Schreibhilfe: Wie baue ich einen Roman auf?

Beispielmärchen aus dem Forum

Zum Setting habe ich schon einiges unter »Wie man eine Kurzgeschichte schreibt, Teil 6« gesagt, dasselbe, was für die Kurzgeschichte gilt, gilt auch für den Roman, deshalb gehe ich hier gleich zur Handlung weiter, auf neudeutsch auch gern »Plot« genannt.

»Wie plotte ich am besten?« fragen immer wieder unerfahrene Autorinnen und Autoren, in der Hoffnung auf den ultimativen Trick. Andreas Eschbach beispielsweise hat in einem seiner Bücher einen Autor zum Protagonisten gemacht (sollte man sich immer gut überlegen – das könnte ins Auge gehen ), und daraufhin wurde er gefragt, ob es seine eigene Methode ist, mit der er den Autor dort plotten läßt.

Zur Erklärung: Der Autor in Eschbachs Buch verwendet dafür riesige Papierbahnen, die er an die Wand hängt, bis das ganze Zimmer mit diesen Papierbahnen gepflastert ist. Auf diesen skizziert er dann den Plot.

Nein, sagt Andreas Eschbach, so macht er es nicht. Aber wie macht man es denn nun?

Ehrlich gesagt fände ich riesige Papierbahnen sehr unpraktisch. Außerdem braucht man dafür ein riesiges Zimmer mit leeren Wänden, was ich etwas öde fände. Was macht man dann mit dem Zimmer, wenn man gerade nicht plottet? Die leeren Wände anstarren?

Keine gute Idee, würde ich sagen. Und heutzutage auch gar nicht mehr nötig, denn wozu gibt es Computer?

Was sich sehr gut zum Plotten eignet, ist das sogenannte »Mind Mapping«. Das ist eine Methode, die eigentlich für Projektleiter und Manager erfunden wurde, damit sie ihre Projekte und Ressourcen besser planen können.

Ein Buch zu schreiben ist ganz sicher auch ein Projekt, und die Ressourcen, das sind die Figuren und die Orte der Handlung, die Abläufe, die Dramaturgie.

Wenn ich also nun plotten will, sollte ich mit dem groben Rahmen anfangen, das wären die Hauptfiguren und die Hauptorte der Handlung, ebenso ein grober Ablauf von Anfang bis Ende. Zusammengefaßt sollte sich das in etwa lesen wie ein erweiterter Klappentext, allerdings inklusive der Festlegung des Endes, der Auflösung des Romans.

Wie schon in den vorherigen Kapiteln von »Wie baue ich einen Roman auf?« sind das entscheidende die Figuren, die Menschen. Eine Geschichte ohne Menschen, in die man sich hineinversetzen kann, die Probleme haben, wie man sie auch selbst kennt, und andere, die man selbst vielleicht nicht kennt, funktioniert nicht.

Insbesondere die Hauptfigur sollte in irgendeiner Form faszinierend sein, ein normales Leben reicht da nicht aus. Sie sollte Dinge erleben, die im Alltag nicht so einfach vorkommen, die man nicht jeden Tag erlebt.

Meist ist deshalb die Hauptfigur schon von Anfang an in irgendeiner Weise etwas Besonderes. Die Chefin eines weltweit operierenden Konzerns zum Beispiel. Allerdings sollte man sich als Autorin dann sehr gut vorbereiten und recherchieren, denn wer von uns leitet schon einen weltweit operierenden Konzern? Wenn man die Chefin dann für andere Kaffee kochen oder untergeordnete Arbeiten ausführen läßt, die normalerweise die Sekretärin oder ein kleiner Angestellter erledigt, wirkt das peinlich.

Es sei denn, sie ist der Typ, der immer alles selbst machen muß, was wiederum zum Problem, zum Konflikt im Roman werden kann, denn das führt ganz sicher zu Überforderung und Zeitmangel und damit zu Fehlern, die den ganzen Konzern gefährden könnten. Und das könnte sie ihren Job kosten. Was wiederum für so einen Menschen, für den der Job alles ist, zu einem unlösbaren Problem werden kann, denn mit dem Job verliert sie ihr ganzes Leben, sie hat nichts anderes, was ihr Leben ausfüllt.

Gehen wir einmal davon aus, das ist der Ausgangspunkt des Plots. Linda, ehemals Chefin eines weltweit operierenden Konzerns, sitzt auf dem Geländer einer Brücke und denkt über Selbstmord nach. Am heutigen Tag ist ihr mit sofortiger Wirkung gekündigt worden, weil sie immer alles selbst machen wollte und dadurch den Überblick verloren hat.

Das ist – wie wir alle wissen – noch lange kein Grund, einen Manager zu entlassen. Im Gegenteil, Manager, die Millionen und Milliarden in den Sand gesetzt haben, finden sofort wieder einen Job. Allerdings sind das meistens Männer, die sich gegenseitig die Stange halten. Als Frau hat man dieses Kumpelnetz nicht, da werden Fehler nicht verziehen und durch hohe Abfindungen inklusive eines neuen, noch besser bezahlten Jobs belohnt.

Linda wollte also bei den Jungs mitspielen und hat es nicht geschafft. Ihr Leben ist für sie sinnlos geworden.

Und nun erinnern wir uns an Beate. Beate war die Frau, die uns im vorigen Kapitel als Beispiel gedient hat. Beate hatte ein wirklich hartes Leben, sie stammt aus einfachen Verhältnissen, und einen weltweit operierenden Konzern kennt sie nur vom Hörensagen. Für sie war und ist das Leben ein ständiger Kampf, selbst um die Miete und die einfachsten Dinge des täglichen Lebens.

Etwas, das Linda so nie kennengelernt hat. Zwar mußte sie auch immer für ihren Lebensunterhalt arbeiten (zumindest seit sie sich dagegen entschieden hat zu heiraten), aber sie hatte eine gute Ausbildung, Abitur, Studium, Auslandsaufenthalte, und ist gleich in der Gehaltsoberklasse eingestiegen.

Und nun verbindet diese beiden Frauen die Brücke, von der sie beide aus unterschiedlichen Gründen springen wollen, um sich umzubringen. Aber nein, Beate bringt sich nicht um, das hatten wir ja schon im letzten Kapitel festgelegt. Sie ist das harte Leben gewöhnt, sie hat zwar nichts zu lachen, aber sie gibt nicht auf.

Ganz anders Linda, die an den Erfolg gewöhnt ist. Ein hart erarbeiteter Erfolg zwar, aber der ihr nun genommen wurde – ohne Aussicht ihn wiederzuerlangen. Sie sieht keine Alternativen mehr, denn anders als Beate kann sie sich ein Leben auf einfachster Ebene nicht vorstellen.

Was geschieht, wenn zwei so unterschiedliche Frauen sich begegnen? Linda springt aus Verzweiflung von einer Kölner Brücke in den Rhein. Beate, die gerade zufällig vorbeikommt, sieht das, springt hinterher, rettet sie.

Natürlich ist Linda in keiner Weise dankbar, denn Beate hat ihre Pläne zunichtegemacht. Kaum hat Beate sie mit Schlägen auf den Rücken dazu gebracht, das Wasser wieder auszuspucken, das sie geschluckt hatte, macht Linda ihr Vorwürfe, daß sie sich in ihr Leben eingemischt hat.

Beate bietet ihr an, sie könnte ruhig ein zweites Mal springen, dann würde sie sich nicht mehr einmischen. Linda ist sauer, versucht es aber kein zweites Mal. Außerdem ist es Winter und kalt, das heißt, sowohl Linda als auch Beate müssen möglichst schnell aus den nassen Kleidern, damit sie sich nicht doch noch den Tod holen.

Beate, gutmütig, wie sie ist, bietet Linda trotz ihres abweisenden und unhöflichen Verhaltens an, mit zu ihr zu kommen, um sich aufzuwärmen und ihre Kleider trocknen zu lassen, denn Beates Wohnung liegt ganz in der Nähe der Brücke.

Linda sieht, daß sie wenig andere Möglichkeiten hat, und geht mit.

Als Plot würde sich das sehr viel kürzer lesen. Aber um den Plot zu entwickeln, schreibe ich meistens solche Sätze auf. Ich kann nicht theoretisch plotten, ich muß die Szenen vor mir sehen.

Das Problem beim Plotten in Szenen besteht darin, daß man sehr schnell ins Schreiben kommt – oft auch schon, bevor der Plot richtig steht. Deshalb muß man sich da am Riemen reißen und dann die schon herausgefundenen Abläufe kurz zusammenfassen, am besten nur in ein oder zwei Sätzen.

Der Anfang wäre also: Beate und Linda lernen sich kennen, als Linda aus Verzweiflung über ihr verpfuschtes Leben versucht von einer Brücke zu springen und Beate sie rettet.

Ja, das ist plotmäßig alles, was zu der oben skizzierten Situation beschrieben werden muß.

Und dann geht es weiter:

  • Was wird aus Linda und Beate?
  • Wie sieht die weitere Entwicklung aus?
  • Welche Konflikte und Probleme werden ihnen begegnen?
  • Wie lösen sie sie?
  • Wie sieht das Ende aus?

Eigentlich besteht Plotten also aus Fragen, die beantwortet werden müssen.

  1. Ausgangsposition
  2. Wie und wo begegnen sich die beiden Hauptpersonen?
  3. Was geschieht, wenn sich die beiden begegnen?
  4. Was sind die Folgen dessen, was geschehen ist?
  5. Welche Konflikte treten auf?
  6. Welche Lösungsmöglichkeiten bieten sich an?
  7. Werden die Lösungsmöglichkeiten genutzt oder nicht?
  8. Was ist die Folge der Nutzung oder Nichtnutzung der Möglichkeiten?
  9. Welche neuen Probleme ergeben sich daraus?
  10. Wie kommt die Geschichte zu einem glücklichen Ende?

Das ist der grobe Ablauf. Nun müssen diese Fragen im einzelnen bearbeitet und mit Abläufen, Handlungen und Szenen gefüllt werden – so spannend wie möglich.

Einige Hinweise dazu finden sich in »Wie man eine Kurzgeschichte schreibt, Teil 7«, denn auch hier überschneiden sich Kurzgeschichte und Roman natürlich. Das Plotten für eine Kurzgeschichte ist allerdings wesentlich einfacher, denn es gibt ja nur einen Handlungsstrang und ein Ereignis. Bei einem Roman muß man wesentlich mehr Personen und Abläufe und auch Ereignisse im Auge behalten.

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