Teil 09

»Schön, dass Sie kommen konnten«, ertönte plötzlich eine Stimme aus der Tiefe des Raumes, in der trotz der großen bodenlangen Fenster fast Dunkelheit herrschte. Beinah wäre Iris herumgefahren, denn die Stimme kam von der Seite, nicht von vorn.

»Ich hatte wohl kaum eine Wahl«, erwiderte sie. »Ihre Sekretärin wollte mir Ihre Telefonnummer nicht geben.«

Esther lachte leise. »Ja, da ist sie sehr streng.«

Verwirrt schaute Iris sie an. Mit streng hatte sie diese erotische Stimme nicht unbedingt in Verbindung gebracht. »Sie haben ihr nicht gesagt, dass sie das tun soll?«

»Doch, doch.« Langsam schälte Esther sich aus der schummrigen Dunkelheit der viktorianischen Möbel heraus, als sie auf Iris zukam. »Das ist übliche Praxis. Es gibt leider zu viele Verrückte, die jede Gelegenheit nutzen würden, in die Privatsphäre anderer einzudringen. Insbesondere wenn sie sie für reich halten.«

»Na ja, halten . . .« Iris drehte sich angedeutet um ihre Achse und ließ ihren Blick durch den Salon schweifen.

Erstaunlicherweise schmunzelte Esther bei dieser Bemerkung. »Nun ja, wie Sie sehen, ist hier schon lange nichts Neues mehr angeschafft worden.« Sie seufzte etwas resigniert. »Wenn ich könnte, würde ich den ganzen alten Krempel rausschmeißen. Ich bin eher der Typ für hell und modern. Aber«, sie zuckte die Schultern, »mein Großvater nicht. Und er hat hier das Sagen.«

»Ihr Großvater lebt hier?« Erneut schaute Iris sich um. Ein Neunzigjähriger konnte sich hier wahrscheinlich wohlfühlen.

»Oben«, bestätigte Esther. »Er kommt kaum noch herunter. Aber Gewers«, sie warf einen Blick auf die Tür, »würde ihm sofort mitteilen, wenn ich auch nur die kleinste Kleinigkeit hier verändern würde. Und dann«, sie verzog das Gesicht, »würde er herunterkommen.«

»Gewers ist der . . . Butler?« Nur zögernd sprach Iris das Wort aus.

»Der Kammerdiener meines Großvaters«, korrigierte Esther. »Aber er kümmert sich auch um den Rest des Hauses, denn mein Großvater schläft die meiste Zeit oder ruht zumindest. Manchmal fährt Gewers ihn im Rollstuhl durch den Park.«

»Kammerdiener«, wiederholte Iris, als ob sie sich auch an dieses Wort erst gewöhnen müsste. Was ja auch tatsächlich der Fall war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals mit einem Kammerdiener zu tun gehabt zu haben.

»Das ist es, was ich meinte, als ich zu Ihnen in die Agentur kam und neue Ideen haben wollte. Hier«, Esther machte eine bezeichnende Armbewegung, die den Raum umfasste, aber vielleicht sogar noch mehr, »sind neue Ideen nicht erwünscht.« Entspannt schlenderte sie zu einem Servierwagen hinüber, auf dem Kristallkaraffen mit Getränken standen. »Möchten Sie etwas trinken?« Sie hob eine der Karaffen in Iris’ Richtung an.

»Keinen Alkohol«, lehnte Iris leicht kopfschüttelnd ab. »Nicht tagsüber während der Arbeitszeit.«

»Oh. Strenge Grundsätze.« Erneut schien Esther zu schmunzeln, während sie sich einen Cognacschwenker nahm und ihn mit etwa einem Fingerbreit der goldenen Flüssigkeit aus einer der Karaffen füllte.

»Es ist die Arbeitszeit, die Sie bezahlen«, erinnerte Iris sie an die bekannten Tatsachen. »Insofern können Sie natürlich darüber bestimmen. Aber es wäre mir doch angenehmer, jetzt keinen Alkohol zu trinken. Ich würde Ihnen lieber die Entwürfe zeigen. Deshalb haben Sie mich ja herbestellt.«

»Ja«, wiederholte Esther gedehnt, während sie an ihrem Cognac nippte und Iris über den Rand des bauchigen Glases hinweg ansah. »Deshalb habe ich Sie herbestellt.« Ihr Blick wanderte nun tiefer und mit einem undefinierbaren Ausdruck über Iris’ Gestalt, während sie das sagte.

Iris lief ein Schauer den Rücken herunter. Also doch. Sie hatte sich nicht geirrt. Die Entwürfe waren nicht der wirkliche Grund, zumindest waren sie nicht der einzige, warum Esther gewollt hatte, dass sie in dieses Haus kam, nicht zum Hauptsitz in der Stadt, und warum Esther nicht in die Agentur gekommen war.

»Es sind im Prinzip alles nur Abwandlungen des Entwurfs, von dem Sie sagten, dass er Ihnen am besten gefällt«, fuhr Iris fort und versuchte ihre Nervosität dadurch zu verbergen, dass sie den Reißverschluss ihrer Laptoptasche ein wenig aufzog. »Darf ich?«, fragte sie und deutete auf einen halbhohen Tisch, der ein paar Schritte von ihr entfernt in der Nähe eines grauenhaft plump aussehenden viktorianischen Sofas stand. Einen Schreibtisch oder etwas Ähnliches hatte sie in diesem Salon nicht entdecken können.

»Natürlich.« Esther nickte.

Schnell legte Iris die Tasche auf den Tisch und zog den Laptop heraus, stellte ihn dann daneben und startete ihn. Wenn es etwas gab, das in dieser Umgebung anachronistisch wirkte, dann war es ein Computer. Eine Schiefertafel hätte hier besser gepasst.

Sie klappte den Bildschirm weit nach hinten, sodass es nun aussah, als läge der Entwurf auf dem Tisch, und beugte sich darüber. »Sehen Sie hier?« Mit einem Finger wies sie auf eine abstrakte Figur am Rand. »Das hat Elena noch eingefügt. Ich glaube, es rundet das Gesamtbild ab.«

»Hmhm.« Esther trat neben sie und schaute halb über ihre Schulter auch auf den Bildschirm. »Ja, das stimmt. Sie ist wirklich sehr begabt.«

Das war eine außergewöhnlich freundliche Bemerkung von Esthers Seite aus, insbesondere bezüglich Elena, aber nicht deshalb wurde Iris heiß und kalt, sondern von Esthers unerwarteter Nähe. »Könnte man so sagen.« Sie räusperte sich.

Amüsiert lachte Esther auf. »Haben Sie den Entwurf gemeinsam gemacht, während Sie im Bett lagen?«

Beinah glühend fühlte Iris Esthers Atem an ihrer Schulter. Die Kälte war nun völlig verschwunden. Sie richtete sich schnell auf und trat einen Schritt zur Seite. »Nein«, erwiderte sie so unbeeindruckt, wie sie es unter den gegebenen Umständen zustandebrachte. »Elena und ich sind nicht . . . ich meine . . . liiert oder so etwas.«

»Willst du nicht oder will sie nicht?«

Der abrupte Wechsel ins Du irritierte Iris doch sehr, aber als sie nun zu Esther hinüberschaute, nippte die so gelassen an ihrem Cognac, als hätte sie überhaupt nichts gesagt.

»Wie ich schon sagte, ist Elena Künstlerin, ein Freigeist«, erwiderte sie kühl.

»Ah. Du würdest sie also sofort heiraten?«, fragte Esther, als wären sie schon jahrelang Freundinnen und würden sich regelmäßig über ihre aktuellen Liebesgeschichten unterhalten.

Nun musste Iris doch lachen. »Heiraten? Ich? Nein, eher nicht.«

»Du bist also auch ein Freigeist.« Esther verringerte die Distanz zwischen ihnen wieder, indem sie den Schritt, den Iris zur Seite gemacht hatte, nachvollzog. »Das habe ich mir schon gedacht.«

Die erneute Nähe, die Esther nun hergestellt hatte, brachte Iris aus dem Konzept, aber sie rief all ihre hilfreichen Geister aus langen Jahren in der Werbung auf, um es nicht zu zeigen. »Hat das irgendetwas mit den Entwürfen zu tun?«, fragte sie. »Wenn sonst nichts mehr zu besprechen ist, würde ich dann wieder gehen.«

»Es hat absolut nichts mit den Entwürfen zu tun, und das weißt du auch«, entgegnete Esther. Ihre Augen blitzten vergnügt, aber nun auch schon ein wenig erregt glänzend über ihrem Cognacglas. »Ich wollte mich nur noch einmal vergewissern, dass ich dir hier kein unmoralisches Angebot mache, weil du irgendwie gebunden bist. In Beziehungen mische ich mich nämlich nicht ein.«

»Wie überaus großzügig von dir«, entschlüpfte es Iris, bevor sie es verhindern konnte. »Entschuldigung.« Sie hob eine Hand. »Das wollte ich nicht sagen. Ich gehe wohl jetzt wirklich besser.« Sie beugte sich zu ihrem Laptop hinunter und klappte ihn zu.

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