Teil 04

Männer waren das gewöhnt, und oftmals war es für sie noch ein größerer Reiz gewesen, die Agentur mit dem Auftrag zu betrauen – wahrscheinlich in der Hoffnung, dass Iris ihre Meinung ändern würde. Was sie natürlich nie getan hatte.

Aber diese Männer hatten eindeutig gezeigt, was sie von Iris erwarteten, über die Kampagne hinaus.

Esther Berles hatte behauptet, sie erwartete nichts, und dennoch hatte Iris in ihren Augen etwas gesehen, das eher auf das Gegenteil hindeutete.

Die Frage war nur: Was genau erwartete Esther? Konnte Iris dieser Erwartung gerecht werden? Wollte sie es überhaupt?

Ein bisschen hatte sie das Gefühl, Esther war nicht viel anders als diese Männer. Sie wollte mehr als nur eine Kampagne. Aber andererseits würde sie das niemals zugeben oder laut aussprechen. Sie würde wie die meisten Frauen erwarten, dass Iris ihre Gedanken las.

Und darin, Iris seufzte, war sie überhaupt nicht gut.

2

»Es freut mich, Frau Berles, dass Sie sich für uns entschieden haben«, begrüßte Roland Esther heute wesentlich entspannter als das letzte Mal, stand auf und ging mit ausgestreckter Hand auf sie zu.

Esther bedachte seine Assistentin Svetlana, die sie gerade angekündigt und ihr die Tür aufgehalten hatte, mit einem abwesend dankenden Lächeln, bevor sie sich Roland zuwandte. »Ich denke, Ihre Agentur macht das beste Angebot«, erwiderte sie ziemlich kühl, während sie seine Hand kurz nahm und dann sofort wieder losließ.

»Ja, das denke ich auch.« Rolands Mundwinkel verzogen sich breit. So etwas hörte er natürlich gern. »Ich habe mitbekommen, dass Sie auch Angebote anderer Agenturen eingeholt haben.« Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Dieser Vertrag«, er schob etliche Blätter zu Esther hinüber, »enthält unsere üblichen Konditionen. Wenn Sie das von Ihrer Rechtsabteilung prüfen lassen wollen . . .«

Esther nickte. »Ich gehe davon aus, dass Sie gleich mit der Arbeit beginnen können?« Immer noch hatte sie keinen einzigen Blick auf Iris geworfen, die neben Rolands Schreibtisch stand.

Auch wenn sie es nicht zeigte, machte das Iris nervös. Es war nichts zwischen ihnen vorgefallen, aber dennoch benahm Esther sich, als hätte sie, Iris, ihr etwas getan.

»Natürlich.« Roland strahlte wie ein Honigkuchenpferd. »Frau Keilwerth steht ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Ach tatsächlich?« Mit leicht angehobenen Augenbrauen warf Esther nun zum ersten Mal einen Blick auf Iris.

»Selbstverständlich«, bestätigte Iris sofort. »Ich werde ein Team zusammenstellen, das all Ihre Wünsche erfüllt.«

Was hat sie nur? dachte sie. Was für eine Laus ist ihr über die Leber gelaufen? Ich kann es doch nicht sein. Wir haben bisher kaum eine Stunde miteinander verbracht. Und das auch nur beim Frühstück im Café.

»Ein Team«, wiederholte Esther in diesem Moment langsam, während sie den Vertrag an sich nahm und in ihre Aktentasche steckte, »das all meine Wünsche erfüllt, gibt es nicht. Nicht einmal in Ihrer Agentur.« Der Blick, der Iris diesmal streifte, schien fast feindselig.

»Wir werden uns bemühen, dem so nahe zu kommen wie möglich.« Iris sprach ernst und mit all dem vertrauenerweckenden Charme, von dem sie wusste, dass man ihn ihr nachsagte, den sie aufbringen konnte, wenn es nötig war. »Sie können sich auf uns verlassen.«

»Solange Sie mir die Wahrheit sagen«, Esther machte eine bedeutungsvolle Pause, »verlasse ich mich gern auf Sie.« Sie ließ ihren Blick länger als nötig auf Iris ruhen.

Du lieber Himmel! Bemüht, ihren Blick nicht abzuwenden, um nicht auf welche Art auch immer betroffen zu erscheinen, schaute Iris ihr in die eigentlich wunderschönen, jetzt aber nicht besonders freundlich blickenden braunen Augen.

»Allerdings verlange ich einen verbindlichen Kostenvoranschlag«, fuhr Esther geschäftsmäßig trocken fort, während sie ihre Aufmerksamkeit nun auf ihre Aktentasche richtete und sich damit von Iris abwandte. »Bei unvorhergesehenen Kosten gilt meine Vorliebe für Überraschungen nämlich nicht.«

Iris lief es fast kalt den Rücken herunter. Esthers Augen hatten einen eisigen Schimmer gehabt. Das Grün darin sah aus wie Kristalle, die Glas schneiden konnten. Bisher hatte Iris mit Braun immer Wärme verbunden. Aber jetzt hatten Esthers Augen die Farbe der gefrorenen Landmasse unter einem schmutzig abgeschmolzenen Eisberg in der Antarktis.

»Selbstverständlich«, sagte Iris. »Wir werden ein Budget festlegen, das nicht überschritten werden darf.«

»Davon gehe ich aus.« Esther stand auf. »Mein Werbeetat ist groß, aber nicht unendlich.«

»Wir legen Ihnen noch innerhalb dieser Woche die ersten Entwürfe vor«, versprach Roland. »Damit Sie sehen, dass Ihr Etat gut angelegt ist.«

Esther nickte ihm verabschiedend zu. »Herr Meissner.« Ihr Blick streifte Iris nur kurz, dann wandte sie sich ohne ein weiteres Wort zur Tür.

»Ich bringe Sie noch hinaus«, sagte Iris schnell und schloss sich ihr an.

Sie gingen gemeinsam zum Fahrstuhl.

Er kam nicht sofort, und nachdem sie ein paar Sekunden stumm nebeneinander gestanden hatten, versuchte Iris es noch einmal. »Frau Berles –«

In diesem Moment kam der Aufzug, und die Türen öffneten sich. Esther trat hinein. »Ich erwarte perfekte Entwürfe und einen perfekten Slogan«, unterbrach sie Iris, drehte sich um und drückte auf den Knopf fürs Erdgeschoss. »Mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden.«

Als ob der Aufzug nur auf dieses abschließende Wort gewartet hätte, schoben sich die chromglitzernden Türen wie Gitterstäbe vor Iris’ Nase zusammen und schlossen sich mit einem dumpfen Laut.

Iris schnappte nach Luft, als hätten sie ihr damit den Sauerstoff aus den Lungen gesaugt. Dann atmete sie bewusst langsam aus. Was auch immer Esther Berles auf den Kriegspfad geführt hatte, zumindest hatte sie zugegeben, dass sie etwas erwartete. Und was. Das war doch schon mal ein erster Schritt.

Aber Perfektion . . . Nachdenklich ging Iris in ihr Büro zurück. Das konnte ja heiter werden. Nicht dass ein solcher Anspruch nicht zu Esther Berles passte, zu dem Eindruck, den sie machte, aber Perfektion gab es nicht. Wenn sie das tatsächlich erwartete, würde ihr kein Entwurf genügen, kein Slogan den Kern treffen. Nicht so perfekt, wie sie sich das vorstellte.

In ihrem Büro angekommen setzte sie sich an den Schreibtisch, stützte ihre Ellbogen auf den Tisch und legte ihr Kinn in die Handflächen. »Schöner Mist.«

»Ist das nicht toll?« Roland stand auf einmal strahlend in der Tür. »Der Auftrag könnte mit einem Schlag unser Jahresbudget verdoppeln!«

Iris blickte widerwillig auf. »Dein Jahresbudget«, korrigierte sie. »An meinem Gehalt ändert sich wohl nichts.«

»Darüber wollte ich mit dir reden . . .« Zögernd trat Roland näher. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht, einen Partner ins Geschäft aufzunehmen, aber die Firma ist in den vergangenen zwei Jahren doch ganz schön gewachsen –«

Leicht spöttisch hob Iris die Augenbrauen. »Seit ich hier bin, meinst du?«

»Ja.« Er nickte. »Du hast einen großen Anteil daran. Und ich möchte nicht, dass du gehst. Als Angestellte kann ich dich aber sicher nicht halten. Also . . .«, er öffnete seine Hände in ihre Richtung, »biete ich dir an, Partnerin zu werden.«

Das ist eine Überraschung. Obwohl diese Ankündigung sie tatsächlich sehr unerwartet getroffen hatte, lehnte Iris sich gelassen zurück. In der Werbebranche zeigte man niemals, was man wirklich fühlte. »Eine Frau als Partnerin?« Sie schmunzelte. »Bist du sicher?«

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