Teil 02

Sie überlegte, ob sie den Salon abschließen sollte – heute kam ja wahrscheinlich sowieso niemand mehr –, aber es war zu spät, eine Entscheidung zu treffen. Die hatte ihr die Fremde, die sie nun gar nicht mehr so attraktiv fand, unverschämt, wie sie gewesen war, schon abgenommen, indem sie hinter Torie den Salon betrat.

»Sie haben mich nicht belästigt«, sagte sie. »Und ich glaube, ich muss mich entschuldigen.« Sie lächelte leicht, aber es war ein sehr zurückhaltendes Lächeln. Als ob sie es nicht so richtig gewöhnt wäre. »Ich war schon lange nicht mehr in einer so kleinen Stadt, wo die Menschen sich wahrscheinlich tatsächlich noch gegenseitig helfen.«

»Allerdings. Das tun wir«, schnappte Torie. »Aber ich will mich nicht aufdrängen.«

»Das haben Sie nicht.« Die Dunkelhaarige schaute sich neugierig in Tories Frisiersalon um. »Sind Sie hier angestellt?«, fragte sie.

Abwehrend verschränkte Torie die Arme. Was bildete diese Kuh sich eigentlich ein? »Nein, ich bin die Besitzerin«, korrigierte sie. Mit einem tadelnden Blick fuhr sie über die Gestalt, ein Blick, der ihr zeigen musste, wie sehr sie hier störte. »Torie Simmons, wenn Sie erlauben.«

Die Fremde lachte. »Oh, ich erlaube. Ich erlaube alles.« Sie neigte leicht den Kopf. »Und verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Delia Cavanaugh.« Erneut neigte sie den Kopf. »Von Bergman, Cavanaugh und Perrine. Anwaltskanzlei Las Vegas.«

»Dann lag ich ja gar nicht so falsch«, murmelte Torie vor sich hin.

Fragend öffnete Delia Cavanaugh die Augen und schaute sie an. »Falsch womit?« Sie hatte offensichtlich gute Ohren.

»Oh, gar nichts«, sagte Torie, der es auf einmal peinlich war, dass ihr Delia Cavanaugh immer noch wie eine dieser Anwältinnen aus dem Fernsehen vorkam.

Nun, da sie ihr ausgesprochen beeindruckendes Parfüm roch, sogar noch mehr. Es strahlte so etwas von Selbstsicherheit aus, von gutbezahlter Selbstsicherheit. Wenn man viel Geld verdiente, kam das wohl mit dem Job. Bestimmt war sie auch auf ein teures College gegangen, das ihr diesen Job ermöglicht hatte. Und dieses teure College hatte eine Familie bezahlt, die sich das leisten konnte.

Tories Familie hatte sich so etwas nicht leisten können, deshalb war sie nach der High School sofort im ersten Job gelandet, weil sie schnell Geld verdienen musste, allerdings sicherlich wesentlich weniger als diese Dame hier. Die würde dafür wahrscheinlich noch nicht einmal einen Finger heben.

Ihr Blick schweifte fachkundig, aber nicht sehr interessiert über Delias kurze, garantiert von einem Sterne-Friseur gestylte Locken. »Einen Friseurtermin brauchen Sie nicht«, stellte sie fest. Sie blickte wie nebenbei auf die Straße hinaus, die immer noch genauso leer dalag wie zuvor. »Dann würde ich jetzt zumachen. Es wird wohl niemand mehr kommen.«

Delia lachte leise. »Sie wollen mich loswerden.«

»Dazu müsste ich Sie ja erst einmal kennen«, erwiderte Torie spitz. »Und ich kenne Sie nicht.«

»Aber wir könnten uns vielleicht kennenlernen«, meinte Delia etwas amüsiert. »Gibt es so etwas wie ein Café in diesem . . .«, sie räusperte sich, »in dieser Stadt?«

Es war Torie absolut nicht entgangen, dass sie hatte Kaff sagen wollen, und genau das brachte Torie erneut auf die Palme. Einbildung ist auch ’ne Bildung, dachte sie. Aber bei mir kommst du damit nicht an. »Sicher keins, das Ihren Ansprüchen genügt«, blaffte sie Delia Cavanaugh abweisend ins Gesicht wie ein kleiner Hund, der einen größeren ankläfft, um ihm zu beweisen, dass er keine Angst vor ihm hat. »Und jetzt erlauben Sie bitte, dass ich abschließe.« Mit schnellen Schritten ging sie an ihrer unerwünschten Besucherin vorbei und öffnete demonstrativ die Tür. »Bitte«, wiederholte sie noch einmal, während sie mit einem Arm hinauswies.

Delia schmunzelte. »Na, das nenne ich einen Rausschmiss.« Gemächlich kam sie auf Torie zu und schlenderte förmlich an ihr vorbei halb durch den Türrahmen, wo sie sich noch einmal zu ihr umdrehte. »Eine Frage noch. Sie wissen nicht vielleicht, ob jemand den Schlüssel zu der Wohnung im ersten Stock hat?«

Torie blieb fast der Mund offenstehen. »D-doch«, stammelte sie endlich. »Ich. Ich wohne da.«

Auf einmal schien Delias Blick sich zu verändern. »Ach, Sie wohnen da?« Sie wies mit ihrer Hand hinauf. »Da oben?«

»Ja«, bestätigte Torie. »Ist praktisch. Weil der Laden ja hier unten ist.« Warum erklärte sie das alles? Hatte diese . . . Delia irgendein Anrecht darauf?

»Ja, natürlich. Das ist praktisch«, wiederholte Delia ein bisschen nachdenklich.

Was zum Teufel geht sie das an? dachte Torie. Delia Cavanaugh hatte die letzten Sätze so ausgesprochen, als ob sie ein weitergehendes Interesse an Tories Wohnung hätte. Auf einmal wurde Torie ganz kalt. »Sind Sie . . .« Sie räusperte sich. »Sind Sie irgendwie mit dem Nachlass von Henry Pleshette betraut?« Daran hätte sie gleich denken sollen, als Delia Cavanaugh sich als Anwältin vorgestellt hatte.

Delia Cavanaugh nickte. »Ja«, bestätigte sie knapp, ohne sich weiter dazu zu äußern.

Die Stadt Pleshette hieß nicht umsonst so. Das meiste davon gehörte tatsächlich der Familie Pleshette, deren Vorfahr, ebenfalls ein Henry Pleshette, die Stadt gegründet und ihr seinen Namen gegeben hatte. Jeder älteste Sohn hatte daraufhin den Namen Henry erhalten, und im Laufe der Zeit war nicht nur die Anzahl der Familienmitglieder, sondern auch deren Reichtum gewachsen. Wenn es eine Nachfolgefamilie für die Cartwrights aus Bonanza hier in Nevada gab, dann waren es die Pleshettes.

Der alte Henry Pleshette war vor einigen Wochen gestorben, und da auch das Haus, in dem Torie wohnte und ihren Salon betrieb, ihm gehört hatte, hatte sie schon erwartet, dass irgendetwas passieren würde. Aber dann war erst einmal nichts passiert. Vielleicht hätte sie nicht so früh erleichtert aufatmen sollen.

»Wer hat geerbt?«, fragte sie und verschränkte die Arme. »Claire?«

Schon bei der Nennung des Namens zog sich ihr Magen zusammen. Claire Pleshette war der letzte Mensch auf der Welt, den sie wiedersehen wollte. Als Torie hier in Pleshette aufgewachsen war, hatte es Claire immer wieder ein teuflisches Vergnügen bereitet, sie zu beschimpfen und niederzumachen, ihr zu zeigen, wie viel Geld und Bedeutung die Familie Pleshette besaß und dass keins von beidem auf Tories Familie zutraf. Wie wertlos sie, die die abgelegten Kleider anderer tragen musste, weil ihre Familie kein Geld hatte, neue zu kaufen, war. Dass Claire alles mit ihr tun konnte, was sie wollte und wann immer sie es wollte, und Torie sich nicht dagegen wehren konnte.

»Sie kennen sie?« Delias helle Augen bildeten einen interessanten Kontrast zu ihrer Haarfarbe, aber leider hatte Torie dafür im Moment keinen Blick mehr übrig.

Sie atmete tief durch. »Ja, ich kenne sie«, entgegnete sie mit einer so neutralen Stimme wie möglich, obwohl die Wut auf Claire, die sie schon vergessen geglaubt hatte, wieder in ihr hochstieg. »Wir sind hier zusammen aufgewachsen.« Hohl lachte sie auf. »Wenn man das so sagen kann.«

»Ist Claire nicht ein bisschen älter als Sie?« Prüfend blickte Delia sie an.

»Hmhm.« Torie nickte. »Sie hatte aber nie etwas dagegen, kleinere Kinder zu schlagen und zu treten, wenn sie die Gelegenheit dazu bekam.«

Wurde diese hartgesottene Anwältin da etwa bleich unter ihrer braungebrannten Haut? Torie wunderte sich. Man sollte doch meinen, dass Anwälte Schlimmeres gewöhnt waren.

»Sie hat Sie geschlagen?«, wiederholte Delia jedoch tatsächlich ungläubig.

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