Teil 09

Fabiola hatte das Gefühl, Sarah vertraute sich ihr ganz an. Wäre es kein Tanz gewesen, hätte sie es vielleicht nicht getan, aber in der sicheren Umgebung eines Tanzlokals gab es keinen Grund, nicht alles um sich herum zu vergessen.

Alles und jeden, dachte Fabiola. Oder jede. Das wünschte sie sich. Dass Sarah Vic endlich einmal vergessen würde und ganz bei ihr war.

Sie blieb stehen und hob den Arm, und Sarah drehte sich ganz automatisch vor ihr in einer fließenden Pirouette. Sie lachte. Sie sah glücklich aus.

Fabiola genoss den Anblick sehr. Den ganzen Abend hatte sie Sarah nicht so gelöst gesehen, so bei sich und aller Belastungen ledig.

Als die Musik endete und Fabiola Sarah beim Schlussakkord zum ersten Mal eng an sich zog, schien es auf einmal ganz selbstverständlich zu sein. Als ob sie nie etwas anderes getan hätten. Als ob sie sich schon ewig kennen würden.

Fabiola trat einen Schritt zurück, und Sarahs strahlende Augen belohnten sie noch mehr, als der Tanz es schon getan hatte. Sarah atmete schwer, ein wenig Schweiß stand auf ihrer Lippe von der Anstrengung, und Fabiola hätte am liebsten jedes Schweißtröpfchen einzeln weggeküsst.

»Das war herrlich!« Sarahs Stimme klang genauso, wie sie aussah. Frei und unbeschwert, auf unschuldige Art erregt, wie man es nur beim Tanzen sein kann.

»Das fand ich auch.« Fabiola lächelte sie an. »Du bist eine hervorragende Tänzerin.«

»Findest du?« Das schien Sarah zu überraschen. »Bisher habe ich fast immer nur allein getanzt. Ich meine«, sie lachte leicht, »diese Tänze, bei denen man so voreinander tanzt, ohne sich zu berühren, jeder für sich. In einer Tanzschule, wo man lernt, wie man richtig tanzt – diese ganzen Sachen wie Walzer und so etwas –, war ich nie.«

»Das musst du auch gar nicht«, sagte Fabiola. »Du bist ein Naturtalent. Du bist anschmiegsam und geschmeidig –« Sie brach abrupt ab. Ihr wurde von ihren eigenen Worten heiß. »Ich meine«, fuhr sie etwas verlegen fort, obwohl man ihr die Verlegenheit aufgrund ihrer Erziehung zur spanischen Etikette nicht ansah, »du hast ein natürliches Gespür für Bewegung und den Rhythmus der Musik.«

Sarah lächelte süß geschmeichelt. Sie errötete ein wenig. »Von einer Spanierin ist das wirklich ein Kompliment. Bei euch liegt das ja sozusagen im Blut.«

»Ja, die Deutschen sind da manchmal etwas steif.« Fabiola lachte. »Bis auf Ausnahmen, wie man sieht.«

Auf einmal herrschte Stille zwischen ihnen, während sie sich nur ansahen.

Fabiola spürte, wie Sarahs Blick in sie eindrang, wie er alles in ihr zum Glühen brachte. Aber sie hatte sich vorgenommen, diesen Abend nach Sarahs Wünschen zu gestalten, nicht nach ihren eigenen. Sie räusperte sich. »Wollen wir weitertanzen? Ich glaube, wir werden langsam zum Hindernis hier auf der Tanzfläche.«

»Ja. Ja, lass uns tanzen«, stimmte Sarah zu, als ob sie selbst nicht gewagt hätte, diesen Vorschlag zu machen. »Dafür sind wir ja hergekommen.«

Mit einer einladenden Geste breitete Fabiola ihre Arme aus. »Das ist Rumba. Auch lateinamerikanisch, also müsste es mir ja fast im Blut liegen.« Sie lachte etwas selbstironisch. »Und außerdem habe ich es gelernt. Unser Tanzlehrer war da sehr streng. Wir mussten alle Tänze lernen.«

»Du hattest einen privaten Tanzlehrer?« Sarah glitt in ihre Arme, und Fabiola wartete kurz auf den nächsten Takt, bevor sie den ersten Rumbaschritt aufnahm und Sarah ein wenig zur Seite führte, weil mittlerweile andere Paare in ihre Nähe gekommen waren.

»Wir alle. Meine Brüder und ich. Eine öffentliche Tanzschule wäre nicht in Frage gekommen. War damals so.« Fabiola zuckte die Schultern.

»Wenn du mir jetzt auch noch sagst, dass ihr ein Schloss hattet, denke ich, du bist eine aus einem Märchen entsprungene Prinzessin.« Sarah blickte sie mit schelmisch blitzenden Augen an.

»Ich fürchte«, Fabiola verzog das Gesicht, »das haben wir immer noch.«

»Unglaublich.« Sarah schüttelte den Kopf. »Alles, was Carlo über dich angedeutet hat, stimmt also tatsächlich. Ich dachte, er hätte mal wieder maßlos übertrieben.«

»Das tut er doch eigentlich nur bei jungen Männern«, erwiderte Fabiola lachend. »Nicht unbedingt bei Frauen.«

»Das stimmt allerdings.« Die Rumba verlangte Sarah nicht so viel Aufmerksamkeit ab wie zuvor der Tango, und sie wirkte sehr gelöst. »Aber da ihr so alte Freunde seid . . .«

»Das hat für Carlo vielleicht nicht ganz dieselbe Bedeutung wie für dich oder mich«, vermutete Fabiola. »Ich mag ihn wirklich sehr gern, aber ich denke, seine erste Priorität ist immer das Geschäft, und wir haben gute Geschäfte miteinander gemacht, was unserer Freundschaft sicherlich nicht abträglich gewesen ist.«

»Ist diese Betrachtungsweise nicht ein bisschen zynisch?«, fragte Sarah überrascht nach.

»Ich hoffe nicht.« Fabiola lächelte leicht. »Ich glaube, es ist einfach nur realistisch. Und es hat durchaus Vorteile, realistisch zu sein. Erspart einem viel Ärger.«

Erst als sie ihre Antwort beendet hatte, bemerkte sie, dass Sarah das vielleicht als Anspielung missverstehen könnte. Als Anspielung auf ihre Beziehung zu Vic, die nach realistischen Maßstäben gemessen wohl nicht dasselbe war wie das, was Sarah darin sah. Oder darin sehen wollte.

Doch Sarah schien das überhaupt nicht aufgefallen zu sein. Oder es war ihr so fremd, ihre Beziehung mit Vic in Frage zu stellen, dass sie die Anspielung, die Fabiola vermutlich nicht ganz zufällig entschlüpft war – das wusste sie noch nicht einmal selbst so ganz genau –, gar nicht mitbekommen hatte.

»Wahrscheinlich ist das Kunstgeschäft tatsächlich so: ziemlich zynisch«, fuhr sie nachdenklich fort. »Mit Kunst hat das ja oft nichts zu tun, sondern wirklich mehr mit Geschäft.«

Fabiola zuckte die Schultern. »So geschieht es wohl allen Dingen, denen man einen Geldwert zumessen kann. Leider.«

»Den meisten wahrscheinlich« erwiderte Sarah immer noch nachdenklich und fast schon ein wenig bekümmert. »Aber ich hoffe, nicht allen. Ich hoffe, es gibt immer noch eine Art von Schönheit auf der Welt, die man nicht in Zahlen ausdrücken kann, die sich einfach nur in einem Gefühl ausdrückt, in Bewunderung oder Begeisterung.« Sie lächelte etwas entrückt. »In einem Bild, das mich tief innerlich anspricht, könnte ich wie in einem See versinken, ohne dass es mir etwas ausmachen würde zu ertrinken.«

Diese Aussage machte Fabiola sprachlos. Sie beobachtete Sarahs Lippen, wie sie das sagten, und sie wäre in diesen Lippen genauso gern versunken, wie Sarah es mit ihrem See beschrieb. Sie zogen sie so unheimlich an, dass sie die letzten Schritte der Rumba dazu nutzte, sich von Sarah zu lösen, weil sie sie sonst unvermeidlich in ihre Arme gezogen und nicht mehr losgelassen hätte, bis sie aus diesem Mund getrunken hatte.

»Kleine Pause?«, fragte sie, und ihr entschuldigendes Lächeln deutete so etwas an wie: Ich bin nicht mehr so jung wie du. So fühlte sie sich zwar überhaupt nicht, im Gegenteil, aber es war besser, wenn Sarah das denken würde als das, was Fabiola tatsächlich zu dieser Unterbrechung veranlasst hatte.

»Ich könnte ewig so weitertanzen!«, erwiderte Sarah dann auch erwartungsgemäß enthusiastisch und keinesfalls erschöpft genug für eine Pause.

»Das würde ich gern.« Fabiola lächelte sie an, und sie konnte es nicht verhindern, dass ein zärtlicher Ausdruck in diesem Lächeln lag. »Aber am liebsten direkt an der Seine, nicht hier.« Ihre Augenwinkel zogen sich in einer süßen Erinnerung zusammen. »Kennst du den Film Ein Amerikaner in Paris? Die Szene, in der Gene Kelly mit Leslie Caron unter den Seinebrücken tanzt?«

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