Teil 03

Torie zuckte die Schultern. »Mich und andere. Man konnte ja nicht zurückschlagen. Sie war eine Pleshette.« Sie winkte ab. »Aber das ist Kinderkram. Sie ist schon lange nicht mehr hiergewesen. Ihr Geburtsort bietet nicht genügend . . . Abwechslung für sie. Und um ihre Erbschaft anzutreten, muss sie sich auch noch nicht einmal herbemühen. Dafür hat sie Sie geschickt.« Ihre Augen blitzten Delia an. »Sie hatte immer schon für alles ihre Leute.« Als Delia nicht antwortete, wuchs die Wut in Torie noch mehr an. »Weshalb sind Sie gekommen?«, stieß sie heftig hervor. »Um die Miete zu erhöhen? Oder wollen Sie das Haus gleich abreißen und einen Wolkenkratzer hier hinsetzen?« Sie lachte trocken auf. »Wie unsinnig das auch immer in Pleshette wäre.«

Auf einmal schien Delia sich gefangen zu haben. »Da haben Sie recht. Das wäre unsinnig«, bestätigte sie nur lässig. »Es geht lediglich darum, den Nachlass erst einmal zu sichten.«

»Wie schade, dass der alte Henry keinen Sohn hatte«, schleuderte Torie ihr immer noch aufgebracht entgegen. »Nun wird der Besitzer von Pleshette seit Generationen zum ersten Mal nicht Henry Pleshette heißen.«

»Wie ich hörte, hat er das sehr bedauert«, stimmte Delia zu. »Aber es ist nun einmal nicht zu ändern.«

»Jetzt jedenfalls nicht mehr«, bemerkte Torie beißend. »Wo er tot ist.«

Delias Mundwinkel hoben sich leicht. »Wollen Sie nicht vielleicht doch einen Kaffee mit mir trinken gehen? Sie sind hier in der Stadt aufgewachsen. Sie wissen viel mehr darüber als ich. Sie könnten mir doch sicher einiges über die Gebäude und Geschäfte hier erzählen.«

»Damit Sie sie abreißen oder renovieren und die Miete maßlos erhöhen können, sodass kein Einheimischer es sich mehr leisten kann, darin zu wohnen?«, fragte Torie bissig. »Nur noch irgendwelche Weekender aus Vegas, deren Häuser dann unter der Woche die ganze Zeit leerstehen, die nicht hier leben und einkaufen und alle Geschäfte pleitegehen lassen?« Sie nickte grimmig. »Das würde zu Claire passen.« Erneut blitzten ihre Augen Delia an. »Und Sie sind ja ihre Anwältin.«

Delia schien zu schmunzeln, unterdrückte es aber. »Da haben Sie etwas falsch verstanden«, erwiderte sie gelassen. »Ich arbeite nicht für Claire Pleshette. Denn sie ist nicht die Erbin.«

»Nicht?« Das überraschte Torie jetzt doch sehr. Sie riss die Augen auf. »Aber wer dann? Der alte Henry hatte doch nur das eine Kind.«

»Ja«, bestätigte Delia. »Aber die Familie Pleshette umfasst noch mehr Mitglieder.«

»Ist nicht wahr.« Jetzt riss Torie nicht nur die Augen, sondern auch noch den Mund auf. »Der alte Henry hat sich dazu durchgerungen, irgendeinen Cousin ans Ruder zu lassen?«

Insgeheim konnte sie sich nicht dagegen wehren, eine klammheimliche Freude zu empfinden. Das war ja vielleicht ein Schlag ins Kontor für Claire. Das erste Mal in ihrem Leben wahrscheinlich, dass Daddy nicht alle Rechnungen bezahlte oder sie die Prinzessin war. Damit hätte Torie niemals gerechnet. Aber wenn jemand diese Demütigung – denn das war es – verdient hatte, dann Claire. So konnte sie dem Wort Demut zum ersten Mal seit ihrer Geburt endlich einmal wenigstens eine Bedeutung zuordnen. Bisher war es für sie eine völlig überflüssige Vokabel gewesen.

»Aber . . .« Sie räusperte sich, weil ihr doch noch eine Frage auf der Zunge lag, die Delia nicht beantwortet hatte. »Aber ganz mittellos wird er Claire ja nicht zurückgelassen haben, oder?«

Delia schüttelte den Kopf. »Nein. Es ist gut für sie gesorgt«, erwiderte sie zurückhaltend. »Das einzige, was ihr entgeht, sind die Millionen aus den Silberminen hier um Pleshette herum, die ihre Familie reich gemacht haben und immer noch reicher machen.«

»Das ist allerdings der größte Anteil«, bemerkte Torie nachdenklich. »Alles andere ist ja verglichen damit sicher nur ein Taschengeld.«

»Ein sehr großzügiges«, ergänzte Delia trocken. Sie legte leicht den Kopf schief. »Es wundert mich, dass Sie sich so große Sorgen um Claires Wohlergehen machen. Wo sie Sie doch so schlecht behandelt hat.«

»Ach, das ist doch Schnee von gestern«, entgegnete Torie wegwerfend. »Mittlerweile sind wir schließlich alle erwachsen geworden.«

Delias Mundwinkel zuckten. »Das heißt, heute würden Sie zurückschlagen?«

Auch Torie konnte eine amüsierte Bewegung ihrer Lippen nicht unterdrücken. »Denken Sie, das wäre ein sehr erwachsenes Verhalten?«

»Kommt drauf an«, sagte Delia. »Ich bin nicht für Rache. Aber Gerechtigkeit – dafür habe ich schon was übrig. Deshalb bin ich Anwältin geworden.«

Unvermittelt brach Torie in einen Lachanfall aus. »Ist das Ihr Ernst? Kennen Sie nicht den Witz: Was ist ein Bus voller Anwälte, der mit drei freien Sitzen über eine Klippe fährt? – Platzverschwendung.«

Unangenehm berührt verzog Delia das Gesicht. »Natürlich kenne ich den. Jeder Anwalt kennt den.« Auf einmal änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wehrte sich offenbar gegen einen gewaltigen Krampf in ihren Mundwinkeln, weit mehr als zuvor. »Kennen Sie den? Was sind hundert Anwälte auf dem Meeresgrund? – Ein guter Anfang.«

Ein Glucksen entfuhr Tories Mund, bevor sie es verhindern konnte. »Ja, den kenne ich«, bestätigte sie dann jedoch mit noch einigermaßen beherrschter Stimme. Hm, erstaunlich, dachte sie gleichzeitig. Sie hat tatsächlich Humor. Hätte ich nicht gedacht. Fast als wäre es eine ganz natürliche Folge dieses Gedankens, lächelte sie Delia an. »Haben Sie immer noch Lust auf einen Kaffee? Ich hätte welchen. Im besten Café der Stadt. Nur eine Etage höher.«

Unwillkürlich wanderten ihre Augen beinah synchron mit denen von Delia zur Decke, und als sie das bemerkten, mussten sie beide lachen.

»Eigentlich wollte ich Sie ja zum Kaffee einladen«, meinte Delia dann ebenfalls lächelnd, wie Torie es zuvor getan hatte. »Aber ich hätte jetzt wirklich nichts gegen einen Kaffee, und vielleicht kann ich mich ja mal irgendwie revanchieren.«

Da wüsste ich schon was, dachte Torie, aber dann wandte sie sich schnell ab, weil sie Angst hatte, dass das Kribbeln auf ihren Lippen, als sie sich vorstellte, dass Delia sie küsste, sich auch auf ihre Wangen ausbreiten und sie rotfärben könnte. »Ich muss nur noch ein paar Sachen wegräumen«, behauptete sie schnell und ging nach hinten in den kleinen Lagerraum hinter dem Salon, in dem sie alles aufbewahrte, was sie für ihre Kundinnen brauchte, von Haarfarbe über Shampoo bis hin zu den Handtüchern und Umhängen, mit denen sie die Damen vor herunterfallenden Haaren oder auch zu großzügig aufgetragener Farbe schützte.

In dem Raum stützte sie sich kurz an einem der Regale ab und atmete tief durch. Wie war sie nur auf den Gedanken gekommen, Delia zum Kaffee einzuladen? In ihre Wohnung! Sie kannte sie doch überhaupt nicht. Außerdem gehörte sie zu den Pleshettes, mit denen Torie eigentlich nichts zu tun haben wollte.

Sie wollte sich aber auch nicht lächerlich machen, indem sie die Einladung jetzt wieder zurückzog. Wie sähe das denn aus? Vielleicht so, als ob sie Angst vor Delia Cavanaugh hätte? Nein, das konnte sie auf keinen Fall zulassen!

Entschlossen straffte sie ihre Schultern, fuhr sich kurz durch die Haare und ging wieder in den Laden zurück. »So«, verkündete sie lächelnd. »Alles fertig. Jetzt können wir hochgehen.«

Delia nickte, trat dann zur Seite, als Torie auf die Außentür zuging und sie öffnete, um sie hinauszulassen, und wartete auf dem Bürgersteig, bis Torie abgeschlossen hatte.

»Hier entlang.« Mit einer Hand wies Torie den Weg und ging dann auch gleich auf die Tür zu, die um die Ecke lag.

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