Teil 01

1

»Du kennst meine Regeln: Ich mache keine Pläne. Und ich mache auch niemals Frühstück.« Lässig hielt Elena Iris deren Uhr vor die Nase, die sie vor ein paar Stunden auf dem Nachttisch abgelegt hatte. Das war eine unmissverständliche Aufforderung zu gehen.

»Lass uns heiraten«, sagte Iris.

Elena lachte. »Geh frühstücken.«

Iris erhob sich aus Elenas Arm und schaute sie an. »Und wenn ich dir sage, dass ich dich liebe?«

Wenig beeindruckt hob Elena die Augenbrauen. »Dann weiß ich, dass du lügst.«

Irgendwie hatte Iris das Gefühl, dass sie in diesem Bett nichts mehr zu suchen hatte. Sie stand auf und suchte nach ihren Kleidern. »Ich bin in der Werbung. Ich lüge immer«, erwiderte sie, als sie ihre Bluse überstreifte.

»Eben«, sagte Elena. »Deshalb würde ich dir niemals das Geringste glauben.«

Iris betrachtete ihren nackten Körper, halb bedeckt von einem Teil des Plumeaus. Verführerisch blitzten Teile heraus, die sie vor wenigen Minuten noch liebkost hatte.

Elena hatte sich zu Iris gedreht und schaute sie mit lockenden dunklen Augen an.

Aber Iris wusste, dass diese Verlockung auf eine einzige Sache beschränkt war. Elena hatte gern Sex, und wann immer Iris vorbeikam, freute sie sich darüber, weil ihr der Sex mit Iris offenbar großen Spaß machte. Mehr aber auch nicht.

»Ich glaube, ich bin zum Mittagessen ausnahmsweise mal frei«, sagte Iris. »Wie wäre es, wenn wir uns treffen?« Sie schlüpfte in ihre Pumps.

Als wäre es eine sehr alte, scheppernde Saite, die Iris da angeschlagen hätte, verdrehte Elena die Augen.

»Okay, du machst keine Pläne.« Schon fast aus Gewohnheit unterdrückte Iris ein Seufzen. »Vielleicht kommst du einfach spontan vorbei?«

»Wenn du schon auf mich wartest, ist es nicht spontan.« Elena sah aus, als würde sie sich sehr über Iris amüsieren. »Warum kannst du es nicht auf sich beruhen lassen? Du bist heute Nacht auch spontan vorbeigekommen. Und das klappt doch wunderbar.«

»Ja, du hast recht, das klappt wunderbar.« Iris beugte sich über Elena und hauchte einen letzten Kuss auf ihre Lippen. »Ich hänge zu sehr an meinem Terminkalender.« Sie lächelte Elena an. »Dann bis . . . irgendwann.«

»Genau. Bis irgendwann.« Elena wirkte sehr zufrieden. Sie drehte sich schon um, als Iris zur Tür ging, und als sie die Tür öffnete und noch einmal einen Blick zum Bett zurückwarf, schien Elena bereits wieder eingeschlafen zu sein.

Leise zog Iris die Tür hinter sich zu und ging langsam die Treppe hinunter. Das Haus hatte auch einen Aufzug, aber den benutzte sie nie. Sie hatte lieber Bewegung, denn davon bekam sie die meiste Zeit viel zu wenig.

Es war ein Tagesbeginn wie viele. Nach einer Nacht, die durchaus sehr befriedigend gewesen war. Und trotzdem fühlte sie sich nach solchen Nächten immer weniger befriedigt.

Lag es daran, dass sie älter wurde? Jahrelang hatte ihr diese Art der Befriedigung gereicht. Sie hatte geglaubt, für mehr gar keine Zeit zu haben in ihrem anstrengenden Beruf. Eigentlich war sie damit, keine weiteren Verpflichtungen zu haben, sogar sehr zufrieden gewesen.

Aber ihr Zufriedometer – wie sie es manchmal ironisch nannte – fiel. Im Beruf hatte sie einiges erreicht, aber was war mit ihrem Privatleben? Zwar hatte sie sich nie Frau und Kinder gewünscht, aber manchmal wünschte sie sich schon, dass jemand auf sie warten würde, wenn sie nach Hause kam.

Frauen wie Elena warteten nicht auf sie. Sie wiesen sie nicht ab, wenn sie kam, aber sie sehnten sich nicht nach ihr, wenn sie nicht da war. Es war eine sehr bequeme Übereinkunft.

Als sie heute Nacht beschlossen hatte, zu Elena zu gehen, hatte sie nicht gewusst, ob sie da sein würde. Elena hätte es auch nicht gern gesehen, wenn Iris angerufen hätte, um sich anzukündigen. Das hätte sie in ihrer künstlerischen Freiheit beschränkt.

Elena war nämlich Künstlerin, Grafikerin. Sie entwarf Anzeigen für große Firmen, und Iris hatte sie kennengelernt, als sie mit ihr für einen Auftrag zusammenarbeitete.

Selbstverständlich nahm Elena solche Aufträge nur an, wenn sie nicht gerade an einem künstlerischen Opus arbeitete, Grafiken produzierte, die ihr keine große Firma für eine Werbekampagne abgekauft hätte.

Elenas Sprunghaftigkeit hatte Iris gefallen. Sie selbst war eher der zuverlässige Typ, und sie mochte künstlerisch begabte Menschen. Vielleicht weil sie selbst in keiner Weise künstlerisch begabt war. Was sie aber auch nicht störte.

Sie kam in die Firma und ging zuerst einmal in ihr Büro, um sich umzuziehen. Da sie außerhalb der Stadt wohnte, wäre der Weg nach Hause zu weit gewesen.

Als sie sich gerade an ihren Schreibtisch setzen wollte, kam ihr Chef herein.

»Gut, dass du endlich da bist.« Er atmete schwer.

Iris ließ sich in den Bürosessel sinken und hob fragend die Augenbrauen. »Es ist noch nicht einmal acht.«

»Ja. Ja, natürlich.« Schweißperlen standen auf seiner Stirn. »Ich weiß, es ist früh. Aber manche Kunden haben keinen Sinn für unsere Geschäftszeiten.«

»Ein neuer Kunde?«, fragte Iris. Sie hatte eben erst ihren Computer eingeschaltet und blickte kurz auf den Terminkalender. »Es ist nichts eingetragen.«

»Nein. Sie kommt wohl gern überraschend.«

»Sie?« Iris hätte beinah geschmunzelt. »Ach, deshalb kommst du zu mir.«

»Ja, du weißt doch . . .« Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich damit über die hohe Stirn, die jedoch trotzdem gleich wieder glänzte.

»Ich weiß«, bestätigte Iris. Sie stand auf. »Wo ist sie?«

»Noch in meinem Büro.« Er machte ein Gesicht wie ein Ochs, wenn’s donnert. »Ich wollte sie nicht allein in den Konferenzraum setzen. Svetlana hat ihr einen Kaffee gebracht.«

»Weißt du, Roland«, sagte Iris, als sie sich gemeinsam auf den Gang begaben, »du solltest dir vielleicht doch einmal überlegen, was du dagegen tun kannst, dass du mit weiblichen Kunden nicht klarkommst. Mit mir kommst du doch auch klar. Stell dir einfach vor, sie wären ich.«

Er schaute sie zweifelnd von der Seite an. »Du bist anders.«

Iris atmete tief durch. »So viel anders nun auch nicht. Aber gut . . .« Sie hatten sein Büro erreicht, und Roland ließ ihr gern den Vortritt, damit sie sich gleich in den Kampf stürzen konnte, ohne dass er weiter eingreifen musste.

Lächelnd ging Iris auf die Frau, die mit einer Kaffeetasse in Rolands Besucherecke saß, zu. »Iris Keilwerth«, sagte sie und streckte ihr die Hand hin. »Kreativdirektorin für besondere Aufgaben.« Sie fand es immer wieder belustigend, dass sie, die sich selbst nicht als kreativ empfand, diesen Titel innehatte.

»So? Bin ich das?« Die Frau stellte ihre Kaffeetasse auf den Tisch und schaute Iris eindringlich an, bevor sie ihr ebenfalls die Hand reichte. »Eine besondere Aufgabe?«

»Sie sind eine neue Kundin.« Iris nahm das Gesicht, die Augen, die Mimik der Frau schnell in sich auf. So konnte sie meistens gut abschätzen, was die Kunden – und speziell die Kundinnen – wollten. »Das ist immer eine besondere Aufgabe«, erwiderte sie zuvorkommend.

Die Hand der Frau fühlte sich gut an in ihrer, fest und gleichzeitig weich, und die Dame selbst war ein angenehmer Anblick. Mehr als das eigentlich. Sie war in Iris’ Alter, Ende dreißig, sehr gepflegt und trug eindeutig die Aura der erfolgreichen Geschäftsfrau um sich. Ihre Haare schimmerten leicht rötlich, kastanienbraun, aber Iris hätte wetten können, dass das nicht ihre Naturfarbe war. Dennoch hatte die Kundin eine sehr dezente Tönung gewählt, die ihr ausgesprochen gut stand.

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