Teil 11

Beinah hätte Iris erneut nach Luft geschnappt, aber sie verbot sich das. Es war besser, jetzt keine übertriebenen Reaktionen zu zeigen. »Du weißt sehr genau, dass das nur berufliche Leistungen umfasst.« Ihre Augen bohrten sich so starr in Esthers, als ob eine gerade Stange sie verbinden würde.

»Dann habe ich da wohl etwas missverstanden«, antwortete Esther immer noch mehr als gelassen.

Iris’ Kiefer pressten sich zusammen. »Ich dachte, das passiert dir nicht.«

»Selten«, berichtigte Esther. Sie zuckte die Schultern. »Ausnahmen bestätigen die Regel.«

»Das heißt, du machst das immer so mit Geschäftspartnern?« Das konnte Iris kaum glauben. Und sie glaubte es auch nicht. »Oder nur mit Geschäftspartnerinnen?«, fügte sie spöttisch hinzu.

»Kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ich dich reizvoll fand?«, fragte Esther zurück und löste nun die Mauer der ineinander verschränkten Arme vor ihrer Brust auf. »Dass ich dich einfach nur haben wollte? Unsere Geschäftsbeziehungen sind davon nicht betroffen. Das steht auf einem ganz anderen Blatt.«

»Das will ich hoffen«, versetzte Iris trocken. »Aber sicherheitshalber würde ich vorschlagen, dass du schon einmal einen Teil des veranschlagten Budgets an uns überweist. Falls du auf die Idee kommst, dass solche . . . Leistungen wie das gerade hier«, sie schaute auf den Boden vor dem Tisch, wo sie zum Schluss gekniet hatte, »an die geschäftlichen Leistungen gekoppelt sein könnten. Und dass du das eine nicht bezahlst, wenn du das andere nicht bekommst.«

Hohl lachte Esther auf. »Soll das so eine Art Erpressung sein?«

Iris schüttelte den Kopf. »Ich glaube, damit kennst du dich besser aus. Ich zwinge niemanden zu etwas, das er nicht will.« Ihre Augen blitzten. »Und ich verbinde auch keine fragwürdigen Ansprüche mit geschäftlichen Vereinbarungen.«

Es schien, als ob Minuten vergingen, in denen sie sich nur anstarrten wie zwei Ritter hinter ihren heruntergelassenen Visieren, bevor sie mit eingelegten Lanzen aufeinander losgaloppierten.

Dann stellte Esther ihr Cognacglas mit einem leisen Klacken auf den Servierwagen. »Wenn deine geschäftlichen Leistungen ebenso gut sind wie das, was du hier gerade gezeigt hast, bin ich zufrieden«, sagte sie. Es klang nicht ironisch, sondern ganz ernst.

Das war eine erneute Beleidigung, aber Iris ignorierte das. »Du kannst davon ausgehen, dass meine Leistungen immer gut sind«, erwiderte sie in einem sehr geschäftsmäßigen Tonfall. »Unter allen Umständen. Auch den widrigsten.« Das letzte Wort betonte sie dann doch etwas spöttisch, sie konnte einfach nicht anders. »Kann ich davon ausgehen, dass diese . . . Besprechung hier nun endgültig beendet ist?« Mit fragend angehobenen Augenbrauen wandte sie sich zur Tür.

Esther antwortete nicht, und so drehte Iris sich endgültig um, griff an die glänzende Klinke, die wahrscheinlich jeden Tag von dem Kammerdiener oder sonst einem Dienstboten in diesem Haus poliert wurde, und drückte sie herunter, um die Tür zu öffnen. Immer noch wartete sie darauf, dass Esther etwas sagen würde, aber das tat sie nicht.

Also trat Iris in die Halle hinaus und erschrak ein wenig, als Gewers ihr gleich darauf ihren Mantel reichte. Hatte er etwa hier draußen gestanden und alles mitbekommen, ihr Schreien, ihr Stöhnen? Aber darum konnte sie sich jetzt nicht kümmern. Sie wollte dieses Haus so schnell wie möglich verlassen.

Beiläufig ließ sie sich von ihm in den Mantel helfen, ging mit schnellen Schritten zu der schweren Außentür, die ihr jetzt noch mehr wie der Eingang zu einer Festung erschien, einer Festung namens Esther, und ließ sie sich von Gewers öffnen, um sie hinauszulassen.

Sie nickte ihm knapp zu und atmete tief durch, als die frische Luft ihr Gesicht traf. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, wie stickig es innendrin war. Eine stickige, bedrückende Atmosphäre durchzog dieses Haus. Man konnte sich kaum vorstellen, dass je jemand darin glücklich gewesen war.

»Ich werde das Tor für Sie öffnen, gnädige Frau«, kündigte Gewers noch mit seiner tonlosen, so sehr zu diesem Haus passenden Stimme an, bevor sie in ihren Wagen stieg.

Erst als sie durch das Tor gefahren war und sich wieder auf der Straße befand, atmete sie endgültig auf.

Eins nahm sie sich vor: Nie wieder würde sie sich von Esther unter dem Vorwand einer Besprechung in dieses Haus locken lassen. Das konnte sie sich abschminken. Auch irgendwelche Arbeitsfrühstücke oder Mittagessen. Besprechungen nur noch in der Agentur, auf ihrem eigenen Terrain, wo Überfälle welcher Art auch immer ausgeschlossen waren.

Sie war schon halb in der Stadt, als sie merkte, dass sie so nicht in die Agentur zurückkehren konnte. Sie musste erst einmal nach Hause, duschen.

Aber das wäre mit einem recht großen Aufwand verbunden, denn ihr eigenes Haus lag auf der anderen Seite der Stadt und ebenfalls ziemlich weit außerhalb. Sie seufzte. Natürlich konnte sie bei Elena vorbeifahren. Falls sie da war. Und zudem allein und gewillt, sie hereinzulassen.

Doch aus irgendeinem Grund hatte sie keine Lust, Elena zu sehen.

Außerdem war sie ja jetzt Partnerin. Niemand konnte ihr Vorschriften machen, wann sie im Büro zu sein hatte und wann nicht. Falls Roland sie vermisste, konnte er sie anrufen.

Bei nächster Gelegenheit bog sie auf die Umgehungsstraße ab, die sie nach Hause führen würde.

Das Pochen in ihrem Schoß bemerkte sie zwar, aber sie versuchte es zu ignorieren.

Nein, da war nichts, was ihr an der vergangenen Stunde gefallen hatte, und sie sehnte sich auch nicht danach, das zu wiederholen.

Zumindest redete sie sich das ein.

5

»Na hör mal! Geht’s dir noch gut?« Elenas dunkle Augen konnten ganz schön blitzen, wenn sie wütend war. Und das war sie, so wie sie sich gerade die ebenso dunklen Locken nach hinten warf.

Iris betrachtete das Ergebnis ihrer Bemühungen des letzten Tages mit offensichtlicher Unzufriedenheit. »Da fehlt noch was«, behauptete sie. »Das ist irgendwie . . . leer.«

»Leer? Meine Entwürfe sind leer?« Jetzt blies Elena sogar noch empört die Backen auf. »Heißt du jetzt Esther Berles oder was? An allem hast du was zu meckern.«

Die Erwähnung von Esthers Namen ließ Iris unwillkürlich zusammenzucken. »Nein, natürlich heiße ich nicht . . . Berles«, fügte sie nach einem hörbaren Zögern hinzu. Esthers Vornamen auszusprechen gelang ihr nicht, der Nachname ging gerade noch so. »Deine Entwürfe sind gut. Es ist das . . . Gesamtbild, was noch nicht passt. So etwas kann ich doch keinem Kunden vorlegen.« Sie sprang auf und lief herum.

Wenn sie Elena angesehen hätte, hätte sie mitbekommen, wie sie die Lippen schürzte. Aber Iris sah sie nicht an, sie war nur mit sich selbst beschäftigt.

»Keinem . . . Kunden?«, wiederholte Elena betont. »Oder nur nicht der verkrampften Frau Berles?« Ihre Mundwinkel verzogen sich maliziös. »Die ist bestimmt frigide«, setzte sie noch geradezu lustvoll hinzu. »Und weil sie sich da nicht abreagieren kann, lässt sie das an uns aus.«

Auch wenn sie Elena nicht anschaute, aber was sie sagte, hatte Iris selbstverständlich notgedrungen gehört, und obwohl sie sich vorgenommen hatte, sich Elena gegenüber zu beherrschen, nichts davon verlauten zu lassen, was zwischen Esther und ihr geschehen war, musste sie sich fast auf die Lippen beißen, um nicht sofort zu reagieren.

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