Teil 05

Nun legte sie den Kopf schief, und auch wenn Delia jetzt saß, musste Torie immer noch zu ihr hochblicken, weil das tiefe Sitzkissen nicht höher als eine Matratze war, wenn man es durch seinen Körper zusammengedrückt hatte. »Das war es doch, was Sie wollten, oder?«, fragte sie.

Irritiert zog Delia die Stirn zusammen. »Wie meinen Sie das?«

»Als Sie auf der Straße standen, haben Sie immer wieder hier heraufgeschaut«, erklärte Torie und nahm genüsslich und lang einen Schluck von ihrem Kaffee, wobei sie fast die Augen schloss. »Ah, das tut gut«, bemerkte sie ganz versonnen. »So als ob Sie etwas suchen würden«, fuhr sie dann fort und schaute Delia plötzlich wieder an.

Wow, dachte Delia und war für einen Moment wie erstarrt. Bei einer künstlichen und zudem auch wohl kaum in der Natur vorkommenden Haarfarbe wie der von Torie konnte man schlecht auf die Augenfarbe schließen, und bisher hatten ihre Augen fast immer im Schatten gelegen. Nun sah sie sie zum ersten Mal wirklich. Sie waren dunkel. Dunkel wie die Nacht. Und doch blitzte etwas in ihnen wie Sterne. Wie funkelnde Diamanten am Firmament. Unauffällig schluckte sie. »Ja«, bestätigte sie und hoffte, dass ihre Stimme einigermaßen normal klang. Aber eigentlich hatte sie das schon bei vielen Gerichtsverhandlungen geübt. Deshalb gelang es ihr auch. »Ich muss eine Weile in Pleshette bleiben, um den Nachlass zu sichten, und da ich wusste, dass dieses Gebäude Henry Pleshette gehört . . . gehörte«, korrigierte sie sich, »dachte ich, ich könnte hier vielleicht mein Büro aufschlagen.« Sie lächelte leicht. »Ich hatte angenommen, die Wohnung wäre leer. Von unten sah es fast so aus, weil keine Vorhänge an den Fenstern sind.«

»Ach, Vorhänge.« Torie winkte ab. »Wer braucht so was schon?«

Delia lachte leicht. »Ja, da haben Sie recht. In dieser Stadt . . .«

»In dieser Stadt . . .«, nahm Torie den Faden schmunzelnd auf, »weiß sowieso jeder alles von jedem. Da nützen Vorhänge auch nichts.« Ihr Blick musterte Delia kurz sehr intensiv, dann wandte er sich ab, als hätte sie plötzlich etwas ausgesprochen Interessantes in einer Ecke des Raumes entdeckt.

Für einen Moment hatte Delia das Gefühl, etwas in ihr wäre in Brand geraten. Sie hätte sich dringend einen Feuerlöscher gewünscht. Um das Räuspern, das sie gebraucht hätte, um wieder sprechen zu können, zu kaschieren, lachte sie. »Vermutlich haben Sie recht«, sagte sie. »Ich bin in der Stadt aufgewachsen. Da gab es überall Vorhänge oder Jalousien.«

»Viele Geschäfte haben zugemacht in letzter Zeit«, erklärte Torie mit bedauernd gerunzelter Stirn. »Da wird es Ihnen leichtfallen, Büroräume zu finden.« Sie sah Delia jetzt wieder an, aber Delia hätte nicht sagen können, was sie dachte. »Es sei denn natürlich, Sie bestehen darauf, dass Sie unbedingt hier arbeiten wollen.«

Begütigend hob Delia eine Hand. »Ich bin überzeugt davon, dass ich etwas anderes finden werde. Wie Sie schon sagten, wird das wohl nicht allzu schwierig sein. Dieses Haus hier«, sie blickte zum Fenster hinaus, wo ein Teil des flachen Daches des gegenüberliegenden Gebäudes zu sehen war, »hat mir irgendwie gefallen. Ich mag alte Häuser. Häuser, die etwas zu erzählen, die eine Geschichte haben. Nicht diese modernen Glaspaläste, in denen man sich vorkommt wie in einem Gewächshaus.«

»Gewächshäuser haben durchaus ihre Berechtigung«, erwiderte Torie ernst. »Hier in dieser trockenen Gegend wüssten wir sonst kaum, wie wir überhaupt Gemüse ziehen sollten. Und gewisse Obstsorten mögen die Trockenheit auch nicht.« Sie zuckte die Schultern. »Man kann natürlich alles von woanders herholen, aber das wird dann teuer.«

Delia nickte. »Ja, ich habe das draußen vor der Stadt gesehen. Da gibt es ein großes Areal, wo sich ein Gewächshaus ans andere reiht.«

»Bill und Lorie Campbell.« Torie lächelte wieder. »Sie haben schwer darum kämpfen müssen, bevor da irgendetwas wuchs. Aber jetzt läuft es ganz gut.« Erschrocken blickte sie Delia an. »Sie wollen ihnen das doch nicht wegnehmen? Ich weiß, das Gelände gehört den Pleshettes –«

Energisch schüttelte Delia den Kopf. »Ich will niemandem etwas wegnehmen, das sagte ich doch schon. Ich bin nur hier, um den Nachlass zu sichten. Leider gab es da in der Vergangenheit«, sie räusperte sich diskret, »einige Unregelmäßigkeiten. Deshalb ist nicht so ganz klar, ob die Bücher überhaupt mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmen. Das hat wohl schon lange niemand mehr überprüft.«

»Der alte Henry war immer der Meinung, er kann das alles ganz allein.« Torie zuckte die Schultern. »Er wollte sich nie in die Karten gucken lassen. Anwälte und Steuerberater hat er immer nur Halsabschneider genannt.« Sie hielt sich schnell die Hand vor den Mund. »Sorry, das wollte ich nicht sagen.«

»Wenn es so war?« Delia lächelte sie entspannt an. »Und ich kann mir das auch gut vorstellen. Ich habe ihn zwar nicht mehr kennengelernt, aber jemand, der praktisch eine ganze Stadt und den halben Staat Nevada besitzt, muss sich ja fast wie der König der Welt vorkommen.«

»Wahrscheinlich«, bemerkte Torie trocken. »Ich habe noch nie etwas besessen, deshalb kann ich das nicht beurteilen.«

Ein bitterer Unterton klang in ihrer Stimme mit, der Delia nicht entging. »Sie haben Ihren Frisiersalon«, widersprach sie. »Auch wenn Sie in diesem Haus Miete zahlen, ist der Salon ganz Ihr eigener. Sie haben ihm Ihren Stempel aufgedrückt, wie es niemand anderer hätte tun können.« Sie warf schmunzelnd einen Blick durchs Zimmer. »So wie auch dieser Wohnung. Damit haben Sie das Haus in Besitz genommen, auch wenn im Grundbuch etwas anderes steht.«

»Trotzdem könnten Sie mich jederzeit rauswerfen.« Tories Blick hatte auf einmal etwas Kaltes, das die Sterne in ihren Augen verdunkelte, fast zu Eiskristallen werden ließ. »Und auch wenn Sie behaupten, deshalb sind Sie nicht gekommen, kann sich das immer noch ändern.«

Was ist denn jetzt los? dachte Delia. Eben haben wir uns doch noch ganz harmlos unterhalten. »Ich versichere Ihnen –«, setzte sie an, wurde aber sofort von Torie unterbrochen.

»Sie können mir gar nichts versichern«, stellte sie mit einem messerscharfen Tonfall in der Stimme fest und stand erstaunlich elegant aus dem tiefen Sitzkissen auf. »Sie sind nur eine Handlangerin der Pleshettes. Sie haben nichts zu entscheiden. Das wird wohl Claire tun. Ach nein.« Sie fasste sich kurz an die Stirn, weil sie sich erinnerte. »Jemand anderer erbt ja. Aber ein Pleshette auf jeden Fall. Daran hat sich nichts geändert und wird sich auch nie etwas ändern.« Mit leicht schiefgelegtem Kopf wies sie zur Tür. »Ich denke, Sie finden den Weg hinaus.«

Delia hätte am liebsten verwundert den Kopf geschüttelt, aber sie unterließ es. Das hätte die Situation eventuell nur noch verschlimmert. »Natürlich«, sagte sie, nickte Torie noch einmal zu und drehte sich um.

Im Flur bemerkte sie, dass sie immer noch ihre Tasse in der Hand hielt, und auch Torie hatte es bemerkt und war ihr nachgekommen.

»Die können Sie mir geben«, sagte sie und streckte die Hand aus.

Mechanisch reichte Delia ihr ihre Tasse, zögerte kurz, setzte dann aber ihren Weg zu der offenstehenden Tür fort, die ins Treppenhaus führte.

Das war irgendwie irreführend, denn es suggerierte, dies hier wäre ein offenes, ein gastfreundliches Haus. Was es nicht war.

Als sie die Treppe hinunterschritt, warf sie keinen Blick mehr zurück, aber das Bild von Torie, wie sie mit einer Kaffeetasse in jeder Hand dastand und sie kalt anblickte, hatte sich ihr so tief eingeprägt, als wäre es in ihr Gehirn eingebrannt.

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