Teil 02

Und alles andere, ihr Make-Up, ihre Kleidung, ihre Schuhe, war darauf abgestimmt. Sehr geschmackvoll.

»Herr Meissner hat Sie schon ins Bild gesetzt?«, fragte die Frau und hob leicht, nur ganz leicht, sodass es fast wie ein Versehen aussah, die Augenbrauen.

»Nein, noch nicht«, antwortete Iris wahrheitsgemäß. »Ich bin gerade erst gekommen.«

»Sie sind keine Frühaufsteherin?«

Innerlich verfluchte Iris Roland, weil er ihr den Namen der neuen Kundin vorenthalten hatte. Er machte die Dinge immer unnötig kompliziert. Zumindest hätte er sie beide vorstellen können.

Sie überlegte schnell, wie sie die Frage beantworten sollte. Ob es sie den Auftrag kosten konnte, wenn diese Frau sie, Iris, für eine Langschläferin hielt. Was sie vielleicht mit Faulheit gleichsetzte, wenn sie selbst eine Frühaufsteherin war.

Allerdings gab es keinen Grund anzunehmen, dass Menschen, die früher aufstanden, deshalb zum Schluss effizienter arbeiteten als Menschen, die vielleicht eher die Nacht zum Tage machten. Also sagte sie: »Wenn Sie acht Uhr für spät halten, bin ich keine Frühaufsteherin, das stimmt.«

Die Frau lachte. »Gut ausgedrückt. Man merkt, welchen Beruf Sie haben. Sie legen sich nicht fest, und trotzdem hat man das Gefühl, Sie hätten eine Aussage gemacht. So jemanden brauche ich.«

»Ich wollte nicht ausweichen.« Iris lächelte sie offen an. »In der Tat komme ich normalerweise später. Ich war nur . . . ohnehin schon in der Stadt.«

»Das heißt, Sie wohnen außerhalb?«, fragte das wenn auch nicht klassisch schöne, aber dennoch oder vielleicht gerade deshalb anziehende Gesicht.

Iris nickte. Sie wandte sich an Roland. »Kann ich dich kurz sprechen?« Mit einer kleinen Geste fügte sie an die Frau gewandt hinzu: »Entschuldigen Sie uns bitte einen Moment?« Sie zog Roland mit sich in die Ecke. »Kannst du mir bitte endlich mal mitteilen, wie sie heißt? Ich kann sie schließlich nicht selbst fragen.«

»Habe ich dir das nicht gesagt?«, fragte er so unschuldig zurück, als wüsste er es wirklich nicht.

Iris schaute ihn nur auffordernd an.

»Berles«, sagte er. »Esther Berles. Sie hat mit dieser Kaufhauskette zu tun . . .«

Iris hatte genug gehört. Sie ließ Roland einfach stehen und ging zu der neuen Kundin, die ihr gedämpft erwartungsvoll entgegenblickte, zurück. »Finden Sie es hier nicht auch ein bisschen ungemütlich, Frau Berles?«, fragte sie. »Wie wäre es mit einem Frühstück?« Ihr Magen erinnerte sie bereits schmerzhaft daran, dass Elena niemals Frühstück machte und Rolands vorzeitiges Auftauchen sie daran gehindert hatte, das Frühstück im Büro nachzuholen. Sie verzog die Mundwinkel. »Oder einem zweiten Frühstück, wenn das für Sie als Frühaufsteherin zutrifft?«

Esther Berles erhob sich. »Gute Idee«, sagte sie. Sie lächelte, und die Fältchen in ihren Augenwinkeln ergänzten das amüsierte Aufblitzen in den braunen, von leicht grünlichen Sprenkeln wie mit lebensfrohen Farbspritzern durchzogenen Augen zu einer Art versehentlichem Zwinkern. Für die Erbin einer Kaufhauskette war sie ziemlich sympathisch.

Dennoch hatte sie es vermieden, darüber Auskunft zu geben, ob es ihr erstes oder zweites Frühstück war, wie Iris bemerkte. Auch sie machte Aussagen, ohne wirklich eine Aussage zu machen. Als ob sie in der Werbebranche tätig wäre.

»Wenn Sie hier vielleicht mit Herrn Meissner warten würden?«, schlug Iris vor. »Ich hole nur schnell –«

»Ich komme mit«, fiel Esther ein, bevor Iris ihren Satz beenden konnte. »Ich würde gern Ihr Büro sehen. Die Einrichtung sagt viel über einen Menschen aus.«

Iris zögerte nur unmerklich. »Ich fürchte, ich bin nicht der Typ, der Familienfotos auf den Schreibtisch stellt«, erwiderte sie dann, während sie sich schon mit Esther zu ihrem Büro in Bewegung setzte. »Falls Sie das erwarten.«

»Ich erwarte niemals etwas«, sagte Esther. Ein leises Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. »Erwartungen sind etwas für Leute mit festgefahrenen Gewohnheiten. Ich lasse mich lieber überraschen.«

Das hat sie mit Elena gemeinsam, dachte Iris. Auch wenn das für eine Geschäftsfrau eher ungewöhnlich ist.

In ihrem Büro angekommen griff sie nach ihrer Laptoptasche. »Ich denke, es wird ein Arbeitsfrühstück«, sagte sie und hob sie hoch.

»Kommt ganz darauf an.« Esther machte ihrer eigenen Aussage alle Ehre, indem sie sich nicht festlegte.

Iris überlegte, ob sie Worauf? fragen sollte, unterließ es dann aber. Sie lächelte nur leicht und wies zur Tür. »Bitte«, sagte sie. »Nach Ihnen.«


»Arbeiten Sie schon lange für die Agentur Meissner?«, fragte Esther, als sie sich dann in einem Café der gehobenen Klasse an einem anspruchsvoll gedeckten Tisch gegenübersaßen.

Aha, dachte Iris. Jetzt werde ich abgeklopft. Davon hängt es ab, ob sie uns den Auftrag gibt oder nicht. Sie hob leicht die Schultern und ließ sie wieder sinken. »Innerhalb der Werbebranche ist lange ein relativer Begriff. Ich bin jetzt gut zwei Jahre dort.«

»Ich nehme an, das würden Sie als lange bezeichnen, sonst hätten Sie es nicht so formuliert.« Esther betrachtete sie mit einem interessierten und dennoch undefinierbaren Blick. Es war nicht ganz klar, worauf ihr Interesse beruhte.

Iris schmunzelte. »In der Werbebranche ist es üblich, den Job mindestens alle zwei Jahre zu wechseln. Somit gehöre ich also quasi schon zum alten Eisen.«

Esthers Mundwinkel zuckten. »Unser Kaufhaus – das erste der Kette – wurde vor fast hundert Jahren gegründet. Innerhalb von zwei Jahren tut sich da nicht viel.«

»Deshalb passen wir nicht zusammen, denken Sie?«, fragte Iris direkt.

Diesmal sah Esther aus, als würde sie überlegen. »Das habe ich nicht gesagt«, bemerkte sie dann, wieder ohne richtig durchblicken zu lassen, was genau sie damit meinte. »Die fast hundert Jahre sind der Anlass, warum ich nach einer neuen Werbeagentur suche. Das Ereignis soll gebührend gefeiert werden. Gleichzeitig wird mein Großvater, der Sohn des Firmengründers, dieses Jahr neunzig Jahre alt, und mein Vater«, sie zögerte kurz, »will sich aus dem Geschäft zurückziehen. Da er es zu seinem und zum größten Bedauern meines Großvaters nicht zu einem Sohn gebracht hat, bedeutet das, dass ich dann endgültig die Geschäfte übernehmen werde.«

»Das ist allerdings ein ereignisreiches Jahr.« Iris betrachtete sie kurz, analysierte ihren Gesichtsausdruck und stellte fest, dass Esther Berles unzufrieden war. Vielleicht erkannte sie selbst es sofort, weil es so sehr ihrem eigenen Zustand ähnelte. Um nicht aufdringlich zu erscheinen, widmete sie sich wieder den teuren Kleinigkeiten auf ihrem Teller, die Frau Berles bezahlen würde, wenn sie den Auftrag erteilte. »Und das möchten Sie bei der Kampagne alles unter einen Hut bringen?« Sie schaute Esther fragend an.

Esther schüttelte den Kopf. »Nein, die bezieht sich nur auf das Hundertjährige. Alles andere sind Privatangelegenheiten. Der Stichtag für den Beginn der Kampagne ist allerdings der neunzigste Geburtstag meines Großvaters.«

»Hundert Jahre Kaufhaus Berles.« Iris kniff die Augen etwas zusammen, weil sie sich vorzustellen versuchte, wie ein Plakat mit dieser Aufschrift aussehen könnte. Aber in solchen Dingen war sie nicht gut. Sie würde Elena fragen.

»Ich hoffe nicht, das war der Slogan für die Kampagne«, sagte Esther. Sie hatte kaum etwas von dem, was auf ihrem Teller lag, angerührt.

Iris hörte jetzt nicht nur Unzufriedenheit, sondern sogar einen deutlichen Tadel aus der spröden Stimme heraus. »Das wäre etwas schwach, meinen Sie?« Sie lächelte. »Nennen wir es einfach einen Arbeitstitel. Einen Slogan müssen wir erst noch finden.«

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