Teil 12

»Wir sollten nicht über das Privatleben unserer Kunden spekulieren«, erwiderte sie stattdessen, ganz die ältere, erfahrene Frau, die der jüngeren eine Lehre erteilt. »Das steht uns nicht zu. Es geht nur ums Geschäft. Wie wir das beste Ergebnis erzielen. Und das hier«, sie hätte fast den ganzen Computer heruntergeworfen, als sie mit ihrer Hand ärgerlich auf den Bildschirm schlug, dass er heftig wackelte, »ist nicht das beste Ergebnis!«

Elena verschränkte die Arme vor der Brust. »Du warst ja schon immer anspruchsvoll.« Sie ließ ihren Blick von oben bis unten über Iris schweifen. »In jeder Beziehung. Aber so wie jetzt gerade habe ich dich ja noch nie erlebt. Als ob dir eine ganz gewaltige Laus über die Leber gelaufen wäre.«

Wenn Läuse Esther heißen können, stimmt das auch, dachte Iris. »Keine Laus«, sagte sie jedoch. »Nur die Vorstellung, dass wir gefälligst anständige Arbeit abliefern sollten für das viele Geld, das wir bekommen. Ist das etwa zu viel verlangt?« Nun blitzten ihre Augen Elena an, wie Elena sie noch gar nicht so lange Zeit zuvor angeblitzt hatte.

»Hm.« Elenas geschürzte Lippen spitzten sich nun auch noch. »Ich interessiere mich ja normalerweise nicht für dein Privatleben, will auch gar nichts darüber wissen, aber wenn es unsere Zusammenarbeit beeinträchtigt, möchte ich doch wenigstens eine Ahnung davon haben, was los ist.« Sie holte tief Luft. »Vor allen Dingen möchte ich mich hier nicht stellvertretend niedermachen lassen. Das mach bitte mit der Frau, die dir irgendwie auf den Schlips getreten ist. Ich habe damit nichts zu tun.«

Kurz stand Iris da und rührte sich nicht, dann ließ sie sich in einen Sessel fallen. »Du hast ja recht.« Sie fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. »Das hat alles nichts mit dir zu tun. Und mit deinen Entwürfen schon gar nicht. Die sind wirklich großartig.«

»Sag ich doch«, bestätigte Elena selbstbewusst. »Also was ist los? Warum nörgelst du so an mir herum, als würdest du tatsächlich Berles heißen?« Auf einmal legte sie den Kopf schief, als wäre ihr gerade eine Idee gekommen. »Oder hat es vielleicht mit ihr zu tun?«

Nun nahm Iris auch noch die zweite Hand dazu und fuhr sich damit nicht nur übers Gesicht, sondern auch noch durch die Haare. »Belassen wir es doch dabei, dass dich mein Privatleben nicht interessiert«, murmelte sie. »Es hat ja doch keinen Sinn, sich darüber zu unterhalten.«

»Ah . . . ja . . .« Elena stieß es fast so gedehnt wie ein Pfarrer auf der Kanzel hervor, der seine Schäfchen tadelt, und im Moment sah sie auch tatsächlich so aus. Sie blickte auf Iris hinunter, als wollte sie ihr eine Predigt halten. »Roland sagte, du warst bei ihr? Zu Hause?«

Abwehrend hob Iris beide Hände. »Das ist ein Riesenhaus, in dem auch ihr Großvater wohnt, der Familiensitz in einem Park mit so alten Bäumen, dass sie wahrscheinlich noch die Aufstände der Germanen gegen die Römer gesehen haben, keine Absteige, wo man sich heimlich trifft, damit einen niemand sieht.«

Elena schmunzelte. »Na, das geht doch schon mal in die richtige Richtung. Wenn du so vehement bestreitest, dass es eine Absteige ist, ist etwas passiert, das auch in einer Absteige hätte passieren können.« Sie schlug sich mit einer Faust in die Handfläche der anderen Hand. »Hab ich’s doch gewusst! Sie wollte etwas von dir. Und weil sie das nicht bekommen hat, hat sie sich aufgeführt wie die letzte Bitch. Jetzt, wo du es ihr gegeben hast –«

Iris sprang auf. »Wie kommst du darauf, dass ich ihr irgendetwas gegeben hätte?« Sie versuchte sich zu beruhigen. Nur nicht aufregen. Elena vermutete ohnehin schon viel zu viel. »Außer den Entwürfen natürlich«, schränkte sie ein.

»Das Geld fließt in Strömen, seit du bei ihr warst. Roland läuft herum, als gäbe es nie wieder Regenwetter – das ist schon unerträglich, dieses Grinsen, das er jetzt ständig zur Schau stellt –, und du willst mir erzählen . . .«, Elena kam zu Iris herüber und beugte sich ganz nah zu ihrem Gesicht vor, »es wäre nichts passiert?«

Für einen Moment stand Iris wie erstarrt da, dann drehte sie sich um, entfernte sich mit ein paar großen Schritten von Elena und setzte sich hinter ihren Schreibtisch. »Wollten wir nicht arbeiten?«, fragte sie spitz und in einem ebenso tadelnd-vorwurfsvollen Tonfall wie Elena, als sie den Pfarrer gespielt hatte.

»Du vielleicht«, entgegnete Elena trotzig. »Ich nicht mehr. Wir haben den ganzen Tag an den Sachen rumgemurkst, und meines Erachtens ist genau das dabei herausgekommen: Murks. Jedenfalls ist es nicht besser geworden, als es vorher war. Eher das Gegenteil. Und dazu sind mir meine Entwürfe zu schade. Mach damit, was du willst, aber ohne mich.« Sie schnappte sich den Poncho, den sie üblicherweise statt eines Mantels trug, und warf ihn über. »Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und eine schöne Nacht mit . . .«, sie grinste breit, »dem Projekt Berles.« Und schon war sie durch die Tür verschwunden.

Iris hätte fast hysterisch gelacht, nachdem Elenas Schritte sich auf dem Gang entfernt hatten und sie wusste, dass sie sie nicht mehr hören konnte. Eine schöne Nacht mit dem Projekt Berles. Ja, das war so ungefähr das Unwahrscheinlichste, was sie sich vorstellen konnte. Sowohl, wenn es tatsächlich um das Projekt ging, um die Kampagne, als auch, wenn das Projekt Esther selbst sein sollte.

Und das war sie in gewisser Weise ja wirklich: ein Projekt. Ein Projekt, an dem man sich wahrscheinlich sein Leben lang abarbeiten konnte, ohne je etwas zu erreichen.

Aber was hatte das alles mit ihr, Iris, zu tun? Sie kannte Esther überhaupt nicht. Sie war eine Kundin, und sie hatte etwas getan, das Kunden normalerweise nicht taten, das eigentlich sehr privat war, aber auch das hatte Iris nicht den geringsten Einblick in ihre Seele gewährt. Wenn sie den denn überhaupt hätte haben wollen.

Nein, wollte sie nicht. Ganz bestimmt nicht. Das, was sie gesehen – oder eher gefühlt – hatte, hatte ihr schon gereicht. Die Frage war nur: Was hatte sie eigentlich gefühlt? Schmerz, ja, der war dagewesen, kurz, aber was danach gekommen war . . . Bombastisch. Schon lange hatte sie so etwas nicht mehr erlebt.

Und es waren nicht nur die Gefühle in diesem . . . jenem Augenblick, die sie jetzt noch beunruhigten. Eigentlich war das vorbei. Was sie jedoch viel mehr beunruhigte, war, dass da Gefühle für Esther waren, die . . . die eigentlich nicht hätten dasein sollen.

Sie hatte Esther schon beim ersten Mal, als sie sie traf, attraktiv gefunden, das musste sie zugeben. Anziehend auf eine eher ungewöhnliche Art, denn sie passte überhaupt nicht in ihr Beuteschema. Sie war eine erfolgreiche Frau Ende dreißig wie Iris selbst, eine Unternehmerin, die für all das stand, was eine gute Geschäftsfrau heutzutage ausmachte. Sie war hart und durchsetzungsfähig, wusste, was sie wollte, aber dennoch hatte Iris von Anfang an etwas gespürt, das Esther ausstrahlte und das nicht so ganz zu diesem Bild passte.

Oder hatte sie sich das nur eingebildet? Weil sie es so haben wollte? Weil sie gerade an jenem Morgen, als Esther zum ersten Mal in der Agentur aufgetaucht war, so unzufrieden gewesen war? Weil selbst die vorausgegangene sehr befriedigende Nacht mit Elena das nicht hatte ändern können?

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