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Teil 12

Sobald Naomi sich erhob, stand auch ihr vierbeiniger Freund auf und streckte erst einmal den Rücken durch. Und dann, ganz so, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, begleitete er sie sogleich schwanzwedelnd zum Strand runter. Zwischen ein paar Sträuchern versteckt richtete Naomi sich ihr Nachtlager ein. Der Hund legte sich neben sie und kuschelte sich fest an sie, als wollte er ihr Wärme spenden.

Mit Tränen in den Augen blickte Naomi in den Sternenhimmel hoch, während sie dem Vierbeiner sanft übers Fell streichelte. Dann schaute sie ihn gedankenversunken an. »Mensch . . . irgendwie muss ich dir doch helfen können. Ein Leben . . . ständig auf der Straße . . . bei jedem Wetter und bei jeder Jahreszeit ist doch nichts für dich«, sagte sie und blickte in seine schokobraunen Hundeaugen. Naomi ließ ihre Gedanken kreisen, während sie den Geruch des Meeres in sich aufnahm und ihr ein lauer Wind um die Nase wehte. Noch einmal schaute sie nach oben und siehe da – wie ein Vorzeichen auf eine bessere Zukunft – blitzte aus heiterem Himmel eine Sternschnuppe auf . . .

4

Mehr schlecht als recht hatte sich Naomi, zusammen mit ihrem vierbeinigen Kumpel, die letzte Nacht um die Ohren geschlagen und somit überstanden. Durch das schrille Klingeln ihres Handys war sie ziemlich unsanft aus dem Schlaf gerissen worden. Manfred hatte ihr freudig erregt berichtet, dass er eine super Unterkunft mitten in der Stadt zum Schnäppchenpreis ergattert hatte. Man würde sie dort schon erwarten, sie müsste nur eben ihre Siebensachen holen und könnte dann gleich dort einziehen.

Als sie nach dem Telefonat aufgestanden war, hatte ihr zwar jeder Knochen wehgetan, aber sie war immer noch der festen Überzeugung, das Richtige getan zu haben. Allerdings bildete sich in ihrer Kehle nun sofort ein dicker Kloss. Die nochmalige Rückkehr ins alte Hotel und die eventuelle Konfrontation mit Andrea standen ihr erst noch bevor. Sie wünschte sich . . . ja betete im Stillen, dass sie dort nicht auf Andrea treffen würde.

Mit Bauchschmerzen schlenderte sie in Richtung Unterkunft. Und, als ob sie es geahnt hätte, lief ihre neue Begleitung brav neben ihr her und himmelte sie an. Eigentlich passt du ja ganz gut zu mir. Du schnauzt mich nicht an, bist einfach nur lieb und eine treue Seele. Sie lächelte den treuen Vierbeiner an. Zudem ein wunderbarer Zuhörer. Auch als sie nach einem langen Fußmarsch die Hotellobby betrat, wich ihr neuer Freund keinen Schritt von ihrer Seite. Der Mann an der Rezeption blickte dem ungleichen Paar zwar mit gerümpfter Nase entgegen, doch enthielt er sich jeglichen Kommentars, da es sich bei diesem Hotel – für Kreta eher unüblich – um ein tierfreundliches Haus handelte, in dem auch vierbeinige Gäste immer gern gesehen waren.

Naomis Beine fühlten sich schwer wie Blei an, als sie schließlich die Türklinke des Hotelzimmers in der Hand hielt. Augen zu und durch, redete sie sich innerlich gut zu und holte noch einmal tief Luft. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht, aber dann hätte sich alles nur unnötig verzögert. Ich muss jetzt stark sein und das hier hinter mich bringen. Ich hole meine Sachen und gut ist. Sie schloss die Tür hinter sich und starrte ungläubig aufs Bett. Oh nein! Das Schicksal meint es echt nicht gut mit mir, stöhnte sie innerlich. Denn da lag – völlig übernächtigt – Andrea.

Die Fellnase setzte sich gleich neben Andrea ans Bett und leckte ihr einmal quer übers Gesicht.

»Igitt . . . ist das ekelig«, schrie sie auch sofort entsetzt. Andrea riss die Augen auf. »Verdammt, was macht denn dieser Köter hier«, knurrte sie. Andrea entdeckte Naomi bei der Tür und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht eine Hand an die Schläfe. »Oh Gott . . . ich habe einen fürchterlichen Brummschädel«, nuschelte sie ziemlich undeutlich. Dann lächelte sie gequält. »Schön, dass du wieder da bist, mein Liebling«, säuselte sie und streckte die Arme nach Naomi aus. »Komm doch zu mir«, plapperte sie ahnungslos weiter.

Naomi stellte sich vor Andrea hin und musste sich enorm zusammenreißen, um wenigstens nach außen hin einigermaßen souverän zu wirken. »Ich bin nicht mehr dein Liebling«, sagte sie mit eisiger Stimme und blitzte Andrea aufgebracht an. »Und deine . . . meist eh nur gespielten Nettigkeiten kannst du dir ab sofort in die Haare schmieren. Dir geht es doch eh immer nur um eine Person, nämlich dich selbst, und das habe ich echt nicht nötig. Ich kann nicht mehr, und ich will auch nicht mehr. Ich hole nur meine Sachen, und dann bin ich weg . . . und zwar endgültig und für immer«, sagte sie ziemlich kühl und packte eilig die paar herumliegenden Kleidungsstücke in ihren Koffer. Dann marschierte sie zielstrebig ins Bad, um ihren Kulturbeutel zu packen.

Ich muss hier raus. Mir wird gleich noch schlecht. Ich muss das jetzt schnell hinter mich bringen. Einfach hinter mich bringen . . . Fest blickte sie sich im Spiegel an. »Du ziehst das jetzt durch . . . Naomi«, redete sie sich gut zu und nickte sich gespielt zuversichtlich zu. Andrea ist ja schließlich nicht die einzige Frau auf diesem Planeten – völlig ungebeten drängten sich Isabelles unwiderstehliche Stimme und braunen Augen, in denen sie stundenlang hätte verweilen können in ihr Bewusstsein. Energisch straffte Naomi die Schultern und rang um Beherrschung, damit sie Andrea noch ein letztes Mal würdevoll unter die Augen treten konnte.

Andrea starrte verdattert die geschlossene Badezimmertür an. »Mensch . . . Naomi. Was soll das denn? Ich hab fürchterliche Kopfschmerzen, und du zickst schon wieder wie ein kleines Kind herum«, beschwerte sie sich lautstark. Dann warf sie dem Hund einen bösen Blick zu. »Und du . . . du Dreckvieh . . . zieh Leine. Hau ab!«, schrie sie.

Der Vierbeiner zog winselnd den Kopf ein und stand geknickt auf. Er entfernte sich ein paar Meter von Andrea und brachte sich so vor ihr in Sicherheit. In der Nähe des Fensters legte er sich schließlich wieder hin, ließ Andrea aber nicht mehr aus den Augen.

Naomi kehrte ins Zimmer zurück. »So . . . ich hab alles. Tschüss«, sagte sie, musste sich nun aber extrem zusammenreißen, um nicht doch noch in Tränen auszubrechen und so das Gesicht völlig zu verlieren.

Andrea sprang aus dem Bett und versperrte Naomi den Weg. »Ach, Süße . . . was ist denn mit dir los? Hast du vielleicht deine Tage?« Sie grinste. »Das würde natürlich so einiges erklären«, sagte sie verächtlich.

Völlig aufgebracht funkelte Naomi Andrea entgegen. »Nein, ich habe nicht meine Tage. Aber ich habe dich gesehen . . . im Club . . . mit der anderen«, stieß Naomi mühsam beherrscht hervor. Ihr wurde schon wieder schwarz vor Augen, beinahe wäre sie umgefallen. Am liebsten hätte sie Andrea den Hals umgedreht.

Wie ein Kartoffelsack ließ Andrea sich aufs Bett fallen. »Du . . . du warst nochmals im Club?«, fragte sie aufgewühlt und starrte mit großen Augen ins Leere. Dann raufte sie sich die Haare, die schließlich in alle Himmelsrichtungen abstanden. »Verdammter Mist! Das darf doch jetzt nicht wahr sein.«

ENDE DER FORTSETZUNG

Teil 11

Der lachte laut und ziemlich amüsiert auf. »Hey, Kleine. Schon wieder da. Willst du etwa zu mir?«, rief er und pfiff Naomi hinterher. »Ist das etwa dein neues Hobby? Völlig hysterisch aus diesem Schuppen zu eilen?« Er ging ihr ein paar Schritte nach und versuchte erneut, ihr auf den Hintern zu klatschen. Doch Naomi war schneller. Sie legte noch einen Zacken zu und flüchtete in dieselbe Richtung wie beim ersten Mal.

Völlig erledigt ließ sie sich nach einer Weile auf einen Stein nieder. Seitenstechen plagte sie, und sie hielt sich keuchend den Bauch. Das ist der reinste Alptraum. Was für ein Horror, schoss es ihr durch den Kopf. Was für eine Horrorinsel und was für ein Horrorurlaub!

Doch siehe da, wie aus dem Nichts war sofort jemand zur Stelle, der sie offensichtlich trösten wollte. Der Hund von vorhin legte behutsam seinen Kopf auf Naomis Oberschenkel und schaute sie herzerwärmend aus treuen Augen an.

Naomi blickte den Vierbeiner verblüfft an. »Du?«, kam es ihr überrascht über die Lippen. »Du gute Seele«, flüsterte sie, rieb sich mit ihrem Shirt die Augen trocken und knuddelte das struppige Fell des Straßenhundes durch.

In ihrer Not quatschte Naomi einfach den Hund mit all ihren Sorgen zu. Zu ihrem eigenen Erstaunen stellte sie nach einer Weile fest, dass ihr das Sich-von-der-Seele-reden wirklich gutgetan hatte. Geräuschvoll putzte sie sich die Nase, griff in die Umhängetasche und nahm ihr Handy hervor. Einmal noch atmete sie tief durch. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und rief ihren Vater Manfred an, der Andrea und ihr eine Freude hatte machen wollen und ihnen diesen gemeinsamen Urlaub geschenkt hatte. Dies natürlich nichtsahnend, dass sich diese Ferien für Naomi zu solch einem Horrortrip entwickeln würden.

Trotz vorgerückter Stunde nahm Manfred freudig den Anruf entgegen. »Naomi, meine Süße. Schön von dir zu hören. Wie geht’s dir denn? Sag . . . wie ist es auf Kreta?«

Eine gefühlte Ewigkeit sagte Naomi nichts. Es fiel ihr furchtbar schwer, die richtigen Worte zu finden, um dieses Desaster zu beschreiben, und, ob sie wollte oder nicht, war sie schon wieder den Tränen nah.

»Naomi? Was ist denn los«, fragte ihr Vater schließlich mit ernster Stimme, wohl im Wissen, dass mit seiner Tochter etwas nicht stimmte.

Bei dieser Frage begann Naomi unweigerlich laut zu schluchzen. »Andrea und ich . . . es ist aus, Schluss und vorbei. Sie hat mit einer anderen Frau rumgeknutscht und ist mit ihr auf die Toilette verschwunden«, erklärte sie unter Tränen, die nun wie ein Wasserfall über ihr Gesicht flossen. »Ich kann nicht mehr . . . kann einfach nicht mehr.« Sie stieß einen Seufzer aus. »Ach . . . Papa. Es tut so schrecklich weh«, sagte sie mit zittriger Stimme fast unhörbar und schluckte.

Einen langen Moment war es still. Naomi vernahm nur den aufgebrachten Atem von Manfred am anderen Ende der Leitung.

»Das gibt’s doch nicht! Diese Andrea . . . wie konnte sie nur«, entgegnete Manfred ganz aufgewühlt. »Ich könnte ihr den Hals umdrehen«, sagte er wütend. »Meine Süße . . . ich werde sofort veranlassen, dass du mit dem nächsten Flug nach Hause kommst.«

Obwohl Naomi durchs Mobiltelefon ihren Vater nicht sehen konnte, spürte sie genau, wie sehr es in ihm tobte.

»Du kommst nach Hause . . . und kommst hier wieder zur Ruhe«, meinte Manfred nun mit sanfterer Stimme.

Naomi wusste nicht, was es war, aber irgendetwas hielt sie davon ab, ihrem Vater zuzustimmen. Nein, das will ich nicht. Schließlich bin ich ja auch auf Kreta, um mit Chiara und Regina ihre Hochzeit zu feiern. Andrea hat mir zwar das Herz gebrochen, aber ich will bleiben . . . allein schon wegen Chiara. Ich habe sie doch inzwischen so sehr in mein Herz geschlossen.

Sie holte tief Luft. »Ich . . . ich möchte aber hier bleiben . . . Papa. Chiara und Regina kommen doch schon bald«, flüsterte sie, während ihr Blick zu ihrem treuen vierbeinigen Freund wanderte. »Und . . . Sandra und du . . . ihr kommt ja in ein paar Tagen auch. Bitte Papa . . . ist es möglich, dass du mir ein anderes Zimmer buchst?«, flehte sie ihren Vater an, auch wenn sie sich ihr eigenes Verhalten nicht so recht erklären konnte.

Am anderen Ende stieß Manfred einen schweren Seufzer aus. »Hm . . . wohl ist mir dabei ehrlich gesagt nicht.« Es wurde still. Manfred schien einen Moment lang scharf nachzudenken. »Also gut. Ich schaue mal, was sich machen lässt. Und . . . Naomi . . . du musst jetzt Ruhe bewahren und stark sein. Ich kümmere mich jetzt erstmal um eine neue Bleibe für dich, allerdings wird es wohl bis morgen dauern, bis ich etwas Passendes gefunden habe. Wohl oder übel musst du dann aber nochmal in die alte Unterkunft zurückkehren und deine Sachen holen. Außerdem werde ich das jetzige Zimmer stornieren, so dass Andrea spätestens morgen Mittag aus dem Hotel rausgeworfen wird.« Eine gefühlte Ewigkeit herrschte erneut Stille. »Meinst du, dass du es schaffst, nochmal dorthin zu gehen?«, fragte Manfred mit besorgter Stimme. »Oder soll ich dafür eine andere Lösung finden?«, fragte er mitfühlend. »Ich werde schon irgendwie organisieren können, dass deine Sachen abgeholt werden.«

Naomi dachte nach und massierte sich die Schläfe. »Irgend . . . Irgendwie schaffe ich das schon«, stotterte sie und mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie von ihren Gefühlen wohl schon bald wieder völlig überrollt werden würde. »Ist gut, Papa. . . . ich setzte mich jetzt in ein 24-Stunden-Café und warte auf deinen Rückruf. Wenn du etwas gefunden hast, gehe ich zurück ins Hotel und hole meine Sachen«, erklärte sie ihrem Vater gespielt tapfer, damit er sich ein wenig beruhigte.

Naomis Vater atmete tief durch. »Du bist eine starke Frau. Du schaffst das!«, sagte er liebevoll und gleichzeitig um ihr Mut zu machen. »Ich rufe dich so schnell ich kann wieder an . . . und nach morgen musst du Andrea hoffentlich nie mehr über den Weg laufen. Wie konnte sie dir das bloß antun?«, polterte er noch einmal. »Das hast du echt nicht verdient«, meinte er mit weicher Stimme.

Voller Anstrengung schluckte Naomi die aufsteigenden Tränen hinunter, um ihre Mundwinkel zuckte es schon wieder verräterisch. Ihr Vater sollte davon auf keinen Fall etwas merken. Denn aus einem ihr unbekannten Grund wollte sie wirklich noch nicht nach Basel zurück. »Bis später . . . Papa . . . und vielen Dank für alles«, nuschelte sie ins Telefon und beendete rasch dieses schmerzliche Gespräch.

Erschöpft stützte sie die Ellenbogen auf den Knien ab und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Ich will jetzt echt nicht zurück ins Hotel. Womöglich vergnügt sich Andrea dort gerade mit ihrer neuen Eroberung, dachte sie und knabberte unschlüssig an ihrer Unterlippe herum. Eigentlich habe ich ja Papa gesagt, dass ich in ein Café gehe, aber dazu bin ich echt zu müde. Von früher kenne ich es ja noch, auch mal auf der Straße zu übernachten, da werde ich diese Nacht bestimmt irgendwie überstehen. Ihr Blick schweifte zum Meer, das nur ein paar hundert Meter entfernt war. Und hier auf Kreta ist es ja schön warm. Entschlossen straffte sie die Schultern. Ich werde einfach am Meer unten . . . draußen schlafen. Ich kann und will Andrea heute Nacht nicht mehr sehen.

Teil 10

Mit großen Augen starrte Andrea Naomi ungläubig an. »Spinnst du jetzt total? Vergiss diesen ekligen Straßenköter! Und komm endlich mit! Ich will feiern.«

Um Naomis Mundwinkel begann es verdächtig zu zucken. Was soll ich denn jetzt machen? Soll ich mit Andrea gehen? Oder nicht? Völlig ratlos raufte sie sich die Haare. Aber . . . aber . . . was wird denn dann aus dem armen Hund?, plagten sie ihre Gedanken weiter.

Nach einer Weile hielt sie inne. »Ich kann nicht. Und ich will auch nicht. Ich kann das arme Tier jetzt nicht einfach allein zurücklassen, es vergessen und seinem Schicksal überlassen, während ich mit dir auf Friede, Freude, Eierkuchen mache, gerade so als wäre nichts gewesen,«, meinte sie entschieden. Sie schaute Andrea fest in die Augen. »Schließlich habe ich auch mal eine Zeit lang auf der Straße gelebt und weiß aus eigener Erfahrung, wie furchtbar das ist. Ich . . . ich kann’s dir nicht erklären«, seufzte sie und zuckte die Schultern, »aber irgendwie fühle ich mich für das Tier verantwortlich«, versuchte sie sich noch Andrea gegenüber zu rechtfertigen.

Andrea blickte sie nur ungläubig an und schüttelte den Kopf. »Du bist völlig übergeschnappt«, fauchte sie und blitzte Naomi wutentbrannt an. »Du ziehst also die Gegenwart dieses Straßenköters mir vor. Du hast echt einen Knall. Ich gehe jetzt wieder in den Club. Was du machst . . . ist mir ehrlich gesagt piepegal«, knurrte sie, wandte sich von Naomi ab und marschierte zielstrebig in Richtung Nachtclub davon.

Auf halbem Weg blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu Naomi um. Erst zeigte sie ihr den Vogel. Wenig später den Stinkefinger. Kurz drauf kickte sie voller Wucht eine Bierdose in die Büsche.

Naomi war mit den Nerven am Ende. Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen. Andrea! Wie kannst du nur?, dachte sie. Völlig erschöpft ließ sie sich auf den Stein zurückfallen. Sie lässt mich doch tatsächlich einfach hier stehen . . . und scheint mich so gar nicht zu verstehen. Die Fellnase, die ihr die ganze Zeit treu zur Seite gestanden hatte, schien ihre Verzweiflung zu spüren und legte nun sein Köpfchen auf Naomis Oberschenkel. Schwanzwedelnd und herzerwärmend schaute sie Naomi direkt in die Augen. Naomi streichelte den Vierbeiner und drückte ihn fest an sich. Nun knuddelte sie ihn so richtig durch. »Wenigstens du bleibst bei mir . . . du gute Seele«, seufzte sie und schluckte schwer. Im Gegensatz zu meiner Freundin, die nur immer eines im Kopf hat, nämlich Party zu machen.

Eine halbe Ewigkeit verstrich, während Naomi und ihr tierischer Begleiter einfach nur so dasaßen. Tief in Gedanken versunken starrte Naomi zum Clubeingang hinüber. Vielleicht . . . nein, bestimmt wäre es besser, wenn ich jetzt doch noch zu Andrea gehen würde. Eigentlich will ich doch gar keinen Streit. Sie stieß einen schweren Seufzer aus und tätschelte ihren neuen Freund ein letztes Mal. »Entschuldige bitte, aber ich muss jetzt gehen.« Mit einer Hand strich sie sich übers Gesicht. »Ich will Andrea nicht noch wütender machen«, sagte sie liebevoll, stand auf und schlenderte mit hängenden Schultern in Richtung Club. Ein letztes Mal blickte sie sich noch um und sah, wie der Vierbeiner nach wie vor an Ort und Stelle saß und ihr hinterherschaute.

Vor dem Club angekommen zwinkerte ihr der Türsteher gutgelaunt zu. »So, hübsche Frau . . . auf in die nächste Runde?«, fragte er und kniff Naomi herausfordernd in den Hintern. »Jetzt geht’s da drinnen so richtig heiß zur Sache«, sagte er anzüglich. »Kommst genau zur richtigen Zeit zurück.«

Genervt drehte sich Naomi um. »Lass das gefälligst und behalt deine Hände bei dir«, fauchte sie und warf dem Typen einen vernichtenden Blick zu. Sie ging weiter und stand kurz darauf mitten in der großen Halle auf der Tanzfläche. Wie ein Suchsensor ließ sie ihre Augen Zentimeter für Zentimeter über die Menschenmassen streifen. Wo bist du denn nur . . . Andrea? Mensch, so viele Leute . . . Da sieht man vor lauter Bäumen den Wald ja gar nicht mehr . . . Ziemlich verunsichert stellte sie sich schließlich auf die Zehenspitzen und machte einen langen Hals, in der Hoffnung, so mehr sehen zu können.

Und tatsächlich. Ganz auf der anderen Seite des Raums erhaschte sie einen Blick auf Andrea. Naomi kämpfte sich durch die Menschenmenge. Doch schon im nächsten Augenblick zeichneten sich tiefe Furchen auf ihrer Stirn ab, und ihre Augen verwandelten sich zu schmalen Schlitzen. Andrea ist ja gar nicht allein. Komisch. Und vor allem . . . was macht sie denn da? Was macht sie mit der anderen Frau?

Binnen Sekunden lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken, während es gleichzeitig in ihr zu kochen begann. Das darf doch jetzt nicht wahr sein. Andrea knutscht tatsächlich mit der Tussi von vorhin rum!

Naomi boxte sich weiter durch die Leute hindurch. Andrea . . . bitte . . . tu mir das nicht an! Endlich trennten die beiden nur noch wenige Meter voneinander. Doch was sich jetzt vor Naomis Augen abspielte, war schlicht und einfach zu viel für sie. Ihre Seele und ihr Herz schrien im Wettkampf miteinander empfindlich auf, auch wenn ihr dabei kein Wort über die Lippen kam.

Zeitgleich steckte Andrea der fremden Frau die Hand hinten in die Jeans und beförderte sie zielstrebig in Richtung Toilette. Während sich die Tür hinter den beiden schloss, konnte Naomi gerade noch beobachten, wie Andrea der anderen bereits den Reißverschluss an der Hose geöffnet hatte und ihr die Zunge in den Hals steckte. Verdammt! Das ist zu viel. Einfach zu viel. Andrea . . . das ist das Allerletzte!

Vor Erschütterung verlor Naomi fast das Gleichgewicht und musste sich rasch an einem Barhocker festhalten, um nicht umzufallen. Das war’s dann wohl. Kreta ist und bleibt ein einziger Alptraum. Ich will Andrea nie wiedersehen! Nie wieder! Nun ist sie definitiv zu weit gegangen. Wie von spitzen Messerklingen spürte sie immer und immer wieder Stiche in sich. Ihr blutete das Herz. Andrea . . . wie konntest du mir das nur antun? Ich . . . ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein. Jetzt hast du mich endgültig zu sehr verletzt. Es geht einfach nicht mehr, schoss es ihr wie in Endlosschleife durch den Kopf.

Während der letzten zwei Jahre hast du mich immer und immer wieder auf brutalste Weise vor den Kopf gestoßen. Dir immer wieder deine ganz besonderen Freiheiten herausgenommen. Das letzte Jahr war besonders schlimm. Wir beide haben keine Zukunft miteinander. Jetzt ist Schluss, sonst gehe ich noch ganz kaputt.

Es machte den Anschein, als würde Naomi um ihr Leben rennen. Zum zweiten Mal heute spurtete sie völlig aufgelöst und heulend aus diesem verflixten Club. Die Menschen um sie herum nahm sie gar nicht mehr richtig wahr. In ihrem Kopf rauschte es unaufhaltsam, eine unerträgliche Gefühlsachterbahn schoss in absoluter Höchstgeschwindigkeit durch sie hindurch und schüttelte sie von Kopf bis Fuß. Endlich draußen angekommen, schnappte sie gierig nach Luft und blickte sich ratlos um. Verzweifelt strich sie sich mit beiden Händen durchs Haar und schaute schließlich direkt in die Augen des Türstehers.

Teil 09

Dann schnappte sie sich den zweiten Gin Tonic, ließ Naomi wie bestellt und nicht abgeholt stehen und spazierte betont verführerisch zu der halbnackten Frau hinüber, der sie soeben zugeprostet hatte.

Naomi klappte ungläubig die Kinnlade runter. Verlegen strich sie sich durchs Haar und starrte voller Entsetzen zu Andrea und der anderen hinüber. In ihr begann ein Tornado zu toben, begleitet von einem unglaublichen Ohnmachtsgefühl. Am liebsten hätte sie mit der Faust auf die Theke geschlagen und gleichzeitig laut geschrien, um dann wie ein Häufchen Elend in sich zusammenzusacken. So furchtbar war das, was Andrea ihr hier gerade angetan hatte. Und immer noch antat . . . und das vor all den Leuten, deren Blicke immer noch interessiert und amüsiert zwischen Naomi und Andrea hin und her wanderten.

Ich hasse diesen Urlaub. Ich hasse diese Insel, und ich hasse diesen verdammten Club. Ich will hier nur noch raus . . . einfach weg. Ich brauche frische Luft. Das Ganze hier ist nichts für mich. Rein gar nichts. Ich fühle mich hier überhaupt nicht wohl. Innerlich ballte Naomi die Hand zur Faust. Andrea . . . warum tust du mir das an? Das ist dermaßen grausam und erniedrigend. Wie kannst du nur? Was habe ich dir denn getan, dass du mich wie den letzten Dreck behandelst?

Jetzt konnte sie die in ihr aufsteigenden Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Schminke in ihrem Gesicht verselbstständigte sich und floss ihr über die Wangen. Fast panikartig und unterdrückt schluchzend rannte Naomi an den Clubbesuchern vorbei Richtung Ausgang. Ein paar Gäste hätte sie auf ihrem Weg nach draußen fast umgerannt. Es war so etwas von klar, dass Naomi jetzt nur noch hinauswollte, weg von diesem grässlichen Ort. Einfach nur weg.

Ziellos rannte sie die Promenade entlang. Allmählich wurden die Menschen weniger. Außer Atem ließ sie sich auf einen Stein nieder, vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte völlig verzweifelt vor sich hin. Sie fühlte sich dermaßen miserabel, dass sie sich am liebsten die Seele aus dem Leib geheult hätte. Andrea . . . das ist alles so grausam. Einfach zu viel für mich. Wie konntest du nur? Ständig wiederholte sich diese Frage in ihrem Kopf, fast so wie eine CD, die einen Kratzer hatte.

Etwas eigenartig Kaltes und zugleich Feuchtes unterbrach schließlich ihre wirren Gedanken und holte sie gnadenlos in die Realität zurück. Verdutzt blickte sie um sich und bekam erst einmal einen Riesenschreck, als sie neben sich einen großen Hund entdeckte, der nun den Kopf leicht schief hielt und zu winseln begann. Dann drückte er erneut seine kalte Schnauze an Naomis Hand.

Naomi wischte sich über die Augen, schluckte ein paarmal heftig und starrte den völlig verwahrlosten Vierbeiner ziemlich kritisch an. Der allerdings blieb ruhig vor Naomi sitzen, hielt den Kopf mal leicht nach rechts, dann nach links und stupste Naomi schließlich erneut an.

Fehlt nur noch, dass er anfängt zu sprechen, dachte Naomi. Dieser verwahrlosten Fellnase gelang es doch wirklich, ein kleines Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern. Zaghaft näherte sich Naomis Hand dem Hund, einem deutschen Schäferhund, der vielleicht sogar reinrassig war.

Der Vierbeiner rutschte noch etwas näher an Naomi heran und drückte sich nun mit seinem ganzen Körpergewicht fest an sie. Naomi begann, ihm sanft, aber vorsichtig über den Kopf zu streichen und ihn an den Ohren zu kraulen. »Wie siehst du denn aus? Hast du etwa kein Zuhause?«, murmelte sie leise und musterte den Hund mitfühlend. »Du bist ja ganz schön dünn. Bei dir sieht man jede Rippe. Du hast bestimmt Hunger.«

Das war das Stichwort. Denn in der nächsten Sekunde begann Naomis Magen laut zu knurren. Sie stand auf und blickte die Fußgängerpromenade hoch und runter, um sich einen Überblick zu verschaffen. Ein Stück weiter vorn entdeckte sie einen Imbissstand. Sie öffnete ihre Umhängetasche und suchte nach Spiegel und Taschentuch, um die unschönen Tränenspuren aus ihrem Gesicht zu entfernen.

Dann straffte sie entschlossen die Schultern und machte sich auf den Weg. Vor dem Imbiss blieb sie stehen und studierte das Angebot. Ein Hamburger . . . der würde mir jetzt echt schmecken. Aber was war denn das? Da stupste sie doch tatsächlich schon wieder eine Hundeschnauze. Offenbar war ihr der abgemagerte Hund mit etwas Abstand gefolgt, setzte sich nun wieder neben sie und himmelte sie ganz verliebt an. »Hm . . . Du bist ja schon wieder da«, meinte Naomi mit einem Lächeln.

»Ein Hamburger«, sagte Naomi zu dem Mann, als sie mit ihrer Bestellung an der Reihe war. Dann schweifte ihr Blick nach unten zu ihrem neugewonnen Freund. »Machen Sie lieber zwei Hamburger draus«, korrigierte sie sich schnell und zwinkerte dem großen Vierbeiner – es war ein Rüde – zu.

Wenig später saß Naomi auf einer Mauer und teilte schon fast freundschaftlich mit dem Hund ihr Essen. »Iss . . . du hast bestimmt einen Riesenhunger«, flüsterte sie liebevoll und schaute gedankenversunken zu, wie ihr neuer Begleiter alles, was ihm vor die Nase kam, gierig und im Rekordtempo hinunterschlang.

»Da bist du ja! Mensch, Naomi . . . was soll denn der Quatsch? Komm wieder mit rein!«, rief plötzlich unerwartet eine barsche Stimme.

Naomi zuckte zusammen. Vor ihr war wie aus dem Nichts Andrea aufgetaucht.

Andreas Blick wanderte zwischen Naomi und dem Hund hin und her. »Um Himmels willen . . . wie sieht der denn aus? Pass bloß auf, dass du dir nicht noch irgendeine Krankheit oder Seuche einfängst«, zischte sie und schaute das Tier verächtlich an. »Igitt. Der Köter sieht ja grässlich aus. Eine wandelnde Leiche«, sagte sie und verzog angewidert das Gesicht.

Mit einem tiefen Seufzer stand Naomi auf und starrte Andrea eine gefühlte Ewigkeit an. »Tssss . . . Krankheit . . . Seuche. Das sagt ja die Richtige«, zischte sie. »Beides hole ich mir wohl eher bei dir.« Wutentbrannt blitzte sie Andrea an. »Und? Hast du mit der anderen schon rumgeknutscht?«

Andrea war so perplex, dass ihr ob Naomis Antwort der Mund offen stehenblieb. Sie packte Naomi grob an den Armen und schüttelte sie. »Sag mal . . . spinnst du eigentlich? Was fällt dir ein, mit mir in diesem Ton zu sprechen?« Energisch drückte sie Naomi wieder auf die Mauer hinunter. »Benimm dich endlich wie eine Frau . . . und nicht wie ein trotziges kleines Kind«, herrschte sie sie einmal mehr an. »Mach jetzt kein Theater und komm mit.« Mit Anstrengung brachte sie ein genervtes Lächeln zusammen. »Dann wird das hier vielleicht doch noch ein schöner Abend«, sagte sie mit vorwurfsvoller Stimme.

Um sich etwas zu beruhigen, stand Naomi erneut auf, entfernte sich ein paar Schritte von Andrea und atmete ein paar Mal tief durch. Was mache ich denn jetzt? Was ist richtig und was falsch? Ihr Blick schweifte ratlos zwischen Andrea und dem Hund hin und her. Doch ihr Blick blieb schließlich an dem ausgemergelten Vierbeiner hängen. »Siehst du denn nicht, wie abgemagert er ist. Vielleicht . . . vielleicht finden wir ja Hilfe für das arme Tier«, murmelte sie, aber für Andrea noch gerade hörbar.

Teil 08

Andrea kniff Naomi zwar zärtlich in die Wange, holte sie damit aber auch in die Realität zurück. »Wie geil ist das denn, dass du auf Papier nun älter bist, als du in Wirklichkeit bist. Heute kommen wir ganz bestimmt rein.« Mit glänzenden Augen warf sie Naomi einen verschwörerischen Blick zu. »Ich kann es kaum erwarten, bis der Nachtclub seine Türen öffnet«, meinte sie und steckte den Holzstiel des Eises einfach in den Sand.

Die nächsten Stunden verbrachten die beiden am Strand, bräunten sich und dösten vor sich hin. Dann spazierten sie zum Hotel zurück, bedienten sich reichlich vom Abendbuffet und brezelten sich kurz darauf fürs Weggehen auf.

Naomi und Andrea warteten nun auf der anderen Straßenseite vom Club und beobachteten den Eingangsbereich. Heute stand dort wirklich ein anderer Türsteher. Außerdem sah Naomi mit ihren hochgesteckten Haaren, knallig rotem Lippenstift und dick aufgetragenem Make-up gut zwei Jahre älter aus, wenn nicht sogar mehr.

Normalerweise machte sie sich nicht viel aus Schminke, und ihre Haare trug sie am liebsten offen, weil sie sich so am wohlsten fühlte. Aber heute Abend wollte sie, trotz gefälschter Identitätskarte, nicht noch einmal das Risiko eingehen, abgewiesen zu werden. Es muss einfach klappen. Andrea freut sich so sehr. Und ich . . . ich will Andrea unbedingt begleiten. Heute werde ich ganz bestimmt in den Laden reinkommen, redete sie sich innerlich gut zu.

Als gerade ein Riesenansturm auf die Eingangstür stattfand, packte Andrea Naomi ziemlich unsanft am Arm. »Los, komm. Jetzt ist der Zeitpunkt ideal. So viele Leute. Der Kerl wird bestimmt kaum auf deinen Ausweis schauen.« Im Eiltempo überquerte sie mit Naomi im Schlepptau die Straße.

Jetzt war es also so weit. Naomi und Andrea wurden von einem Kleiderschrank von Türsteher von oben bis unten gemustert und von seinem Blick fast ausgezogen. Nach einer Weile lächelte er die beiden an, ohne überhaupt auf ihre Identitätskarten zu achten.

»Hm . . .«, knurrte Andrea, als sie im Innern der Disko waren. »Warum konnte der Typ nicht schon gestern dastehen. Dann hätten wir uns das mit dem Fälschen sparen können.«

Du bist gut. Es ist ja mein Ausweis, den ich gefälscht habe. Nicht deiner, dachte Naomi, wollte aber jetzt keinen Streit mit Andrea vom Zaun brechen und umarmte deshalb ihren Schatz ohne zu widersprechen. »Ach, ist doch egal. Hauptsache wir haben es geschafft und können jetzt endlich feiern.« Innig küsste sie Andrea, der das vor all den Leuten, mehrheitlich Frauen, sichtlich gefiel.

Offensichtlich war das Publikum in diesem Club ziemlich bunt gemischt. Es war zwar klar zu erkennen, dass es hier viele Lesben- und Schwulenpaare gab, aber auch Heteropaare, Alleinstehende, ausgeflippte Künstler und geschniegelte Akademiker schienen sich hier bestens zu amüsieren und miteinander klarzukommen.

Irgendwie war es hier so richtig multikulti. Etwas, das ganz nach Naomis Geschmack war. Doch etwas anderes gefiel ihr gar nicht. Andreas Blick blieb nämlich auffällig oft und deutlich zu lange an fast halbnackten Frauen hängen, und Andrea schreckte auch nicht davor zurück, der einen oder anderen Dame unverschämt zuzuzwinkern.

Fehlt nur noch, dass sie anfängt zu sabbern, schoss es Naomi ungewollt durch den Kopf. Und überhaupt setzte sich Andrea plötzlich ungewöhnlich extrovertiert in Pose. Was soll das denn? Was spielst du denn hier für Spielchen . . . Andrea? Hast du vergessen, dass du mit mir hier bist und ich neben dir stehe? Ich, deine Freundin?

Und warst nicht du es, die sich erst gestern beschwert hat, dass ich mit einer Fremden »herumschäkere«, als ich mich mit Isabelle am Telefon unterhalten habe? Dabei hatte sie doch nur freundlich zu ihr sein wollen. Nein, das stimmte nicht ganz. Wenn sie ehrlich sein sollte, hatte sie sich vom ersten Augenblick auf unerklärliche Weise zu Isabelle hingezogen gefühlt. Und Isabelles Blicken nach zu urteilen, hatte sie Naomi zumindest äußerst sympathisch gefunden. Ob da noch mehr gewesen war, konnte sie beim besten Willen nicht beurteilen, auch wenn sich Lars natürlich nicht ableugnen ließ.

Naomi schüttelte sich, um wieder in die Realität zurückzufinden. Was sie hier in der Disko erleben musste, war wirklich der Hammer! Was fiel Andrea eigentlich ein, dass sie sich Naomi gegenüber so respektlos verhielt?

Zutiefst gekränkt fühlte Naomi sich gar nicht mehr wohl in ihrer Haut. Nun hatte sie endlich alles in die Wege geleitet, damit sie gemeinsam in diesen Club hineinkamen, und nun würdigte Andrea sie keines Blickes mehr.

»Hallo! Siehst du mich eigentlich noch?« Naomi stellte sich demonstrativ vor Andrea hin und winkte übertrieben mit den Händen vor ihrem Gesicht herum. Sie war ganz offensichtlich gereizt und starrte ihren Schatz mit großen Augen an.

Doch Andrea war sich keiner Schuld bewusst und obendrauf noch dermaßen dreist, dass sie einfach über Naomis rechte Schulter schaute, ihr Glas mit Gin Tonic in die Höhe hielt und einer wildfremden Frau lächelnd zuprostete.

Naomis Kopf schnellte nach hinten, und sie beobachtete, wie die andere Frau ebenso unverschämt zurücklächelte, Andrea zuzwinkerte und ebenfalls das Glas in die Höhe streckte. Naomi kam sich vor wie im falschen Film. Andrea . . . hast du noch alle Tassen im Schrank? Willst du mich absichtlich provozieren oder was ist bloß in dich gefahren?

Mit einem Knall stellte Andrea ihr Glas auf den Tresen und packte Naomi unsanft an den Schultern. Fuchsteufelswild funkelte sie Naomi an. »Mensch, Kleine. Da ist doch nichts dabei. Ich will nur ein bisschen Spaß haben. Sonst nichts. Benimm dich also bitte nicht wie ein kleines Kind«, herrschte sie Naomi an. Dann drückte sie lieblos ihre Lippen auf Naomis. Aus zusammengekniffenen Augen heraus fixierte sie Naomis Blick. »Funk mir jetzt nicht dazwischen. Ich will mich amüsieren. Ich brauche keine Braut . . . kein Anhängsel, das mir Stress macht.« Erneut blitzte sie Naomi an. »Hast du das verstanden?«, fragte sie mit eisiger Stimme. »Ich habe Urlaub und will mich amüsieren.«

Jetzt wusste Naomi überhaupt nicht mehr, wie ihr geschah. Sie fühlte, wie ihr ein eisiger Schauer den Rücken herablief. Und dann noch einer, und noch einer. Immer und immer wieder. Das passiert jetzt nicht wirklich . . . oder etwa doch? Jedenfalls konnte und wollte sie sich nicht mit so einer Frechheit abfinden. Reflexartig boxte sie Andrea leicht in den Oberarm. »Hallo!«, schrie sie und gestikulierte wild mit den Händen. »Du bist schließlich mit mir hier«, verunsichert und schmollend zugleich blickte sie um sich, »und nicht mit irgendeiner halbnackten Tussi, die nur darauf wartet, flachgelegt zu werden.«

Eigentlich war es so gar nicht Naomis Art, Andrea von der Seite anzumachen, und das noch vor anderen Leuten. Und es war auch nicht ihre Art, so herablassend über andere zu reden. Aber so wie jetzt konnte sie sich von ihrer Freundin unmöglich behandeln lassen. Das konnte sie einfach nicht auf sich sitzen lassen.

Doch Andrea entging nicht, dass im Umkreis von drei Metern sämtliche Blicke auf Naomi und sie gerichtet waren. Unvermittelt hob sie die Hand, und es machte den Anschein, als wollte sie Naomi im nächsten Moment eine Ohrfeige verpassen. Doch gerade so, als würde eine innere Stimme sie noch rechtzeitig zurückpfeifen, ließ sie die Hand wieder fallen, packte dafür zielstrebig ihr Glas und kippte den ganzen Inhalt auf einmal in sich hinein. »Noch einen«, rief sie der Bardame zu.

Teil 07

Chiara öffnete die Schenkel und drückte sich Regina verlangend entgegen. »Bitte leg dich auf mich«, wisperte sie und schloss die Augen.

Regina ließ sich nicht zweimal bitten. Voller Begehren schob sie sich auf Chiara, drückte ihrer Liebsten ihr Lustzentrum entgegen und fühlte, wie nass sie bereits war. Ihre Säfte vermischten sich miteinander und entzündeten ein Feuer purer Ekstase. Im Rhythmus ihrer Sehnsucht, ihres Verlangens rieben sie sich fest aneinander . . . immer fordernder und wilder, bis sie fühlten, wie sie gemeinsam ihrer Erlösung entgegenschwebten.

3

An ihrem ersten richtigen Urlaubstag auf Kreta fühlte sich Naomi gar nicht gut. Das schlechte Gewissen darüber, dass Andrea und sie wegen ihrer Minderjährigkeit nicht in diesen Club hineingekommen waren, in welchen Andrea gestern so gern gegangen wäre, lag Naomi schwer im Magen. Und der Sex, den sich Andrea gestern Nacht, egoistisch wie sie nun einmal war, bei Naomi geholt hatte, war alles andere als schön gewesen. Naomi hatte einfach nur erleichtert aufgeatmet, als Andrea endlich erschöpft neben ihr eingeschlafen war.

Wider Erwarten wurde Naomi an diesem Morgen von einer gut gelaunten Andrea mit einem Kuss begrüßt. Beinahe zärtlich strich sie Naomi übers Haar.

»Heute möchte ich den Tag am Strand verbringen«, sagte Andrea unbeschwert und räkelte sich im Bett. »Ich will tagsüber entspannen, damit ich dann am Abend fit fürs Nachtleben bin«, erklärte sie und studierte dabei Naomis Gesichtsausdruck. Sie setzte sich aufrecht hin. »Hm . . . wie wär’s eigentlich, wenn Du wenigstens auf dem Papier schon achtzehn wärst?«, fragte sie plötzlich und musterte Naomi eindringlich. »Mit etwas Schminke und zusammengebundenen Haaren kauft dir das doch jeder ab.«

Naomi starrte Andrea einen langen Moment ungläubig an. Verlegen zupfte sie an ihrem Ohrläppchen. Ich und schon achtzehn . . . Hm . . . Ich könnte mit Andrea in den Club. Das wäre gar nicht schlecht, obwohl . . . das kann ich doch nicht bringen . . . oder vielleicht doch? Ihre Gedanken überschlugen sich. Voller Tatendrang hüpfte sie gleich aus dem Bett und griff zielstrebig nach ihrem Portemonnaie. Wenig später kehrte sie mit ihrer Identitätskarte zu Andrea unter die Decke zurück. Ziemlich kritisch und mit gerunzelter Stirn begutachtete sie die Karte und drehte sie gleich mehrmals in der Hand herum.

»Hm . . . das könnte klappen«, meinte sie schließlich zuversichtlich. »Das geht ganz einfach. Ich rubble vorsichtig mein Geburtsjahr weg und . . .«, wie ein Honigkuchenpferd strahlte sie Andrea an, »mache mich eben mal zwei Jahre älter.«

Andrea rutschte nun ganz nah zu Naomi hin und legte einen Arm um sie. Sie kuschelte sich regelrecht an Naomi, etwas, was sie äußerst selten tat. »Das ist ja eine großartige Idee«, meinte sie. Amüsiert zuckte es in ihrem Gesicht. »Dann kommen wir heute Abend vielleicht doch noch in diesen Club hinein«, sagte sie voller Vorfreude und kam gleich ins Schwärmen. »Und vielleicht haben wir ja Glück . . . und es steht dort heute sogar ein anderer Türsteher.« Man konnte förmlich riechen, wie sich Andreas Stimmung von Sekunde zu Sekunde hob.

Wie schön, dass mein Schatz wieder gute Laune hat. Dann vergessen wir doch einfach, was gestern war. Heute ist ein neuer Tag, und Andrea kann ja auch so lieb sein. Naomi atmete tief durch. »Okay, dann mache ich das jetzt ganz vorsichtig. So, dass es niemandem auffällt«, sagte sie erfreut und umarmte Andrea innig. »Es wäre so schön, wenn es heute Abend mit dem Clubbesuch klappen würde.«

Andrea schien nun so richtig zufrieden zu sein. Zärtlich suchten ihre Lippen Naomis. »Ja, toll . . . dann mach das. Ich freue mich schon jetzt auf heute Abend . . . und die Nacht, die wir uns gemeinsam um die Ohren schlagen werden.« Noch einmal gab sie Naomi einen leidenschaftlichen Kuss. »Ich liebe dich. Das wird ein wundervoller Abend. Da bin ich mir sicher.« Unternehmenslustig rieb sie sich die Hände. Dann sprang sie gutgelaunt aus dem Bett. »Wenn du deinen Ausweis frisiert hast, verbringen wir den Tag am Strand. Ach . . . das wird noch ein richtig genialer Urlaub«, meinte sie und verschwand singend im Badezimmer, um sich für den Strand hübsch zu machen.

Naomi veränderte, oder besser gesagt verfälschte hochkonzentriert ihre Identitätskarte. Im gedämpften Licht eines Clubeingangs fällt das eh nicht auf . . . und außerdem . . ., sie lächelte in sich hinein und begutachtete stolz ihr Werk, bin ich mit dem Ergebnis ganz zufrieden.

Voller Begeisterung stand sie auf und machte einen Freudensprung. Ach . . . so schön. Das wird hundert Pro klappen. Andrea ist zufrieden und somit den ganzen Tag lieb und aufmerksam zu mir. Eben genau so, wie ich mir es wünsche. Was gibt es Schöneres auf der Welt?

Naomi schätzte die Lage absolut richtig ein. Andrea verhielt sich während des ganzen Tages wie ein Lämmchen und versuchte, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Zärtlich streichelte Andrea über Naomis Wange. »Schatz . . . wie wär’s mit einem Eis? Mit deinem Lieblingsschokoeis?«, fragte sie zuckersüß und blickte zum Strandkiosk hinüber. »Ich habe nämlich vorhin per Zufall entdeckt, dass sie dort drüben genau dein Lieblingseis haben«, erklärte sie mit sanfter Stimme.

Naomi hätte dahinschmelzen können. »Ach . . . Andrea. Wie nett du doch sein kannst. Warum bist du eigentlich nicht immer so liebevoll zu mir?«, glitt es ihr verträumt und ohne groß über ihre Worte nachzudenken über die Lippen.

Um Andreas Mundwinkel begann es heftig zu zucken. Einen kurzen Moment war ihr Gesicht von Zorn gekennzeichnet, doch im nächsten Moment lächelte sie schon wieder. »Ach . . . ich weiß doch auch nicht«, entgegnete sie salopp. »Meine Mutter war auch immer schon so launisch . . . und ist es heute noch.« Sie zuckte die Schultern. »Muss wohl in der Familie liegen.« Sie hielt inne und kratzte sich an der Wange. »Ich will ja eigentlich immer lieb zu dir sein.« Eindringlich schaute sie ihren Schatz an. »Das musst du mir glauben. Aber manchmal geht einfach mein Temperament mit mir durch«, seufzte sie und schaute Naomi mit einem Dackelblick an. »Bitte verzeih mir.«

Naomi stieß hörbar die Luft aus. Temperament ist gut, dachte sie genervt, wollte aber die doch eigentlich ganz schöne Stimmung zwischen ihnen nicht zerstören. »Okay . . . wenn das so ist. Da kann man wohl nichts machen. Jedenfalls finde ich es jetzt gerade richtig schön mit dir . . . mit uns«, sagte sie mit einem Lächeln.

Andrea küsste Naomi zärtlich. »Ich auch«, entgegnete sie und zwinkerte Naomi zu. »Also? Ein Schokoeis für meine Herzdame?«, fragte sie charmant.

»Sehr gern.« Naomi nickte und hauchte Andrea einen Kuss auf die Lippen.

Gut gelaunt schlenderte Andrea zum Kiosk hinüber und kehrte wenig später mit zwei Schokoeis am Stiel zu Naomi zurück. Während sich die beiden die süße Versuchung auf der Zunge zergehen ließen, schauten sie verträumt aufs Meer hinaus, das wie mit Brillanten bestückt blau und türkis glitzerte.

Abends, wenn die Sonne untergeht, ist es hier bestimmt traumhaft schön. Und nachts erst, wenn die Sterne den Himmel erleuchten . . . es menschenleer ist und man nur das Rauschen des Meeres hört. Vor Naomis innerem Auge flackerte eine romantische Kulisse auf, und sie hätte noch lange vor sich hinträumen können.

Teil 06

»Ach, Schatz«, meinte Regina mit weicher Stimme. »Ich freue mich schon so auf Kreta«, sagte sie und begann übers ganze Gesicht zu strahlen. »Auf der Insel werde ich dich endlich richtig heiraten dürfen . . . mit allem, was uns beiden wichtig ist und genau so, wie du es verdient hast.«

Chiara war sichtlich gerührt und streichelte Regina über den Handrücken. »Ich freue mich riesig. Vor allem auf unsere Trauung am Strand . . . im Beisein unserer Freundinnen und Manfred«, meinte sie, während sich ihre Lippen behutsam Reginas näherten. Lange und zärtlich schaute sie dabei ihrer Liebsten in die Augen. »Ich würde dich jetzt so gern lieben und dich fühlen lassen, wie unendlich viel du mir bedeutest«, raunte sie verführerisch.

Regina verdrehte spielerisch die Augen. »Doch nicht etwa schon wieder?« Verschmitzt zwinkerte sie Chiara zu. »Es ist doch erst ein paar Stunden her.« Sie hob eine Augenbraue. »Du bist und bleibst einfach unmöglich«, flüsterte sie ihr ins Ohr und ließ ihre Zungenspitze sanft über Chiaras Ohrläppchen gleiten, was Chiaras Kehle ein leises Stöhnen entlockte. »Aber genau das – unter anderem –liebe ich so sehr an dir.« Tief tauchte sie in Chiaras Blick ein. »Bitte tu mir einen Gefallen und bleib für immer so unmöglich . . . für mich«, flüsterte sie schon fast flehend und hauchte ihrem Schatz einen Kuss auf die Stirn.

»Lass uns reingehen. Ich möchte dich jetzt so gern fühlen«, wisperte Chiara und reichte Regina einladend die Hand.

Regina zwinkerte ihrer Liebsten ein weiteres Mal zu. »Ich kann dir einfach keinen Wunsch abschlagen«, raunte sie und küsste ihren Schatz leidenschaftlich. »Will ich auch gar nicht.« Voller Verlangen zog sie Chiara in den Wohnsalon und schloss die Terrassentür hinter sich ab. In ihrer Ungeduld küssten sie sich schon auf dem Weg ins Schlafzimmer leidenschaftlich und ließen unterwegs ein paar Kleidungsstücke zu Boden fallen.

Plötzlich klingelte Reginas Handy. Gespielt streng warf Chiara Regina einen tadelnden Blick zu, ließ dabei verführerisch ihren BH zu Boden schweben und blies Regina, in Richtung Schlafzimmer tänzelnd, einen Luftkuss zu.

Regina stieß einen tiefen Seufzer aus, jede Zelle in ihr fing augenblicklich Feuer. Sie wollte ihrer Frau ganz nah sein . . . sie fühlen . . . sie schmecken und lieben. In ihrem Gesicht konnte man lesen, wie sehr sie es bedauerte, diesen Anruf entgegennehmen zu müssen.

»In ein paar Minuten werde ich alles wiedergutmachen, meine geliebte Frau, das verspreche ich dir«, flüsterte sie mit bewegter Stimme. Dann riss sie sich mit Mühe zusammen und nahm den Anruf geschäftsmäßig entgegen. Doch leider kam sie zu spät und vernahm nur noch ein Klickgeräusch. Offenbar wurde am anderen Ende gerade der Hörer aufgelegt.

»Dann eben nicht«, meinte Regina lässig und begann vor Chiaras Augen im Zeitlupentempo ihren BH zu öffnen. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf dich freue«, raunte sie. Sie räusperte sich. »Ich kann eben einfach nie genug von dir bekommen.«

Doch schon wieder wurde ihr Liebesspiel jäh unterbrochen. Dieses Mal in Form einer SMS. Regina war momentan wegen ihrer Kunstausstellungen sehr gefragt und wurde oft von Ausstellungsverantwortlichen kontaktiert. Auch dieses Mal wollte Regina sich zu einhundert Prozent korrekt verhalten, doch fühlte sie sich ganz offensichtlich zwischen ihrer Frau, die eine so wundervolle Geliebte war, dass sie ihr wirklich fast nicht widerstehen konnte und dieser Kurzmitteilung hin- und hergerissen.

Chiara stieß einen gespielten Seufzer aus. »Nun lies schon«, forderte sie Regina mit zärtlicher Stimme auf. Verschwörerisch zwinkerte sie ihrer Liebsten zu. »Damit du nachher auch wirklich ganz und gar bei der Sache . . .«, sie räusperte sich und errötete leicht, »bei mir bist und ich deine vollste Aufmerksamkeit genießen kann.«

Regina hob anzüglich die Augenbrauen und warf Chiara einen gespielt düsteren Blick zu. »Soso . . . wie darf ich das denn bitte schön verstehen? Willst du dich etwa bei mir beschweren?«, fragte sie keck, aber mit einem Schmunzeln.

Mit einem verführerischen Lächeln ging Chiara auf Regina zu, legte ihr zärtlich die Arme um den Nacken und zog sie leidenschaftlich an sich. »Nein . . . ich habe wirklich keinen Grund, mich zu beschweren«, flüsterte sie Regina ins Ohr, während ihre Fingerspitzen über Reginas Rücken streichelten. »Also, lies jetzt bitte deine Nachricht. Danach ziehen wir uns aber endgültig ins Bett zurück.«

Regina nickte. Es fiel ihr schwer, sich von Chiara zu lösen. Hastig griff sie deshalb nach dem Handy und las den Text laut vor.

Da stand: »Bald wird dein großer Tag kommen. Ich hoffe, dass er für dich in unvergesslicher Erinnerung bleiben wird. Ihr seid so ein schönes Paar. Passt gut aufeinander auf und genießt euer junges Glück.«

Mit gerunzelter Stirn starrte Regina einen Moment aufs Display, wobei sie aus unerklärlichen Gründen ein ungutes Gefühl überkam.

Chiara war nun endgültig mit ihrer Geduld am Ende. Sie konnte es kaum noch erwarten, ihre Liebste nun endlich verführen zu dürfen. Zärtlich schmiegte sie sich an Regina und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen.

Regina stöhnte leise auf. Jede Zelle in ihr begann lichterloh zu brennen. Leidenschaftlich erwiderte sie Chiaras Kuss. Dann hielt sie inne und schaute ihren Schatz leicht verunsichert an. »Hm . . . die SMS kommt von einer mir unbekannten Nummer, kennst du die Nummer?«, wollte sie von Chiara wissen und suchte im Gesicht ihrer Liebsten nach einer Antwort.

Chiara warf nun ebenfalls einen Blick auf die Mitteilung. »Mir sagt die Nummer auch rein gar nichts«, flüsterte sie und zuckte irritiert die Schultern. »Wer könnte das denn sein? Hast du da vielleicht eine Vermutung?«

Mit nachdenklichem Gesicht schaute Regina einen Moment zum Fenster hinaus. »Hm . . . gute Frage«, antwortete sie und strich sich durch ihr kurzes braunes Haar. »In letzter Zeit habe ich einige Bilder an neue Kundinnen und Kunden verkaufen können.« Ihr Blick schweifte nochmals aufs Display. »Aber die neusten Nummern habe ich noch nicht gespeichert.« Sie rieb sich die Arme, da ihr aus unerfindlichen Gründen die Haare zu Berge standen.

Dann schenkte sie Chiara ein verliebtes Lächeln. »In deiner Anwesenheit wird mir eben immer ganz anders«, raunte sie und dachte angestrengt nach. Dann nickte sie entschieden. »So muss es sein. Die SMS ist bestimmt von einer neuen Kundin«, murmelte sie leise. »Ich werde mich später bei ihr bedanken.« Nun legte sie das Handy endgültig zur Seite und wandte sich voller Hingabe ihrer Frau zu.

»So, jetzt stört uns aber niemand mehr.« Verschwörerisch zwinkerte sie Chiara zu. »Ich stelle das Telefon einfach auf lautlos. Jetzt gibt es nur noch dich und mich«, wisperte sie, bugsierte ihre Liebste sanft ins Schlafzimmer hinein und gab ihr einen leichten Stoß, damit sie rücklings aufs Bett fiel.

Die letzten Kleidungsstücke fielen lautlos zu Boden. Voller Verlangen tauchte Regina tief in Chiaras Blick ein. »Ich will dich so sehr«, raunte sie. »Ich kann es kaum erwarten.« Ihre Fingerspitzen streichelten zärtlich über Chiaras weiche Haut, während ihre Zungenspitze die Knospen ihrer Liebsten erst sanft und dann immer fester umspielte.

Teil 05

»Ja doch.« Isabelle verdrehte genervt die Augen und lächelte gekünstelt. Das Ganze schien ihr irgendwie peinlich zu sein. Sie zuckte die Schultern. »Männer . . . typisch Mann eben«, stöhnte sie und machte eine entschuldigende Geste.

Ziemlich aufgebracht musterte Andrea Isabelle von oben herab. Ihre Augen verengten sich. »Warum denn typisch Mann?«, fragte sie aggressiv. »Ich möchte doch auch schon längst das Nachtleben genießen«, sagte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Und ich bin kein Mann, sondern eine Frau.«

Isabelle starrte Andrea mit offenem Mund an. »Ist ja schon gut. Okay?«, meinte sie beschwichtigend und raufte sich verlegen die Haare. »Ist wohl wirklich völlig geschlechtsunabhängig«, murmelte sie leise. Man sah ihr an, dass sie sich in ihrer Haut nicht recht wohl fühlte. »Dann . . . dann sollten wir uns jetzt wohl wirklich besser beeilen«, meinte sie und strich sich übers Gesicht.

Naomi lächelte zuckersüß, um diese peinliche Situation irgendwie zu überspielen. Andrea . . . manchmal bist du einfach unmöglich. Sie kratzte sich an der Schläfe. »Ganz offensichtlich haben wir es hier mit zwei von der ungeduldigen Sorte zu tun«, stellte sie amüsiert fest. »Dann tauschen wir jetzt mal besser ganz schnell die Koffer«, meinte sie übertrieben fröhlich.

Im Eiltempo wurden die Gepäckstücke ausgetauscht, und alle verabschiedeten sich rasch voneinander. Naomi sah Isabelle noch einen langen Moment hinterher, wie sie federleicht und anmutig die Treppe hinunterschwebte und schließlich ganz ihren Blicken entschwand.

Andrea spürte, dass sie ihrem langersehnten Ziel endlich näherkam. Schnell zog sich Naomi ein glitzerndes T-Shirt und eine enge Jeans an. Ihr schulterlanges Haar glänzte im Licht. Andrea war nun zufrieden, und so konnten sie endlich in Richtung Club aufbrechen.

Am liebsten hätte Naomi heute noch mit Andrea zusammen ein bisschen auf dem Balkon gesessen, dem Meeresrauschen eine Weile zugehört und wäre dann früh ins Bett gegangen. Aber da Naomi wusste, dass Andreas Nerven an diesem Tag eh schon überstrapaziert worden waren, gab sie diesbezüglich keinen Mucks mehr von sich und fügte sich einfach wortlos dem Wunsch ihrer Freundin.

Damit Andrea ab jetzt nur noch gut gelaunt war, betonte Naomi selbst noch, wie sehr sie sich auf den Clubbesuch freute. Andreas Laune stieg im Sekundentakt, und so stand einem ausgelassenen Diskobesuch nichts mehr im Weg.

Endlich beim Club angekommen, stand den beiden ein kräftiger, von oben bis unten tätowierter Türsteher im Weg. »Ausweiskontrolle!«, schnauzte er befehlsgewohnt.

Andrea und Naomi zuckten leicht zusammen, doch dann lächelten sie den Mann zuckersüß an. »Aber klar doch«, meinte Andrea zuvorkommend und zuckte ihre Identitätskarte.

Der Türsteher nickte zufrieden, bevor er sich Naomis Ausweis widmete. Hörbar stieß er einen Seufzer aus. »Hübsche Frau . . .«, etwas mitleidig schaute er Naomi an, »sie sind leider zu jung. Ich kann sie hier nicht reinlassen. Zutritt ist erst ab achtzehn.«

Bei diesen Worten schnellte Andreas Kopf zurück, obwohl sie einen Fuß bereits im Clubinneren hatte. In ihren Augen begann es eigenartig zu funkeln.

»Das darf doch jetzt nicht wahr sein«, stöhnte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse. »Verdammter Mist! Geht heute denn eigentlich alles schief?« Wutentbrannt raufte sie sich die Haare. »Ach Mensch, Naomi . . . warum nur bist du noch keine achtzehn. Verdammt«, schnauzte sie Naomi vorwurfsvoll an und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. »Ist diese Insel eigentlich verhext? Oder was soll der Mist?«

Naomi wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Augenblicklich fühlte sie sich schlecht, und sie fürchtete, sich im nächsten Moment übergeben zu müssen. Am liebsten wäre sie vor Scham im Erdboden versunken. Warum nur bin ich noch keine achtzehn? Warum nur komme ich mir immer wie ein kleines Kind vor? Ihr war klar, dass Andreas nächster Wutanfall nicht lange auf sich warten lassen würde. Ihr soeben stattgefundener Ausraster war aus Erfahrung erst der Anfang.

»Ach, Schatz«, flüsterte Naomi niedergeschlagen. »Mach du dir einen schönen Abend. Ich gehe zurück ins Hotel«, meinte sie versöhnlich und hoffte, dass sich dieser Zwischenfall so ganz schnell wieder beheben lassen würde.

Andrea winkte energisch ab. »Ach, Mäuschen . . . das geht doch nicht.« Um ihre Mundwinkel zuckte es auffällig. »Ich kann dich hier auf der Insel doch nicht einfach allein lassen. Ich bin ja quasi für dich verantwortlich«, knurrte sie. Dann lächelte sie den Türsteher freundlich an. »Schade . . . sehr schade«, meinte sie, packte einen Kaugummi aus und beförderte ihn in den Mund. »Aber da kann man nichts machen.« Sie nahm Naomi an der Hand und marschierte mit ihr davon. Wortlos kehrten die beiden ins Hotel zurück.

Verunsichert blickte Naomi Andrea von der Seite an. »Bist du jetzt sehr sauer?«, fragte sie, obwohl sie sich gar nicht recht getraute, diese Frage überhaupt zu stellen.

Andrea blitzte Naomi kurz an. »Natürlich bin ich sauer. Aber wenn wir jetzt als Entschädigung noch Sex haben, so könnte mich das wenigstens etwas versöhnlicher stimmen.«

Innerlich stieß Naomi einen schweren Seufzer aus. Sie fühlte sich mies und hundemüde. »Klar doch . . . wir haben ja schließlich Urlaub«, entgegnete sie gespielt gelassen. Das kann ja noch eine lange Nacht werden, aber Hauptsache du kriegst jetzt deinen Willen . . . deinen Sex und somit keine noch schlechtere Laune.

Andrea öffnete energisch die Tür, packte Naomi wortlos an den Schultern und stieß sie grob in ihr Hotelzimmer hinein. Mit dem rechten Fuß verpasste sie der Tür einen Tritt, dass diese laut ins Schloss knallte. »Dann wollen wir mal sehen, ob wir diesen miesen Tag nicht doch noch zu einem guten Ende bringen können«, meinte sie salopp und musterte Naomi dabei lüstern. Sie bugsierte Naomi weiter in Richtung Bett, riss ihr kurzerhand die Kleider vom Leib und holte sich in dieser Nacht, was sie haben wollte, bis sie schlussendlich Stunden später erschöpft neben Naomi einschlief.

Noch lange lag Naomi wach, ungewollte Tränen rannen ihr übers Gesicht. Ihrer Erschöpfung zum Trotz fand sie bis zum Morgengrauen keinen Schlaf, weil sie über die Ereignisse der letzten Stunden, ihre lieblose Beziehung und nicht zuletzt ihre verletzten Gefühle nachgrübelte . . .

2

Regina und Chiara hatten sich wenige Tage zuvor in Basel das langersehnte Ja-Wort gegeben und somit ihre Partnerschaft endgültig offiziell eintragen lassen. Die beiden waren überglücklich miteinander, verliebt wie am ersten Tag und konnten es kaum erwarten, in Kürze nach Kreta in die Flitterwochen aufzubrechen. Da die offizielle Eintragung ihrer Partnerschaft für beide eher eine bürokratische Formsache ohne jegliche Tiefe und Herzlichkeit gewesen war, hatten sie beschlossen, ihre Hochzeit nach ihren Wünschen und Vorstellungen auf Kreta noch einmal symbolisch zu feiern.

Auf dieser wunderschönen Sonneninsel sollte also schon bald eine romantische, von Liebe erfüllte Zeremonie am Strand bei Sonnenuntergang stattfinden. Gemeinsam mit ihren Freundinnen und Trauzeuginnen Michi und Thea, Sandra, Reginas bester Freundin, Manfred, Naomis Vater und inzwischen Sandras Lebensgefährte, wollten sie dieses einschneidende Ereignis im passenden Rahmen feiern.

Regina und Chiara saßen zu Hause auf der Terrasse und gönnten sich am frühen Morgen eine Tasse Kaffee. Erst wenige Stunden zuvor waren sie mit einem seligen Lächeln auf den Lippen eingeschlafen, nachdem sie sich die halbe Nacht geliebt hatten.

Teil 04

Wenn Naomi ehrlich zu sich selbst war, so konnte sie mit Andreas extremen Gefühlsschwankungen nur schlecht umgehen, ja eigentlich waren sie kaum noch zu ertragen.

Nun mussten Naomi und Andrea also irgendwie diese zwei Stunden Wartezeit überbrücken. Beide stießen einen lauten Seufzer aus und legten sich nebeneinander aufs Bett. Eine gefühlte Ewigkeit starrten beide die Decke an.

Dann drehte sich Andrea zu Naomi um. »Ich ruhe mich ein bisschen aus. Damit ich dann später fit bin«, meinte sie nun schon viel versöhnlicher. Sie schaffte es sogar, Naomi ein Lächeln zu schenken.

Naomi fiel ein Stein vom Herzen. Sie war froh, dass ihr Schatz sich so schnell wieder beruhigt hatte. »Ja, mach das«, entgegnete sie leise. Zum Glück hat sich Andrea wieder eingekriegt. Mir geht’s dann immer gleich viel besser. Hoffentlich bleibt das auch so.

Andrea schloss die Augen und wandte sich von Naomi ab. Naomi ließ ihren Blick sanft über ihre geliebte Andrea streifen. Dabei ließ sie ihren Gedanken freien Lauf. Ich liebe dich so sehr, mein Schatz. Ich wünsche mir von ganzem Herzen einen schönen Urlaub mit dir. Verträumt presste sie die Lippen zusammen und schaute wehmütig zum Fenster hinüber. Und ich wünsche mir so sehr, dass wir uns lieben und Zeit für Zärtlichkeiten haben und uns dafür auch die nötige Zeit nehmen. Im Alltag kommt viel zu oft etwas dazwischen. Innerlich begann sie zu schwärmen, wie schön der Urlaub – zusammen mit ihrer Andrea – werden könnte. Zunehmend entspannte sie sich und schlief nach einer Weile zufrieden neben Andrea ein.

Plötzlich klingelte das Zimmertelefon und riss die beiden aus einem tiefen Schlaf. Erschrocken sahen sie sich in der ungewohnten Umgebung um, bis sie schließlich das Telefon auf der Kommode neben dem Schrank entdeckten.

Andrea hechtete zum Apparat hinüber. Mit einem ruppigen »Ja«, meldete sie sich. Es schien, als müsste sie erst richtig wach werden. Gähnend strich sie sich durch ihr kurzes Haar und hörte aufmerksam auf das, was am anderen Ende der Leitung gesprochen wurde.

»Das ist ja wunderbar«, meinte sie sichtlich erfreut. »Sie sollen hochkommen. Wir erwarten die beiden«, sagte sie und beendete den Anruf.

Naomi schaute Andrea schlaftrunken, aber mit hoffnungsvollem Blick an. Etwa mein Koffer?

Andrea lächelte kurz. Dann hatte sie bereits die Zimmertür weit aufgerissen und wartete im Türrahmen. Sie blickte zu Naomi hinüber, die immer noch auf dem Bett lag. »Dein Koffer trudelt gleich ein«, meinte sie gutgelaunt und rieb sich die Hände. »Endlich!«

Mit großen Augen starrte Naomi ihren Schatz an. Jetzt erst realisierte sie, dass das hier kein Traum war. Eilig sprang sie vom Bett, rannte ins Bad und versuchte hektisch, irgendwie ihre Haare zu bändigen. Wie peinlich ist das denn, so völlig verschlafen fremden Leuten zu begegnen. Normalerweise machte sie sich vor einem Treffen immer zurecht, plante genug Zeit fürs Stylen und alles ein. Aber von der ganzen Reise fühlte sie sich dermaßen kaputt und müde, dass sie am liebsten weitergeschlafen hätte. Aber das ging nun einmal nicht. Schließlich erwartete sie sehnsüchtig ihren Koffer.

Durch die Badezimmertür hörte sie Andreas Stimme und auch die Stimme der Frau, mit der sie, Naomi, am Handy gesprochen hatte. Augenblicklich wurde ihr ganz warm, und ein wohliger Schauer durchströmte sie. Diese Frau hat wirklich eine unglaublich sanfte Stimme. Ich mag diese Stimme. Ohne sich weiter Gedanken zu machen, verließ Naomi das Bad und marschierte in Richtung Zimmertür.

Auf halbem Weg traf sie fast der Schlag. Das gibt’s doch nicht. Das kann nicht sein. Sie rieb sich die Augen. Das . . . das ist doch das Mädel vom Flughafen, das sich mit seinem Begleiter gestritten hat . . . und das mich so umwerfend angelächelt hat. Sie hat wirklich ein wundervolles Lächeln.

Ehe Naomi noch einen klaren Gedanken fassen konnte, winkte Andrea ihr auch schon energisch zu. »Los, komm jetzt endlich. Die beiden bringen dir deinen Koffer«, brummte sie unfreundlich.

Augenblicklich bekam Naomi feuchte Hände und errötete bis unter die Haarspitzen. Nichtsdestotrotz musste sie jetzt zu den beiden hin. Und da war es wieder. Dieses charmante, unwiderstehliche Lächeln der anderen Frau.

Komischerweise gaben sich die beiden nicht die Hand, sondern nickten sich nur zu. Stattdessen rieben sie sich zeitgleich die Handflächen an ihren Jeans ab. Naomi fühlte sich augenblicklich von diesen wunderschönen braunen Augen in ihren Bann gezogen und gleichzeitig von dieser zarten Stimme sanft umhüllt.

Die andere Frau strahlte Naomi immer noch an. »Ich bin übrigens Isabelle. Darf ich gleich Du sagen?«, fragte sie schließlich. Leicht verunsichert blickte sie zu Boden.

Naomi strich sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr. Langsam, aber sicher fand sie ihre Sprache wieder. Sie räusperte sich. »Klar doch. Ich bin Naomi«, meinte sie nun gespielt lässig und streckte Isabelle freundlich die Hand entgegen.

Isabelle lächelte und schüttelte Naomis Hand. »Freut mich«, entgegnete sie. Einen langen Moment wollten sich ihre Fingerspitzen gar nicht mehr voneinander lösen. Die beiden schauten sich tief in die Augen.

Was ist das denn? Diese Augen ziehen mich geradezu magisch an, dachte Naomi und strich sich erneut durchs Haar. Reiß dich zusammen. Die Frau hat dir nur deinen Koffer gebracht und verschwindet gleich wieder aus deinem Leben, versuchte sie sich zu beruhigen. Außerdem ist sie mit ihrem Freund da. Und doch, da ist irgendwas, oder bilde ich mir das gerade nur ein?

Andrea klatschte ungeduldig in die Hände und holte die beiden recht unsanft aus ihrem Schwebezustand und somit auf den Boden der Tatsachen zurück. »Können wir jetzt bitte endlich die Koffer tauschen? Ich will heute noch weg«, sagte sie unfreundlich und gab Naomi einen groben Stoß in den Oberarm. »Hol doch bitte Isabelles Koffer«, sagte sie in befehlendem Ton.

Fast zeitgleich bekam Isabelle einen ziemlich heftigen Schubser von dem Mann, der neben ihr stand und dem Naomi bis jetzt noch keine Beachtung geschenkt hatte. »Ich will heute auch noch weg. Mach endlich vorwärts«, giftete er Isabelle an.

Isabelle warf dem jungen Kerl einen bösen Blick zu. »Mensch, Lars . . . stress doch nicht so rum!«, fauchte sie ihn an. Dann lächelte sie gleich wieder und strahlte Naomi regelrecht an. »Das ist übrigens Lars, mein Freund«, sagte sie und ließ ihren Blick zwischen Naomi, Andrea und Lars hin und her wandern.

Obwohl Naomi schon wieder so eigenartig warm wurde, erwiderte sie gleich Isabelles umwerfendes Lächeln. »Wenn wir schon dabei sind . . .«, sie warf einen Blick zu Andrea hinüber, »das ist Andrea, meine Freundin«, erklärte sie.

Alle nickten, und ein peinliches Schweigen breitete sich aus. Jeder schaute irgendwie verlegen in eine andere Richtung.

Lars schien Langeweile zu haben. Er nahm eine Bierdose aus der Jackentasche und öffnete sie geräuschvoll. Dann wippte er ungeduldig auf den Zehenspitzen hin und her. »Bitte, Isabelle . . . ich möchte jetzt wirklich um die Häuser ziehen«, knurrte er und trank einen großen Schluck Bier. »Beeil dich doch endlich.«

Teil 03

In Naomis Gesicht zeichnete sich ein Lächeln. »Bei Ihnen?« Mit der Hand strich sie sich übers Gesicht. »Sie haben meinen Koffer?«, fragte sie und eilte zu dem fremden Gepäckstück hinüber, das immer noch mitten im Zimmer stand. »Und Sie sind also Isabelle?«, fragte sie ganz aufgeregt und starrte angestrengt auf den Kofferanhänger, auf welchem der Name ›Isabelle‹ stand.

Am anderen Ende atmete es hörbar erleichtert aus. »Ja, genau. Dann haben Sie also meinen Koffer. Das ist ja wunderbar. Ich habe Ihr Gepäck und Sie ganz offensichtlich meins«, stellte Isabelle erfreut fest. »Was für ein Zufall, und was für ein Glücksfall.«

Naomi spürte schon wieder so ein eigenartiges Kribbeln auf der Haut. Was für eine zarte Stimme sie doch hat . . . und sie ist so nett.

Andrea hatte das Telefonat genauestens mitverfolgt und kam nun zielstrebig auf Naomi zumarschiert. »Und? Wann bekommst du nun endlich deinen Koffer?«, fragte sie mürrisch und zeigte demonstrativ auf ihre Uhr. »Je eher wir starten können, desto besser.«

»Jetzt warte doch mal einen Moment, Andrea«, gab Naomi genervt zur Antwort und hielt das Handy etwas zur Seite. »Ich bin am Telefon«, erklärte sie, drückte das Mobiltelefon wieder an ihr Ohr und wandte sich von Andrea ab.

Andrea starrte Naomi hinterher und schüttelte missmutig den Kopf. »Ich will endlich in diesen Club«, knurrte sie. »Mach also gefälligst vorwärts und trödle nicht unnötig in der Gegend herum!«

Naomi entfernte sich ein paar Schritte und blieb beim Fenster stehen. Sie hörte, wie Isabelle mit jemandem im Hintergrund sprach. Ein Wort gab das andere, aber worum es genau ging, konnte Naomi nicht wirklich verstehen. Anhand des Tonfalls bekam sie jedenfalls mit, dass es keine schöne Unterhaltung war.

Auf einmal hörte sie einen lauten Seufzer in der Leitung. »Naomi . . . sind Sie noch da?«, ertönte es jetzt wieder deutlich aus dem Handy.

»Ja, natürlich.«

»Schön.« Isabelle räusperte sich. »Ich kann Ihnen den Koffer in zwei Stunden ins Hotel bringen. Ich habe zwar ein Auto, aber leider schaffe ich es nicht früher.« Sie seufzte erneut. »Ich habe jetzt einen wichtigen Termin . . . und den kann ich unmöglich verschieben«, meinte Isabelle in entschuldigendem Ton. »Tut mir wirklich leid.«

Diese Stimme. Einfach umwerfend. Naomi wurde von einer sanften Hitzewelle durchflutet. »Das . . . das ist schon in Ordnung. Ich warte einfach hier im Hotel auf Sie«, sagte sie und schluckte. Was für eine nette Frau. Sie bringt mir einfach so meinen Koffer, dachte sie. »Sie . . . Sie müssen sich nicht extra beeilen«, flüsterte sie.

Im selben Augenblick durchbohrten Andreas Augen sie mit einem glühenden Blick. Wenn Blicke töten könnten, fuhr es Naomi ungewollt durch den Kopf.

Naomi riss sich zusammen. »Und Isabelle, es . . . es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie mir meinen Koffer bringen«, stammelte sie verlegen und konnte sich ihr komisches Verhalten irgendwie nicht so recht erklären.

»Das mache ich doch gern.« Einen Moment war es ganz still. Isabelle hüstelte. »Dann bis in zwei Stunden. Ihre Hoteladresse habe ich ja . . . steht auf dem Kofferschild«, sagte sie leise und mit einem vergnügten Lachen in der Stimme.

Naomi musste sich erneut zusammenreißen. Sie hätte dieser wundervollen Stimme einfach ewig lauschen können. »Ähm . . . ja . . . bis in zwei Stunden . . . und vielen, vielen Dank«, flüsterte sie und beendete den Anruf.

Als sie das Mobiltelefon zur Seite legen wollte, fühlte sie, wie feucht ihre Hände während dieses Telefonats geworden waren. Hm . . . eigenartig. Wahrscheinlich ist das alles gerade ein bisschen viel für mich. Andrea, die sich ins Nachtleben stürzen will. Ein falscher Koffer . . . und ich bin hundemüde.

Andrea baute sich breitbeinig vor Naomi auf. »Was schäkerst du denn hier in der Gegend herum? Und dazu noch mit einer Fremden?« Deutlich verstimmt schaute sie Naomi an. »Und warum erst in zwei Stunden? Es kann doch nicht sein, dass wir jetzt so lange hier herumsitzen müssen«, fauchte sie aufgebracht und blitzte Naomi böse an.

»So ist es aber. In zwei Stunden bekomme ich meinen Koffer.« Naomi straffte die Schultern und blitzte Andrea aus zusammengekniffenen Augen an. »Wenn es dir nicht passt, so musst du halt ohne mich losziehen«, sagte sie etwas schroff. Ich könnte gut auf diesen Club verzichten. »Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass die Frau mir meinen Koffer bringt«, sagte sie bestimmt und schaute Andrea dabei fest in die Augen.

Andrea starrte Naomi verblüfft an. »Sag mal . . . wie redest du denn auf einmal mit mir?« Von oben bis unten musterte sie Naomi eindringlich. »Kann es sein, dass dir die Inselluft nicht gut bekommt?«, murmelte sie und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ach . . . lass mich doch in Ruhe. Es geht einfach nicht . . . nicht mehr, dass du mich immer wie ein kleines Kind behandelst«, versuchte Naomi ihr Verhalten von eben, das selbst für sie neu und gewöhnungsbedürftig war, zu rechtfertigen.

Völlig verblüfft starrte Andrea Naomi aus großen Augen an. »Sag mal . . . tickst du noch richtig?« Sie baute sich direkt vor Naomi auf und drückte den Rücken durch. Zwischen ihre Nasenspitzen hätte jetzt nicht einmal mehr ein Blatt Papier gepasst. Andrea drohte mit erhobenem Zeigefinger. »Sprich nie wieder in diesem Ton mit mir«, herrschte sie Naomi an. »Nie wieder! Mit mir spricht man nicht so, werte Dame. Niemand spricht mit mir so, und erst recht nicht du!«, fauchte sie und zerriss Naomi mit ihrem Blick geradewegs in der Luft. »Merk dir das!«

Ängstlich wich Naomi ein paar Schritte zurück. Augenblicklich wurde ihr heiß und kalt gleichzeitig. Oh nein! Jetzt ist sie schon wieder sauer und mies drauf. Dann spürte sie, wie ihr ein eisiger Schauer den Rücken hinunterlief. »Ist ja schon gut. Entschuldige bitte . . . mein Schatz«, gab sie nun kleinlaut nach und hob beschwichtigend die Hände. Warum bist du nur immer so grob zu mir, Andrea?, fragte sie sich innerlich und wischte sich unauffällig mit der Hand über die Augen. Ich sehne mich so sehr nach Zärtlichkeit . . . nach deiner Liebe. Was muss ich denn noch alles tun, damit ich das von dir bekomme?

Inzwischen hatte Naomi so ihre Zweifel, ob ihre Sehnsucht, ihre Bedürfnisse nicht nur reines Wunschdenken ihrerseits waren. Schließlich war sie jetzt schon bald zwei Jahre mit Andrea zusammen, und Andrea war zu Naomi in letzter Zeit oft alles andere als liebevoll gewesen. Immer öfters wurde sie von Andrea angeschnauzt und links liegengelassen. Dass ihre Freundin auch einmal auf sie Rücksicht nahm, war zur Seltenheit geworden.

Allmählich beruhigte sich Andrea wieder. Zum Glück. Naomi waren Andreas Gefühlsausbrüche nämlich immer ein Graus. Von einer auf die nächste Sekunde konnte Andrea, in Naomis Augen manchmal wegen einer Kleinigkeit, völlig ausflippen. Dann vergriff sich Andrea leider oft – aus Naomis Sicht viel zu oft – im Ton und konnte auch sonst ziemlich aggressiv werden.

Das Einzige, was Naomi dann tun konnte, war Ruhe zu bewahren und zu kuschen, damit Andrea nicht noch mehr explodierte.

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