Teil 01

1

Torie stand mit verschränkten Armen an einem der Fenster ihres Frisiersalons und blickte hinaus. Nichts los heute, wie so oft. Für permanent blühende Geschäfte war Pleshette, diese kleine Stadt im heißen Nevada, einfach nicht groß genug.

Glücklicherweise gab es immer noch genügend Frauen, die sich bei ihr die Haare machen ließen, sodass sie ihre Rechnungen bezahlen konnte – wenigstens meistens, im Moment sah es damit nicht so gut aus –, aber viele der Einwohnerinnen von Pleshette waren schon älter, und die gingen dann auch lieber zu älteren Friseurinnen, zu denen, die sie schon ihr Leben lang kannten.

Und die weniger auffällig gestylt waren als Torie mit ihren magentaroten Haaren. Die Kundinnen wollten sich in der Frau, die ihnen die Haare frisierte, wiederfinden, und so viele junge Mädchen, für die Torie ein erstrebenswertes Vorbild gewesen wäre, weil sie genauso aussehen wollten wie sie, gab es in Pleshette nicht.

Sobald sie alt genug waren, die Stadt zu verlassen, taten sie das meistens auch. Gingen nach Reno oder, wenn sie sehr mutig oder abenteuerlustig waren, nach Las Vegas. Manche auch auf das Nevada State College in Henderson, der zweitgrößten Stadt Nevadas, die nur etwa zwanzig Kilometer südlich von Las Vegas lag, aber wesentlich ruhiger war. Dort gab es auch Chemieindustrie und damit die Arbeitsplätze, die in Pleshette fehlten.

Während sie so vor sich hinträumte und kein Ton der Eingangsklingel, die neue Kundinnen angekündigt hätte, sie dabei unterbrach, nahm sie plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung in der Seitenstraße wahr. Sofort fühlte sie sich hellwach. Hier in Pleshette passierte so wenig, dass jeder Neuankömmling eine Sensation war. Und das war diese Gestalt bestimmt: ein Neuankömmling, denn Torie hatte sie noch nie gesehen. Zudem war die Frau auch viel zu städtisch gekleidet, um mit einer der üblichen Einwohnerinnen von Pleshette verwechselt werden zu können.

Nicht nur städtisch, sondern auch teuer, stellte Torie mit einem zweiten Blick fest, als die Frau auf dem Bürgersteig näherkam. Das war kein Hosenanzug von der Stange, den die hochgewachsene Besucherin der Stadt da trug. Sie musste mindestens eins achtzig groß sein, denn hochhackige Schuhe sah Torie nicht unter ihren Hosenbeinen hervorblitzen. Höchstens ein kleiner Absatz, etwas höher als bei einem Männerschuh. Ob die breiten Schultern von Polstern im Jackett oder vom Fitness-Studio stammten?

Torie fühlte ein leises Kribbeln in sich. Sie mochte Frauen, die sich Muskeln antrainiert hatten. Aber bei so einem gutgeschnittenen Anzug konnte man nie wissen. Der konnte einiges kaschieren.

Die Frau blieb stehen und blickte an dem Gebäude hinauf, in dessen Erdgeschoss Tories Frisiersalon untergebracht war. Darüber lag ihre Wohnung, und genau die schien die Frau zu interessieren, denn ihr Blick verweilte länger darauf.

Was sie wohl will? dachte Torie. Selbst wenn sie nach einer Wohnung suchte, würde dieses heruntergekommene Gebäude wohl kaum zu ihr passen. Und warum sollte sie überhaupt nach einer Wohnung suchen? Leute wie diese Frau, die sicher einen gutbezahlten Job in Reno oder Henderson hatte, hatten keinerlei Bedürfnis, stattdessen in Pleshette zu wohnen. Und keinerlei Geschäfte hier.

Außer natürlich – Plötzlich fuhren heiße Schauer über Tories Haut. Ja, sie hatte schon eine ganze Weile nicht mehr ihre Rechnungen bezahlt, und ihr Bankkonto war weit überzogen. Aber Geldeintreiber oder in diesem Fall wohl eher Geldeintreiberinnen sahen normalerweise nicht so aus.

Sie verzog das Gesicht. Wusste sie denn wirklich, wie so jemand aussah? Bisher hatte sie noch nie etwas mit solchen Leuten zu tun gehabt. Dadurch, dass sie als Mieterin in dieses unrenovierte Gebäude eingezogen war, selbst einiges angestrichen, repariert und aufgemöbelt hatte, bis sie zumindest ihren Laden aufmachen und damit Geld verdienen konnte, zahlte sie nur sehr wenig Miete für die beiden Stockwerke, die sie nutzte.

Wenn sie viele Kundinnen hatte, war die Wasserrechnung zwar recht hoch ebenso wie die Stromrechnung, aber auch das hatte sie bis vor einiger Zeit immer treu und brav bezahlt. Würden sie ihr wegen so einer kurzen Verzögerung – nun ja, musste sie zähneknirschend zugeben, mittlerweile waren es schon drei Monate – ein Inkassobüro schicken?

Nein, beschloss sie, selbst wenn sie jemanden schicken würden, würde der garantiert nicht so aussehen wie diese Unbekannte hier vor ihrer Haustür. Sie studierte immer noch aufmerksam die Fassade des Gebäudes, insbesondere das Wohngeschoss im ersten Stock. Da musste sie etwas besonders interessieren.

Dunkler Anzug, dunkles Haar, dunkler Blick. Diese Kombination erinnerte Torie an gewisse smarte Rechtsanwältinnen in gewissen Fernsehserien, die immer so einen gewissen Hauch von lesbisch hatten, es zum Schluss aber dann meistens doch nicht waren. Auf der anderen Seite . . . In letzter Zeit hatte es zugenommen, dass sie es waren.

Ihr Puls beschleunigte sich, als sie die fremde Frau nun noch eingehender betrachtete. Vielleicht hatte sie sich nur verfahren. Aber dann war es merkwürdig, dass nirgendwo ein Auto zu sehen war, ihr Auto. Sicher ein deutscher oder englischer Sportwagen. Außerdem würde diese Frau doch nicht so interessiert die Fassade eines nicht sehr beeindruckenden Hauses mustern, das absolut nichts Besonderes vorweisen konnte, wenn sie nur die falsche Abzweigung genommen hatte.

Irgendwie hatte Torie das Gefühl, das hätte auch gar nicht zu dieser Fremden gepasst. Sie wirkte eher wie jemand, der jederzeit wusste, was er tat oder tun musste. Ein ziemlich entschlossener Gesichtsausdruck.

Torie legte leicht den Kopf zur Seite. Sollte sie hinausgehen und selbst überprüfen, ob es sich hier nicht vielleicht doch um eine überraschende abendliche Zwangsräumung handelte? War das der Grund, warum sie jetzt wie ferngesteuert zur Eingangstür des Frisiersalons ging und sie öffnete?

Das Klingeln des Glöckchens brachte die große Dunkelhaarige dazu, ihr Gesicht in Richtung des Geräuschs zu wenden und Torie anzublicken, als die nun hinaus auf die Straße trat. Dieser Blick nahm Torie fast den Atem. Zwar hatte sie das markante Gesicht schon von innen heraus betrachtet, aber ohne eine Glasscheibe dazwischen sah es noch . . . attraktiver aus. Auf einmal hatte sie das Gefühl, dass die Frau, die sie jetzt fragend und auch irgendwie interessiert anblickte, ihren hämmernden Herzschlag hören musste. Was war nur mit ihr los? So eine Reaktion hatte schon lange keine Frau mehr in ihr ausgelöst.

Wie vom Blitz getroffen stand sie da und brachte zuerst einmal keinen Laut hervor. Es war so still, als müsste gleich etwas passieren. Und das tat es auch. Das Glöckchen des Frisiersalons klingelte erneut, als die Tür wieder ins Schloss fiel. Torie zuckte zusammen, als hätte es ihr damit gleichzeitig einen Schlag versetzt.

Sie riss sich am Riemen. Du meine Güte! So attraktiv war diese Frau auch wieder nicht. Obwohl sie innerlich vor sich selbst zugeben musste, dass das wohl eher eine Schutzbehauptung war. Wie sie gerade vor ein paar Minuten – oder waren es nur Sekunden gewesen? Sie hatte irgendwie den Bezug zur Zeit verloren – festgestellt hatte, war sie attraktiv. Sehr attraktiv.

Torie räusperte sich. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie. »Suchen Sie irgendetwas?«

Die Fremde zog die Augenbrauen hoch. »Was sollte ich denn suchen?«

Irritiert runzelte Torie die Stirn. »Woher soll ich das wissen?«, fragte sie weit gereizter, als sie es beabsichtigt hatte, zurück. »Ich dachte nur, Sie sind fremd hier und . . .« Mit einem unwilligen Herumwerfen ihrer Haare schüttelte sie den Kopf. Da will man nur helfen, und dann so was! »Entschuldigen Sie bitte die Belästigung«, stieß sie kurz und knapp hervor, drehte sich ruckartig um und marschierte wieder in ihren Salon zurück, wobei sie das Glöckchen am liebsten festgehalten hätte, das so fröhlich bimmelte, als wollte es ihr mitteilen, sie hätte gerade im Lotto gewonnen.

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