Teil 05

»Du bist anders als andere Frauen«, behauptete Roland erneut. »Du kommst nicht plötzlich an und bist schwanger, heulst dir nicht die Augen aus wegen irgendeiner Liebesgeschichte oder willst über Frauenthemen reden.« Er verzog die Mundwinkel. »Und du trägst kein Pink. Von Pink kriege ich Augenkrebs.«

»Deine Frau trägt niemals Pink?«, fragte Iris belustigt.

»Sie weiß, dass ich das nicht mag«, erwiderte er vage. »Also? Was sagst du?«

»Muss ich das jetzt sofort entscheiden?« Iris schaute ihn fragend an.

Er wirkte verdutzt. »Du musst darüber nachdenken?«

»Es ist ein supergutes Angebot.« Beruhigend lächelte Iris ihn an, denn sie hatte bemerkt, dass er mehr Begeisterung von ihr erwartet hatte.

»Du hast ein anderes.« Er biss sich auf die Lippe. »Was bieten sie dir an, was ich dir nicht biete? Sag es, und wir können darüber reden.«

»Ich entscheide niemals von jetzt auf gleich«, erklärte Iris, weiterhin mit einem besänftigenden Lächeln auf den Lippen. So leicht, wie Roland in Panik geriet, war sie lieber vorsichtig. »Das solltest du mittlerweile wissen. Ich breche nicht gern Dinge übers Knie. Lass mir ein paar Tage, ja? Dann gebe ich dir meine Antwort.«

»Ein paar Tage?« Die Panik war schon im Anmarsch. Roland brach der Schweiß aus. »Du willst mich mitten in der Berles-Kampagne im Stich lassen?«

»Die hat doch noch gar nicht angefangen«, berichtigte Iris. »Von mitten kann gar keine Rede sein.« Sie stand auf und ging zu ihm. »Und ich lasse dich natürlich nicht im Stich. Das würde ich nie tun.«

»Aber du gibst mir auch kein eindeutiges Ja.« Er zog sein Taschentuch heraus, um sich den Schweiß abzuwischen.

»Beruhige dich, Roland.« Iris lachte. »Nun mach doch nicht gleich aus einer Mücke einen Elefanten. Du kannst davon ausgehen, dass ich sehr interessiert an deinem Angebot bin. Aber würde es nicht etwas verzweifelt aussehen, wenn ich gleich zugreifen würde?« Sie betrachtete ihn amüsiert. »Und verzweifelt bin ich nicht.«

Roland atmete tief durch. »Du hast recht. Ich bin verzweifelt.«

»Bist du nicht.« Iris lachte erneut. »Du würdest jemand anderen finden.«

»Okay«, sagte er. »An dem würdest halte ich mich fest.« Er grinste schief. »Wer hat dir ein Angebot gemacht? Werther? Ich weiß, dass er schon lange hinter dir her ist.«

In mehr als einer Beziehung, dachte Iris. Was ein Grund dafür war, dass sie das Angebot der Agentur Werther nie in Betracht gezogen hatte. »Du weißt, dass ich darüber nicht reden darf«, sagte sie. »Und jetzt lass mir einfach ein paar Tage. Du wirst heute keine Antwort mehr von mir bekommen.«

»Das tust du nur, um den Preis hochzutreiben.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Aber mehr, als ich dir angeboten habe, kann ich dir nicht geben.«

»Und mehr verlange ich auch nicht.« Mit einem schicksalsergebenen Gesichtsausdruck atmete Iris tief durch. »Also gut, ich sage zu fünfzig Prozent zu. Aber auf die anderen fünfzig Prozent musst du bis nächste Woche warten. Ich will wenigstens noch mal darüber schlafen.«

Ein erleichtertes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Kannst du, kannst du«, versicherte er ihr hastig. »Die Kampagne Berles wäre dann die erste Kampagne, an der du prozentual beteiligt bist. Und du kannst dir denken, was das bedeutet.« Er zwinkerte. Aber vielleicht war es auch nur ein Schweißtropfen, der ihm ins Auge geflossen war.

»Es bedeutet vermutlich, dass sich mein Jahresbudget mehr als verdoppelt.« Iris schüttelte lächelnd den Kopf. »Du weißt schon, wie man mit Speck Mäuse fängt, das muss ich dir lassen.«

»Anscheinend habe ich dich trotzdem noch nicht gefangen«, entgegnete er. »Liegt vielleicht daran, dass ich dich nicht für eine Maus halte.« Er grinste. »Du bist ein Tiger.«

»Muss ich jetzt jeden Tag durch den Dschungel schleichen?«, frotzelte Iris.

»Das tust du doch schon«, meinte er und wandte sich in den Flur. »Oder wofür hältst du die Werbebranche?«

Nachdem er den Gang hinunter verschwunden war, schüttelte Iris noch einmal den Kopf. Dann ging sie zu ihrem Schreibtisch zurück und setzte sich mit gespitzten Lippen schmunzelnd dahinter.

Partnerin. Das war schon etwas.

3

»Ist nicht so leicht, sich mit Madame einig zu werden, was?« Elena verzog unzufrieden das Gesicht. »Wie viele Entwürfe hat sie jetzt abgelehnt? Wie lange soll das noch dauern?«

»Sie ist die Auftraggeberin.« Iris seufzte. »Ihr muss es gefallen, nicht uns.«

»Es waren tolle Entwürfe dabei«, schmollte Elena. »Die besten, die ich je gemacht habe.«

»Sie will sich eben von den anderen Kaufhausketten absetzen. Sie will etwas ganz Besonderes. Etwas, das sonst niemand hat.« Mit zusammengekniffenen Augen ließ sie ihren Blick noch einmal über Elenas Entwürfe auf dem großen Bildschirm schweifen. »Das ist anscheinend alles nicht das, was sie sich vorstellt.« Perfektion, dachte sie. Was versteht sie unter Perfektion?

»Kann es sein, dass sie sich auch in anderer Beziehung etwas vorstellt, das sie nicht bekommt? Und dass sie deshalb alles ablehnt?«, fragte Elena.

»Wie meinst du das?« Iris tat, als ob sie nicht verstände.

»Du weißt genau, wie ich das meine.« Elena stieß die Luft durch die Nase aus. »Die Entwürfe sind ihr alle egal. Sie will dich.«

Warum macht sie mir dann kein Angebot, das ich nicht ablehnen kann? dachte Iris. Sie hatte das gleiche Gefühl wie Elena, aber Esther war wie eine Burg, die erobert werden wollte, gleichzeitig jedoch alle Zugbrücken hochzog und den Burggraben voll Wasser laufen ließ.

Verächtlich gab Elena einen Stoßseufzer von sich. Dann grinste sie breit. »Aber solange sie damit meine Rechnungen bezahlt, bin ich dabei.«

»Sie wird irgendwann gar nichts mehr bezahlen, wenn wir nicht zu einer Einigung kommen und endlich mit der Kampagne anfangen können.« Iris biss sich auf die Unterlippe. »Wir haben ein festes Budget vereinbart, und wenn das erschöpft ist und wir nichts zustandegebracht haben, sieht es so aus, als hätten wir nicht geliefert. Als wären wir unfähig.«

»Vielleicht will sie, dass es so aussieht. Dass Roland sein Angebot, dich zur Partnerin zu machen, zurücknimmt«, überlegte Elena. »Weiß sie davon?«

»Roland hat es ihr brühwarm bei der nächsten Besprechung präsentiert, nachdem ich zugesagt hatte.« Iris runzelte die Stirn. »Vielleicht gefällt ihr das wirklich nicht, du hast recht. Er wollte ihr den Eindruck vermitteln, dass sie nun in noch besseren Händen ist, eine noch wichtigere Kundin, aber für sie könnte es so aussehen, als würde ich meinen Erfolg auf ihrem Rücken aufbauen. Und das will sie verhindern.«

»Dann solltest du schleunigst etwas unternehmen«, schlug Elena vor. »Denn mir gehen bald die Ideen aus.«

»Das spricht aber nicht gerade für Ihre Kreativität.« Esther stand in der Tür und ließ ihren Blick düster über Iris und Elena schweifen. »Vielleicht sollte ich mir doch eine andere Agentur suchen.«

»Verdammt noch mal, leg sie endlich flach!«, flüsterte Elena Iris so leise zu, dass Esther, die mehrere Meter entfernt stand, es nicht hören konnte. »Sie wartet doch nur darauf!«

Iris konnte sich fast nicht beherrschen, als Elena das sagte, aber viele Jahre in der Werbebranche hatten dazu beigetragen, dass sie auch in solchen Situationen niemals das Gesicht verlor.

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