Teil 05

»Bist du dir sicher?«, fragte Karen nach. »Es wäre wirklich kein Problem für mich.«

Hannas Mundwinkel zuckten. »Das weiß ich doch. Aber ich brauche erst Ergebnisse, bevor ich hier überhaupt weitermachen kann.« Sie stand auf und reichte Karen die Hand. »Und nun geh endlich. Auf mich wartet niemand zu Hause. Aber du hast Familie.«


Stahlblaue Augen funkelten Hanna entgegen, während die schmale Gestalt dazu auf dem Stuhl in Hannas Büro lümmelte. Es war kaum zu glauben, aber nur eine knappe Stunde, nachdem sie die Rundmail mit Nikis Personenbeschreibung abgeschickt hatte, erhielt sie einen Anruf, dass soeben eine Sandy Hilpert erschienen war, die ihre Freundin vermisste. Die Beschreibung passte haargenau. Daraufhin hatte Hanna die Frau zu sich bringen lassen. Und nun saß sie ihr gegenüber und war bemüht, sich behutsam in das Gespräch mit ihr hineinzutasten.

»Wie heißt denn Ihre Freundin?«, fragte Hanna zunächst.

»Na Nicole. Das hab ich doch schon dem dicken Streifenhörnchen gesagt.«

Hanna hob missbilligend eine Augenbraue. »Sie meinen sicher den Polizeibeamten, der Sie hierhergebracht hat.«

»Meinetwegen auch so«, nuschelte Sandy mit einem betont lässigen Achselzucken. Doch dann verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem breiten Grinsen. »Sie dagegen sehen richtig heiß aus, wenn ich das mal so sagen darf.« Sie zwinkerte Hanna aufreizend zu. Es war wohl ein Versuch, verführerisch zu wirken.

Dieses coole Macho-Gehabe war irgendwie drollig, und Hanna musste sich zusammenreißen, nicht darüber zu lachen. »Sie haben es ja schon gesagt«, erwiderte sie nur mit einem dezenten Lächeln. »Soll ich Sie auf die Liste meiner Verehrerinnen schreiben?«

Sandy klappte der Unterkiefer herunter, und sie starrte Hanna mit offenem Mund an. »Wow«, stieß sie bewundernd aus, ehe sie sofort wieder ihre coole Maske aufsetzte.

Doch mit diesem kleinen Intermezzo hatte Hanna unverhofft etwas erreicht. Jetzt hatte sie die vollste Aufmerksamkeit der jungen Frau. Sandy Hilpert war ein Kind der Straße, das erkannte Hanna sofort. Nicht nur wegen ihrer ungehobelten Art oder ihren dreckigen Klamotten, die sie am Leib trug. In ihrem Beruf war Hanna schon so vielen gestrauchelten Existenzen begegnet, sodass sie inzwischen einfach ein Gespür dafür entwickelt hatte.

»Hat Nicole auch einen Nachnamen?«, fragte sie nun wieder mit der gebotenen Ernsthaftigkeit. Sie wusste, dass das tote Mädchen jetzt möglicherweise schneller identifiziert werden konnte, als sie dachte.

Aber Sandy hob nur die Schultern. »Keine Ahnung. Ich nenn sie immer nur beim Vornamen oder Niki. Sie will nicht mit ihrer Familie in Verbindung gebracht werden. Als wir uns kennenlernten, hat sie ihn mal erwähnt, aber gleich gesagt, dass ich ihn wieder vergessen soll. Und das habe ich gemacht.« Sie setzte einen solch treudoofen Blick auf, dass es schon wieder ehrlich wirkte.

»Seit wann vermissen Sie denn Ihre Freundin schon?«, fragte Hanna einfach weiter. Sie würde später noch einmal auf das Thema zurückkommen.

»Wir waren verabredet. Punkt um zwei am Bahnhof in Warnemünde. Ich habe fast zwei Stunden auf sie gewartet, aber sie ist nicht gekommen.« Sichtlich beunruhigt fing sie an, sich hinter dem rechten Ohr zu kratzen. »Wissen Sie . . . Niki hat mich noch nie versetzt. Und wir kennen uns schon eine ganze Weile.«

Als Sandy Hilpert den Bahnhof erwähnte, schoss ein blitzartiger Gedanke durch Hannas Kopf. Gestern Nacht war da doch diese Frau gewesen, eine zugegeben sehr attraktive Frau. Hatte die auf jemanden gewartet? Aber warum war sie dann davongerauscht, als Hanna sie ansprechen wollte? Ihr beruflicher Instinkt meldete sich. Der brünetten Schönheit war sie gegen Mitternacht begegnet. Die kleine Niki wurde kurz nach fünf gefunden. Zum verabredeten Treffpunkt um zwei war sie bereits nicht mehr erschienen. Das hieß, dass sie da vermutlich schon tot war. Bestand da etwa ein Zusammenhang?

Hanna setzte sich ein wenig aufrechter und schaute Sandy durchdringend an. »Wieso waren Sie mitten in der Nacht am Bahnhof verabredet? Um diese Zeit fuhr doch gar kein Zug mehr.«

Ein tiefes Seufzen drang aus Sandys Kehle. Ihre Nervosität nahm zu, das war nicht zu übersehen. Immer wieder schabte sie mit ihren Turnschuhen über den Boden. »Muss ich Ihnen die Frage wirklich beantworten?«, fragte sie fast ein wenig schüchtern.

»Nein. Müssen Sie nicht. Es hätte mich nur interessiert«, wiegelte Hanna ab. »Ist Ihnen vielleicht nun doch wieder Nicoles Nachname eingefallen?«

»Tut mir leid. Aber ich habe ihn wirklich nicht mehr auf dem Radar«, beteuerte Sandy. »Ich weiß nur, dass ihre Alten stinkreich sind. Haben ’ne Villa und ein riesiges Grundstück auf der Insel . . .« Grübelnd zog sie die Stirn in Falten. »Rügen, glaub ich.« Sie lachte abfällig. »Nicole hat dieses Spießerleben gehasst. Es war die Hölle für sie. Aber hier draußen am Meer«, sie machte eine ausladende Armbewegung, »da sind wir frei, und wir können tun und lassen, was wir wollen.«

»Zum Beispiel anderer Leute ihr Geld stehlen?«, fragte Hanna aus einem Impuls heraus.

Sandy schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen. »Scheiße. Sie haben sie also erwischt. Oder?« Mit ihren großen, blauen Augen, die durchs Büro huschten, schien sie den ganzen Raum zum Leuchten zu bringen. »Das versteh ich nicht. Sie ist die Beste und wurde noch nie erwischt.«

Hanna verschränkte die Arme und musterte ihr Gegenüber. »Haben Sie eigentlich jemals darüber nachgedacht, Geld mit ehrlicher Arbeit zu verdienen?«

»Ach . . .« Sandy winkte geringschätzig ab. »Dieses verdammte System lässt doch gar nicht zu, dass man sich frei entfalten kann. Überall wird man wie eine Gefangene behandelt und in irgendeine Schublade gesteckt.« Demonstrativ streckte sie einen Arm mit nach oben gerichteter Handfläche nach vorn, als würde sie eine Tür zuschieben, ohne die Klinke zu benutzen.

Die fehlende Akzeptanz war deutlich spürbar. Genauso wenig hielt die junge Frau vermutlich von der Polizei, das exekutive Staatsorgan. Und doch war sie hierhergekommen, weil sie ihre Freundin vermisste.

In diesem Moment war Hanna schon klar gewesen, dass da mehr dahinterstecken musste. Doch so, wie sich das Gespräch gerade entwickelte, brachte sie das keinen Schritt weiter. Zwar wusste sie jetzt, dass Niki aus einer wohlhabenden Familie stammte. Das ließe sich also bestimmt schnell herausfinden. Aber was es mit dem Raubüberfall auf Harry Wagner auf sich hatte, da konnte sie sich nach wie vor keinen Reim drauf machen. Auch Sandy Hilpert wirkte nicht wie eine gemeingefährliche und brutale Kriminelle. Sie war eher schmächtig und hatte zarte Hände. Typisch für eine Taschendiebin, klein und wendig.

»Ich hoffe doch mal stark, dass Sie jetzt nicht irgendwas Geklautes bei sich haben, während Sie zur Polizei gegangen sind?« Hanna zog ihre Augenbrauen ein wenig zusammen und musterte die junge Frau scharf.

Sandy schüttelte energisch den Kopf. »Ich bin doch nicht dämlich«, protestierte sie, und erneut hörte sie sich ein wenig eingeschnappt an. »Außerdem mache ich das nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Ich bin einfach nicht so gut darin.« Nun zuckte sie beinahe um Verzeihung bittend die Schultern.

Hanna überging das Gehörte geflissentlich und nickte Sandy lächelnd zu. Damit wollte sie ihr symbolisieren, dass sie ihr glaubte. »Aber wann Ihre Freundin Geburtstag hat, das können Sie mir doch bestimmt sagen«, lenkte sie das Thema nun wieder in die richtige Richtung.

Sandy streckte ihren Rücken durch. »Aber klar. Sie hatte am elften Juni Geburtstag. Da ist sie zwanzig geworden.« Sie verfiel geradezu in ein verträumtes Lächeln. »Und da haben wir die Sau rausgelassen . . . Wenn Sie wissen, was ich meine«, fügte sie noch mit stolzgeschwellter Brust hinzu.

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.