Teil 03

»Den haben Sie nicht gleich parat?« Nun wirkte Esther nicht nur unzufrieden, sondern enttäuscht. »Ich dachte, Sie sind Kreativdirektorin?«

Mit festem Blick schaute Iris sie an. »Deshalb mache ich mir gern erst einmal ein Bild von den Anforderungen, bevor ich irgendwelche Slogans hervorsprudele«, entgegnete sie freundlich. »Ich halte das für seriöser.«

Esther wirkte perplex. Für einen Moment war sie sprachlos. Dann lachte sie leise. »Ein Feigling sind Sie nicht.« Ihre Augen bekamen wieder diesen amüsierten Ausdruck wie zu Beginn. »Ich könnte jetzt beleidigt sein und gehen.«

»Und?«, fragte Iris. »Tun Sie es?«

Eine ewig lange Minute zog sich wie Kaugummi, bevor Esther antwortete. »Nein«, sagte sie.

Ihr Blick glitt über Iris, als hätte sie auf einmal etwas entdeckt, was sie zuvor nicht in ihr vermutet hatte. Als wäre sie tatsächlich überrascht.

Das ist gut, dachte Iris. Sie lässt sich gern überraschen, und das habe ich getan. Und trotzdem hat sie es nicht von mir erwartet. Das verunsichert sie.

Sie lächelte zuvorkommend. »Das freut mich«, sagte sie. »Glauben Sie mir, Sie sind bei der Agentur Meissner in guten Händen. Wir werden Ihnen genau das liefern, was Sie sich vorstellen.« Sie lachte leicht. »Oder vielleicht jetzt noch nicht einmal vorstellen können.«

Esther legte den Kopf schief, nahm dann einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse wieder ab. »Das sind nur Sprüche«, erwiderte sie. »Aber«, sie hob lediglich ihre Finger vom Tisch, während sie ihre Handballen darauf liegen ließ, »etwas anderes habe ich von jemandem aus der Werbebranche auch nicht erwartet. Reine Versprechungen nützen mir jedoch nichts. Ich will Ergebnisse sehen.«

»Selbstverständlich.« Iris nickte. »Die werden Sie auch bekommen.«

»Das hoffe ich«, entgegnete Esther, und es klang, als ob sie das nur zu höchstens fünfzig Prozent erwarten würde.

Iris beugte sich über den Tisch zu ihr vor und versuchte ihre Augen einzufangen. »Das können Sie auch hoffen«, bekräftigte sie. »Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

Für einen Moment erhaschte sie ein Aufblitzen der grünen Farbsprenkel auf dem rehbraunen Hintergrund, als ob Esther ein Gedanke durch den Kopf geschossen wäre.

Dann jedoch lehnte sie sich leicht auflachend in ihrem Stuhl zurück, und Iris verlor den Kontakt zu diesen vielversprechenden Portalen in ihre Seele. Nein, sie verlor ihn nicht einfach. Esther verweigerte ihn ihr, zog sich in den Innenhof ihres Schlosses zurück.

»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, sagte sie.

Sie ist schon oft enttäuscht worden, dachte Iris. Sie will sich auf nichts einlassen, was sie nicht schwarz auf weiß vor sich hat. Was nicht fast schon in Stein gemeißelt ist.

»Das werden Sie.« Auch Iris lehnte sich zurück und lächelte. »Sobald der Vertrag unterschrieben ist, fertige ich Ihnen einen Entwurf.«

»Dann sollte ich den Vertrag wohl möglichst schnell unterschreiben, nicht wahr?«

Iris merkte deutlich, dass Esthers Stimmung auf einmal in den Keller gesunken war. Fühlte sie sich durch Iris’ Bemerkung gedrängt, und das wollte sie nicht? Aber sie war schließlich als Kundin in die Agentur gekommen. Was erwartete sie denn?

Auf jeden Fall stimmte es nicht, was sie gesagt hatte, nämlich dass sie nie etwas erwartete. Sie erwartete sehr viel. Nur wollte sie das nicht zugeben. Oder nicht genauer definieren.

»Ich werde das mit Ihrem Chef besprechen«, fügte Esther in diesem Moment hinzu, legte die Stoffserviette aus feinstem Leinen auf den Tisch und stand auf. Wie beiläufig nickte sie Iris noch einmal zu und verließ das Café.

»Puh!« Iris atmete mit einem Stoßseufzer aus, der die Luft aus ihren Lungen entließ, die sie unwillkürlich angehalten hatte.

Sie lehnte sich zurück und starrte durch das Fenster hinaus. Da dieses Café oben in einem Wolkenkratzer lag, sah sie den Himmel und andere Wolkenkratzer, manche niedriger und manche höher als dieser, sonst nicht viel.

Sie fand Esther Berles durchaus attraktiv – in einem eher geschäftsmäßigen Sinn –, aber eine Auftraggeberin, die so schnell von einer Stimmung in die andere fallen konnte, würde nicht einfach sein.

Doch da war sie nicht die erste.

Ihr Blick wanderte auf den Teller vor sich zurück. Nur weil Esther gegangen war, musste sie jetzt nicht hetzen und ebenfalls sofort aufspringen. Zum Frühstücken war sie schließlich noch kaum gekommen, und das war eine Schande bei den Preisen, die sie hier für die Verköstigung verlangten. Sie lächelte und widmete sich dann mit Genuss all dem, was vor ihr auf dem Tisch stand.

Auch Esther Berles würde sie nicht dazu bringen, mit leerem Magen zu arbeiten.


»Gibt sie uns den Auftrag?« Roland empfing sie mit fieberhafter Ungeduld, als sie ins Büro zurückkehrte.

»Das will sie noch mit dir besprechen«, antwortete Iris und ging durch in ihr Büro.

Er zuckte sichtlich zusammen und folgte ihr. »Mit mir? Warum denn mit mir? Habt ihr euch nicht gut verstanden?« Seine Stimme klang panisch.

»Sie ist eine Kundin. Eine potenzielle Kundin, heißt das. Ich muss mich nicht mit ihr verstehen.« Iris setzte sich an den Computer und checkte die Nachrichten, die zwischenzeitlich gekommen waren.

Roland schnappte fast nach Luft. »Du willst die Kampagne nicht machen?«

»Roland.« Iris seufzte, blickte vom Bildschirm auf und sah ihn an. »Natürlich mache ich sie, wenn sie uns den Auftrag dazu erteilt. Ich bin auch ziemlich sicher, dass sie den Vertrag unterschreiben wird. Aber irgendetwas stört sie, und ich weiß nicht, was es ist.« Bevor Roland hysterisch werden konnte, wozu er schon ansetzte, hob sie beschwichtigend die Hand. »Nur weil du dich mit Frauen nicht verstehst, heißt das noch lange nicht, dass alle Frauen sich auf Anhieb verstehen, nur weil sie Frauen sind«, erklärte sie spöttisch. »Wir müssen abwarten.«

»Hat sie noch andere Eisen im Feuer?«, fragte er und legte beunruhigt eine Hand ans Kinn. »Vielleicht sollte ich mal ein bisschen herumhorchen. Wir sind bestimmt nicht die einzige Agentur, bei der sie war.«

»Ja, tu das.« Iris nickte. »Würde mich auch interessieren.«

Während Roland in seiner üblichen hektischen Art aus ihrem Büro hinausstürzte, dachte Iris noch einmal über das Gespräch mit Esther nach. Sie würde sich nicht mit ungelegten Eiern beschäftigen, das hieß, sie würde abwarten, ob Esther den Vertrag tatsächlich unterschrieb, bevor sie damit anfing, sich Gedanken über die Umsetzung zu machen. Aber es war nicht unbedingt der wahrscheinlich zu erwartende Auftrag, der ihre Gedanken beschäftigte. Es war mehr die Auftraggeberin.

Esther Berles war auf jeden Fall eine ungewöhnliche Frau. Auch eine verletzte Frau, das hatte Iris deutlich gespürt. Und sie fand Esther attraktiv. Sie war eine Frau, die durchaus ihre Reize hatte. Vielleicht ein bisschen zu großbürgerlich. Nicht eine der jungen Frauen mit künstlerischen Ambitionen, die Iris bevorzugte. Aber das war kein Hinderungsgrund.

Kein Hinderungsgrund für was? Sie schüttelte leicht über sich selbst lachend den Kopf. Noch nie hatte sie sich auf eine Affäre mit einem Auftraggeber eingelassen, auch wenn einige der Herren das gern gehabt hätten. Es war ihr Prinzip, Privates und Geschäftliches zu trennen, um sich unnötige Probleme zu ersparen. Und zudem interessierten Männer sie nicht. Da war es einfach gewesen, Angebote, mit denen männliche Kunden versucht hatten, Geschäft und Vergnügen zu verbinden, abzulehnen.

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