Teil 08

»Warte!« Sie sprang auf und lief zur Tür. »Ich soll ihr die Entwürfe vorbeibringen? Sonst ist sie doch immer hergekommen für ein Briefing.«

»Anscheinend hat sie dafür keine Zeit«, erwiderte Roland wegwerfend, blieb gar nicht stehen, sondern entfernte sich auf dem Gang, sodass Iris ihm erneut hinterherlaufen musste. »Du sollst zu ihr kommen.«

Während Iris mit ihm Schritt hielt, schüttelte sie den Kopf. »Dafür habe ich wiederum keine Zeit. Aber ich kann Elena schicken.«

»Nein.« Auch er schüttelte den Kopf und blieb nun endlich stehen. »Sie hat ausdrücklich nach dir verlangt. Und sie hat ja auch recht, wenn sie das mit dir besprechen will. Du bist die Leiterin der Kampagne.«

»Ja, schon . . .« Schief verzog Iris einen Mundwinkel. »Aber ich habe noch so viel zu tun, wenn das alles rechtzeitig fertigwerden soll . . . oder sogar früher, damit wir den Bonus bekommen.« Sie rollte die Augen. »Zuerst verzögert sie alles, weil ihr kein Entwurf gefällt, und nun soll es auf einmal so schnell gehen.«

»Tja.« Ziemlich uninteressiert zuckte Roland die Schultern. »Kundenwünsche. Du weißt, wie das ist.« Und damit verschwand er in der Herrentoilette, wohin Iris ihm nicht folgen konnte. Das tat er immer, wenn er versuchte, sich vor einem weiteren Gespräch zu drücken.

Iris blieb auf dem Gang stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Was war nun wieder in Esther Berles gefahren? Wie Roland richtig gesagt hatte, war sie, Iris, die Leiterin der Kampagne, aber anscheinend hatte Esther Roland angerufen, um ihm ihre Wünsche mitzuteilen. Warum?

Es war sinnlos, hier vor der Toilette zu warten, bis Roland wieder herauskam. Vermutlich würde er sich eine Weile da drin verstecken. Also kehrte sie um und ging in ihr Büro zurück.

»Kann ich bitte Frau Berles sprechen?«, fragte sie eine Minute später Esthers Sekretärin, die sich am Telefon gemeldet hatte, als Iris beim Hauptsitz des Kaufhauskonzerns anrief.

»Nein«, beschied ihr die sehr erotische Stimme der jungen Frau. Manchmal fragte Iris sich, ob Esther sie deshalb eingestellt hatte und ob sie auch genauso aussah, wie sie am Telefon klang. »Sie ist nicht hier. Aber sie hat eine Nachricht für Sie hinterlassen. Sie sollen zu ihr nach Hause kommen.«

Iris stutzte. »Zu ihr nach Hause?«

»Ja«, bestätigte die erotische Stimme, die das Telefon vibrieren ließ. »Wissen Sie, wo das ist?«

»Nein«, erwiderte Iris irritiert. »Woher sollte ich das wissen?«

»Könnte ja sein«, ließ sich erneut die noch mehr irritierende Stimme vernehmen, und irgendwie hatte Iris das Gefühl, dass noch etwas anderes in dieser Antwort mitschwang. »Dann gebe ich Ihnen die Adresse.«

Wie zu erwarten lag diese Adresse im Nobelviertel der Stadt. »Und die Telefonnummer?«, fragte Iris.

Ein leichtes Rascheln im Hörer vermittelte den Eindruck, dass Esthers Sekretärin den Kopf schüttelte. »Das ist eine Geheimnummer. Die geben wir nicht heraus.«

Stirnrunzelnd nahm Iris das zur Kenntnis, bedankte sich für die Adresse, und mit einem letzten gehauchten »Gern geschehen« verließ die aufreizende Stimme sie endgültig.

Zögernd legte Iris das Telefon hin. Adresse ja, Telefonnummer nein? Das bedeutete, Esther wollte nicht, dass sie sie anrief und eventuell absagte oder einen anderen Termin vereinbarte, vorzugsweise in der Agentur. Sie wollte, dass Iris auf jeden Fall zu ihr nach Hause kam.

Wäre Esther ein männlicher Kunde gewesen, hätte Iris das höchstwahrscheinlich abgelehnt, wenn sie zuvor schon das Gefühl gehabt hätte, dass er mehr von ihr wollte, oder sie hätte Elena oder eine andere Mitarbeiterin mitgenommen.

Obwohl sie bei Esther nicht ganz sicher war, was sie wollte, kam ihr diese Vorgehensweise jedoch nicht in den Sinn. Sie seufzte. Kundenwünsche. Ja, so war das.

Es führte wohl kein Weg daran vorbei, dass sie zu Esther hinausfahren musste.


Das Haus war nicht nur ein einfaches Haus, es war eine Residenz, von einem großen Park umgeben und außen herum von einer Mauer, die unüberwindlich schien. Der einzige Weg hinein führte durch ein schmiedeeisernes Tor, das durchaus etwas von einer Zugbrücke hatte, auch wenn es aufschwang statt sich dem Besucher entgegenzusenken.

Aufschwingen tat es jedoch auch erst, nachdem Iris an einer silbernen Sprechanlage davor geklingelt hatte und ihr von einer etwas tonlos höflichen Stimme über einen Summer Einlass gewährt worden war.

Es war nicht Esthers Stimme gewesen, sondern die eines Mannes, was erneut Bedenken in Iris aufkommen ließ, wozu Esther sie herbestellt hatte. Eine solche Stimme konnte durchaus die eines Anwalts sein, durch den Esther ihr jetzt würde mitteilen lassen, dass sie ihr Werbebudget nun doch zurückzuziehen gedachte. Bei Esther war alles möglich.

Kopfschüttelnd fuhr Iris die lange Auffahrt entlang, bis sie endlich beim Haus angekommen war, und fragte sich, ob sie nicht besser durch Esthers erotisch klingende Sekretärin bei ihr hätte anrufen lassen sollen, um abzusagen. Irgendetwas stimmte hier nicht, das hatte sie im Gefühl.

Aber Gefühle brachten kein Geld ein, und es ging hier um sehr viel Geld. Auch wenn das Roland vielleicht mehr bedeutete als ihr selbst, aber ihre finanziellen Aussichten als Partnerin und speziell als prozentual an dieser und anderen, noch kommenden Kampagnen Beteiligte reizten sie schon. So konnte sie sich vielleicht in ein paar Jahren zur Ruhe setzen und endlich nur noch das tun, was ihr Spaß machte. Das war eine durchaus erfreuliche Zukunftsvision. Kein Herumgeärgere mehr mit anspruchsvollen Kundinnen wie Esther Berles.

Ein Teil der schweren Holztür, die in die Front des altertümlich anmutenden Hauses oder wohl eher Familiensitzes eingelassen war, schwang auf, als Iris aus ihrem Wagen stieg und darauf zuging.

War das ein Butler, der da stand? Wirklich? Ein Butler? Kurz stutzte Iris, aber sie ließ sich dennoch nicht in ihrem Vorwärtsdrang aufhalten. Sie wollte diese Begegnung mit Esther so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Mit ihrer Laptoptasche in der Hand trat sie auf den Butler zu. »Guten Tag. Ich bin Iris Keilwerth. Frau Berles erwartet mich.«

Der Butler nickte, trat zurück und öffnete die Tür weit, damit Iris an ihm vorbeigehen konnte. »Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen, gnädige Frau?«

Auch wenn Iris diese Art, bedient zu werden, schon fast zu viel war, ging sie auf seinen Vorschlag ein, stellte die Laptoptasche auf einem Tisch neben der Tür ab, zog ihren Mantel aus und überreichte ihn ihm, bevor sie ihre Tasche wieder aufnahm.

»Hier entlang bitte, gnädige Frau«, bemerkte er mit ihrem Mantel auf dem Arm, während er mit dem anderen Arm in Richtung der Halle zeigte, die sich hinter der Tür aufgetan hatte und von der einige weitere Türen abgingen.

Iris folgte ihm bis zu einer ebenfalls altertümlich aussehenden, aber nicht so schweren Holztür, die er vor ihr öffnete.

Er trat einen Schritt hinein, verkündete »Frau Keilwerth«, trat wieder zurück, bedeutete Iris einzutreten und schloss dann von außen die Tür hinter ihr, als sie im Raum war.

Das Ambiente in diesem Zimmer, das eher einem Saal glich, erschlug Iris geradezu, als sie es in den Blick nahm. Die Möbel waren mindestens hundert Jahre alt, die Teppiche wahrscheinlich noch viel älter und dazu wertvoll wie auch einige Bilder, die an der Wand hingen und echt aussahen. Vasen aus der Ming-Dynastie und etliche andere kostbare Dekorationsstücke deuteten darauf hin, dass hier kein Geldmangel herrschte. Obwohl Iris der Werbeetat für die Berles-Kampagne bisher sehr üppig erschienen war, konnte sie sich nun des Eindrucks nicht erwehren, dass so eine Summe für Esther nur Taschengeld darstellte.

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