Teil 06

»Frau Berles.« Mit einem filmreif offenen Ausdruck in der Miene wandte sie sich Esther zu. »Wie schön, dass Sie wieder einmal vorbeischauen.« Sie hoffte, dass Esther die Bemerkung nicht als ironisch empfand, denn sie hatte kaum einen Tag vergehen lassen, an dem sie nicht nach neuen Entwürfen gefragt und die alten hier bei ihnen verworfen hatte.

Um zu betonen, dass sie Esthers Meinung ernstnahm, machte sie ein paar Schritte auf Esther zu, ein Zeichen ihres Entgegenkommens, aber Esther nahm das Angebot nicht an, sondern blieb einfach im Türrahmen stehen. »Haben Sie endlich einen guten Entwurf für mich oder nicht?«

Gute Entwürfe haben wir massenweise, dachte Iris. Aber was soll ich machen, wenn sie dir alle nicht gefallen?

»Haben Sie in der Mittagspause schon etwas vor?«, fragte sie zurück. »Dann könnten wir vielleicht Ihre Vorstellungen noch einmal genauer spezifizieren.«

Esther gab einen knurrenden Laut von sich. »Ich dachte, die wären spezifisch genug.«

›Perfekt‹ ist keine Spezifikation, dachte Iris innerlich seufzend. »Der Fehler liegt ganz sicher bei mir«, erwiderte sie freundlich. »Vielleicht brauche ich nur noch ein Tüpfelchen auf dem I, um das richtig zu verstehen. Irgendetwas scheint mir da entgangen zu sein.«

Offenbar hatte Esther nicht sofort eine Antwort parat, wenn jemand einen Fehler zugab. Auch wenn es gar nicht Iris’ Fehler war. Aber Esther selbst hätte wohl nie zugegeben, dass sie überhaupt Fehler machen könnte. Die Erfahrung, dass jemand das nicht schlimm fand, sich einfach dazu bekannte, war anscheinend neu für sie.

»Brauchen Sie lange, um dieses ›I-Tüpfelchen‹ zu finden?«, fragte sie spitz. »Ich habe nicht viel Zeit. Meistens esse ich gar nicht zu Mittag.«

»Ich auch nicht«, behauptete Iris. Sie hoffte, dass es Esther beruhigte, wenn sie andeutete, dass sie etwas gemeinsam hatten. »Aber es wäre ja ein Arbeitsessen.«

Esthers Lippen zuckten. »Darin sind Sie auf jeden Fall geübt«, entgegnete sie. »Arbeitsfrühstück, Arbeitslunch . . .«

Womit bin ich ihr beim Frühstück nur so auf den Schlips getreten? fragte Iris sich innerlich kopfschüttelnd. »Ich bin eben ein Arbeitstier«, gab sie entschuldigend lächelnd zu.

Die Entschuldigung war natürlich nur gespielt. Aber wenigstens darin musste Esther doch einen Vorteil für sich sehen, wenn die Kreativdirektorin, die ihre Kampagne betreute, offensichtlich gar nicht von der Arbeit für sie lassen konnte.

»Na gut«, gab auch Esther nach. »Eine halbe Stunde kann ich erübrigen.«

»Ja!« Elena formte das Wort nur mit ihren Lippen, machte aber mit dem angewinkelten Arm eine Geste wie ein Fußballspieler, der gerade ein Tor geschossen hat.

Dafür kassierte sie von Iris sofort einen tadelnden Blick. Hoffentlich hat Esther das nicht gesehen, dachte sie.

Aber Esther schien so geistesabwesend, als sie sich nun bereits umwandte, um hinauszugehen, dass sie vielleicht Glück gehabt hatten.


Und ein weiteres Mal saßen sie sich in einem Restaurant gegenüber. Während Iris vorgab, nur die Karte zu betrachten, blinzelte sie unauffällig über den Rand zu Esther hinüber, die ebenfalls ganz in den Menüvorschlägen versunken schien.

Sie sieht mitgenommen aus, dachte Iris. Die dunklen Ringe um Esthers Augen waren zwar geschickt mit vermutlich den teuersten Mitteln, die die Kosmetikindustrie zu bieten hatte, abgedeckt, aber die müden Fältchen, die selbst die Augenlider durch-zogen, konnte man nicht so leicht verstecken. Irgendetwas belastete sie, das war deutlich zu sehen.

»Ich nehme sowieso immer dasselbe.« Iris lachte leicht und legte die Karte beiseite. »Wahrscheinlich bin ich einfach zu konservativ. Warum schaue ich überhaupt hier hinein?«

»Sie sind konservativ?« Das schien Esther zu überraschen. Erstaunt blickte sie von ihrer Karte auf und legte sie ebenfalls beiseite. »Und dann arbeiten Sie in der Werbebranche?«

»Die Werbebranche ist einer der konservativsten Geschäftszweige, die es gibt«, behauptete Iris. »Manchmal habe ich das Gefühl, wir gehen immer noch von einem Kundenbild wie in den sechziger Jahren aus. Schauen Sie sich nur die Waschmittelwerbung an.«

Esthers Gesicht verzog sich leicht abwehrend. »Ich schaue keine Werbung. Dafür habe ich gar keine Zeit. Ich habe noch nicht einmal einen Fernseher. Beziehungsweise«, sie hob einschränkend die Hand, »ich habe ganze Abteilungen davon, aber nur in unseren Kaufhäusern.«

»Ich meinte jetzt vor allem das Frauenbild«, fuhr Iris fort. »Das entspricht uns modernen Frauen wohl kaum noch.«

Mit dem Uns wollte sie erneut ihren Berührungspunkt betonen, dass sie beide Frauen waren, auch wenn sie sonst augenscheinlich nicht viel gemeinsam hatten. Deshalb konnte sie nur an diesem einen Punkt einhaken, ein anderer fiel ihr im Moment nicht ein. Und sie musste unbedingt eine Verbindung zu Esther Berles herstellen, wenn dieses Desaster mit den abgelehnten Entwürfen aufhören sollte.

So dumm, auf so eine offensichtliche Tatsache hereinzufallen, war Esther jedoch nicht. Ihre Mundwinkel zuckten. »Ihr Kundenbild von mir war auch ein anderes, nicht wahr?«

»Der Kunde ist immer König«, antwortete Iris. Sie lächelte leicht. »Oder in Ihrem Fall die Kundin Königin. Das ist doch sicherlich auch das Credo Ihres Unternehmens.«

»Das sollte das Credo jedes Unternehmens sein.« Angelegentlich verzog Esther das Gesicht. »Was es jedoch bei weitem nicht immer ist, wie wir wohl beide wissen.«

»Dann könnte sich die Kaufhauskette Berles dadurch von den Mitbewerbern absetzen.« Auf einmal hatte Iris das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Endlich. »Auch wenn Sie den einen oder anderen Entwurf in diese Richtung bereits abgelehnt haben, sollten wir vielleicht noch einmal darüber nachdenken. Elena kann auch neue Entwürfe dazu machen.«

War das ein leichtes Zusammenzucken, was sie da auf der anderen Seite des Tisches wahrnahm? Iris hätte fast die Stirn gerunzelt. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, das schien ihr Schicksal mit Esther Berles zu sein. Kaum hatte sie den Eindruck, sie gingen aufeinander zu, schien Esther schon wieder die Flucht zu ergreifen oder eine Mauer um sich zu bauen.

»Sie haben sonst keine Grafikerin zur Verfügung?«, fragte sie jetzt ziemlich missmutig.

»Sie ist die Beste«, erwiderte Iris verwundert. »Sehr kreativ. Und ich wollte nur das Beste für Sie, für Ihre Kampagne. Das ist doch sicherlich auch in Ihrem Sinne?«

»Sollte es wohl sein, nicht wahr?« Esthers Antwort klang ziemlich rätselhaft.

Deshalb hob Iris, obwohl sie das eigentlich gar nicht wollte, überrascht fragend die Augenbrauen. »Ich kann mich natürlich nach einer anderen Grafikerin umsehen –«, setzte sie an.

Jedoch wurde sie sofort von Esther unterbrochen. »Nein, nein.« Resigniert winkte sie ab. »Sicherlich haben Sie recht. Die Entwürfe waren wirklich gut.«

Das ließ Iris’ Augenbrauen noch mehr in die Höhe schießen. »Warum haben Sie sie dann abgelehnt?«

»Ich wollte nur noch einmal darüber nachdenken«, behauptete Esther, obwohl das nun wirklich nicht der Wahrheit entsprach. Sie hatte eindeutig nein gesagt.

»Das sollten Sie natürlich.« Vorsichtig begann Iris zu lächeln. Nach ihren Erfahrungen mit Esthers unvorhersehbaren Stimmungsumschwüngen wollte sie sich nicht zu früh freuen. »Aber ich kann Ihnen versichern, dass Elena absolut in der Lage ist, Ihren Wünschen in jeder Hinsicht zu folgen.«

»Ich bin überzeugt davon, dass Sie das beurteilen können«, erwiderte Esther. Ihre Augen blitzten für einen kurzen Moment auf, aber da trat der Kellner an ihren Tisch, um ihre Bestellung aufzunehmen.

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