Teil 04

Als sie sie leicht aufstieß, lachte Delia erstaunt auf. »Es ist nicht abgeschlossen?«

»Nein.« Torie schüttelte den Kopf, ging hinein und wartete kurz, dass Delia ihr folgte. »Kaum jemand schließt hier seine Tür ab. Höchstens nachts. Tagsüber stehen eigentlich alle Türen offen.«

Beinah anerkennend verzog Delia die Lippen, als sie nun hinter Torie die Treppe in den ersten Stock betrat. »Ehrlich gesagt wird mir der Ort immer sympathischer.« Ihr Blick streifte Tories Po in der knackigen neongrünen Jeans, der sich vor ihr die Treppe hinaufbewegte. Nein, dachte sie. Dafür bist du nicht hier. Nimm dich zusammen!

Dennoch spürte sie, dass es ihr schwerfiel, das zu tun. Obwohl diese junge Frau sich manchmal stachlig wie ein Igel verhielt, hatte Delia schon nach kurzer Zeit bemerkt, dass da irgendetwas war, was sie an Torie Simmons anzog. Sie mochte vielleicht aussehen, als wollte sie auf einen Mardi-Gras-Ball gehen mit ihren Haaren, die ebenso farbenfroh waren wie ihre Kleidung, aber hinter dieser Fassade steckte mehr, als man auf den ersten Blick vermutete, davon war Delia überzeugt. Sie konnte es spüren.

»Dauert nur eine Minute«, sagte Torie in diesem Moment und betrat durch eine Tür auf dem oberen Absatz, die sie noch nicht einmal aufstoßen musste, weil sie ohnehin offenstand, die Wohnung. »Die Kaffeemaschine«, sie drehte sich lächelnd zu Delia um, »ist zwar ein älteres Modell, aber sie hat mich noch nie im Stich gelassen.«

Fast hätte Delia schlucken müssen. Schon beim ersten Mal, als sie dieses Lächeln gesehen hatte, hatte es etwas in ihr ausgelöst. Aber da war es in gewisser Weise noch eine Überraschung gewesen, weil Torie sich zuvor so abwehrend verhalten hatte. Jetzt war es fast schon so etwas wie eine liebe Gewohnheit. Was jedoch den Eindruck, den es auf Delia machte, nicht minderte. Eher im Gegenteil.

Als sie hinter Torie in den Flur trat, blieb sie erst einmal frappiert stehen. »Oh«, entfuhr es ihr ungewollt.

Torie lachte, während sie sich halb zurückwandte, weil sie bereits auf dem Weg in die Küche am anderen Ende des langen Ganges war. »Ich nehme einmal an, Ihr Büro ist etwas anders angestrichen?«

Delia musste schmunzeln. »Könnte man so sagen«, bestätigte sie und folgte Torie.

Die Wohnung passte zu ihrer Besitzerin. Vermutlich gab es hier keine einzige weiße oder auch nur beige oder dunkle Wand. Alles war in poppigen Farben gestrichen, sodass man fast das Gefühl hatte, man beträte einen Disneyfilm.

»Es war ziemlich heruntergekommen, als ich hier einzog. Und leider hatte ich kein Geld für teure Renovierungen«, erklärte Torie, die Kaffeepulver in einen Filter füllte und ihn dann in eine Maschine einhängte, die im Gegensatz zu der eher modernen Farbenpracht der Wände schwarz, erstaunlich alt und solide aussah. »Aber ich habe einen Freund, der ein Malergeschäft besitzt, und er hat immer wieder einmal halbleere Farbtöpfe übrig, die er mir überlassen hat. Deshalb«, sie machte eine allumfassende Armbewegung in die Wohnung hinein, »gibt es keine einheitliche Farbgestaltung.«

»Oh, das . . .«, Delia blickte sich kurz um, »stört gar nicht.«

»Ach nein?« Mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung nahm Torie eine Tasse aus einem Abtropfgitter an der Spüle und stellte sie neben die Maschine, die ein wenig angefangen hatte zu zischen. Dann fiel ihr anscheinend ein, dass sie zwei Tassen brauchte, und sie nahm eine zweite aus einem mit einem Tuch verhängten Regal aus Ziegelsteinen unterhalb des alten Tisches, dessen rohe Holzlatten mit einer Plastikfolie überzogen waren, um die Abstände dazwischen zu verbinden, damit nichts durch die Ritzen fallen konnte, und auf dem die Kaffeemaschine stand. Zweifellos diente er auch als Anrichte, da es sonst keine gab. Fast grinsend wandte sie sich dann wieder an Delia. »Sie sahen ziemlich überrascht aus, als Sie den Flur betraten.«

»Schon.« Delia nickte. »Aber das heißt nicht, dass ich es nicht mag. Das hier«, sie wies mit einer Hand auf ihren dunklen Anzug, »ist mein tägliches Leben, aber ich könnte nicht behaupten, dass ich etwas mehr Farbe nicht zu schätzen wüsste. Nur verlangen die Kunden einer Anwaltskanzlei Seriosität. Eine Farbgestaltung wie diese hier«, noch einmal blickte sie sich lächelnd um, »würde sie eventuell abschrecken.«

»Das heißt also, Sie halten mich für unseriös?« Tories Augenbrauen zogen sich unwillig zusammen.

»Aber nein!« Abwehrend hob Delia die Hände. »Das wollte ich damit nicht sagen. Warum sollte ein Frisiersalon nicht bonbonfarben sein? Und auch eine Wohnung in einem alten Gemäuer wie diesem kann davon nur profitieren.«

Auch wenn Torie so aussah, als würde sie ihr nicht ganz glauben, ließ sie das unkommentiert und wandte sich wieder der Kaffeemaschine zu. »Gleich fertig«, sagte sie. »Nehmen Sie Milch und Zucker?«

»Nein, schwarz.« Delia schüttelte den Kopf. Dann musste sie lachen. »Passend zu meinem Anzug. Also sind Farben vielleicht doch nicht so mein Ding.«

»Dachte ich mir«, meinte Torie etwas rätselhaft, ging zum Kühlschrank und nahm die Milch heraus, um sie neben die Kaffeemaschine zu stellen, wo schon eine Zuckerdose stand. »Ich nehme beides. Sonst ist mir Kaffee zu bitter.«

Und das passt wiederum zu dir, dachte Delia. Du bist süß. Warum sollte dein Kaffee es nicht auch sein? Doch auch diesen Gedanken sollte sie lieber unterdrücken, das war ihr klar. Das hier war kein Date, es war eine Art Geschäftsbesprechung, wenn man das so sagen konnte. Sie brauchte Verbündete hier in dieser Stadt, keine flüchtigen Affären, bei denen der Schuss zum Schluss dann nach hinten losging. Davon hatte sie genug gehabt.

»Bitte.« Torie überreichte ihr eine große, wild gemusterte Tasse mit pechschwarzem Inhalt. »Lassen Sie uns rübergehen in meinen«, sie lachte leicht, »Salon. Da ist es gemütlicher.«

Delia nahm die Tasse und nickte, ließ Torie dann an sich vorbeigehen, um sich von ihr den Weg zeigen zu lassen, und folgte ihr in ein Zimmer, das wohl niemand sonst außer seiner Besitzerin als Salon bezeichnet hätte. Es war ebenso farbenprächtig angestrichen wie der Rest der Wohnung, und dazu gab es noch verschiedene, nicht zueinander passende Möbel, die aussahen, als wären sie irgendwo als Einzelteile übriggeblieben oder würden vom Sperrmüll stammen, was dazu führte, dass sich ein paar weitere Farben und Farbschattierungen zu denen der Wände gesellten.

Torie ließ sich halb auf eine Art Sitzkissen fallen, das ungefähr die Form einer riesigen Birne hatte, in der sie regelrecht versank, und gab einen tiefen Seufzer von sich. »Das ist glaube ich das erste Mal heute, dass ich sitze«, verkündete sie dennoch recht fröhlich. Sie blickte zu Delia hoch. »Oh, Entschuldigung«, sagte sie. »Bitte suchen Sie sich irgendeinen Platz aus. Ich bin sehr unhöflich. Aber das ist so mein übliches Ritual, wenn ich aus dem Laden komme. Ich habe wohl vergessen, dass ich Besuch habe.«

»Ich will Sie absolut nicht in Ihren Gewohnheiten stören«, versicherte Delia ihr. Sie blickte sich um und entschied sich dann für einen breiten Flügelsessel, der entweder noch aus den Siebzigerjahren stammen oder ein Nachbau sein musste. Er hatte relativ kurze, sich nach links und rechts hinausspreizende Beine aus Chrom und die Sitzfläche war in etwa geformt wie eine geöffnete Muschel. Aber wenigstens versank man nicht ganz so tief darin wie in dem Sitzkissen, in dem Torie es sich gemütlich gemacht hatte.

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