Teil 07

Hat sie Elenas Bemerkung doch mitbekommen? fragte Iris sich besorgt. Ist sie deshalb sauer auf sie? Sie ließ Esther höflich den Vortritt, dann gab sie ihre eigene Bestellung auf, und der Kellner verschwand, als würde er auf Schienen irgendwo hingezogen.

»Elena ist noch sehr jung«, setzte sie ihre Unterhaltung mit einem entschuldigenden Lächeln fort. »Man könnte sie als so eine Art junge Wilde bezeichnen.« Sie lachte. »Aber das waren wir ja alle einmal. In ihrer Arbeit ist sie jedoch absolut professionell, darauf können Sie sich verlassen.«

Einen kurzen Augenblick war es beunruhigend ruhig, dann durchschnitt Esthers Stimme, obwohl sie sehr leise sprach, die Stille wie ein Messer. »Das waren wir alle einmal?«, wiederholte sie herausfordernd. »Denken Sie das wirklich?«

»Nun ja, Künstler sind das oft«, schränkte Iris sofort ein, denn sie spürte, dass sie Esther wieder einmal irgendwie auf die Zehen getreten war. »Das ist eine der Quellen ihrer Kreativität.«

Mit leicht schiefgelegtem Kopf schaute Esther sie an. »Dann trifft diese Aussage für sie als Kreativdirektorin wahrscheinlich eher zu als für mich«, sagte sie, und es wirkte, als hätte Iris’ Rückzug sie tatsächlich ein wenig besänftigt.

»Ich bin keine Künstlerin.« So charmant, wie sie nur konnte, lächelte Iris Esther an. »Eher eine gute Handwerkerin, würde ich sagen.«

»Sie beherrschen das Handwerk der Manipulation, meinen Sie?«

Glücklicherweise ersparte das Amuse-Gueule, das gerade von einer jungen Frau gebracht wurde, Iris eine sofortige Antwort auf Esthers erneut herausfordernde Frage. Sie war froh, dass diese kleinen Häppchen den Abstand zur Ankunft der tatsächlichen Vorspeise verkürzten und sie sich nun damit beschäftigen konnte.

Um Esther jedoch nicht das Gefühl zu geben, sie wollte sich um die Antwort drücken – was sie in der Tat gern getan hätte –, nickte sie, während sie das Amuse-Gueule probierte, sich Zeit damit ließ und dann erst schluckte. »Werbung ist das wohl immer«, erwiderte sie zustimmend. »Da haben Sie recht. Aber es kommt auf die Art der Manipulation an. Werbepsychologie ist jedoch mehr eine Wissenschaft als eine Kunst.«

Anscheinend amüsierte Esther ihre Antwort sehr, denn auf einmal sahen die Fältchen, die sich in ihren Augenwinkeln bildeten, nicht mehr müde, sondern belustigt aus. »Und wieder haben Sie etwas gesagt, ohne wirklich etwas zu sagen. Das können Sie außerordentlich gut.«

Iris zuckte die Schultern. »Da muss ich mich schon aus beruflichen Gründen schuldig bekennen. Sonst würde ich meinen Wert als Beraterin für Sie als Kundin sehr mindern.« Sie spürte, dass Esther sich ihr auf einmal mehr öffnete, auch wenn sie nicht genau wusste, warum das der Fall war.

»Sie schlafen mit Elena, nicht wahr?«, traf es sie da von der anderen Seite des Tisches her völlig unerwartet wie eine Kanonenkugel direkt in den Bauch.

Fast hätte sie sich an dem letzten Häppchen verschluckt. Um einen Hustenanfall zu unterdrücken, hielt sie sich die Serviette vor den Mund und kämpfte mit aller Gewalt dagegen an. Vermutlich färbte die Anstrengung ihr Gesicht rot, aber das konnte sie nicht verhindern.

»Das reicht schon.« Anscheinend fühlte Esther sich jetzt wohl, weil sie eindeutig die Oberhand hatte. »Sie brauchen nichts dazu zu sagen.« Sie lächelte auf eine unangenehm befriedigte Art.

»Ich . . . Das . . .« Immer noch konnte Iris kaum sprechen. »Das hat nichts mit unserer Kampagne zu tun. Das ist privat.«

»Natürlich.« Esther nickte. »Ich wollte nur wissen, ob ich mich geirrt habe oder nicht.« Ihre Mundwinkel verzogen sich leicht verächtlich. »In solchen Dingen irre ich mich allerdings selten.«

»Ich kann Ihnen versichern«, Iris räusperte sich, und sie spürte die Röte ihrer Wangen nun deutlich als Wärme bis zu ihren Ohren, »das wird keinerlei Einfluss auf unsere Leistung für Sie nehmen. Elena und ich arbeiten sehr gut zusammen.«

»Das will ich hoffen«, bemerkte Esther herablassend. »Sonst müsste ich Ihrem Chef – ach nein, jetzt ist er ja Ihr Partner, nicht wahr? – leider mitteilen, dass ich mein Werbebudget zurückziehe.«

Und das hat sie auch gestört, dass ich Partnerin geworden bin, stellte Iris innerlich seufzend fest. Wie ich es mir schon gedacht habe. Es war wirklich nicht leicht, Esther Berles zufriedenzustellen oder ein Thema zu finden, bei dem sie sich nicht angegriffen fühlte.

Selbst wenn es gar nichts mit ihr zu tun hatte, denn Iris war davon überzeugt, dass die Berles-Kampagne höchstens der Anlass dazu gewesen war, dass Roland sie zur Partnerin gemacht hatte, nicht aber der Grund. Er hatte sich sicherlich ohnehin schon eine Weile mit dem Gedanken getragen, ohne etwas darüber verlauten zu lassen. Spontanität war nicht seine Sache.

»Frau Berles . . .« Iris legte die Unterarme auf den Tisch und beugte sich vor. »Ich hoffe, dass ich Sie davon überzeugen kann, das nicht zu tun. Und ich denke wirklich, dass Sie bei uns in den besten Händen sind. Ich werde Elena anweisen, neue Entwürfe zu erstellen.«

»Das brauchen Sie nicht.« Esther unterbrach sich, weil nun die Vorspeise kam. »Besonders ein Entwurf hat mir sehr gut gefallen«, setzte sie dann in einem sehr geschäftsmäßigen Tonfall fort. »Den können wir nehmen.«

Diese Aussage warf Iris fast vom Stuhl. Aber was hatte sie erwartet? Das Pendel schlug in beide Richtungen aus. Bei Esther Berles konnte man nicht nur mit einem Schritt vor, zwei Schritte zurück rechnen, sondern auch mit einem Schritt zurück, zwei Schritte vor. Sie war eben unberechenbar.

»Tatsächlich?« Sie schaute Esther immer noch etwas ungläubig an. »Es macht Elena nichts aus, noch weitere Entwürfe für Sie anzufertigen.«

»Oh doch, es würde ihr etwas ausmachen.« Esther lachte hohl auf. »Das habe ich vorhin deutlich mitbekommen. Sie ist nicht sehr begeistert davon, für mich arbeiten zu müssen.«

»Das haben Sie missverstanden«, behauptete Iris sofort, um Schadensbegrenzung zu betreiben. »Das ist nur ihr künstlerisches Temperament. Mit Ihnen hat das nichts zu tun.«

»Ich glaube kaum«, Esthers Augen bekamen wieder diesen gefährlichen Glanz, der Vorsicht ratsam erscheinen ließ, »dass ich da irgendetwas missverstanden habe. In keiner Weise. Denn auch das passiert mir äußerst selten.« Sie spitzte die Lippen. »Und jetzt sollten wir vielleicht essen. Sonst wird die Suppe kalt.«

Das war eine unmissverständliche Aufforderung, das Thema fallenzulassen, was Iris nur allzugern tat.

Der Rest des Essens wurde von rein auf die Kampagne bezogenen Gesprächen begleitet, die sich in erstaunlich professionellen, aber auch gefühllosen Bahnen bewegten.

4

»Wunderbar, wunderbar.« Roland kam bester Laune in Iris’ Büro und rieb sich die Hände. »Wusste ich doch, dass ihr Frauen miteinander klarkommt.« Seine meistens etwas wässrig blickenden blauen Augen strahlten sie an wie ein Honigkuchenpferd, das noch mehr Honig bekommen hat.

Verständnislos hob Iris die Brauen. »Wie meinst du das?«

Roland grinste. »Ich weiß ja nicht, was du mit ihr gemacht hast, aber auf einmal läuft alles wie geschmiert. Sie hat uns sogar einen Bonus angeboten, wenn wir eher fertig sind als geplant.«

Das entlockte Iris ein anerkennendes Nicken. »Einen Bonus. Und dabei ist ihr Werbeetat ja nun sowieso schon nicht gerade klein.«

»Richtig, richtig.« Wieder rieb Roland sich die Hände, so begeistert war er. »Du sollst ihr die neuen Entwürfe heute noch vorbeibringen.« Er drehte sich um und war schon fast aus Iris’ Büro hinaus, bevor sie auf seine Bemerkung reagieren konnte.

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