in der Stadt auch noch gab – es war die Stadt.

Das hatte Las Vegas von Anfang an geprägt, denn dafür war es aus dem Boden gestampft worden. Es war nicht natürlich gewachsen. Und das merkte man an allen Ecken und Enden.

Langsam wurde ihr bewusst, dass sie etwas vermisste. Zwar hatte sie nie zu den Menschen gehört, die ständig Party machen mussten, da sie auf dem Land aufgewachsen war, wo so etwas zu den eher seltenen Höhepunkten gehörte. Dennoch war sie nie allein gewesen. Das hatte erst angefangen, nachdem sie in die Stadt gezogen war.

Städte waren anonym. Anders als auf dem Land kannte man sich nicht von frühester Jugend an, wusste nicht, wann wer die Masern oder Mumps gehabt hatte, wer zu welcher Familie gehörte, was für einen Ruf die Familie oder die einzelnen Mitglieder hatten. Solche Informationen musste man sich erst mühsam zusammensuchen oder man erhielt sie nie.

Was Vor- und Nachteile hatte. Einerseits ging man so wesentlich weniger voreingenommen an die Menschen heran, andererseits fühlte man sich ihnen weniger verbunden. Ein soziales Netz war nicht ganz von selbst vorhanden, man musste es sich erst mühsam aufbauen.

Wie sie bereits in Altoona festgestellt hatte, war das nicht so einfach. Sie war es gewöhnt, mit einem offenen Herzen auf die Menschen zuzugehen, ohne ihnen Böses zuzutrauen. Das verleitete viele jedoch dazu, sie auszunutzen. Ihre Naivität und ihr freundlicher Charakter hatten sie nicht nur Geld, sondern auch viel Herzblut gekostet.

Mit der Zeit war sie vorsichtiger geworden, und ihr Umzug nach Las Vegas hätte ein neuer Anfang sein sollen, nachdem sie sich die ersten Hörner abgestoßen hatte. Doch eine Stadt wie Vegas ruinierte die Menschen eher, als dass sie ihnen eine Chance gab.

Das hätte sie sich vielleicht denken können, aber sie hatte es sich nicht gedacht. Das hatte sie erst hier gelernt.

Sie wusste nicht, was sie sich vorgestellt hatte. Spontane Entschlüsse wie derjenige, nach Las Vegas zu ziehen, hatten es so an sich, dass man nicht darüber nachdachte. Man tat es einfach.

Vielleicht war es an der Zeit, noch einmal einen Entschluss zu fassen, in eine Gegend zu ziehen, in der sich Menschen aufhielten, die ähnliche Ziele hatten wie sie selbst, ähnliche Lebensvorstellungen. Frauen, die sich ein Leben zu zweit vorstellen konnten.

Denn darum ging es wohl in erster Linie. Hier in Vegas herrschte kein Mangel an Frauen, auch kein Mangel an Lesben. Nur kannten die wenigsten das Wort Beziehung. Zumindest, wenn damit eine Zeitspanne gemeint war, die über ein paar Nächte hinausging.

Warum kam ihr bei diesem Gedanken die dunkelhaarige Croupière in den Sinn? Was hatte sie, das vermuten ließ, sie wäre an einer längerfristigen Beziehung interessiert?

Nichts. Gar nichts. Annie schüttelte über sich selbst den Kopf. Wie kam sie nur auf diese Idee?

Sicherlich, die langen, schlanken Finger mit dem farblosen Nagellack, die die Chips in atemberaubender Geschwindigkeit sortierten und verteilten, konnten schon Assoziationen erwecken, was diese Finger noch so im Stande waren zu tun …

Ein leises Kribbeln durchzog Annies Körper. War schon eine Weile her. Sie hatte sich nicht so schnell wieder auf irgendeine Frau einlassen wollen. Aber ehrlich gesagt hatte diese Croupière auch etwas, das sie bisher an keiner Frau festgestellt hatte. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber es war definitiv etwas Besonderes.

Um zu gewinnen musste sie vielleicht nicht noch einmal ins Casino gehen – sie rechnete ohnehin nicht damit –, aber nur um dieser Frau zuzusehen konnte es sich eventuell lohnen.

Sie schlief lächelnd ein.

Vielleicht war das ja ein Grund für süße Träume.

4

Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues Kleid an. Es war das beste, das sie hatte, warum sollte sie es nicht ausführen?

Als sie ins Casino kam, fühlte sie sich äußerst gut gelaunt. Sie hatte keine Chips in der Tasche und auch nur wenig Geld. Darum ging es ihr heute nicht.

Schnell schaute sie sich nach der Croupière um. Sie musste ja nicht immer für den Tisch eingeteilt sein, den Annie als ihren angestammten Platz betrachtete. Wenn sie woanders arbeitete, konnte Annie sie auch dort beobachten. Da sie beschlossen hatte, nicht zu spielen, war das völlig egal.

Doch so sehr sie sich auch bemühte, der Kopf mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren war nirgends zu entdecken. Sie hatte heute wohl überhaupt keinen Dienst.

Enttäuscht setzte Annie sich an die Bar. Sie war erstaunt darüber, wie enttäuscht sie war. Damit hatte sie nicht gerechnet. Fast wie neben sich stehend bestellte sie einen Cocktail. Als der Barkeeper ihn vor sie hinschob, beachtete sie das bunt dekorierte Glas jedoch kaum.

„Heute gar keine Lust, das Glück zu versuchen?“, sprach sie plötzlich eine Stimme an.

Der etwas schleppende Südstaatentonfall kam Annie bekannt vor, als sie jedoch den Blick in Richtung der Stimme wandte, erkannte sie die Sprecherin zuerst einmal nicht wieder.

Statt der unauffälligen Arbeitsuniform trug sie ein recht auffälliges Kleid, und die Haare, die bisher kurz erschienen waren, fielen ihr nun in langen Locken über die Schultern. Fast, als sähe sie eine Erscheinung, starrte Annie sie an.

„13. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.“ Die Croupière lachte. „Leider haben Sie nichts gewonnen.“

„Ja … Nein … Ich habe ja gar nicht …“, Annie schluckte, „gespielt.“

„Und ich bin nicht für den Tisch verantwortlich.“ Sie schaute Annie fragend an. „Verraten Sie mir Ihren Namen?“

Annie konnte nicht direkt antworten. Sie war überwältigt von dem Anblick, der sich ihr bot. „Annie …“, sagte sie dann. „Ich heiße Annie.“

„Bess“, stellte die andere sich vor. „Bess Atkins.“ Sie zwinkerte ein wenig. „Nur falls du mal nach mir fragen willst.“

„Ich … Ich wollte gar nicht …“ Verlegen wandte Annie sich ihrem Glas zu und nahm einen hastigen Schluck.

„Üblicherweise komme ich an meinem freien Tag nie ins Casino“, fuhr Bess fort. „Ich bin froh, wenn ich mal ein bisschen Sonne sehe. Und da du nicht spielst, müsstest du wohl auch nicht hier sein. Aber du bist es. Ebenso wie ich.“ Sie beugte sich leicht zu Annie, und der Hauch eines betörenden Parfüms zog zu Annie herüber. „Was schließen wir daraus?“

„Ich … ähm … ich komme regelmäßig ins Casino.“ Annie merkte, dass sich das wie eine Rechtfertigung anhörte. Eine Rechtfertigung wofür? Dass sie hier war? Sie war oft hier gewesen, ohne dass sie das Gefühl gehabt hatte, sie müsste sich dafür rechtfertigen.

„Ich auch“, sagte Bess. „Ich arbeite hier.“ Sie schmunzelte leicht.

„Aber noch nicht lange“, stellte Annie fest und versuchte, ihren Blick länger als eine Sekunde auf Bess verharren zu lassen, was ihr schwerfiel, da ihr dann abwechselnd heiß und kalt wurde. „Ich habe dich vor ein paar Tagen das erste Mal gesehen.“

„Richtig.“ Bess nickte. „Ich war vorher in Reno. Wurde mir zu langweilig. Vegas hat mich schon immer gereizt.“

„Du hast schon in vielen Casinos gearbeitet?“, fragte Annie, weil ihr Kopf so leer war, dass ihr nichts Besseres einfiel.

„In einigen.“ Bess winkte dem Barkeeper. „Mach mir einen Old Fashioned, Sam.“

Der Barkeeper nickte. „Kommt sofort.“

„Hast du dort den Leuten auch so viel Glück gebracht?“, fragte Annie lächelnd. „Bevor du kamst, habe ich nicht ein einziges Mal gewonnen.“

„Das ist merkwürdig.“ Bess zog ein wenig die Stirn kraus. „Normalerweise gewinnt man am Anfang ein bisschen was.“ Sie lachte leicht auf. „Und verliert hinterher umso mehr.“

„Nun ja, ich habe immer nur fünf Dollar gesetzt.“ Annie zuckte die Schultern. „War vielleicht zu wenig.“

„Davon hängt es nicht ab“, sagte Bess. Ihr Cocktail kam und sie prostete Annie zu. „Was fangen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Abend an? Du willst nicht spielen, ich muss nicht arbeiten … Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten hier in Vegas?“ Ihre Augen blitzten unternehmungslustig.

„Nicht … nicht wirklich viele.“ Annie schluckte.

„Du gefällst mir.“ Bess’ Stimme klang schmeichelnd. „Du gefällst mir sogar sehr.“

„Ich … Bess …“ Annies Herz schlug laut. „Wir kennen uns doch kaum.“

„Hat das irgendwas zu sagen?“ Bess hob wie erstaunt die Augenbrauen.

Wieder schluckte Annie, dann räusperte sie sich. „Ich habe nicht die besten Erfahrungen damit gemacht“, murmelte sie undeutlich, während sie sich an ihrem Cocktailglas festhielt.

„Okay …“ Bess dehnte das Wort lang aus. „Du bist nicht an einer schnellen Nummer interessiert. Das akzeptiere ich.“

„Es … Es tut mir leid.“ Annie warf einen um Verzeihung bittenden Blick auf sie. „Ist das jetzt schlimm?“

„Nein.“ Bess nippte an ihrem Whiskey-Cocktail und lachte. „Nur ungewöhnlich.“ Dann betrachtete sie Annie auf einmal intensiver. „Es macht dich interessant.“

„Das war … eigentlich nicht –“ Annie stammelte herum. Bess verwirrte sie von den Haar- bis zu den Zehenspitzen. „Ich wollte nicht … ich meine …“ Sie wusste nicht mehr, was sie sagen sollte.

„Wie lange bis du schon in Vegas?“, fragte Bess freundlich.

„Fast ein Jahr.“

„Fast ein Jahr“, wiederholte Bess. „Und vorher warst du …?“

„In Pennsylvania. Da bin ich aufgewachsen.“

„Oh, in den tiefen Wäldern des Nordens.“ Erneut lachte Bess. „Da ist es ziemlich kalt, oder?“

„Manchmal“, sagte Annie. Auf einmal lachte sie auch. „Meistens“, gab sie zu. „Außer im Hochsommer.“

„Ich habe immer nur im Süden gelebt.“ Bess musterte sie nun auf eine andere Art. „Ich könnte nirgendwo leben, wo ich immer eine Jacke brauche.“

„Was warme Sachen betrifft, lebt man im Süden billiger, das stimmt.“ Annie musste schmunzeln. „Hier braucht man ja kaum einen Kleiderschrank.“

„Na ja …“ Bess schürzte die Lippen und ließ ihren Blick von oben bis unten über Annies Figur streifen. „Ein paar Sachen lohnen sich schon, die man da reinhängen kann.“

Hatte sie vorher gedacht, ihr würde heiß und kalt? Da hatte sie noch gar nicht gewusst, wie sich das anfühlte. Bess’ Blick war so eindeutig zweideutig, dass Annie ganz neue Dimensionen von kalt kennenlernte und ganz besonders von heiß.

„Freut mich, dass dir mein Kleid gefällt.“ Sie schluckte und versuchte, normal zu wirken. So als ob sie tatsächlich nur über Kleider reden würden.

„Noch viel mehr gefällt mir, was drinsteckt“, erwiderte Bess, offensichtlich amüsiert. „Aber das weißt du ja schon.“

Annie holte tief Atem, dann trank sie etwas von ihrem Cocktail und stellte ihn wieder ab. „Dein Kleid gefällt mir auch sehr gut“, erwiderte sie und fühlte sich wahnsinnig offenherzig dabei. Es war ganz klar, dass sie damit genau dasselbe meinte wie Bess zuvor, nämlich dass ihr vor allem der Inhalt gefiel, unabhängig von der Verpackung. „Und ich finde es schön, dass ich einmal sehe, wie es aussieht, wenn du die Haare offen trägst“, fuhr sie so forsch fort, wie sie sich selten selbst erlebt hatte. „Bisher dachte ich, du hättest kurze Haare.“

„Sieht seriöser aus am Tisch“, sagte Bess. „Und es behindert weniger bei der Arbeit.“ Sie warf den Kopf von einer Seite zur anderen herum, dass ihre Haare flogen und sich dann weich wieder zurück an ihren Hals schmiegten. „Ich glaube, es ist auch eine Sicherheitsmaßnahme des Casinos. Ich könnte mich vorbeugen und ein paar Chips bedecken und verschwinden lassen, bevor ich sie in den Pool zurückbringe.“

„Aber das wäre ja Diebstahl!“ Annies Augen öffneten sich weit. „Das würdest du doch niemals tun!“

Bess’ Mundwinkel zuckten heftig. „Du kennst mich überhaupt nicht. Wieso bist du dir da so sicher?“

Annies Mund öffnete sich zusätzlich zu ihren Augen, und sie sah für einen Moment aus wie ein Schaf.

Bess lachte. „Vielleicht würde ich es tun, wenn es nicht hundertprozentig sicher wäre, dass ich sofort damit auffliege. Wer könnte Chips verschwinden lassen außer den Croupiers?“

Für eine Weile saß Annie stumm da.

„Bist du jetzt schockiert?“, fragte Bess, nachdem sie sie währenddessen beobachtet hatte. „So etwas tut man in Pennsylvania nicht, oder?“

„Es gibt nicht so viele Spielcasinos in Pennsylvania“, murmelte Annie abwesend.

„Lange Zeit gab es gar keine legalen, ich weiß.“ Bess nickte. „Aber illegale gibt es immer und überall.“

Annie hielt die Luft an. „Du hast in illegalen Casinos gearbeitet?“

Fast beiläufig zuckte Bess die Schultern. „Nicht in Pennsylvania, aber ja, in anderen Staaten.“ Sie grinste ein wenig. „Meistens verdient man dort besser. Aber wenn das Casino auffliegt, landet man eventuell im Knast. Das ist nicht so gut.“

„Warst du schon mal –?“ Annie schluckte.

„Nicht so richtig.“ Erneut verzogen sich Bess’ Lippen zu einem breiten Schmunzeln. „Ich habe flinke Füße.“ Sie beugte sich vertraulich zu Annie hinüber. „Jetzt bist du richtig schockiert, hm?“

„N-nein, nur … überrascht“, stammelte Annie.

„Gib’s ruhig zu“, forderte Bess sie auf. „In den Hinterwäldern Pennsylvanias würde man für so etwas vielleicht noch verbrannt.“ Sie lachte auf und leerte dann ihr Glas. „War nett, dich kennenzulernen.“ Sie drehte sich zum Ausgang.

Annie blieb wie erstarrt sitzen. Dann plötzlich wirbelte sie auf dem Barstuhl herum und sah Bess sich entfernen. Sie würde wiederkommen, sie arbeitete ja hier, aber trotzdem fühlte es sich an wie ein Abschied für immer.

Schnell glitt Annie von dem hohen Hocker herunter und lief ihr hinterher.

„Aha“, kommentierte Bess ihr Auftauchen in ihrem Gesichtskreis. „Trotzdem interessiert?“ Natürlich zuckten ihre Mundwinkel dabei belustigt. Sie amüsierte sich offensichtlich köstlich über Annie.

Das jagte Annie zwar wieder heiße und kalte Schauer über den Rücken, aber mittlerweile war sie das gewöhnt. „Ich bin keine Hinterwäldlerin“, verkündete sie widerspenstig.

Bess blieb stehen und schaute sie an. „Ein Jahr in Vegas macht dich noch nicht zu einer verruchten Person.“

Annie hob die Augenbrauen. „Dazwischen gibt es nichts?“

Es ergab sich so etwas wie eine Schweigeminute. Bess schaute sie nur an. „Du bist erstaunlich“, sagte sie dann. „Du siehst so süß aus, aber tief innerlich bist du ganz schön taff.“

„In den tiefen Wäldern Pennsylvanias“, erwiderte Annie leicht ironisch, „muss man das sein. Sonst überlebt man nicht.“

„Cool.“ Bess schien beeindruckt. „Du bist echt cool.“

„Cool genug, damit du nicht wegläufst?“, fragte Annie herausfordernd.

Bess lachte auf und warf den Kopf zurück. „Ich laufe nicht weg. Dazu müsstest du eine Polizeiuniform tragen. Aber“, sie musterte Annie eindringlich, „ich will auch nicht dein Leben zerstören. Das bis jetzt“, sie hob die Hände, „wahrscheinlich ganz in Ordnung ist.“

Sie ging aus dem Casino hinaus, aber Annie ließ sich nicht so leicht abhängen. „Wie nennst du das jetzt?“, fragte sie. „Nicht weglaufen?“

„Annie …“ Bess blieb seufzend stehen. „Du kennst mich nicht. Ich bin kein Umgang für dich.“

„Das beschließt du einfach so?“ Annie stemmte die Hände in die Hüften. „Ohne mich zu fragen?“

Kopfschüttelnd betrachtete Bess sie. „Du bist wie ein anhänglicher Ohrenkneifer, was? Klein, aber oho.“ Sie biss sich nachdenklich auf die Lippe. „Glaub mir, ich zertrete Ohrenkneifer, wenn ich sie erwische. Ich möchte nicht, dass dir das passiert.“

„Vielleicht erwischst du mich ja nicht.“ Auf einmal zuckten Annies Mundwinkel ebenso belustigt wie zuvor die von Bess. „Ich bin nämlich auch ganz flink auf den Füßen.“

Bess gab ein ungläubiges Geräusch von sich. „Auf jeden Fall bist du hartnäckig.“

„Das …“, Annie lächelte, „lernt man schon als Kind in den Wäldern von Pennsylvania.“

Dazu sagte Bess nichts mehr, sondern ging einfach weiter, ohne Annie daran zu hindern, neben ihr herzuschlendern.

„Wie bist du eigentlich auf den Gedanken gekommen, als weiblicher Croupier zu arbeiten?“, fragte Annie.

Bess zuckte die Schultern. „Mein Vater war ein Spieler. Ich bin schon von kleinauf mit ihm herumgezogen und habe gesehen, dass Spielen nichts einbringt. Er ist völlig bankrott an einer Alkoholvergiftung gestorben, mit den Schuldeneintreibern auf seinen Fersen. Zwar hatte er mir alle Tricks beigebracht, wie man Leute betrügt, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, das führt zu nichts. Obwohl …“, sie zögerte, „obwohl ich eine Zeitlang davon gelebt habe. Ich hatte nichts anderes gelernt.“

„Ach so, deshalb deine Abneigung gegen die Polizei.“ Annie lächelte verstehend.

Nickend bestätigte Bess das. „Ich wollte nicht ständig auf der Flucht sein. Also überlegte ich mir, Spielen bringt dich um, Leute betrügen bringt dich ins Gefängnis, aber die Bank gewinnt immer. Da ich nicht selbst eine Spielbank gründen konnte, bin ich also Croupier geworden.“

„Sicher eine gute Entscheidung“, meinte Annie.

Wieder zuckte Bess die Schultern. „Wie ich schon sagte, wird es langsam langweilig. Selbst wenn ich von einer Spielbank zur nächsten ziehe, immer wieder an anderen Orten bin, aber der Job bleibt derselbe. Die Spieltische sehen immer gleich aus. Und auch“, sie warf einen Blick auf Annie, „die Leute, die spielen. Ziemlich jämmerliche Gestalten meistens.“ Sie schmunzelte. „Anwesende natürlich ausgenommen.“

„Ich bin glaube ich keine typische Spielerin.“ Annie fühlte sich von Bess’ Aussage nicht angegriffen. „Für mich ist das nur Entspannung, und ich kann jederzeit aufhören.“

„Das ist wirklich außergewöhnlich“, bestätigte Bess. „Da frage ich mich, warum du überhaupt spielst. Was ist der Kitzel für dich dabei?“

„Ach, irgendwie wahrscheinlich nur …“, Annie runzelte die Stirn, „dass man den Ausgang des Spiels nicht kennt. Jedes Mal, wenn die Kugel rollt, kommt etwas anderes dabei heraus. Man kann es nicht vorhersagen.“ Sie seufzte ein wenig. „Ansonsten ist das Leben ziemlich vorhersagbar.“

„Du spielst nur Roulette?“, fragte Bess.

„Ja … Ich weiß nicht …“ Annie schüttelte lächelnd den Kopf. „Fällt mir jetzt erst auf. Tatsächlich, ich spiele nur Roulette. Alles andere reizt mich nicht.“

„Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern“, vermutete Bess. „Bei Baccara oder Poker muss man beispielsweise entscheiden, ob man Karten zieht oder nicht.“

„Vielleicht ist es das.“ Annie wusste es tatsächlich nicht. „Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht. Als ich das erste Mal ein Spielcasino betrat“, sie lachte verlegen, „und mir ungeheuer verrucht dabei vorkam, hat mich der Roulettetisch sofort angezogen. Das grüne Tuch, das Rot und Schwarz, der glänzende schwarze Kessel und die hell strahlende Kugel, das Geräusch, wenn sie läuft und dann zur Ruhe kommt. Eine unwiderstehliche Mischung anscheinend.“

„Für dich.“ Bess betrachtete sie nachdenklich. „Jeder ist da anders.“

„Bestimmt.“ Annie zuckte die Achseln. „Aber ich bin nun mal, wie ich bin.“

„Das bist du.“ Nachdem sie ihren Blick noch einmal lange auf Annie hatte ruhen lassen, wandte Bess sich ab. „Du bist irgendwie auch“, sie lachte leicht, „eine unwiderstehliche Mischung.“ Sie beschleunigte ihre Schritte.

„Du läufst aber trotzdem vor mir weg“, stellte Annie fest, während sie versuchte, den langen Beinen zu folgen, aber sie musste fast zwei Schritte für einen von Bess machen.

„Ich will dich nur beschützen, verstehst du das denn nicht?“ Auf einmal klang Bess’ Stimme ärgerlich. „Ich bin nichts für dich.“

„Warum lässt du das nicht mich entscheiden?“ Annie fing schon an, um Luft zu ringen. Es war wie ein olympischer Ziellauf.

„Weil du ganz sicher die falsche Entscheidung treffen würdest.“ Bess blieb stehen. „Du hast Interesse an mir. Du findest mich aufregend. Nicht aufregend genug, um sofort mit mir zu schlafen, aber das zählt nicht. Du bist eben …“, ihre Stimme bekam einen provozierenden Tonfall, „doch eine Hinterwäldlerin mit den entsprechenden Moralvorstellungen.“

„Dadurch, dass du mich beleidigst, kriegst du mich auch nicht rum.“ Annie hielt Bess’ Augen mit ihren eigenen fest.

„Es war keine Beleidigung. Es war ein Kompliment“, entgegnete Bess. „Ich hätte nicht gedacht, dass du ablehnst.“

Annie blickte sie immer noch herausfordernd an. „Dann hast du mich bis dahin also nicht für eine Hinterwäldlerin gehalten?“

„Ehrlich gesagt“, auf einmal sah Bess verlegen aus, was gar nicht zu ihr passte, „habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich fand dich einfach nur … süß.“ Eine Sekunde herrschte Stille, dann wirkte es so, als ob Bess sich schütteln wollte. „Und das ist etwas“, fügte sie hinzu, während sie ihren ziellosen Lauf wieder aufnahm, „was ich glaube ich in meinem ganzen Leben noch nie zu jemandem gesagt habe.“

„Einmal ist immer das erste Mal.“ Annie lachte. Sie hatte nicht die Absicht, Bess so einfach laufen zu lassen, und hielt nun mit ihr Schritt, nachdem sie sich an ihre weitausgreifenden langen Beine gewöhnt hatte. „Sagt man nicht so?“

„Man sagt eine Menge.“ Bess schüttelte den Kopf. „Die meisten Leute sagen viel, wenn der Tag lang ist, ohne auch nur ein Wort davon zu meinen.“

„Auf dem Land meinen immer alle es so, wie sie es sagen“, erwiderte Annie, „aber in der Stadt habe ich schnell gelernt, dass das nicht normal ist.“ Sie atmete tief durch, einerseits weil sie die Luft zum Rennen brauchte, aber andererseits auch als eine Art Seufzer. „Dennoch bin ich in der Hinsicht wohl immer noch ein Kind vom Lande, da hast du recht. Ich glaube nicht, dass alle Leute immer lügen.“

„Das wäre einfach“, sagte Bess. „Dann müsste man nur das Gegenteil von dem annehmen, was sie sagen. Das wäre automatisch die Wahrheit. Aber leider“, sie schaute wieder auf Annie hinunter, „lügen sie nur manchmal. Und manchmal sagen sie tatsächlich die Wahrheit. Aus welchem Grund auch immer. Da ist es dann praktisch, wenn man in ihnen lesen kann.“ Sie lachte etwas wehmütig. „Das hat mir mein Vater schon früh beigebracht. Die Gesichter der Leute sagen mehr als ihre Worte. Ich schaue ihnen in die Augen und weiß ganz genau, ob sie mich betrügen oder nicht.“

„Aber sie sehen nicht, ob du sie betrügst?“ Das fand Annie so erstaunlich, dass sie die Stirn runzelte.

„Man kann das auch verstecken. Wenn man weiß, wie.“ Wieder lachte Bess. „Aber das lernt man ganz sicher nicht in den Wäldern von Pennsylvania!“

„Das heißt …“ Annie legte den Kopf schief und dachte nach. „Das heißt, du denkst, ich kann nie genau sagen, ob du lügst oder nicht, während du mich genau lesen kannst.“

„Das würde ich annehmen“, sagte Bess. „Und da du das jetzt weißt, warum willst du dann noch irgendetwas von mir? Du würdest immer denken, dass ich lüge, egal, was ich sage.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das würde dir ein ganz schlechtes Gefühl vermitteln. Also …“ Sie blieb stehen. „Geh nach Hause, Annie Pittsburg, oder wie immer du heißt.“

„Pittsburg ist nur eine Stadt in Pennsylvania, kein Nachname.“ Annie schüttelte irritiert den Kopf. „Jedenfalls nicht meiner“, korrigierte sie sich.

„Dein Nachname ist mir völlig egal!“, fuhr Bess sie an. „Und du auch. Merkst du das nicht? Ich wollte nur mit dir schlafen, ein bisschen Spaß haben. So ist mein ganzes Leben. Auf etwas anderes bin ich nicht aus.“

Annie betrachtete sie sehr eindringlich. „Myers“, sagte sie. „Mein Nachname ist Myers.“ Sie lächelte. „Nur falls du mal nach mir fragen willst.“

„Annie Myers. Oh mein Gott!“ Bess legte in gespielter Verzweiflung den Kopf in den Nacken. „Genauso habe ich mir das vorgestellt!“

„Also weißt du …“ Wie ein kleines Kind stülpte Annie ihre Lippen nach außen. „Bess Atkins ist jetzt auch nicht gerade ein besonders ausgefallener Name.“

„Auf jeden Fall hast du ihn dir gemerkt.“ Mit einem leisen Lächeln schaute Bess sie an. „Dein Name mag zwar nichts Besonderes sein, aber du bist etwas ganz Besonderes, Annie Myers. Den Eindruck habe ich.“

„Wenn du es sagst …“ Annie konnte es nicht verhindern, ein wenig rot zu werden.

„Und gerade deshalb solltest du jetzt wirklich gehen“, fuhr Bess fort. „Du bist viel zu gut für mich.“

Annie betrachtete Bess’ etwas angespanntes Gesicht. Im Moment versteckte sie ihre Gefühle oder das, was sie dachte, nicht besonders gut. „Wieso denkst du das?“, fragte sie. „Sollte das nicht eigentlich ich entscheiden?“

„Wie könntest du das?“ Bess schüttelte den Kopf. „Das hast du auf deiner Farm nicht gelernt. Glaub mir, wir haben nicht das Geringste gemeinsam.“

„Nur weil wir verschieden aufgewachsen sind?“ Annie öffnete fragend die Augen. „Kann man nicht auch so etwas wie seelenverwandt sein? Selbst wenn man an entgegengesetzten Orten der Welt geboren wurde?“

„Seelenverwandt?“ Nun waren es Bess’ Augen, die sich weit öffneten, aber vor Überraschung. „Du hast sie echt nicht alle, Pennsylvania.“

„Annie reicht“, sagte Annie. „Und wenn du meinst, dass ich verrückt bin, sind wir uns dann nicht schon ein Stückchen näher?“

Bess lachte. „Für verrückt halte ich mich eigentlich nicht.“ Sie schüttelte erneut den Kopf. „Und dich auch nicht.“ Mit einem Aufseufzen atmete sie tief durch. „Du willst es einfach nicht verstehen, oder?“ Fast mitleidig beugte sie sich zu Annie. „Du bist ein liebes, nettes Mädchen vom Lande, und ich bin … ich habe schon zu viel gesehen und erlebt, um noch lieb und nett zu sein.“

„Vielleicht reizt mich das ja gerade“, erwiderte Annie. „Du bist wie das Roulette: nicht vorhersagbar.“ Sie machte eine kleine Pause. „Oder …“, fügte sie dann hinzu, „vielleicht möchte ich auch nicht vorhersagbar sein.“ Unvermutet hob sie sich leicht an und küsste Bess auf den Mund.

Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt. Ihre Fähigkeiten, in anderen Menschen zu lesen, hatten sie wohl tatsächlich im Stich gelassen. Wenn sie etwas offensichtlich nicht erwartet hatte, dann war das dieser Kuss.

Annies Mundwinkel begannen zu zucken, dann konnte sie sich nicht mehr gegen ein breites Schmunzeln wehren. „Nichts geht mehr“, sagte sie, als wären sie gerade am Roulettetisch. „Die Kugel ist gefallen.“

Lange schaute Bess sie an. „Fragt sich nur, auf welche Zahl“, erwiderte sie dann leise. „Es könnte auch eine Nullrunde sein.“

„Kann nicht sein“, sagte Annie. „Ich setze nie auf die Null.“

Geschichte Nr. 11

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 11 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

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Inhalt

Malou Wörner, bis vor kurzem noch Bankmanagerin gewesen, ist auf dem Weg in die pure Natur um alles hinter sich zu lassen. Sie hatte sich in den letzten zwei Jahre in ihre Arbeit gestürzt, um über die Scheidung von Kara hinweg zu kommen. Jetzt wollte sie die Erinnerungen, die sie immer wieder unangemeldet heimsuchten, samt Ehering hier oben in den Wäldern begraben. Sie wollte endgültig und für immer mit ihr abschließen, um ein komplett neues Leben zu beginnen.

An der Blockhütte jedoch angekommen, nimmt das Schicksal einen eigenwilligen und eigenartigen Verlauf, um Kara hinter sich zu lassen. Denn plötzlich steht sie vor ihr, und sämtliche Gefühle die sich in den letzten Jahren aufgestaut haben, die Liebe, die Wut, die Sehnsucht und die Trauer, stürzten über ihr zusammen, wie es die Wassermassen eines riesigen Wasserfalls taten. Doch sie spürt, dass die Liebe zu Kara immer noch in ihr schlägt und dafür sorgt, dass sie vor Sehnsucht zu ihr fast vergeht. Doch Kara scheint über ihr Aufeinandertreffen alles andere als erfreut zu sein, und zeigt ihr nur die kalte Schulter. Malou stellt sie dennoch zur Rede, da sie wissen will wo Kara die letzten beiden Jahre ohne ein Wort der Erklärung gewesen war, da sie einfach von heute auf morgen wie vom Erboden verschluckt gewesen war. Doch mehr als alles andere will sie wissen, warum Kara aus heiterem Himmel die Scheidung eingereicht hatte. Nicht einmal zum Scheidungstermin war sie persönlich erschienen. Aber Kara dreht den Spieß um. Mit einer Stimme, scharf wie eine Rasierklinge, wirft sie Malou vor ,dass sie, Malou, die Scheidung gewollt hatte, und lässt sie mehr als verwirrt und erneut ohne Aussprache in der Hütte zurück.

Doch noch am Abend taucht Kara unerwartet, wie überraschend wieder auf. Es scheint fast, als mache sie sich um Malou Sorgen. Alle Annäherungen von ihrer Seite, Kara möge doch endlich mit ihr reden, scheitern weiter. Bis Kara nach einem Streit, Malou mit einer Mischung aus Wut, Enttäuschung und sexueller Frustration erneut zurück lässt. Doch es dauert nur kurz, da stürmt Kara  wie ein Anti-Terror-Kommando in die Hütte, und starrte sie mit einem Ausdruck an, den Malou nur als hungrig beschreiben konnte. Noch bevor sie protestieren konnte, was sie aber alles andere als getan hätte, liegt Karas Mund auf ihrem. Nach einer Nacht voller Leidenschaft teilt Kara Malou nicht ganz charmant mit, dass sie sie verlassen muss. Das sie nicht bleiben kann. Es ein Fehler war, Malou einer Gefahr auszusetzen, von der sie nichts wusste.

Malou jedoch will nun erst recht alles Wissen und bittet Kara sich ihr zu offenbaren. Und so erfährt sie, dass Kara nicht die Frau ist, für die sie sie gehalten hatte.

 

Auszug

Malou genoss die Aussicht und entspannte wie immer sofort, wenn sie an diesem himmlischen Fleckchen Erde entlang fuhr. Es war ein schöner Tag der gerade erst langsam erwachte, aber dennoch einer, um alles hinter sich zu lassen und um sich neu zu finden.

Sie hatte keine Lust gehabt länger als nötig Zeit in ihrer Hotelzimmer zu verbringen. Denn hier oben war sie umgeben von purer Natur. Sie liebte den Wald, der die steilen Hänge und Bergspitzen bedeckte, und dessen Bäume groß und majestätisch wie Giganten in den Himmel ragten. Wo sie gerade dabei waren den Sonnenaufgang einzufangen, um für einen flüchtigen, strahlenden Moment mit ihm zu verschmelzen, bevor sich die letzten rosaroten Schlieren des sterbenden Morgens am Horizont verabschiedeten, um das Tal zu ihren Füßen in warmes Licht zu tauchen.

Die Nacht war ereignislos verlaufen, was eine nette Abwechslung zu den Nächten davor war. Und deshalb liebte sie es sich so wohl zu fühlen. Es war einfach unbeschreiblich hier an diesem Ort aufzutanken und Kraft zu schöpfen. Gerade jetzt wo sich wieder einmal alles verändert hatte, brauchte sie einen Ort um wieder zu sich selbst zu finden. Denn manchmal war stille Gesellschaft heilender als Worte. Man verlor das Zeitgefühl hier oben in den Bergen und Wäldern, was mit ein Grund war, warum sie hier gerne ihre Stunden verbrachte.

An den meisten Tagen war sie völlig zufrieden damit wie die Dinge standen. Sie hatte einen guten Job, den sie immer gern gemacht hatte. Wohnte in einer Stadt, die sie immer schon liebte. Nur die Aussicht auf ihre Zukunft könnte noch ein wenig besser werden. Wenn möglich mit der Liebe ihres Lebens an ihrer Seite.

Bei diesem Gedanken atmete sie tief durch und ließ es fast zu, dass Melancholie sie niederdrückte.

Unweigerlich hörte sie die Stimme von Tante Annabelle in ihrer typisch französischen Aussprache: Marie Louise, schwebst du wieder in himmlischen Spähren? Ein Lächeln umspielte dabei ihren Mund. Ihre Tante hatte sie immer nur dann Marie Louise genannt, wenn sie wieder einmal nicht hören wollte oder nichts wahrgenommen hatte.

Lächelnd hatte ihre Tante den Kopf geschüttelt und ihr über das sonnen-blonde Haar gestrichen, was sie immer sehr genossen hatte. Genau wie sie gerade den Fahrtwind genoss, der ihr Haar durch die geöffneten Fenster verwehte während sie der Straße folgte und mit jeder Haarnadelkurve die Zivilisation weiter hinter sich ließ. Sie blickte gen Himmel, während der Wind ihr ums Gesicht streichelte.

Sie bog vom Schotterweg ab und mit einem fast hörbaren Rauschen schloss sich hinter ihr der Wald, sperrte die zivilisierte Welt der Autos und elektrischen Lichter der Stadt aus. Sie sah wie Rehe einige Meter vor ihr den unbefestigten Weg überquerten, der Meter für Meter anstieg, und nach etwas einer-viertel Stunde und der letzten Kurve erblickte sie die Hütte, die wie hundert andere hier oben in den Bergen im Blockhausstil erbaut war. Nur dass in dieser hier ein großes Loch prangte, in dem ein Vorderfenster eingebaut war. Es fing das Licht ein und funkelte wie bunte Kristalle die vom Sonnenlicht eingefangen wurden. Das Land in dem Honig und Milch flossen war für sie diese Hütte hier oben in den Bergen.

Als sie auf den kleinen Vorplatz fuhr fiel ihr auf, wie sehr das dichte Gestrüpp, welches sich in einiger Entfernung um die Hütte schlängelte, immer mehr wurde. Sie hielt, schaltete den Motor ab, stieg aus und schenkte dem Adler, der über ihr seine Kreise zog, kurz ihre Aufmerksamkeit, bevor sie die herrlich klare Luft einatmete, die hier oben in den Bergen um einige Grade kühler war.

Die Sonne warf ihre ersten hellen Strahlen auf den Waldboden. Noch zeigte sie sich zwar etwas blass auf halber Höhe am makellosen blauen Himmel, doch ihre Strahlen begannen bereits jetzt schon ihre Haut zu kitzeln, bewirkten in kürzester Zeit das was sie schon seit Wochen versuchte: Sie verscheuchten tatsächlich ihre niedergedrückte Stimmung und gaben ihr Hoffnung. Sie konnte förmlich fühlen wie eine tiefe Ruhe von ihr Besitz nahm.

Ein Seufzen entwich ihren Lippen als die Wärme der Umgebung sich über ihren Körper ergoss. Das quirlige Pfeifen der Vögel wehte über die Hänge und verhallte schließlich in den Bäumen des Waldes. Sie legte den Kopf in den Nacken, worauf die lebensspendenden Strahlen der Sonne auf ihr Gesicht fielen und ihr ein Lächeln hervorzauberten.

Eine zarte Brise fuhr über den Boden und wirbelte tote Blätter in die Luft, während sie ihre Reisetasche und eine der Kisten mit den Lebensmittel aus dem Kofferraum nahm. Dabei fing ihr Blick die aufmunternden Sonnenstrahlen erneut ein, die durch die Äste schienen, und einen herrlichen Schimmer auf dem Steinweg zur Hütte warfen. Die Sonne schien warm auf ihr Gesicht und Frieden ergriff von ihrer Seele Besitz. Das war es wofür sie hergekommen war. Die Geräusche der Natur umgaben sie. Das Zwitschern von Vögel. Das Summen von Bienen. Und eine Krähe, die  fast bis auf ihren Kopf hinunter stieß, sich dann aber nach oben zu den Baumwipfeln schwang.

Der Ort wahr einfach atemberaubend. Er hätte locker für einen Schauplatz von Geschichten, die von Feen mit silbernen Flügel, bärtigen Wichtel und tanzenden Mäuse handelten, dienen.Und als ob ihr da jemand beipflichtete, kam ein erneuter sanfter Wind auf, strich durch das Gras und brachte den Duft von feuchter Erde mit sich und verleitete eine Grille dazu ganz in ihrer Nähe zu zirpen. Sie warf einen Blick in den Wald, versuchte durch das dichte Blätterwerk ein Anzeichen von Leben auszumachen. Doch der Wald gab seine Geheimnisse wie immer nicht preis.

Dennoch ... irgendetwas erschien ihr heute anders. Doch es war nur ein Gefühl, welches sich schnell wieder in Luft auflöste.

Sie blickte zum Himmel hoch, entdeckte auf halben Weg zwischen Erde und Zenit ein paar flauschige Wolken und hoffte, dass nicht mehr aufziehen würden. Zu schön war die Aussicht, die sie seit ihrer Kindheit immer wieder aufs Neue gefangen nahm. Hier oben wurde ihr ein Ausblick geboten, der dem Himmel nahe kam. Jedenfalls ihrem Himmel. Ihr Augen scannten jeden Zentimeter der Umgebung, die ihr einen herrlichen Ausblick auf die Felshänge und das in der Ferne liegende Tal mit seinem See bot. Der gerade wie ein Diamant zu funkelte begann, als die Sonnenstrahlen in sanft zu streicheln begannen.

Tief und langsam atmete sie die klare Luft in ihre Lungen, während sie über den glitzernd aussehenden Steinweg zur Hütte entlang ging. Bald würden auch die Laubbäume den Weg mit ihren goldenen Blättern bedecken. Doch jetzt, Ende August, raschelten ihre Blätter noch beim leichtesten Windhauch hoch über ihrem Kopf. Sie bemerkte aus den Augenwinkeln einen zuckenden Schatten. Sie richtete ihren Blick darauf und sah ein Eichhörnchen den Baum hoch-flüchten. Wind kam erneut auf und brachte die Bäume zum Flüstern. Kein Wunder, dass sie Schatten sah. Die Umgebung war voll von ihnen. Der Duft nach Blätter, Wind und Wildheit der ihr hier oben so vertraut war, zog ihr in die Nase.

Wie schnell sich alles immer ändern kann, dachte sie. Letzten Monat hatte sie noch als Vizepräsidentin in einem großen Bankkonzern gearbeitet und war am Rande der Erschöpfung gewesen. Und das mit Anfang vierzig. Und als dann der Brief ihrer Tante kam, fielen ihr wieder ihre Worte ein, die sie immer zu ihr gesagt hatte, wenn eine Sache aussichtslos erschien. Mon petit fleur, Ärger ist keine Lösung. Und Selbstmitleid ist nur Zeitverschwendung. Nést-ce pas?

Sie war von ihrer seit Jahren kranken Tante Annabelle als einzige Erbin eingesetzt worden. Zum Nachlass gehörte ein Oldtimer, der sich wunderbar hier oben in den Kurven fahren ließ wie sie heute wieder begeistert feststellen durfte. Und diese unbezahlbare Hütte in den Bergen. Somit hatte sie nicht lange überlegt. Sie hatte gekündigt, ihre Sachen gepackt und beschlossen hier hinauf zu fahren. Mit einigen Rücklagen, und nun auch noch mit dem Geld aus der Hinterlassenschaft ihrer Tante brauchte sie sich erst einmal um Geld keine Sorgen zu machen.

Großtante Annabelles Langlebigkeit war immer ein unaufhörliches Rätsel gewesen. Sie hatte ihr ganzes Leben lang geraucht und täglich einen kleinen Schnaps zu sich genommen, trotzdem wurde sie 98 Jahre alt. Im Gegensatz zu all den joggenden Reformkost-Fanatikern, die mit Anfang vierzig umkippten. Was schließt sich wohl daraus?

Tante Annabelle hatte außer ihr, Malou, keine Familie mehr. Sie war hier in diese Gegend gekommen, weil sie keinen anderen Ort gehabt hatte an den sie gehen konnte, und war geblieben weil sie den Wald so mochte. Ihr Gesicht war damals so traurig gewesen, dass sie es nie mehr über sich gebracht hatte, ihre Tante noch einmal nach ihrer Vergangenheit zu fragen.

Ihre Mutter hatte Tante Annabelle gehasst und immer behauptet, sie, Malou, würde nur um sie zu ärgern an der Tante hängen, wie Moos an einem Baum. Na ja, vielleicht stimmte das sogar. Denn Tante Annabelle hatte ihr in all den Jahren mehr Zuneigung und Unterstützung entgegengebracht, als ihre Mutter es je getan hatte. Traurig, aber so war es nun mal. Vielleicht hatte ihre Tante aber auch ein schlechtes Gewissen wegen ihrem Bruder, Malous Vater, der einfach von heute auf morgen seine Familie im Stich gelassen hatte.

Malou brauchte dringend die Entspannung. Und dazu brauchte sie den Frieden dieses, nun der ihre, besonderen Ortes, um einfach nur abzuschalten und aufzutanken. Sie wollte für eine Weile hier oben bleiben um in Ruhe zu tun was sie auch immer tun wollte. Sie war von jäher eher ein kreativer Mensch gewesen, doch wollte ihre Mutter nichts davon wissen. Somit war sie in die Fußstapfen ihrer Mutter gestiegen und schlussendlich bei einer Bank gelandet. Sie hatte ihren Job gern getan, aber … es war eben nicht ihre Erfüllung von dem gewesen, was sie sich für sich in ihrem Leben erhofft oder erträumt hatte. In Wirklichkeit sah sie sich ganz woanders. Vor allem nachdem sie immer öfter die Termine ihrer neuen Kollegin übernehmen musste, am Ende sogar all ihre Kunden übernommen hatte, damit keiner zu Schaden kam. Sie wusste nämlich das die Leute nicht wiederkamen wenn man einen Termin platzen lässt. Die Leute hielten heutzutage nicht mehr viel von Treue. Dafür gab es zu viele andere Banken.

Sie fragte sich gerade, ob ihre neue Kollegin Fersengeld gegeben hatte, und in eine andere Bank geflüchtet war? Bei ihrer Chefin wäre es kein Wunder. Sie seufzte. In ihrer Bank, in der sie seit Jahren arbeitete, kamen und gingen die Banker mit großer Regelmäßigkeit. Der Job war nicht lukrativ genug für jeden, um den hohen Stressfaktor wettzumachen. Und bei ihrer Bank gaben sie sich dank ihrer Chefins spitzer Zunge und perfektionistischer Natur schneller die Klinke in die Hand, als ein Hund seine Schüssel leer fressen konnte.

Sie atmete tief ein. Hier oben hatte sie ihre glücklichste Zeit erlebt … und nicht nur als Kind. Und als ob sie ihren Gedanken bestätigen wollte, blickte sie hinunter auf ihren Ehering, den sie immer noch trug. Sie ließ die Erinnerungen an einen Tag der weit zurück lag nur ungern zu. Damals, als sie … Sie krümmte sich innerlich. Liebe war ihr Lebenslang eher ein Fremdwort gewesen. Sie hatte nicht genau gewusst was es bedeutete. Ihr Vater hatte sie offensichtlich nicht geliebt, sonst hätte er sie nicht verlassen als sie noch ein Kleinkind gewesen war. Und ihre Mutter hatte von je her eine seltsame Art ihre Liebe zu zeigen. Nur bei Tante Annabelle, bei der sie immer ihre Ferien verbrachte, bekam sie Zuneigung geschenkt. Sie hatte noch nie eine Frau geliebt, und noch nie hatte sie eine Frau geliebt. Es war nie über ein wenig Verliebtheit hinaus gegangen.

Bis … ja, bis sie Kara begegnet war. Nun wusste sie nicht nur was Liebe war, sondern auch wie schmerzvoll Liebe sein konnte. Ein unerträglicher Schmerz schnürte ihre Brust zusammen. Sie senkte den Kopf und wirkte viel kleiner als sie es eigentlich war. Sie erlaubte sich nicht oft an sie zu denken. An ihre Liebe, ihre Erinnerungen an sie. Und damit meinte sie, richtige, greifbare Erinnerungen. Doch nun … Ihre Gedanken teilten sich wie das biblische Rote Meer, trotzdem fühlte sie sich nicht wie Moses. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals runter, der viel zu sehr nach Tränen schmeckte. Sie wollte nicht mehr weinen. Jedenfalls nicht mehr wegen Kara.

Sie hatten sich nur ein paar Stunden gekannt, aber es war, als hätten sie sich schon immer gesucht und endlich gefunden. Sie hatte in ihrem Alter damals mit 38 Jahren nicht mehr daran geglaubt, auf die Liebe ihres Lebens zu treffen. Und an die Liebe auf den ersten Blick hatte sie auch nie einen Gedanken verschwendet, denn sie wusste, dass jeder in ihrem Alter seine eigenen und besonderen Macken hatte, die man erst einmal kennenlernen sollte bevor man von der großen Liebe sprach.

Kleine und große Erinnerungen wirbelten durch ihren Kopf, gefolgt von unzähligen Fragen. Dann sah sie Kara vor ihrem geistigen Auge und ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Sie ließ die Erinnerung zu:

Es war an einem Samstagabend vor drei Jahren gewesen, als ihre Freundinnen sie in einer dieser neu aufkommenden Bars mitnahmen, in der noch keine von ihnen gewesen war. Sie selbst war erst vor zwei Tagen von Hongkong nach Paris gekommen. Hatte kurz ihrer Tante hallo gesagt, um dann am nächsten Tag weiter nach Deutschland zu fliegen. Die Zeitverschiebung saß ihr noch schwer in den Gliedern. Sie gaukelte ihr vor dass jetzt abends sei, so wie in Hongkong eben noch. Dabei war es in Deutschland Mittag und das machte sie irgendwie leicht konfus. Doch sie hatte ihren besten Freundinnen hoch und heilig versprochen mit dabei zu sein, um die neue Szene auszuspionieren. Und da sie eh viel zu selten zum entspannen kam, wollte sie unbedingt mal wieder einen schönen und vielleicht aufregenden Nachmittag und Abend mit ihren Freundinnen verbringen. Wie aufregend der Abend allerdings werden würde, davon hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorstellung gehabt. Zum Glück hatte sie sich in Hongkong, das als Einkaufsparadies schlechthin galt noch einmal neu eingekleidet. Ihr Outfit passte ungewollt unglaublich gut in diese Atmosphäre, in die sie eintauchten. 

Drinnen im Gebäude sah es genauso edel aus wie von außen. Große Fenster, kaum Mobiliar, dafür klare Linien bei der Einrichtung. Ein atemberaubendes Ambiente, dass mit schönen Objekten zum bleiben einlud. Dezent ausgeleuchtet warteten auf Podesten, die aus weiß glänzenden Kunstharz bestanden, kleine, dunkle verschnörkelte Holztische auf neue Gäste.

Doch das schönste Objekt kam, nachdem man sie herzlich begrüßt, sie an einen freien Tisch begleitet, und ihnen einen Drink gebracht hatte, wie aus dem Nichts geformt plötzlich Richtung ihres Tisches, in Gestalt von Kara.

Malou schluckte fest. Diese Frau war attraktiv, sexy, schien intelligent. Kara hätte jede Frau hier haben können. Also warum gerade ging sie zielsicher auf sie zu? Sie war auf Grund ihrer Größe und ihrer umwerfenden Ausstrahlung leicht in der Menge auszumachen. Sie trug eine schwarze Lederhose, braune Stiefel und ein enganliegendes helles T-Shirt das ihre Weiblichkeit unterstrich. Sie war zum Anbeißen. Knabbern. Küssen. Dahinschmelzen.

Auf der Stelle war sie fasziniert von ihr gewesen, wie sie da stand, an ihrem Tisch. Sie schien noch nicht alt, vielleicht so um die 45 Jahre. Doch das war ein Eindruck, den Malou nicht so recht festmachen konnte. Alles an Kara fesselt sie. Vor allem ihre einladende Stimme, als sie sie fragte ob sie sich neben sie setzen dürfte. Und als ihr Duft dann zu ihr wehte, als sie neben ihr platz nahm, war Malou wie berauscht. Da sie nur selten Grund zum Erröten hatte, mussten ihre glühenden Wangen auffallen wie der Strahl einer Taschenlampe im Dunkeln.

Kara machte den Eindruck, als bekomme sie für gewöhnlich was sie wollte. Aber Malou würde nicht mit irgendeiner Frau im Bett landen, nur weil diese es gewohnt war zu bekommen was sie wollte. Dennoch schien es, als interessierte es ihr Verstand nicht. Als es Zeit wurde nach Hause zu fahren, gab Kara ihr einen Gute-Nacht-Kuss. Zweifellos der zurückhaltendste den sie je bekommen hatte. Und dass Karas Hand dabei ihre Brust streifte, musste reiner Zufall gewesen sein. Doch ebenso wie sie den Zauber spürte der sie umgab, schien auch Kara ihn zu spüren, denn es schien, als könnten sie sich einfach nicht von einander trennen. Eine Ewigkeit sahen sie sich einfach nur an, bevor Kara ohne Vorwarnung ihre Hand nahm und sie kurz entschlossen hinter sich her zog.

Malou rief ihren Freundinnen noch schnell zu das sie ruhig fahren könnten, sie würde schon nach Hause finden. Dann begannen auch schon sofort die Schmetterlinge in ihrem Bauch, mehr als wild umher zu fliegen, als Kara sie in eines der Séparées im hinteren Bereich schob, und den schweren, rot-samtig ausschauenden Vorhang hinter ihnen schloss.

Der halbdunkle abgeteilte Bereich, in dem alles angefangen hatte. Malou wurde von einer Hitzewelle durchzogen. Sie schluckte erneut schwer.

Die gedimmten kleinen Lämpchen, die unauffällig an den richtigen Stellen drapiert waren, warfen ein sinnliches Funkeln auf vergoldete Elemente in den verschiedensten Staturen, Wandschmuck und auf Karas Blick, der auf ihrem Gesicht heftete. Die glimmenden Enden der Räucherstäbchen, die der kaum erleuchteten Dunkelheit etwas Unheimliches gaben und ihre Nervenbahnen mit einem betörenden Duft ummantelten, vermittelten dem Raum eine Qualität, wie aus einer anderen Welt. Einer leidenschaftlichen, neuen Welt.

Karas Augen taten es schon wieder. Sie wanderten an ihrem Körper hinunter und hinauf. Sie spürte erneut dieses faszinierende Ziehen in den unteren Regionen ihres Körpers und biss sich auf die Lippe. Warum machte sie diese Frau nur so an? Das war alles andere als fair. Sie wollte sich ihre Gefühle nicht anmerken lassen, aber sie versagten an diesem Abend maßlos, wie sie erneut feststellte. In diesem kleinen abgetrennten Raum herrschte eine Atmosphäre, die ihr erst unbehaglich gewesen war, da alle Eindrücke so neu und fremd waren. Doch ließ sich das Kribbeln, dass sie in dem Augenblick überfallen hatte als Kara sie in das abgetrennte Abteil führte, hinter die spanische Wand führte, hinter der man das Vollzogene dahinter vor ungebetenen Besucher verbergen konnte, nicht leugnen.

»Du kannst auch wieder gehen«, hauchte Kara ihr unglaublich sinnlich zu.

Malou deutete ein kaum erkennbares Kopfschütteln an.

Kara ließ sie Arme sinken. Malou nahm an, dass sie dennoch zur Seite treten würde um sie vorbeizulassen, als ihre Hand sich um ihre Hüfte legte. Sie hatte immer gedacht, dieser Funke, der übersprang wenn zwei Leute sich berührten die sich zueinander hingezogen fühlen, wären ein Mythos. Doch so war es nicht. Ihre Blicke waren in einander versunken und eine sengende Hitze schoss durch ihren Körper.

Kara drang in ihren Privatbereich ein, noch bevor sie es realisieren konnte. Sie überlegte kurz besser auf die Bremse zu treten, bevor sie kopfüber von der Klippe stürzte. Doch als Kara ihr eine Hand in den Nacken legte, um ihren Kopf festzuhalten während sie sie langsam an sich presste, konnte sie nicht anders als sich überwältigen zu lassen. Bezwungen von ungeahnten Gefühlen, die sie in ein Bann zogen, aus dem sie sich nicht freiwillig befreien wollte. Denn diese Lippen hatten sich so unglaublich faszinierend angefühlt beim Verabschieden.

Kara verstand sich darauf Frauen zu verführen. Und wie sie das tat! Die Hitze die sie ausstrahlte, und ihre Kraft, überwältigten sie. Während eine Hand noch um ihrem Nacken heiß lag, strich die andere Hand ihren Oberschenkel hoch. Hinterließ dort ebenfalls eine heiße Spur. Sie stöhnte auf als Karas Hand irgendeine raffinierte Bewegung machte, sodass die Knöpfe ihrer Bluse über ihren BH aufsprang. Dann senkte sich ihr Mund und bedeckte ihren.

Kara küsste sie mit weichen, warmen Lippen und neckte ihre Zunge mir ihrer. Malou wollte sie in sich einsaugen und für immer bei sich behalten. Ihr Gehirn schmolz, als ihr Körper Feuer fing. Kara knabberte an ihrer Lippe, probierte sie mit ihrer Zunge, umfasste ihr Gesicht mit ihren langen, erotischen Fingern, streichelte ihr Kinn mit ihrem Daumen, liebkoste ihre Wangen mit ihren Handflächen. Sie glaubte Kara leise aufstöhnen zu hören, als diese sie noch enger an sich zog und ihre Mitte auf die ihre traf.

Es brauchte nicht viel, merkte sie gerade, und sie wäre schon in diesem Moment gekommen. Entbehrung kann so etwas schon mal bewirken. Ihr Körper stand in Flammen. Ihre Gedanken waren ein einziger Tumult. Es würde nicht viel erfordern sie davon zu überzeugen es gleich hier zu tun. Ihre Arme hoben sich aus eigenem Antrieb und ihre Finger vergruben sich in Karas weichen, dicken Haar und drängte sie nicht aufzuhören.

Karas Atem mischte sich mit ihrem. Und als hätte sie ihre Gedanken gelesen meinte sie: »Das hier muss nicht kompliziert werden. Ich will dich, Malou. So wie du mich zu wollen scheinst. Lass uns mit dem weiter machen, was wir hier gerade tun. Okay? Lass mich dich berühren. Ich kann es kaum erwarten und kaum noch aushalten.«

Wenn einem die Liebesgöttin persönlich um so etwas bittet, was könnte man anders antworten als: »Himmel, ja.« Erwartungsvolle Aufregung rauschte durch ihre Adern. Sie hat sich nie lebendiger gefühlt als in diesem Moment, als sie das Wissen überkam, eine Grenze zu überschreiten. Eine Grenze mit dieser Frau, die sie vom ersten Augenblick hatte eingefangen. Sie war so unglaublich erregt, dass sie sich kaum beherrschen konnte sich ihr entgegenzuwölben. Sie wollte sie, und zwar ganz. Deshalb ergab sie sich den himmlischen Gefühlen die geweckt wurden.

Oh lieber Gott, wie hatte sie nur vergessen können, dass das Eindringen einer geschickten Zunge in die Muschel ihres Ohres, sie ein ganzes Stück weiter südlich feucht machen konnte. Sie fuhr mit ihren Fingernägel über das zuckende Fleisch Karas Seiten, bevor sich die Handflächen um ihrem extrem netten Po legten. Das alles war nicht genug. Ihr Drang, ihre nackte Haut an ihrer zu spüren, war stärker, als der zu atmen.

Die Begierde in Karas Augen waren ebenso heftig wie die in ihrem Unterleib. Ohne ein Wort wich Kara mit einer fließenden Bewegung einen kleinen Schritt zurück. Der Verlust ihrer Körperwärme ließ Malou trotz Hitze frösteln. Sie bebte, als Kara ihr die Bluse auszog und sie verboten fixierte. Wie viele Male würde sie sie wohl zum Schreien bringen? Malou schluckte fest. Hoffentlich wurde das mit dem Schlucken nicht chronisch, sonst müsste sie etwas dagegen unternehmen.

Kara hakte den Verschluss ihres BH´s mit ihrem Daumen und Zeigefinger auf. Ihre Brüste sanken nach unten.

Karas Augen funkelten Meteoren-hell auf. »Wunderschön. Wie ich es mir gedacht habe.« Kara neigte den Kopf und rieb ihre Wangen gegen ihre Fülle, atmete tief ein, als könne sie ihren Duft einfangen, dann schob sie ihr den BH von den Armen, bevor sich ihre Lippen mit einem leichten Schaben ihrer Zähne und einen Stoß ihrer Zunge um ihre Knospe schlossen.

Malou spürte, dass sie vor dieser wundervollen Frau, die sie gerade in den Himmel hob, mit den falschen Frauen zusammen gewesen war. Kara wusste ganz genau was sie hier tat. Sanft und selbstsicher erregte sie sie mit sanften, saugenden Knabbern und Küssen, während sie bewundernde Worte flüsterte. Sie selbst empfand ihre große Oberweite seit ihrem dreizehnten Lebensjahr als Fluch. Die meisten Frauen sahen nur das und vergaßen komplett den Menschen der an ihnen dran hing. Noch nie hatte jemand ihre Brüste wunderschön genannt. Das Netteste was sie je gehört hatte, war, verdammt groß. Nicht aber Kara. In ihren Augen sah sie die Wahrheit. Sie war schön. Und Kara nur anzusehen, ließ sie sie schon begehren.

Sie wusste nicht wie lange sie dort standen, sich küssten, sich erforschten, und ihre Fingerspitzen über Brüste, Hüften und Oberschenkel wandern ließen, als Kara tief in sie hinein sah.

»Du machst mich unglaublich verrückt, dass ich nicht länger auf dich verzichten will. Ich sehe dich an und das Einzige woran ich denken kann, ist, dass ich in dir sein will. Dir ganz nahe sein will. Dich spüren und berühren möchte.« Und wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, drang sie mit einem einzigen, geschmeidigen Stoß ihrer Finger in sie ein.

Malou hielt die Augen offen. Sie wollte ihr Gesicht sehen, sie beobachten. Sie wollte wissen wie Kara aussah während sie sie in sich aufnahm, immer mehr, immer weiter. Sie keuchte überrascht auf und klammerte sich an ihre Schultern.

Ihr Fleisch um Karas Finger herum pulsierte. Kara hielt sie dabei fest im Arm und liebkoste sie von innen wie von außen, bis sie sich aufbäumte.

Irgendetwas zwischen ihrem Bauch und ihrem Herzen geriet aus dem Takt. Bevor sie Kara kannte hatte sie Berichte über multiple Orgasmen immer für ein Märchen gehalten. Sie wusste nun einmal mehr, dass sie sich geirrt hatte. Karas Hände lehrten sie den Rhythmus. Erst schnell, dann langsam, dann etwas dazwischen. Sie stöhnte, verengte sich, kam wieder, während Karas Mund an ihrem Hals entlang strich, während ihr Bauch flatterte und ihre Brüste sich zusammenzogen. Sie umgriff Karas Gesicht, hauchte rau: »Ich ergebe mich«, bevor sie keuchend in sich zusammen sackte. Es fühlte sich verboten an. Sie hätte sich nämlich nie auch nur träumen lassen, so von einer Frau an einem dazu öffentlichen und für jederfrau zugänglichen Raum lieben zu lassen. Doch ein Verlangen, von dem sie nicht einmal annähernd wusste, dass es in ihr schlummerte, brach sich ungehindert Bahn. Karas Duft der sie umgarnte, ihre warmen Hände die sie festhielten, überwältigte sie. Worauf sie sich ihr ohne wenn und aber hingab, sodass ihr Hören und Sehen verging.

Und so aufregend, wie die folgende Nacht gewesen war … Oh Himmel! Sie wusste ja nicht, dass es gewisse … Dinge gab ... Das man sie tun konnte! … konnte sie sie auch unmöglich aus ihrem Gedächtnis streichen. Sie hatte bei Kara mehr Nähe zu gelassen, als sie beabsichtigt hatte. Mehr Nähe als bei irgendwem anders. Damit hatte sie nicht gerechnet.

In den darauffolgenden Tagen trafen sie sich mehrmals, wo sie sich immer sehr bemühen musste, beherrscht zu bleiben. Nur wusste sie nicht, wie sie das bewerkstelligen sollte, wo sie doch so verrückt nach Kara war, dass sie gar nicht mehr klar denken konnte. Und erst recht nicht mehr, nachdem was Kara mit ihr im Séparée getrieben hatte. Sie wollte sie erst näher kennenlernen, bevor sie sich ihr wieder so hingeben wollte. Doch als Kara ihr ihre Gefühle für sie offenbarte, war es um sie beide geschehen. Kein Tag waren sie mehr getrennt. Und so hatte auch keine von ihnen Bedenken gehabt, als sie nach nur wenigen Monaten geheiratet hatten.

Malous Gesicht verschloss sich. Ihr Blick verlor sich im Wald, bevor sie die Augen verdrehte. Sie war wirklich gut darin geworden nicht an sie zu denken. Was machte sie sich eigentlich vor? Sie wusste, dass das Begraben von jeglichen Erinnerungen keine gesunde Art war, um damit umzugehen. Die ständigen Veränderungen im Alltag, die neuen Menschen die sie traf, neue Gefühle, Erwartungen die sie Tag für Tag überfielen, brachten einfach immer wieder Ereignisse mit Kara zurück. Sie sah ein, dass sie doch noch nicht so mit ihr abgeschlossen hatte, wie sie sich das gerne wünschte. Die Mauer die sie um ihre Gedanken, um Kara gebaut hatte, begann zu bröckeln.

Geschichte Nr. 12

Anonymer Auszug aus Geschichte Nr. 12 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

Der folgende Text ist urheberrechtlich geschützt und geistiges Eigentum der Autorin. Kopieren und Weiterverbreiten des Inhalts, vollständig oder auszugsweise, sind nicht gestattet. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin.

 

Inhalt

In einer Welt voller weiblicher Götter steckt Amor in einer Lebenskrise. Seit Anbeginn der Zeit bringt sie den Menschen die Liebe auf die Erde und sorgt dafür, dass Seelenverwandte zueinander finden. Immer öfter rückt sie mittlerweile aber umsonst aus, da die Menschen sich über das Internet verlieben und bei den realen Treffen feststellen, dass ihr Gegenüber keinerlei Ähnlichkeit mit dem Traummann bzw. der Traumfrau haben. Unterstützt wird sie von ihrer Schwester Aphrodite, die immer ein offenes Ohr für sie hat. Dennoch vertritt Amor mittlerweile die Meinung, dass die Menschen die Liebe nicht wirklich verdient haben. Alles ändert sich für Amor, als Marian einer ihrer Aufträge wird. Marian ermittelt gegen einen Mörder, der von der Presse 'Amor' getauft wurde, da er seine Opfer mit Pfeilen ermordet. Zudem hat sie mit der echten Amor ein Hühnchen zu rupfen. Hat diese in der Vergangenheit doch dafür gesorgt, dass ihre langjährige Lebensgefährtin sie mit einem Mann betrogen und schließlich seinetwegen verlassen hat.
Zu Amors Erstaunen kann Marian sie nicht nur sehen, sondern schießt auch noch auf sie. Schnell stellt sich heraus, dass Marian die Tochter von Zeus ist. Turbulent wird es, als Sirena auftaucht. Die Tochter von Aphrodite, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt und nebenbei nicht nur Halbgöttin, sondern auch Halblamia(Vampir) ist.
Mit einmal sitzt Amor in Marians Bett und bittet sie darum mit ihr zu schlafen.
Am nächsten Morgen ist Amor verschwunden und Marian schwankt zwischen Wut und Sorge, ob sie etwas falsch gemacht hat. Da sie weder eine Handynummer, noch eine andere Möglichkeit hat Amor zu kontaktieren, verbeißt sie sich in ihre Arbeit und versucht vorerst Amor zu vergessen.
Das das Schicksal einen anderen Plan für die Beiden hat wird klar, als alles in einem rasanten Showdowm im Club >Götterdämmerung< endet.
Um Marians Leben zu retten flöst Amor ihr Ambrosia ein, wodurch Marian zu einer vollwertigen Göttin wird und den Rest ihres Lebens mit Amor verbringen kann.

 

Auszug

1.

“Ich hasse meinen Job!” Kaum das die Worte ausgesprochen waren, flogen auch schon Pfeil und Bogen in die Ecke. Frustriert schmiss sich die kleine, zierliche Frau in ihren Sessel und starrte in das Feuer des Kamins. Lange währte ihre Ruhe allerdings nicht, denn ihr Ausbruch hatte ihre Schwester hervorgelockt.

“Amor ... was hast du denn?”, wollte die hochgewachsene Blondine wissen und näherte sich der Sitzenden. Finster starrte Amor zu Aphrodite. Wie sooft verspürte sie einen Anflug von Neid in sich, wenn sie die kurvenreiche Figur ihrer Schwester betrachtete. War sie doch der feuchte Traum aller Männer und Frauen auf der Erde. Was aber wohl eher daran lag, dass ihre Schwester eben immer genau wie die Traumfrau derjenigen aussah, die sie aufsuchte. Amor blies die Wangen auf und winkte mit der Hand hastig ab.

“Was soll schon los sein Aphrodite?”, brummte sie nur vor sich hin. “In Zeiten des Internets glauben diese Menschen natürlich, immer sofort die große Liebe gefunden zu haben! Nur um dann festzustellen, dass ihre Angebeteten nicht aussehen wie Bruder Adonis persönlich! Pah! Wieder ein Fehlalarm, an dem meine Pfeile einfach abgeprallt sind ... ich fühle mich einfach so überflüssig!”

Ohne das Amor es wollte, stiegen ihr Tränen in die Augen und bevor sie überhaupt reagieren konnte, hatte Aphrodite sie bereits in den Arm genommen.

“Nicht doch Schwesterherz. Bitte nicht weinen. Du bist nicht überflüssig! Ohne dich würden die Menschen doch niemals ihre große Liebe finden”, versuchte sie, die Andere zu beschwichtigen. Nur um als Antwort ein leises Schniefen von Amor zurück zu zu bekommen.

“Die Menschen ... haben die Liebe doch gar nicht mehr verdient. Ich glaube langsam nicht mehr, dass es die Liebe wirklich noch gibt da unten ...”

Sie löste sich von Aphrodite und wischte sich über die Wangen. “Dafür bist du ja umso gefragter. Sex und Fruchtbarkeit ... das steht ja aktuell ganz hoch im Kurs.”

“Ja, das stimmt wohl Schwesterherz. Aber vergiss nicht, dass ich auch von der Liebe lebe.” Aphrodite gab ihrer Schwester einen Kuss auf die Stirn. “Kopf hoch. Es werden wieder bessere Zeiten kommen.” Daran wollte Amor aber noch nicht wirklich glauben. Brachte sie die Liebe doch seit Anbeginn der Zeit auf die Erde. Noch nie aber hatte sie sich so machtlos gefühlt wie in diesen Zeiten. Die Menschheit war gefühlskalt geworden. Sie waren nur noch auf das eigene Vergnügen und den eigenen Vorteil aus. Habgier und Neid hatten ihre Herzen erobert. Welchen Platz hatte denn da noch die Liebe?

2.

 

Weit entfernt vom Olymp, in einer kleinen Wohnung hatte ein Exemplar der weiblichen Spezies mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Doch auch hier war der Frust das vorrangige Gefühl. Wieder und wieder versuchte sie das Feuerzeug in Gang zu kriegen und den Gasherd zu entzünden.

“Verdammtes Ding!”, fluchte Marian schließlich und warf das unwillige Ding gegen die Wand. Kaum, dass es gegen den Widerstand prallte, gab es einen Knall und fassungslos starrte sie auf das explodierte Feuerzeug.

“Ja, ist das denn die Möglichkeit?! Kann dieser Tag denn tatsächlich noch schlimmer werden?” Vorsichtig hob sie die Überreste des Feuerzeugs auf und entsorgte es im Mülleimer. Seufzend lehnte sie sich gegen die Wand und betrachteten ihre Küche. Da standen der Spargel und die Kartoffeln. Fein säuberlich geschält, was diverse Schnittverletzungen an den Fingern zur Folge gehabt hatte. Im Kühlschrank lagerte noch das Schnitzelfleisch. Da würde es jetzt aber wohl auch bleiben. Denn ohne Feuer hatte sich die ganze Planung für das Abendessen erledigt. Das hatte sie nun davon, dass sie sich ein Haus mitten im Wald, irgendwo im nirgendwo gesucht hatte. Die nächste Stadt eine Stunde entfernt und alle Läden längst geschlossen, ehe sie da wäre. Nachbarn gab es keine. War das doch auch gewollt gewesen. Woher hatte sie auch wissen sollen, dass sie keinerlei Streichhölzer mehr da hatte? Oder das das Feuerzeug erst rumspinnen und dann explodieren würde? Damit konnte doch nun wahrlich kein Mensch rechnen ...

“Das kann auch nur mir passieren ...”, lachte Marian aber schließlich über sich selbst und räumte den Spargel und die Kartoffeln in den Kühlschrank.

Anschließend holte sie sich Zettel und Stift, wischte ein paar Schalenreste von der Tischdecke und setzte sich an den Tisch. Der Einkaufszettel war schnell geschrieben und in ihrer Aktentasche verstaut. Mit einem Bier verzog sie sich anschließend auf die Couch und legte die Füße hoch. Einen Fernseher besaß sie hier draußen nicht. Würde der Empfang durch die Bäume doch sowieso gestört sein. Warum sich also so ein Ding hinstellen?

Ein amüsiertes Lächeln erhellte die Gesichtszüge Marians. Gewiss würde jeder,der sie so leben sah, sie für einen komischen Kauz halten. Eine dieser Alternativen, die dem Stadtleben den Rücken zugekehrt hatten, um zu sich selbst zu finden. Dem war allerdings nicht so. Sie mochte lediglich diese Ruhe und Ungestörtheit, die so sehr im Kontrast zu ihrem Job als Ermittlerin der Mordkommission stand. Das der Umzug in dieses Haus zugleich eine Flucht gewesen war, würde sie niemandem auf die Nase binden. Ihre Gedanken glitten für einen Moment zurück zu Gritt. Ob sie mit ihrer Hanswurst wohl glücklich geworden war? Leise schnaubte sie. Zu sagen, dass es ihr Ego angekratzt hatte, dass ihre jahrelange Lebensgefährtin sie seit Ewigkeiten mit einem Mann betrog, wäre wohl untertrieben. Und dann auch noch mit einem Hans-Peter. Seines Zeichens Beamter im öffentlichen Dienst. Amors Pfeil hätte sie getroffen ... die große Liebe. Jaja Blabla. Marian wurde schlecht, wenn sie nur daran dachte, welche Ausreden Gritt ihr noch präsentiert hatte.

“Komm du mir unter die Augen Amor. Dann kriegst du deinen eigenen Pfeil zu kosten”, brummte Marian und erhob sich von der Couch. Bei diesen Gedanken schmeckte nicht einmal mehr das Bier und so landete der Rest in der Spüle.

“Wer braucht heutzutage schon noch Liebe ...”, brummte sie ihrem Spiegelbild entgegen, ehe sie sich die Zähne putzte und schlafen ging.

 

3.

 

Ungesehen von den Menschen lief Amor mitten unter ihnen. Da kaum noch jemand an die alten Götter und Mythen glaubte, war es ein Leichtes sich ihrem Sichtfeld zu entziehen. Immerhin hatten die Menschen jetzt ja nur noch ihren einen Gott. Ein Umstand der die Mütter aller Göttinnen Zeus oftmals zu Wutausbrüchen verleitete. Aber die Göttin war sowieso mehr als reizbar. Kein Wunder, wenn man mit einer Frau wie Hera liiert war. Da würden wohl selbst die Geduldigsten unter ihnen ihre letzten Nerven verlieren.

Aber das Schicksal hatte es nun einmal vorher bestimmt und so waren auch diese Beiden nicht von Amors Pfeilen verschont geblieben. Bevor sie allerdings zu sehr in Erinnerungen abdriften konnte, betrachtete sie den kleinen Kompass in ihrer Hand.

“Ich hoffe für dich, dass das nicht wieder ein Fehlalarm ist”, murmelte sie dem Kompass entgegen und folgte der Richtung, in die er zeigte. Erst als die Kompassnadel zu kreisen begann, blieb sie stehen und stand Auge in Auge mit einem jungen Werftarbeiter. Dessen Blick ging allerdings konzentriert durch sie hindurch auf das Stück Holz, welches er gerade bearbeitete. Amor wandte den Blick von ihrem Zielobjekt zurück auf den Kompass und drehte den Kopf schließlich hinter sich. Zeigte die Nadel doch nunmehr auf einen Anzugträger, der sich in seiner Aufmachung nicht wirklich wohl zu fühlen schien. So wie er an seiner Krawatte herumfummelte, war er es wohl nicht gewohnt diese regelmäßig zu tragen.

Aber das war eben auch ein Teil ihres Jobs. Nichts über die Menschen zu wissen, die sie zusammenführte. Sie bekam immer nur Momentaufnahmen aus deren Leben mit und zog dann weiter. Schnell schüttelte sie diese Gedanken ab und zog zwei Pfeile aus dem Köcher. Es galt ihre Arbeit zu erledigen und das ging nicht, wenn sie melancholischen Gedanken nachhing. Geübt legte sie einen der Liebesbringer auf die Sehne und schickte ihn Sekunden später auf seine Reise. In dem Moment, in dem der Pfeil das Herz des Anzugträgers traf, richtete dieser seinen Blick auf den Werftarbeiter. Und kaum, dass das zweite Geschoss dessen Herz traf, hob dieser den Blick zum Anzugträger. Die Menschen würden es jetzt wohl Liebe auf den ersten Blick nennen. Nur sie wusste es besser.

Und als ein: “Karpinski, lassen Sie das Kielschwein sein und kommen Sie sofort in mein Büro!”, durch die Werft hallte, zog sie mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen zurück. Zum ersten Mal seit Langem hatte sie ein gutes Gefühl. Statt aber sofort in den Olymp zurückzukehren, beschloss sie noch ein wenig auf der Erde zu verweilen. Auch wenn die Luft mittlerweile verpestet worden war und die Menschen sich dicht an dicht drängten, gab es noch immer schöne Flecken. Zudem war die Erde eine nette Abwechslung zum Olymp.

Die seit Jahrtausenden anhaltenden Streitereien unter ihren Schwestern waren für Amor auf Dauer dann doch ermüdend. Sie konnte schon verstehen, dass die Menschen der Antike die Götter als Männer dargestellt hatten. Es fiel schwer streitsüchtige und andauernd keifende Frauen anzubeten. Von wegen Götter waren weise und erhaben. Sie stritten schlimmer als die kleinen Nachkommen der Menschen. Leise lachte sie, als in der Nähe einige dieser Menschenkinder anfingen, sich zu zoffen.

“Mama, wer ist das?”, hörte sie mit einmal hinter sich und drehte sich herum. Ein kleiner Junge mit Nickelbrille und zerzaustem Haar sah sie aus großen Augen an und zog zugleich an der Hand seiner Mutter. Verschwörerisch lächelte Amor ihm zu und legte einen Finger auf ihre Lippen.

„Wovon sprichst du? Da ist niemand!” Der zurechtgewiesene Junge aber lächelte nur und sah noch einmal über seine Schulter zu Amor, als er von seiner Mutter mitgezogen wurde. Für einen Moment sah Amor dem Kleinen noch nach. Zu schade das auch er bald älter werden und sie vergessen würde. Waren Kinder doch durchaus in der Lage so viele Dinge zu sehen, vor denen die Erwachsenen ihre Augen bereits verschlossen hatten. Seufzend wandte sie sich ab und lief langsam in Richtung eines Parks. Dort hatte sich eine Menschenansammlung zusammengefunden. Die Aufregung, die in der Luft lag, lockte Amor förmlich an und so lenkte sie ihre Schritte gemächlich in die Richtung der Menschen.

 

4.

 

“Seht zu, dass ihr die Journalisten und Gaffer fernhaltet!” Genervt richtete Marian ihren Blick auf die Ansammlung, die sich an der Absperrung zum Tatort eingefunden hatten. Geradezu lüstern gierten sie mit ihren Handys und Kameras nach einem Foto der Ermordeten. War das Leben dieser Menschen denn wirklich so langweilig, dass sie nichts Besseres zu tun hatten, als zu hoffen einen Blick oder mehr zu erhaschen? Fehlte nur noch, dass sie anfingen, Badetücher zu hinterlegen, um sich demnächst die besten Plätze zu reservieren. Sie hasste diesen Teil ihrer Arbeit.

“Verdammte Aasgeier”, brummte sie vor sich hin und drehte ihnen dann den Rücken zu. “Was haben wir hier?”, wollte sie von ihrem Kollegen wissen und machte sich bereits selber ein Bild von dem Tatort.

“Unbekanntes Pärchen. Wurden bei Sonnenaufgang von einem Jogger entdeckt. Todesursache ist ein Pfeil durchs Herz.”

“Vermutliche. Das muss der Gerichtsmediziner erst klären”, nahm sie ihrem Kollegen den Wind aus den Segeln. Marian stellte sich neben das Pärchen, welches tatsächlich durch einen Pfeil am Baum festgenagelt war.

“Sieht aus, als hätte er wieder zugeschlagen”, murmelte sie vor sich hin. Amor - so hatte die Presse den Mörder getauft, der mit Pfeil und Bogen Pärchen ermordete. Das war bereits der vierte Mord und sie hatten absolut noch keine Spur zum Mörder. Das Einzige was sie sicher wussten, war dass er seine Opfer kurz nach dem Orgasmus des Mannes ermordete und die Tatorte inszenierte. Ermordet worden waren sie allerdings tatsächlich von einem Pfeil. So viel hatte der Gerichtsmediziner bisher herausgefunden. “Irgendwann muss er doch mal einen Fehler machen.” Es war ungemein frustrierend, dass sie bisher keine Anhaltspunkte hatten. Keine Fingerabdrücke, keine Haare, keine Fußabdrücke, kein gar nichts. Nicht einmal die Pfeile, die er an jedem Tatort zurückließ, waren nachzuverfolgen. Es war, als würden sie einen Geist jagen. Sie fuhr sich durch die Haare und nickte ihrem Kollegen dann zu.

“Lassen wir die Gerichtsmedizin und die Spurensicherung ihre Arbeit machen.” Sie drehte sich um und ging in Richtung ihres Wagens. Sie hatte extra etwas abseits geparkt, um in Ruhe ihre Gedanken sortieren zu können. Kaum das Marian hinter dem Steuer saß, erstarrte sie aber. Konnte das denn die Möglichkeit sein? Ungläubig sah sie auf eine, in eine weiße Tunika gekleidete, Frau mit einem Köcher voller Pfeile auf dem Rücken und einem Bogen in der Hand, die direkt auf ihren Wagen zukam. Diese schien sie bisher noch nicht bemerkt zu haben, sah sie doch auf ein kleines hölzernes Ding in ihrer Hand.

Was sie dabei murmelte, konnte sie nicht verstehen. Sah nur, wie sich die fein geschwungenen Lippen bewegten. Als die Fremde den Blick hob, legte sie die Stirn in nachdenkliche Falten. Hastig stieg Marian aus ihrem Wagen und zog ihre Waffe. “Polizei! Legen Sie sofort die Waffe auf den Boden und nehmen Sie die Hände hoch, so dass ich Sie sehen kann!”

Roman Nr. 1

Anonymer Auszug aus Roman Nr. 1 für die Abstimmung zum 11. Lesbischen LiteraturPreis

Der folgende Text ist urheberrechtlich geschützt und geistiges Eigentum der Autorin. Kopieren und Weiterverbreiten des Inhalts, vollständig oder auszugsweise, sind nicht gestattet. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin.

 

Inhalt

Merle fliegt nebenberuflich für eine kleine Chartergesellschaft. Einer ihrer Aufträge ist Joanna, eine attraktive Geschäftsfrau, mit schrecklicher Flugangst.

Trotz ihrer vielfältigen Emotionen, die sie während dem Flug an den Tag legt, ist Merle durchaus fasziniert von ihr.

Nach einem weiteren Auftrag, bei dem Joanna erneut ihre Verletzlichkeit zeigt, kommt sie schließlich auf Merle zu und bietet ihr eine Festanstellung als ihre Privatpilotin an.

Für Merle ist dies nicht nur die Chance, ihr Hobby als Beruf auszuüben. Sie kann dadurch Joanna nahe sein, die ihr immer wichtiger wird. Auch wenn sie lange distanziert bleiben.

Joanna bindet sie immer mehr in ihre Geschäfte mit ein, ein Umstand, der Joannas Geschäftspartnerin Vassiliki, absolut ein Dorn im Auge ist. Sie versucht einen Keil zwischen Merle und Joanna zu treiben, doch rechnet sie nicht mit Merles Stärke und Beharrlichkeit.

Merles Gefühle für Joanna sind inzwischen so sehr gewachsen, dass sie alles für sie tun würde.

Bei einem Empfang in München bittet Joanna Merle, sie zu begleiten. Nicht nur als ihre Assistentin, sondern als ihre Freundin. Die Hintergründe dafür, lässt sie vorerst im Dunkeln.

Auch wenn sie von der Bitte überrascht wird, so sagt Merle zu. Auf dem Empfang kommen sie sich näher und verbringen schließlich eine leidenschaftliche Nacht miteinander.

Am nächsten Tag jedoch ist Joanna merkwürdig reserviert.

Wieder zurück in Frankfurt wird Merle mit dem Vorwurf der Veruntreuung konfrontiert. Als sie gerade den Verdacht ausräumen kann, bekommt Joanna Bilder zugespielt, die Merle mit einer anderen Frau zeigen.

Tief enttäuscht glaubt Joanna nun, dass Merle auch für den Diebstahl verantwortlich ist und sie wirft Merle raus.

Die setzt nun alles daran, Joanna zu beweisen, dass sie sie nicht bestohlen oder betrogen hat. Als sie ihr endlich bei einem Flug die Beweise vorlegen kann, bekommen sie technische Schwierigkeiten und Merle muss das Flugzeug notlanden.

Nun gilt es herauszufinden, wer das Flugzeug manipuliert hat und vor allem warum.

Recht schnell verdächtigen sie Vassiliki, Joannas Geschäftspartnerin.  Merle reizt sie zu einem Geständnis, doch es würde Aussage gegen Aussage stehen und so geht sie einen ungewöhnlichen Weg, um es beweisen zu können.

Mit vereinten Kräften können sie Vassiliki schließlich den Mordversuch beweisen und sie vor Gericht bringen.

Endlich erzählt Joanna Merle auch, was es mit München auf sich hatte und die letzten Fragen werden aufgeklärt und Joanna und Merle können sich endlich auf ihre gemeinsame Zukunft konzentrieren.

 

Auszug

Kapitel 1

 

„Guten Abend Merle, ich habe einen Auftrag für dich.“

„Hallo Piet, worum geht es?“ Merle klemmte sich den Hörer an ihr Ohr, während sie ein Stück von ihrer Pizza abbiss.

„Es geht um einen Passagiertransport. Es gibt nur ein kleines Problem dabei.“ Piets sonst so sonore Stimme klang leicht belegt.

„Und das wäre?“ Neugierig rutschte Merle an den Rand ihrer Couch.

„Der Flug ist heute Abend noch. Um genau zu sein, dein Passagier sitzt bereits in der Maschine und wartet auf dich.“

„Was?“ Entsetzt warf Merle die angebissene Pizza auf den Teller zurück und sprang auf.

„Keine Sorge, ich habe schon alle Papiere fertig und die Maschine ist startklar. Jetzt fehlst nur noch du.“

„Okay, und warum machst du das nicht? Du bist doch vor Ort.“

„Ich kann heute nicht mehr weg. Also, wie sieht es aus. Machst du den Auftrag?“

„Ja natürlich, ich bin schon unterwegs.“ Merle schnappte sich ihren Helm und Jacke und rannte aus ihrer Wohnung. So schnell es der Verkehr erlaubte fuhr sie mit ihrem Motorrad zum Flugplatz, wo Piet ihr schon entgegenkam.

„Schön, dass du so spontan bist, Merle. Hier sind die Papiere. Schönen Flug.“

„Danke Piet, wo geht es überhaupt hin?“ Merle hielt ihm ihren Helm hin und blätterte durch den Flugplan.

„Nach Hamburg.“

Überrascht hob Merle den Kopf und sah ihn an. „Nach Hamburg? Jetzt noch?“

„Ja, machst du es trotzdem?“

Merle warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und rechnete kurz nach. Wenn sie jetzt direkt losflog und in Hamburg, ohne Verzögerung wieder los konnte, dann war sie in etwas über vier Stunden wieder da und konnte sich durchaus noch einen gemütlichen Abend auf der Couch machen und ihre Pizza fertig essen.

„Ja klar, Piet. Ich bin ja froh, wenn du einen Auftrag für mich hast.“

Sie nickte Piet zu und ging zu ihrer Maschine. Schwungvoll öffnete sie ihre Tür und blickte in ein Paar Katzenaugen, die ihr unter zusammen gezogenen Augenbrauen angespannt entgegen sahen.

„Na endlich, wo bleiben Sie denn? Ich warte schon eine Ewigkeit und habe nicht den ganzen Abend Zeit.“

„Ihnen auch einen schönen Abend, Frau...“ Merle warf einen Blick auf die Papiere in ihrer Hand. „Frau von Gronewald.“ Sie kletterte auf ihren Sitz und betätigte ein paar Schalter. „Mein Name ist Merle Fischer und ich werde Sie heute Abend fliegen. Leider habe ich gerade erst von dem Flug erfahren. Vielleicht könnten Sie das nächste Mal einfach früher buchen?“

„Wenn Sie nicht gleich losfliegen, dann gibt es kein nächstes Mal.“ Eine kunstvoll nach oben gezogene Augenbraue sollte den Worten wohl noch extra Schärfe verleihen.

Trotz der harschen Worte empfand Merle die Mimik als durchaus erotisch, wie sie leicht erstaunt feststellen musste, als sie in das schöne Gesicht blickte.

Verstohlen musterte sie die Frau noch einen Moment, bevor sie sich ihren Hebeln zuwandte.

„Können wir jetzt endlich los?“

Die Dame schien es ja wirklich eilig zu haben. Merle biss sich leicht auf die Zunge, um ihre Antwort herunter zu schlucken. Wenn sie den Auftrag fliegen wollte, und der Gedanke an ihr Bankkonto und ihre Lizenz ließ da gar keine Frage offen, dann war es sicher besser, ruhig zu bleiben. Sie atmete tief ein und aus.

„Sind Sie schon angeschnallt?“

„Bin ich, ich warte ja schon eine Weile auf Sie.“

Merle sah nur kurz zu ihr herüber. „Die Schultergurte fehlen. Darf ich Ihnen helfen?“

Ohne auf eine Antwort zu warten beugte sie sich vor und zog die beiden Schultergurte nach unten.

„Ich kann das selbst.“ Erwiderte Frau von Gronewald und griff energisch nach den beiden Gurten, die Merle gerade einhaken wollte.

„Wie Sie meinen.“ Achselzuckend beobachtete Merle wie sie sich abmühte, die Gurte in das Schloss zu stecken.

„Es würde gehen, wenn Sie alle Gurte an die richtige Position packen. Darf ich Ihnen vielleicht doch helfen? Dann geht es schneller und wir können auch wirklich los.“

Resignierend lehnte die Frau sich in ihrem Sitz zurück und blitzte Merle mit ihren braunen Augen an. Einmal mehr hatte Merle das Gefühl, als würde eine Katze sie ansehen. Anfauchen, war hier wohl der richtige Ausdruck.

Geschickt hakte sie die vier Gurte in das Schloss und zog sich den Kopfhörer über die Ohren. Mit der Hand deutete sie auf den Hörer über der Frau.

„Falls Sie mit mir reden wollen empfehle ich Ihnen, den Kopfhörer aufzusetzen. Ansonsten ist es sehr laut in der Kabine.“

Erneut wurde Merle nur mit der hochgezogenen Augenbraue belohnt. Leise seufzend startete sie die Turbinen und ließ das Flugzeug losrollen. Inzwischen konnte sie sich fast denken, warum Piet ihr den Auftrag gegeben hatte und ihn nicht selbst erledigt hatte.

Sie meldete sich beim Tower und erhielt auch direkt die Startfreigabe. Sanft schob sie die Regler nach vorne. Das kleine Flugzeug gewann an Geschwindigkeit und hob kurz darauf vom Boden ab.

Merle warf einen kurzen Blick auf ihre Passagierin, die mit geschlossenen Augen neben ihr saß und ihre Hände ineinander wob, so dass ihre Knöchel weiß hervorstachen.

Merle nutzte die Chance, sie ausgiebiger zu mustern. Ihr Alter schätzte Merle auf Anfang bis Mitte vierzig, also ein paar Jährchen älter als Merle selbst. Da sie bei ihrer Ankunft bereits in ihrem Sitz gesessen hatte, konnte sie ihre Größe nur ahnen. Sie schätzte, dass sie in etwa so groß war wie sie selbst und definitiv von schlanker Statur. Ihre braunen Haare fielen ihr in weichen Wellen auf die Schultern und umrahmten ein gerades Gesicht mit hohen Wangenknochen. Angestrengt hatte sie die Stirn in Falten gelegt. Ihre vollen Lippen bewegten sich lautlos und Merle war kurz versucht, sie auf den Kopfhörer hinzuweisen. Doch der Gedanke an eine erneute Zurechtweisung ließ sie wieder nach vorne blicken und stattdessen den Flug zu genießen.

Es war ein wunderschöner Sommerabend, der ideal für einen Flug war. Die viersitzige Piper lag völlig ruhig in der Luft, wie Merle entspannt feststellte.

Fröhlich summte sie ein Lied vor sich her, als eine ruhige Stimme an ihrem Ohr sie zusammen fahren ließ.

„Wie lange fliegen Sie schon für Piet?“

Verblüfft drehte Merle den Kopf und sah auf ihre Passagierin, die mit aufgesetzten Kopfhörern neben ihr saß.

„Entschuldigung, Frau von Gronewald, was haben Sie gefragt?“

„Ich habe gefragt, wie lange Sie schon für Piet Hinrichs fliegen?“

Merle zog nachdenklich die Stirn in Falten. „Das sind jetzt sieben Jahre, seit ich den Flugschein gemacht habe. Warum?“

„Ist das auch Ihr Hauptberuf?“

Leise lachend schüttelte Merle ihren Kopf. „Schön wär es, aber nein. Ich arbeite in einer Autowerkstatt. Die Fliegerei ist mein Hobby und durch solche Aufträge, wie heute Abend, kann ich meinen Flugschein behalten.“

„Warum arbeiten Sie nicht bei einer großen Fluglinie? Wäre das keine Alternative?“

Merle verzog ihr Gesicht zu einer leichten Grimasse. „Nein, das wäre keine Alternative.“

„Und warum nicht?“

Leicht genervt drehte Merle ihren Kopf und sah ihre Passagierin ernst an. „Es gab und es gibt viele Gründe dafür. Gründe, die ich mit mir persönlich abmache.“

„Und nicht mit mir?“ Gab Frau von Gronewald leicht belustigt zur Antwort. Feine Fältchen umrahmten ihre Katzenaugen.

„Nein.“ Merle sah sie von der Seite her an. „Nicht mit Ihnen.“

Trotz Ihrer Worte konnte sie sehen, dass Frau von Gronewald sie weiter freundlich anlächelte.

Merle spürte, wie sich ihr Herzschlag leicht beschleunigte und sie feuchte Handflächen bekam.

Irritiert von ihrer Reaktion auf die ihr doch unbekannte Frau, schüttelte Merle ihren Kopf.

 

 „Wie lange fliegen wir noch?“

Merle warf einen kurzen Blick auf den Bordcomputer vor ihr. „Etwa fünfundvierzig Minuten wird es noch dauern. Haben Sie schon ein Taxi bestellt?“

„Wieso?“ Wieder wurde eine Augenbraue äußerst kunstvoll nach oben gezogen. „Es gibt doch mehr als genug Taxen am Flugplatz.“

„Sie gehen jetzt aber von Fuhlsbüttel aus, oder? Da kann ich nicht landen. So wie in Egelsbach werden wir auch in Hamburg etwas außerhalb ankommen und da ist es ratsam, wenn Sie vorab ein Taxi bestellen.“

Leicht hektisch zog Frau von Gronewald ein Handy aus der Tasche und schaltete es ein.

„Das wird wohl nichts.“ Merle konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. „Hier oben ein Netz zu finden, das stabil genug ist dürfte schwierig sein. Dafür bewegen wir uns zu schnell, so dass Sie sich nicht wirklich in ein Funknetz einloggen können. Aber keine Sorge, ich regle das für Sie.“

Sie schaltete an ihrem Funkgerät und meldete sich bei dem Flugplatz in Hamburg. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie ein Taxi für ihren Passagier bestellt.

„Danke, das ist sehr aufmerksam von Ihnen.“ Die vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und ihre schönen Katzenaugen konnten durchaus warm blicken, wie Merle mit einem leichten Ziehen in ihrer Magengegend feststellte.

Erfreut vom Lob ihrer Passagierin  begann sie erneut eine fröhliche Melodie vor sich her zu summen.

Wenig später erhielt sie die Freigabe für den Landeanflug und verließ die zuvor gewählte Reisehöhe. Ein leichtes Rütteln ließ das Flugzeug vibrieren.

„Was ist das?“ Verschreckt legte Frau von Gronewald ihre Hand auf Merles Arm und krallte sich an ihr fest. „Was passiert gerade?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Merle von der Seite her an.

„Es ist alles in Ordnung, kein Grund zur Sorge.“ Merle versuchte ihre manikürten Finger von ihrem Arm zu lösen, doch Frau von Gronewald hielt sie weiter panisch fest.

Erneut ging ein heftiger Ruck durch das Flugzeug, direkt von einem spitzen Schrei begleitet, der Merles Ohren zum Klingeln brachte.

„Wir stürzen ab.“

„Nein, wie kommen Sie auf so einen Blödsinn?“ Verärgert versuchte Merle die Maschine ruhig in der Luft zu halten. „Lassen Sie bitte meinen Arm los, ich muss die Maschine fliegen. Und nein, wir stürzen nicht ab.“

„Aber warum wackelt es auf einmal so?“

„Weil wir gerade diverse Luftschichten durchqueren. Da wackelt es schon einmal, das liegt an den verschiedenen Strömungen. Es besteht absolut kein Grund zur Sorge, wirklich nicht. Bitte, Frau von Gronewald, das ist völlig normal.“

Erneut wurde das Flugzeug durchgerüttelt. Die harten Fingernägel krallten sich weiter schmerzhaft in Merles Arm und hinterließen tiefe Spuren in ihrer Haut.

„Könnten Sie bitte meinen Arm loslassen?“ Zischte Merle zwischen den Zähnen hervor. „Sie tun mir wirklich weh.“

„Entschuldigung.“ Erschrocken löste Frau von Gronewald ihre Hand, nur um ihre Finger direkt in Merles Oberschenkel zu krallen, als das kleine Flugzeug erneut nach unten sackte.

„Wir sind gleich durch die Wolken durch, dann wird es ruhiger bis wir am Boden sind.“ Versuchte Merle die nervöse Frau zu beruhigen, die kreidebleich und schwer atmend neben ihr saß.

Besorgt warf Merle ihr einen Blick zu.

Auf dem ebenmäßigen Gesicht tanzten hektische Flecken und auf einmal begann sie, pfeifend Luft in ihre Lungen zu ziehen.

„Frau von Gronewald, sehen Sie mich an.“ Energisch legte Merle ihr eine Hand unter das Kinn und drehte ihren Kopf leicht zu sich heran. „Schauen Sie mir in die Augen.“

Flatternde Augenlider waren ihre einzige Reaktion. Erneut drang ein rasselndes Pfeifen aus ihren Lungen.

„Frau von Gronewald, Sie müssen ruhiger atmen. Kommen Sie, Sie sind zu schnell. Atmen Sie ruhig ein. Tiefer einatmen und halten. So ist es gut.“

Es dauerte einen Moment, doch dann zeigten Merles ruhige Worte Wirkung und ihre Passagierin öffnete ihre Augen. Dankbar sah sie Merle an. „Es tut mir leid.“

„Alles gut, Sie hatten eine kleine Panikattacke. Hauptsache es geht Ihnen wieder gut.“

Noch immer lag die weiche Hand auf Merles Knie und ließ sie ihre Wärme spüren. Ein durch und durch angenehmes Gefühl, wie Merle zugeben musste.

„Wie können Sie nur so ruhig bleiben?“

Lächelnd zog Merle ihre Schulter nach oben. „Es gibt überhaupt keinen Grund für Panik oder Angst. Das Flugzeug ist in perfektem Zustand, das Wetter ist fantastisch und die kleinen Turbulenzen, die liegen einfach an der Thermik. Alles im grünen Bereich, Frau von Gronewald.“

„Das sagen Sie so einfach.“ Sie hatte die Worte nur gemurmelt, doch Merle konnte sie deutlich genug hören.

Verwundert warf sie ihr noch einen Blick zu, dann konzentrierte sie sich auf die bevorstehende Landung.

 

 

Kapitel 2

 

Wenig später erhielt sie die Freigabe und brachte das Flugzeug sicher auf den Boden. Langsam ließ sie es an die zugewiesene Position rollen und schaltete die Turbinen aus.

„So, da wären wir. Ich hoffe Sie hatten trotz allem einen angenehmen Flug und behalten mich in guter Erinnerung. Des Weiteren wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende.“ Merle hängte den Kopfhörer an den Haken und drehte sich zu Frau von Gronewald, die sie mit ihren Katzenaugen ansah.

„Erst einmal bin ich froh, dass wir wieder auf dem Boden sind. Alles andere, das wird sich noch zeigen.“

Erstaunt von der Entschlossenheit in ihrer Stimme, ließ Merle ihre Augen über die Frau neben ihr gleiten. Von ihrer Panikattacke war nichts mehr zu spüren. Ganz im Gegenteil, sie schien ihre zuvor schon an den Tag gelegte Souveränität zurückerlangt zu haben, wie Merle leicht belustigt feststellte.

Sie beeilte sich auszusteigen, nahm den kleinen Rollenkoffer aus dem Gepäckraum und reichte ihn an Frau von Gronewald weiter.

„Wo ist Ihre Tasche?“

„Entschuldigung?“ Irritiert sah Merle in die braunen Augen.

„Wo Ihre Tasche ist, habe ich gefragt. Oder brauchen Sie nichts für die Nacht.“

„Wieso? Ich fliege doch gleich wieder zurück.“ Merle fuhr sich mit der Hand durch ihre kurzen, schwarzen Haare, so dass sie in alle Richtungen abstanden.

„Nein, werden Sie nicht. Immerhin habe ich Sie gebucht, für den Hin und auch für den Rückflug. Wann der ist, das wird sich noch zeigen. Aber sicher irgendwann morgen, im Laufe des Tages.“

„Aber“, stammelte Merle verblüfft. „Piet hat nichts davon gesagt. Es ging nur um einen Flug heute Abend.“

„Nun, das klären Sie dann mit Ihrem Piet. Ich habe Sie für zwei Tage gebucht und auch bereits dafür bezahlt. Also kommen Sie jetzt mit.“ Damit drehte sie sich auf ihren hochhackigen Schuhen um und lief, ohne sich noch einmal nach Merle umzusehen, davon. Ihren kleinen Koffer zog sie dabei hinter sich her.

Seufzend zog Merle ihre Notfalltasche aus dem Gepäckraum und stapfte ihr hinterher. Da würde Piet einiges zu klären haben.

„Sie haben ja doch eine Tasche dabei.“ Beinahe strafend zeigte Frau von Gronewald auf die Tasche in Merles Hand, als sie neben ihr am Taxi ankam.

„Eine kleine Tasche für alle Fälle ist fester Bestandteil meiner Bordausrüstung. Man weiß ja nie, wo man mal, aus welchen Gründen auch immer, hängen bleibt.“ Leicht trotzig schob Merle ihr Kinn nach vorne.

Mit dem Taxi fuhren sie in Richtung Hamburg.

War Merle am Anfang noch verärgert gewesen, dass Frau von Gronewald sie so überfallen hatte und sie die Nacht nicht zu Hause sein würde, so fand sie es nun durchaus spannend, einmal wieder in Hamburg zu sein.

Sie pfiff leise durch die Zähne, als sie wenig später vor einem großen Hotel anhielten.

„Entschuldigung.“ Leicht legte sie ihre Hand  auf den Arm von Frau von Gronewald. „Das Hotel ist etwas über meinem Budget. Ich such mir lieber etwas anderes. Sagen Sie mir einfach, wann Sie zurückfliegen wollen oder noch einfacher, ich gebe Ihnen meine Karte und Sie rufen mich an.“

„Unsinn.“ Die braunen Augen glitten einmal über Merles schlanke Gestalt und zurück zu ihrem Gesicht. „Ich komme selbstverständlich für Ihre Unkosten auf. Alles andere wäre ja auch nicht angebracht.“

Verblüfft folgte Merle ihr in das Hotel hinein, wo sie von einer freundlichen Rezeptionistin empfangen wurden.

„Frau von Gronewald, wie schön Sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen.“

Frau von Gronewald war offensichtlich nicht zum ersten Mal in diesem Hotel.

Merle hielt sich leicht im Hintergrund und beobachtete ihre Auftraggeberin, die mit der Rezeptionistin sprach. Ihre ganze Haltung spiegelte ihre Autorität und ihre Souveränität wieder, die Merle selbst schon am eigenen Leib erfahren hatte. Wahrscheinlich wurde ihr auch selten ein ´Nein` entgegengebracht, wie Merle erneut belustigt feststellte.

 

„Haben Sie Frau Niarchos bereits über meinen Besuch informiert?“

„Ja, Frau von Gronewald. Sie wird sich gleich bei Ihnen melden.“

 

Was Merle allerdings ein wenig überrascht hatte, war die Vielfalt an Emotionen, die Frau von Gronewald innerhalb kürzester Zeit an den Tag gelegt hatte. Streng und fordernd, genauso wie ängstlich, beinahe panisch und auch durchaus warm und freundlich.

„Ist mein Zimmer fertig?“

„Natürlich, Frau von Gronewald.“ Der Blick der jungen Frau glitt zu Merle.

„Ich benötige noch ein zweites Zimmer, für meine Begleitung.“ Sie nickte mit dem Kopf in Richtung Merle, die nur zögernd näher trat.

„Sehr gerne, einen Moment bitte.“ Sie tippte in ihren Computer und lächelte Merle freundlich an. „Ich bräuchte noch Ihren Pass für die Anmeldung.“

„Ja, natürlich.“ Merle zog ihre Brieftasche aus der Hosentasche und legte ihren Ausweis auf den Tresen.

„Gut. Schreiben Sie einfach alles auf Ihr Zimmer und ich übernehme die Rechnung. Das gilt auch für Abendessen oder Frühstück.“ Frau von Gronewald drehte sich um und wollte schon davon gehen, als Merle sie am Arm zurück hielt.

„Und bis wann soll ich die Maschine fertig machen? Ich brauche auch einen Flugplan.“

Frau von Gronewald warf ihr nur einen kurzen Blick zu und zuckte ihre schmalen Schultern nach oben. „Wie gesagt, das zeigt sich erst noch. Halten sie sich einfach bereit. Haben Sie eine Handynummer, unter der ich Sie erreichen kann?“

„Ja, natürlich.“ Merle zog eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie ihr entgegen.

Mit spitzen Fingern nahm sie die Karte und drehte sie leicht. „Ich melde mich bei Ihnen, Frau Fischer. Schönen Abend.“

Nachdenklich sah Merle ihr hinterher, als sie zum Aufzug trat und darin verschwand.

Ein leichtes Hüsteln hinter ihr, ließ sie sich umdrehen. „Ihr Ausweis und Ihr Zimmerschlüssel.“

„Danke.“ Merle steckte den Ausweis wieder ein.

„Sie sind die Assistentin von Frau von Gronewald?“ Neugierig strahlte die junge Frau sie an.

Merle schüttelte leicht den Kopf. „Nein, bin ich nicht. Ich bin Pilotin und sie hat mich für einen Flug gebucht. Aber warum ich jetzt hier im Hotel bin, das weiß nur sie selbst.“ Sie trat in den Aufzug und drückte auf den Knopf für ihr Stockwerk, doch nichts geschah.

Merle drückte noch ein weiteres Mal, mit dem gleichen Resultat. Leicht genervt streckte sie den Kopf aus dem Aufzug, als die junge Rezeptionistin zu ihr trat, ihren Schlüssel nahm und gegen einen Kontakt an der Wand hielt.

„Jetzt geht es.“

Dankbar lächelte Merle ihr zu und drückte den Knopf für ihr Stockwerk.

Sie trat in das Zimmer und warf ihre kleine Tasche auf das Bett. Himmel, das Zimmer war beinahe so groß wie ihre Wohnung in Frankfurt. Staunend besah sie sich jede noch so kleine Ecke. Beinahe zu schade, um hier nur eine Nacht zu verbringen. An der Tür hing ein Zettel, mit den Hotelpreisen, bei dessen Anblick Merle schwache Knie bekam.

´Ach du dickes Ei` murmelte sie zu sich selbst. Eine Nacht war beinahe doppelt so teuer wie Merles Wohnung im ganzen Monat kostete.

Sie setzte sich auf das Bett und rief Piet an, der auch sofort abnahm.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass es eine Tour über zwei Tage sein wird?“

„Weil ich nicht sicher war, ob du dann geflogen wärst. Und ich hatte niemanden anderen, der so kurzfristig ran konnte. Außerdem dachte ich, dass du das Geld gerne verdienen wolltest. Sie zahlt sehr gut.“

Seufzend legte Merle sich auf das Bett und starrte an die Decke. „Was genau weißt du über den Auftrag und über meinen Passagier?“

„Nicht wirklich viel“, gab Piet kleinlaut zu. „Joanna von Gronewald kam am späten Nachmittag und buchte einen Flug nach Hamburg, mit Rückflug irgendwann morgen. Über das warum und wieso kann ich dir keine Auskünfte geben, danach habe ich sie nicht gefragt. Bist du sauer auf mich?“

„Ach Piet, nein, bin ich nicht. Du hast ja auch Recht, ich kann das Geld gebrauchen. Und vor hatte ich heute auch nichts. Zu Hause wartet nur eine kalte Pizza auf mich, also alles gut.“

„Dann bin ich ja beruhigt. Bis morgen.“

Joanna, Merle sprach den Namen leise aus. Ein schöner Name, absolut passend für eine schöne Frau. Der Gedanke ließ Merle leicht schuldbewusst den Kopf zwischen die Schultern ziehen. Eine schöne Frau, die ganz sicher nichts für sie war.

Merle machte sich frisch und ging anschließend in die Hotelbar hinunter, wo sie sich an die Bar setzte. Gerade als ihr der Kellner eine Pizza und einen Saft servierte, trat Joanna von Gronewald in die Bar, mit einer anderen Frau im Schlepptau.

Von der Tür aus ließ Joanna ihre braunen Augen durch die Bar gleiten und blieb für einen kurzen Moment an Merle haften, die ihr freundlich lächelnd zunickte.

Mit keiner Regung gab Joanna zu erkennen, dass sie Merle erkannt hatte und sah einfach über sie hinweg. Sie zog ihre unbekannte Begleitung mit sich in eine der hinteren Ecken, wo sie ihre Köpfe zusammen steckten und sich unterhielten.

Überrascht stelle Merle fest, dass sie die Reaktion von Frau von Gronewald kurz verärgerte. Sie beobachtete die beiden Frauen, die durchaus miteinander vertraut zu sein schienen.

Für einen kurzen Moment hatte sie gehofft, dass Frau von Gronewald sie mit an ihren Tisch bitten würde, doch das war ein absolut unsinniger Wunsch, wie sie sich eingestehen musste.

´Reiß dich zusammen, Merle` schalt sie sich innerlich. ´Die Frau spielt in einer ganz anderen Liga als du und wird sich auch niemals für dich interessieren. `

Merle ließ sich Zeit mit ihrer Pizza und warf ab und an einen Blick in die Ecke, wo Joanna von Gronewald mit der anderen Frau saß.

Schrilles Gelächter drang immer wieder an ihr Ohr und verstärkte dieses leichte Nagen in ihrer Magengrube.

Ein Gefühl, das sie einmal mehr verunsicherte, hatte sie schon lange nicht mehr so auf eine Frau reagiert. Und nun ausgerechnet auf eine, die offensichtlich mehr Geld zur Verfügung hatte, als Merle nur erahnen konnte.

Sie wusste nur zu gut, was Piet für den Flug an sich berechnete. Die Maschine, und auch sie selbst, gleich für zwei Tage zu reservieren, das ging direkt in eine andere Preisklasse.

 Beinahe trotzig trank Merle ihren Saft aus und sah erneut zu Joanna hinüber.

Sie hatte sich noch nie besonders für die Welt der Reichen interessiert. Für sie waren dies ganz normale Menschen, wie sie selbst auch. Mit Problemen und Wünschen, die vielleicht von ihren eigenen abwichen. Doch am Ende des Tages mussten sie alle essen, trinken und schlafen.

Dennoch war da etwas an Joanna von Gronewald, das Merle durchaus faszinierte. Auch wenn sie für den Moment nicht sagen konnte, was es war. Ihr Geld war es auf jeden Fall nicht.

 

„Möchten Sie noch einen Saft?“ Wie aus dem Nichts tauchte der Kellner vor ihr auf und sah Merle fragend an.

„Nein, danke. Die Rechnung bitte.“

Er räumte ab und legte ihr ein ledernes Mäppchen vor, in dem die Rechnung für ihre Pizza und das Getränk war. Entsetzt zog Merle die Luft ein, als sie den Betrag sah.

´Himmel nochmal, ich wollte nur eine Pizza und nicht die ganze Pizzeria kaufen. `  Merle schrieb ihre Zimmernummer auf den Zettel und stand auf. Sie würde am nächsten Tag sehen, ob Frau von Gronewald ihr Wort halten würde, und die Rechnung begleichen würde. Ansonsten würde ihr Lohn für die zwei Tage direkt für diese horrende Rechnung draufgehen.

 

Kapitel 3

 

Nach einer unruhigen Nacht in dem, für ihre Verhältnisse, viel zu harten Bett, stand Merle mit Rückenschmerzen auf. Eine lange Dusche ließ ihre Lebensgeister zum Glück wieder erwachen.

Sie ging in den Frühstücksraum hinunter und setzte sich an einen Tisch am Fenster.

„Möchten Sie die Karte oder nehmen Sie das Buffet?“

Unsicher sah Merle auf den Kellner, als eine feste Stimme an ihrer Seite sie regelrecht aufspringen ließ. „Wir nehmen das Buffet und bringen Sie eine Kanne Kaffee.“

„Guten Morgen, Frau von Gronewald.“

Joanna von Gronewald nickte Merle freundlich zu. „Guten Morgen, Frau Fischer. Darf ich mich zu Ihnen setzen oder möchten Sie lieber alleine frühstücken?“

„Bitte.“ Merle deutete auf den Platz neben sich. Neugierig musterte sie Joanna, die sie gut gelaunt anlächelte.

Fasziniert stellte Merle fest, dass das Lächeln ihr Gesicht regelrecht zum Strahlen brachte und durchaus ansteckend war. Mit einem leicht erhöhten Puls ging sie zum Buffet und suchte sich etwas zum Essen.

„Haben Sie gut geschlafen?“ Fragte Joanna, als sie mit einer Schüssel Müsli an den Tisch zurückkam.

„Ich bin das fremde Bett nicht gewohnt.“ Merle rang sich ein kurzes Lächeln ab.

„Ja, Hotelbetten haben ihren eigenen Charme, da stimme ich Ihnen zu.“ Joannas Blick glitt über Merle und blieb an ihrem Arm hängen. „Sie haben da ganz schöne Kratzer auf ihrem Arm.“ Mit einem sanften Finger strich sie über Merles Arm und ließ ihre feinen Härchen nach oben steigen.

„Ja, Sie haben ziemliche harte Fingernägel.“ Merle konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen.

„Oh, das war ich?“ Erneut fuhren die weichen Finger über Merles Haut.

Die zarte Berührung jagte Merle einen leichten Schauer über den Rücken.

„Das tut mir sehr leid.“

„Nicht so schlimm.“ Beeilte Merle sich abzuwinken.

„Nun.“ Nachdenklich rieb Joanna sich über die Stirn. Für einen Moment sah es so aus, als wollte sie noch etwas sagen, doch dann schluckte sie nur und senkte leicht beschämt ihren Kopf.

Ihre Reaktion überraschte Merle. Es war, als wäre es ihr peinlich, über ihre Panikattacke zu reden. „Wissen Sie schon, wann Sie zurückfliegen möchten?“ Freundlich versuchte Merle das Thema zu wechseln und stocherte in ihrem Müsli herum.

„Haben Sie es eilig, wieder nach Frankfurt zu kommen?“ Joannas Züge verrieten noch immer die leichte Anspannung in ihr. Und doch schenkte sie Merle auch ein süßes Lächeln.

 „Nicht wirklich. Zumindest habe ich keine Pläne.“ Während sie sprach konnte Merle sehen, dass Joanna sich wieder entspannte.

„Gut, denn ich habe noch keinen konkreten Zeitplan.“

„Es wäre nur gut, wenn Sie mir rechtzeitig Bescheid geben könnten. Ich muss den Flugplan einreichen und das dauert ein wenig.“

Joanna trank einen Schluck Kaffee und setzte die Tasse auf den Tisch. „Woher kommt eigentlich Ihr Name? Merle, habe ich noch nie zuvor gehört.“

„Es ist ein englischer Name, aus dem lateinischen abgewandelt.“

„Ist das so?“ Ein amüsiertes Lächeln umspielte Joannas Lippen. „Und wissen Sie auch, was der Name bedeutet?“

„Amsel, wurde mir einmal gesagt.“

„Oh, wie passend.“ Joanna lachte leise auf und strahlte Merle an. „Eine Amsel muss fliegen, oder etwa nicht?“

Ihr Lachen war derart ansteckend, dass Merle mit einstieg.

„Wie lange fliegen Sie schon für Piet, haben Sie gesagt?“

Merle hob den Kopf und sah Joanna an, die sie über den Rand ihrer Kaffeetasse musterte.

„Seit sieben Jahren.“

„Ist es Ihre eigene Maschine, oder gehört die Piet?“

„Sie gehört Piet. Wie eigentlich alle der Chartermaschinen. Aber ich fliege meistens die Piper.“

„Und wieviel bekommen Sie von dem Geld, das ich zum Beispiel an ihn zahle?“

„Nur einen kleinen Teil, aber das ist okay.“ Beeilte Merle sich gleich hinzuzufügen. „Viel wichtiger für mich ist, dass ich auf diese Art meine Lizenz erhalten kann.“

„Fliegen Sie auch noch für andere Chartergesellschaften?“

„Nein.“ Merle fuhr sich mit der Hand durch ihre kurzen Haare. „Dafür fehlt mir die Zeit. Durch die Arbeit bin ich froh, wenn ich ab und an meinem Hobby nachgehen kann. Und das geht dann eben nur abends oder am Wochenende.“

„Haben Sie schon einmal überlegt, Ihr Hobby zum Beruf zu machen?“ Joannas Finger strich einmal mehr über Merles Arm und ließ sie den Kopf heben.

Dabei traf ihr Blick auf Joannas Katzenaugen, die sie freundlich musterten.

Langsam nahm sie einen Schluck des inzwischen kalten Kaffees. „Für eine große Fluglinie zu arbeiten wäre verlockend gewesen. Doch die Ausbildung konnte ich mir nicht erlauben. Und ohne Rücklagen oder Eltern, die für mich bürgen konnten, bekam ich auch keinen Kredit über den nötigen Betrag. Die Fluglinie hätte mir das Geld zur Verfügung gestellt, aber damit hätte ich mich auf viele Jahre fest an sie binden müssen, und das wollte ich nicht. Dass ich überhaupt den Flugschein machen konnte, das verdanke ich einzig und allein Piet, der mich gefördert hat.“ Merle ließ ihre Augen durch den Frühstücksraum gleiten und blieb kurz darauf wieder an Joannas braunen Augen hängen, die sie weiter wach beobachteten.

„Und warum bewerben Sie sich jetzt nicht? Sie haben doch einen Flugschein, da müsste es doch leichter sein, oder nicht?“

„Nein, die Flugscheine sind nicht vergleichbar und ich hätte immer noch das Problem, ein halbes Leben lang einen Kredit abstottern zu müssen. Das ist mir einfach zu risikoreich. Nein, ich bleibe bei meinem Hobby und erfreue mich an jedem Auftrag.“

In diesem Moment klingelte ein Handy und Joanna griff in ihre Tasche. Sie nickte Merle kurz zu und verließ den Frühstücksraum.

Mit klopfendem Herzen sah Merle ihr nach. Noch immer spürte sie ihre sanften Finger auf ihrem Arm. Die Berührung hatte sie weitaus mehr aufgewühlt, als sie es für möglich gehalten hätte.

Kurz darauf kam Joanna in den Raum zurück. „Wie schnell können wir nach Frankfurt losfliegen?“

Merle schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Ich muss nur den Flugplan einreichen und genehmigen lassen.“

„Wie lange dauert das?“

„Ich ruf sofort am Flugplatz an. Bis wir hier ausgecheckt haben und an den Flugplatz fahren, bis dahin ist der Plan fertig.“

„Gut.“ Joanna nickte ihr ernst zu. „Erledigen Sie das und packen Sie ihre Tasche. Ich würde gerne so schnell es geht zurück.“

Merle beeilte sich und trat kurz darauf mit ihrer Tasche in die Lobby. Sie legte den Schlüssel auf den Tresen, als Joannas sanfte Stimme hinter ihr erklang.

„Die Rechnung ist bereits beglichen, wir können los.“

„Danke, Frau von Gronewald. Es tut mir leid, wenn ich geahnt hätte, dass die Pizza so teuer ist, dann hätte ich etwas anderes bestellt.“

Joannas Augen weiteten sich erstaunt. Ein süßes Lächeln umspielte ihre Lippen als sie Merle beobachtete, die unruhig von einem Bein auf das andere trat.

„Hat die Pizza denn geschmeckt?“

„Ja, lecker war sie. Aber nach einem Blick auf die Rechnung hatte ich das Gefühl, ich hätte die ganze Pizzeria aufgekauft.“

Joanna warf ihren Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. „Sie sind mir eine Marke, Frau Fischer. Kommen Sie, lassen Sie uns zurück fliegen.“

 

Kapitel 4

 

Kurze Zeit später saßen sie wieder nebeneinander im Flugzeug.

„Denken Sie, dass es wieder turbulent wird?“

Merle warf einen Blick auf Joanna, die dieses Mal den Kopfhörer direkt aufgesetzt hatte. Sie schien etwas bleich um die Nase.

Lächelnd zog Merle ihre Schultern nach oben. „Der Flugplan verspricht einen ruhigen Flug, aber so ganz genau kann man das nie vorhersagen.“

Joannas Blick hing auf der Armatur vor ihr. „Warum habe ich auch einen Steuerknüppel? Das wollte ich gestern schon fragen, habe es aber durch die Aufregung und die Turbulenzen vergessen.“

„Sie könnten das Flugzeug genauso steuern, wie ich auch. Möchten Sie es mal versuchen?“

„Wie bitte?“ Leichte Panik schwang in Joannas Stimme. „Sie machen Scherze, oder?“

„Aber nein.“ Merle lachte sie fröhlich an. „Es ist wirklich so. Beide Seiten sind voll funktionsfähig.“

„Aber, das geht doch nicht. Ich meine, haben Sie keine Angst, dass ich in Panik in das Steuer eingreifen könnte und das Flugzeug so zum Absturz bringen könnte?“

Merle warf den Kopf in den Nacken und lachte laut auf. „Keine Sorge, Frau von Gronewald. So lange ich neben Ihnen sitze, so lange ist Ihre Seite abgeschaltet. Außer“, sie warf ihr einen schelmischen Blick zu. „Außer Sie möchten einmal selbst fliegen. Dann können wir das gerne einrichten.“

„Gott bewahre. Nein, alles nur das nicht.“ Joannas Blick war noch immer mit Panik gefüllt. Vehement schüttelte sie ihren Kopf und ließ dabei ihre langen Haare fliegen.

Merle musste sich zwingen, ihren Blick von ihr abzuwenden. Sie war ohne Zweifel eine wunderschöne Frau, die Merles Puls in die Höhe trieb.

Sie schluckte trocken und sah nach vorne, als Joannas leise Stimme aus dem Kopfhörer drang.

„Haben Sie schon einmal eine gefährliche Situation erlebt?“

Merle dachte einen Augenblick nach. „Meinen Sie jetzt nur im Hinblick auf das Fliegen oder allgemein?“

„Ich dachte eher an das Fliegen.“

„Nein.“ Merle schüttelte ihren Kopf. „Beim Fliegen habe ich noch nie etwas erlebt, das mir gefährlich vorkam.“

„Und sonst?“ Joannas Lächeln ging Merle durch und durch.

„Das Leben an sich hält immer wieder gefährliche Aspekte bereit, oder nicht?“

„Das ist wohl wahr.“ Joanna nickte leicht und zog ein paar Papiere aus ihrer Tasche, die sie langsam durchblätterte. Während sie las strich sie sich immer wieder  mit ihren langen Fingern durch ihre Haare.

Merle, die sie heimlich von der Seite her beobachtete, wünschte sich, dass Joannas Finger ihre eigenen Haare hinter das Ohr streichen würde. Innerlich seufzend sah sie wieder nach vorne.

In diesem Moment wurde das Flugzeug von einer heftigen Turbulenz durchgeschüttelt und Merle konzentrierte sich ganz darauf, das kleine Flugzeug unter Kontrolle zu halten.

Als sie die unruhigen Schichten passiert hatten warf sie einen Blick auf Joanna, die mit geschlossenen Augen neben ihr saß. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und ließ ihre Haut wächsern erscheinen. Doch im Gegensatz zum Tag zuvor, hatte sie sich besser unter Kontrolle.

Sanft legte Merle ihre Hand auf Joannas Arm und schreckte sie so aus ihrer Starre hervor.

„Es ist alles in Ordnung, Frau von Gronewald. Wir sind schon wieder im Sinkflug und werden gleich landen.“

„Ich hasse es zu fliegen. Ich kann mich einfach nicht an diese Wackeleien gewöhnen. Aber mir scheint, dass es mit so einer kleinen Maschine noch bedeutend schlimmer ist als mit einem großen Flugzeug.“ Mit zitternder Hand ergriff Joanna Merles Finger und drückte sie fest.

Merle lächelte ihr beruhigend zu. „Ja, das stimmt auch so. Je größer das Flugzeug, umso träger liegt es in der Luft. Da macht so ein wenig Wind, wie wir ihn gerade haben, wenig aus. Da wir kleiner sind, und auch um einiges langsamer als ein großes Flugzeug,  sind wir anfälliger. Trotzdem besteht kein Grund zur Sorge. Ich fliege schon so schnell es geht.  Durch die Geschwindigkeit kann ich einiges ausgleichen.  Sie werden sehen,  es hört gleich auf zu wackeln.“

„Wenn Sie das sagen.“ Murmelte Joanna, löste ihre Finger von Merles Hand und blickte weiter starr nach vorne.

„Wenn Sie das so empfinden, warum fliegen Sie dann nicht mit den großen Maschinen, Frau von Gronewald?“

Joanna drehte den Kopf und zog ihre Augenbraue nach oben. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Dafür habe ich meine Gründe und ich werde Sie Ihnen nur mitteilen, wenn Sie mir meine Frage von heute Morgen ehrlich beantworten.“

Merle warf ihr von der Seite her einen Blick zu. „Touché, Frau von Gronewald. Dann behalten wir eben beide unsere kleinen Geheimnisse.“

 

Merle landete das Flugzeug sicher auf dem Flugplatz von Egelsbach und ließ es an den zugewiesenen Platz rollen. Kaum dass sie die Turbinen ausgeschaltet hatte, kam Piet über den Rasen gelaufen.

„Frau von Gronewald, ich hoffe Sie hatten einen angenehmen Flug.“ Beflissen half er Joanna aus dem Flugzeug zu steigen.

„Ich werde mich nie daran gewöhnen, aber es ist nun einmal die schnellste Methode um von A nach B zu gelangen.“ Sie strich sich ihre langen Haare nach hinten und trat Merle entgegen, die ihren Koffer aus dem Gepäckraum holte.

Vom Parkplatz her kam Joannas Chauffeur herbeigeeilt und nahm Merle den Koffer ab.

„Danke, Frau Fischer, für den Flug und für Ihre angenehme Gesellschaft. Ich hoffe Sie nehmen mir nicht übel, dass ich Ihren Arm so malträtiert habe.“ Das sanfte Lächeln auf ihrem schönen Gesicht, ließ Merles Knie weich werden.

„Kein Problem, man sieht es doch kaum noch.“ Beeilte Merle sich, ihr zu erwidern. „Und nochmals danke, dass Sie die ganze Rechnung beglichen haben.“

„Das war ja wohl selbstverständlich, zumal ich Sie auch noch so überfallen habe.“ Einen Moment noch ruhten die braunen Augen auf ihrem Gesicht, dann drehte Joanna sich um und ging zum Parkplatz, wo ihr Chauffeur neben einer großen Limousine stand und auf sie wartete.

Seufzend stand Merle am Flugzeug und sah ihr nach. ´Himmel, was für eine Frau. `

„Und“, Piet trat hinter sie und schlug ihr mit der Hand auf die Schulter. „Wie war Frau von Gronewald?“

„Äußerst angenehm.“

„Im ernst?“

Merle drehte sich um und sah in Piets feixendes Gesicht. „Ja, im ernst, warum fragst du?“

„Sie hat einen gewissen Ruf und ich habe sie ja erlebt, als sie hier ankam und auf dich warten musste. Sie war, um es mal salopp zu sagen, not amused.“

Gleichmütig zuckte Merle ihre schmalen Schultern. „Zu mir war sie äußerst höflich und korrekt. Etwas anderes kann ich nicht sagen. Bis die Tage, Piet.“ Damit nahm sie ihren Helm aus seinen Händen und ging zu ihrem Motorrad.

 

In ihrer Wohnung warf sie erst einmal die Überreste ihrer Pizza in den Mülleimer und räumte auf. Normalerweise verbrachte sie ihre freien Tage gemütlich auf dem Sofa, doch an diesem Tag wurde sie von einer inneren Unruhe getrieben. Erst als die Wohnung blitzte ließ Merle sich auf ihrem Sofa nieder und starrte vor sich ins Nichts.

Immer wieder tauchten Joannas schöne Augen vor ihr auf, die auf ihr ruhten und ihr inneres Gleichgewicht durcheinander brachten. Merle konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal bei einer Frau weiche Knie bekommen hatte. Und dabei hatte es noch nicht einmal eine besondere Situation zwischen ihnen gegeben. Einfach durch ihre zarten Berührungen und ihre Blicke hatte sie Merle so aufgewühlt, wie schon lange nicht mehr.

 

Kapitel 5

 

Die Arbeit an den nächsten Tagen hielt Merle so sehr auf Trab, dass sie kaum mehr an Joanna denken konnte. Doch jeden Abend saß sie träumend auf dem Sofa und dachte an die attraktive Frau, die so herrlich lächeln konnte. Und die ganz offensichtlich schreckliche Flugangst hatte.

Am Donnerstag stand sie über einen Motor gebeugt, als sie auf einmal ein seltsames Prickeln in ihrer Nackengegend verspürte.

Das leise Pfeifen ihrer Kollegen brachte Merle dazu, sich aufzurichten und umzudrehen.

Überrascht zog sie die Luft ein, als sie direkt in Joannas warme Augen sah, die über ihre Gestalt strichen.

„Frau von Gronewald, was führt Sie hierher?“ Merle nahm ein Tuch aus ihrer Tasche und wischte sich ihre öligen Finger daran ab. Sie warf ihrem Kollegen einen bösen Blick zu, als der erneut durch die Zähne pfiff.

„Entschuldigen Sie das Verhalten des Primaten. Er hat gerade erst gelernt, auf zwei Beinen zu gehen.“

Für einen Moment stand Joanna verblüfft vor ihr, dann warf sie ihren Kopf in den Nacken und brach in lautes Lachen aus. Dabei vertieften sich die feinen Falten um ihre Augen ein wenig.

„Was kann ich für Sie tun? Oder benötigen Sie eine Autowerkstatt?“ Neugierig beobachtete Merle jede Regung auf Joannas ansonsten absolut ebenmäßigen Zügen.

„Ich wollte zu Ihnen, Frau Fischer. Bevor Sie sich wieder beschweren, dass es zu kurzfristig sei, ich brauche Sie für einen weiteren Flug am Wochenende.“ Sie hatte ihren Kopf leicht schräg gelegt und warf Merle einen herausfordernden Blick zu.

„Oh, die Entscheidung für die Flüge trifft Piet. Er erstellt die Pläne und sorgt für eine gerechte Verteilung der Stunden.“ Mit klopfendem Herzen beobachtet Merle, wie Joannas Lippen sich zu einem süßen Lächeln verzogen.

„Ich habe mit Herrn Hinrichs schon gesprochen. Von seiner Seite aus ist alles geklärt. Jetzt geht es nur noch darum, ob Sie Zeit und Lust haben, noch einmal für mich zu fliegen.“

„Ja natürlich, sehr gerne doch, Frau von Gronewald. Wann geht es los und wohin?“

„Wunderbar.“ Joanna schenkte Merle ein weiteres strahlendes Lächeln. „Packen Sie eine Tasche, es geht für zwei Tage nach Mailand und ich würde gerne direkt morgen Abend los. Wann könnten Sie am Flugplatz sein?“

„Ich habe freitags um sechzehn Uhr Feierabend. Danach kann ich sofort an den Flugplatz kommen. Reicht Ihnen das?“

„Ja, das passt. Wunderbar, Frau Fischer, dann bis morgen Abend.“ Sie nickte Merle kurz zu, winkte mit ihrer Hand Merles Arbeitskollegen zu, der sie mit offenem Mund anstarrte, und ging aus der Werkstatt hinaus.

„Wow, wo hast du die Braut aufgerissen?“

Wütend drehte Merle sich um und sah ihren Kollegen mit erhobenem Finger an. „Reiß dich mal zusammen. Du solltest dir angewöhnen, dich unter Kontrolle zu halten. Diese Frau hat mehr Klasse, als du jemals in deinem Leben erträumen könntest.“

´Und auch mehr Klasse als ich jemals erreichen kann` fügte Merle in Gedanken hinzu.

Sie warf ihrem Kollegen noch einen bösen Blick zu und beugte sich wieder über den Motor. Der Gedanke, ein ganzes Wochenende mit Joanna verbringen zu dürfen, und wenn es auch nur für die Flüge wäre, beflügelte sie. Beschwingt beendete sie ihre Arbeit, fuhr nach Hause und packte ihre Tasche für das Wochenende. Immer wieder sah sie Joannas süßes Lächeln vor sich, diese wunderschön geschwungenen Katzenaugen, die sie aufmerksam musterten. Und wie sie über sie hinweggesehen hatte, als sie mit der Unbekannten in das Restaurant getreten war. Der Gedanke drückte ihre gute Laune zusehends nach unten.

Kurz darauf klingelte ihr Handy. „Hallo Tammy, was geht?“

„Das wollte ich dich gerade fragen, Merle. Was machst du morgen?“ Tamara, ihre beste Freundin, war wie immer bestens gelaunt.

„Ich habe einen Flugauftrag morgen.“ Merle lehnte sich auf der Couch zurück und schloss kurz die Augen.

„Oh, schade, ich wollte mit dir ins Kino. Wie ist es dann am Samstag?“

„Tut mir leid, Tammy, ich bin das ganze Wochenende ausgebucht.“

„Schade, aber ich freue mich natürlich, wenn ihr so viele Aufträge habt.“

„Eigentlich ist es nur ein Auftrag, aber der geht über das ganze Wochenende.“

„Das ist aber ungewöhnlich, oder?“ Tamaras Stimme bekam einen misstrauischen Touch.

„Nein, ist es nicht. Ich fliege für eine Geschäftsfrau, die mich für das ganze Wochenende gebucht hat. So ist sie einfach flexibler für ihre Termine und ich bekomme ein paar Stunden zusammen.“

„Und warum verteidigst du dich jetzt?“

Merle fuhr sich mit der Hand durch ihre Haare. „Mach ich doch gar nicht.“

„Machst du wohl. Komm schon, Merle, rück raus mit der Sprache. Was läuft da?“

„Ach Tammy, was du dir da jetzt einbildest. Es ist wirklich nur so, wie ich gerade gesagt habe.“

„Ohne Hintergedanken?“

„Absolut ohne Hintergedanken.“

„Wer ist sie, kenne ich sie?“ So leicht gab Tammy nicht auf, wie Merle amüsiert zur Kenntnis nahm.

„Ich glaube nicht, dass du sie kennst. Aber damit du Ruhe gibst, ihr Name ist Joanna von Grünewald.“

 „Die Joanna von Gronewald?“ Tamaras Stimme nahm einen ehrfürchtigen Klang ein.

„Willst du mich aufklären, was du damit meinst?“ Merle lehnte sich in ihre Kissen zurück und sah an die Decke.

„Oh Merle, kennst du überhaupt irgend jemanden aus der High Society?“

„Nö, nicht wirklich. Warum, was weißt du von ihr?“

„Joanna von Gronewald ist eine sehr reiche und bedeutende Frau in Frankfurt und ich glaube eine der bedeutendsten in fast ganz Deutschland. Sie besitzt unzählige Luxushotels und sie wird noch einige mehr erwerben. Wenn es jemanden gibt, der eine schwarze Kreditkarte besitzt, dann ist sie das.“

„Was meinst du denn damit?“ Merle hatte noch nie von einer schwarzen Karte gehört.

„Das ist eine Karte ohne Limit. Damit könnte sie dein Flugzeug kaufen, ohne mit der Wimper zu zucken.“

Merle spürte wie ihr Tamaras Worte die Kehle zudrückten. Mühsam schluckte sie den Kloss herunter, der sie beim Atmen behinderte. Jedwede Hoffnung, die sie sich vielleicht doch auf Joanna gemacht hatte, zerplatzte bei Tamaras Erläuterungen. Sie hatte es zuvor schon geahnt, doch Tamaras Worte bestärkten es. Joanna spielte in einer völlig anderen Liga, und da würde Merle niemals hineinpassen.

„Spielt ja keine Rolle, wer sie ist. Sie hat mich gebucht und ich werde sie fliegen. Mehr ist nicht und mehr wird nicht sein. Völlig egal, was du denkst. Gute Nacht Tammy, ich melde mich die Tage bei dir.“ Genervt warf Merle das Handy neben sich auf die Couch. Sie hatte gewusst, dass Joanna einiges an Geld besitzen musste. Aber für sie war das eher uninteressant gewesen, bis Tamara sie direkt darauf hingewiesen hatte.

Egal, trotzig schob Merle ihr Kinn nach vorne. Sie fand sie trotzdem toll, auch wenn sie für immer unerreichbar sein würde. Immerhin durfte Merle sie wieder fliegen.

 

Kapitel 6

 

Nach der Arbeit fuhr sie direkt an den Flugplatz und kontrollierte die Maschine, als eine sanfte Stimme hinter ihr sie zusammenfahren ließ.

„Schön, dass Sie schon fleißig sind. Dann können wir gleich los, oder?“

Merle richtete sich auf und ließ ihre Blicke über Joannas schmale Gestalt vor ihr gleiten. „Ich bin sofort fertig, möchten Sie sich schon einmal in die Maschine setzen?“

„Ich würde Ihnen lieber zusehen, wenn Sie das nicht stört. Vielleicht können Sie mir ja erklären, was Sie da tun.“

Überrascht sah Merle in ihr schönes Gesicht. „Nein, Sie stören mich selbstverständlich nicht. Ich überprüfe noch kurz die Klappen und die Profiltiefe der Reifen. Danach können wir los.“

„Macht das nicht Herr Hinrichs?“

„So wie letztes Wochenende, meinen Sie. Das war nur, weil ich so kurzfristig gerufen wurde. Normalerweise ist es meine Verantwortung und ich mach es auch gerne, denn es gibt mir selbst ein besseres Gefühl.“ Sie lächelte Joanna an, die ihr neugierig über die Schulter sah.

Ihre Nähe war betörend, wie Merle mit leicht wackligen Knien feststellte.

Tief atmete sie Joannas Parfum ein, das ihr süß in die Nase stieg.

„So, ich bin fertig, wollen wir?“ Sie half Joanna, in die Piper zu klettern und reichte ihr die Gurte an.

„Danke, Frau Fischer.“

„Merle.“

„Entschuldigung?“ Joannas braune Augen blitzten im Sonnenschein, der durch die Scheibe fiel.

„Merle reicht. Bei Frau Fischer sehe ich immer meine Mutter vor mir.“

Leise glucksend nickte Joanna ihr zu. „Dann gerne, Merle. Wollen wir die Amsel fliegen lassen?“

Merle stimmte in ihr melodiöses Lachen ein und startete die Turbinen.

„Es gibt noch etwas, das Sie vor dem Flug wissen sollten, Frau von Gronewald.“

„Und das wäre?“ Joanna legte ihren Kopf schräg.

„Wir werden über die Alpen fliegen, das heißt es könnte durchaus wackelig werden.“

„Oh nein.“ Joanna wurde bleich um die Nase. „Gibt es da keine andere Route?“

Beruhigend legte Merle ihr die Hand auf den Arm und drückte sanft. „Sie werden sehen, wenn wir vorher darüber sprechen, dann wird es ein super schöner und ruhiger Flug.“

„Ihr Wort in Gottes Ohr.“ Joanna legte ihre Hand über Merles Finger und drückte leicht.

Die zarte Berührung ließ Merles Puls nach oben schnellen. Sie konnte die Röte spüren, die ihr zudem in die Wangen schoss.

Kurz darauf erhielt sie die Startfreigabe und die Piper stieg in die Höhe.

Immer wieder warf Merle einen Blick auf Joanna, die verkrampft neben ihr saß und ihre Hände knetete. „Entspannen Sie sich, Frau von Gronewald. Es ist traumhaftes Flugwetter.“

„Das sagen Sie so einfach. Der Gedanke an Turbulenzen und das Gewackel .“

„Warum fliegen Sie dann so oft? Könnten Sie nicht über Videokonferenzen Ihre Geschäfte tätigen?“

„Wer sagt denn, dass ich wegen einem Geschäft nach Mailand fliege?“

Ihr angestrengter Ton ließ Merle den Kopf zu ihr drehen. Mit zusammen gezogenen Augenbrauen starrte Joanna sie an.

„Es tut mir leid, Frau von Gronewald. Ich habe es einfach angenommen.“

Nur langsam verschwand die Anspannung aus Joannas Zügen. Seufzend fuhr sie sich mit ihren langen Fingern durch ihre Haare. „Schon gut, Merle. Ich sollte nicht so empfindlich sein. Aber ich bin einfach nur froh, wenn wir angekommen sind. Und ja, Sie haben natürlich recht und es geht um Geschäfte. Ich bin lange Zeit nicht mehr geflogen, und jetzt weiß ich auch wieder warum das so war. Wie lange brauchen wir noch?“

„Wir kommen jetzt an die Alpen. Danach geht es schon runter. Alles in allem noch etwas mehr als eine halbe Stunde. Genießen sie die Aussicht, Frau von Gronewald. Sehen Sie nur, wie die Sonne die Berge schillern lässt.“

Leicht gequält öffnete Joanna ihre Augen und sah staunend auf die Umgebung. „Das ist wirklich unglaublich.“ Ehrfürchtig sah sie auf die majestätischen Berge unter ihr, als ein leichtes Ruckeln durch die Piper ging. „Himmel, wie können Sie nur so ruhig bleiben?“ Nervös ballte sie ihre Hände zu Fäusten und zog scharf die Luft ein, als die Maschine zu ruckeln begann.

„Ich konzentriere mich einfach auf die Schönheit um mich herum.“ Merle warf einen kurzen Blick auf Joanna und spürte, wie ihr wieder die Röte den Nacken entlang kroch. „Außerdem weiß ich, dass uns keine Gefahr droht. Alles was Sie bisher als Turbulenz erfahren haben ist weit von dem entfernt, was dieses Flugzeug aushalten kann. Dass es mal mehr, mal weniger rüttelt, das liegt an der Thermik. Heiße Luft, die nach oben steigt und uns trägt. Da wir jetzt die Berge unter uns haben, ist der Effekt etwas stärker.“

„Können wir dann nicht höher fliegen?“

„Nein, leider schafft die Piper nicht noch mehr Höhe. Es sollte aber gleich vorbei sein.“

Joanna schüttelte nur gequält ihren Kopf. „Ich werde mich einfach nie daran gewöhnen.“

Wenig später landeten sie in Mailand und Merle ließ das Flugzeug ausrollen.

 

 

Kapitel 7

 

„Wann möchten sie zurückfliegen? Haben Sie schon einen Zeitplan?“ Sie standen in der Lobby und warteten auf ihre Zimmer, als Merle Joanna auf ihre Pläne ansprach.

Nachdenklich zog Joanna ihre Augenbrauen zusammen. „So ganz sicher ist es noch nicht. Wahrscheinlich Sonntag früh. Ich würde Sie anrufen, reicht Ihnen das?“

„Natürlich, meine Nummer haben Sie ja noch, oder?“

„Ja, die habe ich.“ Damit drehte sie sich um und ließ Merle in der Lobby stehen.

´Schade, Merle, sie will nicht mit dir essen gehen. ` Mit einem schiefen Grinsen auf ihrem Gesicht, ging Merle auf ihr Zimmer, packte kurz aus und machte sich auf den Weg, Mailand zu entdecken.

Sie genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht, als sie vor der majestätischen Kulisse des Mailänder Doms in einem Café saß.

Tief in ihrem Inneren hatte sie gehofft, dass Joanna sie zum Essen einladen würde. Doch genauso hatte sie schon vermutet, dass dies einfach nur ein unsinniger Wunsch von ihr war. Joanna konnte jede Frau haben, die sie wollte. Warum sollte sie sich für Merle interessieren?

Auch wenn sie dieser Gedanke zuerst schmerzte, Merle war realistisch genug, um sich nicht auf einen Fantasiegedanken zu versteifen. Sie versuchte einfach, das Beste aus der Situation zu machen und genoss den Aufenthalt in der Stadt.

Sie schoss so viele Fotos wie möglich und schickte sie an Tamara, die mit einem heulenden Smiley antwortete.

Den ganzen Samstag war sie zu Fuß unterwegs. Als am Abend die Sonne hinter dem Dom verschwand, saß sie wieder in dem Café und trank einen Cappuccino.

Sie wollte gerade ein Foto an Tamara schicken, als ihr Handy zu vibrieren begann. „Ja bitte?“

„Merle, wo sind Sie?“ Joannas atemlose Stimme ließ Merle direkt nach oben schießen.

„Ich bin am Dom.“

„Können Sie kommen? Ich möchte zurück fliegen, wenn möglich sofort.“

Merle warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Frau von Gronewald...“ Doch aus ihrem Hörer drang nur ein leises Piepen.

Merle ließ ihren Cappuccino stehen und beeilte sich, in das Hotel zurück zu kommen.

Joanna saß in der Lobby und sah ihr angespannt entgegen. „Wie lange brauchen Sie noch?“

„Es gibt leider ein Problem.“ Unsicher fuhr Merle sich durch die Haare.

„Und das wäre?“

„Es ist schon zu spät, um noch in Egelsbach landen zu dürfen. Und für Frankfurt, da bekomme ich sicher keine Genehmigung. Die haben schon genug zu tun mit den kommerziellen Fliegern. Es tut mir leid.“

Es war als würde die Luft aus Joanna herausgelassen. Ihre Schultern sackten nach vorne und ihre Augen, die sonst so schön glänzten, blickten stumpf an Merle vorbei. Besorgt legte Merle ihr die Hand auf den Arm. „Ist alles in Ordnung, Frau von Gronewald?“

„Ich hätte es wissen sollen.“ Murmelte Joanna leise und legte ihre Finger über Merles Hand. „Danke, Merle, dann ist es eben so und wir fliegen gleich morgen früh. Wann wäre der früheste Zeitpunkt?“

Merle rechnete kurz nach. „Ab sieben können wir landen. Für den Flug brauchen wir knapp zwei Stunden. Wenn wir also um fünf losfliegen, dann müsste das genau passen.“

„Ist Ihnen das nicht zu früh?“

Lächelnd schüttelte Merle den Kopf. „Mir macht das nichts aus. Im Gegenteil, um die Zeit ist es immer besonders schön, zu fliegen. Sie werden es sehen.“

Ihre Begeisterung färbte nur wenig auf Joanna ab, wie Merle betrübt zur Kenntnis nahm.

„Soll ich den Flugplan so einreichen?“

Joanna sah mit ihren schönen Augen traurig an Merle vorbei. Plötzlich ging ein Ruck durch ihren schlanken Körper, sie erhob sich und ging zum Aufzug. Kurz bevor die Türen sich hinter ihr schlossen drehte sie sich um und warf Merle einen kurzen Blick zu. „Machen Sie das. Abfahrt dann um halb fünf Uhr. Gute Nacht, bis morgen.“

Merle ging auf ihr Zimmer, packte ihre Tasche und rief am Flugplatz an, um den Flugplan für den nächsten Morgen zu bestellen.

Sie hatte es sich gerade auf dem Bett gemütlich gemacht, als es an ihrer Tür klopfte. Überrascht stand sie auf und sah durch den Spion.

„Frau von Gronewald, kann ich etwas für Sie tun?“

Wie ein Häufchen Elend stand Joanna vor ihrer Tür. Bleich und eingefallen wirkten ihre Wangen. Die Knochen schimmerten durch ihre wächserne Haut hindurch und ihre sonst so schönen Augen lagen tief in ihren Höhlen.

„Kommen Sie herein und setzen Sie sich.“ Merle packte sie am Arm und zog sie in das Zimmer hinein. Sachte führte sie Joanna zum Bett und drückte sie vorsichtig darauf.

„Es tut mir leid, Merle, ich möchte nicht alleine sein. Jetzt, im Moment. Darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten?“

Überrascht musterte Merle die Frau vor ihr. Als sie nicht sofort antwortete stand Joanna wieder auf.

„Ich wollte Sie nicht so überfallen, verzeihen Sie.“ Sie machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen, als Leben in Merle kam.

„Nein, nicht doch. Bleiben Sie, Frau von Gronewald.“

„Wirklich?“

„Ja natürlich. Ich wollte gerade einen Krimi sehen.  Kommen Sie, sehen wir ihn uns gemeinsam an.“

Sie setzten sich nebeneinander auf das Bett, mit den Kissen im Rücken und sahen sich den Krimi an, von dem Merle überhaupt nichts mitbekam.
Wann immer sie sich bewegten, berührten sich ihre Schultern oder Arme. Und diese zarten Berührungen waren alles, was Merle in sich aufnahm.

Es war ein durchaus angenehmes Gefühl, Joanna so nahe zu sein, wie Merle sich eingestand. Ihr Herz, das bei Joannas Anblick vor ihrer Tür schneller zu schlagen begonnen hatte, beruhigte sich nur langsam.

„Merle?“

„Ja?“

„Ich weiß es ist nicht angebracht, aber dürfte ich bei Ihnen bleiben, heute Nacht?“

Überrascht drehte Merle ihren Kopf und sah in Joannas Augen, die ihren Glanz komplett verloren hatten.

„Ich kann jetzt nicht alleine sein, bitte. Ich mach mich auch ganz klein hier im Bett.“ Ihr flehentlicher Ton ging Merle durch und durch.

„Das Bett ist groß genug. Machen Sie sich da keine Gedanken, Frau von Gronewald.“

„Danke.“ Und damit rutschte Joanna tiefer und drehte sich auf ihre Seite. Wie ein Embryo zog sie die Beine eng an ihren schlanken Körper an.

Merle nahm die Decke hoch und legte sie fürsorglich um Joannas Schultern.

Als sie kurz darauf zu ihr blickte, konnte sie sehen, dass ihre Schultern bebten.

„Frau von Gronewald, ist Ihnen kalt?“ Sanft legte sie ihr die Hand auf die Schulter und drückte vorsichtig.

Joanna drehte sich zu ihr und sah sie aus rotgeränderten Augen an.

Ohne etwas zu sagen zog Merle sie in ihre Arme und hielt sie einfach nur fest. Sie hätte eh nicht gewusst, was sie in dieser Situation zu Joanna sagen sollte. Doch es schien genau das Richtige zu sein.

Es dauerte zwar eine ganze Weile, doch dann entspannte Joanna immer mehr, bis sie schließlich ruhig in Merles Armen lag und friedlich schlief.

Merles Herzschlag benötigte durchaus länger, bis es wieder einen normalen Rhythmus fand. Sanft strichen ihre Finger über Joannas seidige Haare.

Immer wieder fragte sie sich, was Joanna so aufgewühlt haben konnte. Es lag sicher nicht nur daran, dass sie noch eine Nacht länger hier sein mussten.

Merles Haltung war alles andere als bequem. Joanna hatte sie überrascht, als sie noch halb im Bett saß. Und nun traute sie sich nicht, sich zu bewegen. Sie wollte Joanna auf keinen Fall wecken, auch und vor allem aus Angst, dass sie dann das Zimmer verlassen könnte. Und das war das Letzte, das Merle gewollt hätte.

So konzentrierte sie sich einzig und allein auf die schöne Frau in ihrem Arm und genoss es, sie so nah zu spüren. Tief atmete sie ihr Parfum ein und ließ sich von dem betörenden Duft in sanfte Träume schicken.

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