Teil 09

»Max . . .«, seufzte Adriane sehnsüchtig. »Oh Max . . .« Und ihre Arme legten sich erneut um Kers Nacken, während ihre Lippen sich unter Kers öffneten.

Dem hatte Ker nichts mehr entgegenzusetzen. Ihr Körper übernahm die Kontrolle, und ihre Zunge drang in Adrianes Mund ein, ihre Hände fuhren über ihre Seiten, bewegten sich zurück auf ihre Brüste.

Zuerst schien Adriane es zu genießen, doch dann riss sie plötzlich die Augen auf und versuchte, sich unter Ker hervorzuwinden, sie zurückzustoßen. »Nein«, keuchte sie. »Nein!«

Ker fühlte, wie die Vernunft, wenn auch widerwillig, kurzzeitig in ihren Kopf zurückkehrte. Sie sprang mit einem Satz auf die Füße. »Es . . . es tut mir leid«, stammelte sie. »Das wollte ich nicht. Ich werde sofort gehen.« Ruckartig drehte sie sich um und machte einen hastigen Schritt.

»Bitte bleib.« Auf einmal klang Adrianes Stimme ganz ruhig. »Ich . . . ich will nicht . . . ich kann nicht allein sein.«

»Ich . . .« Ker wandte sich zu ihr zurück. »Ich muss mich für mein Verhalten entschuldigen, Frau Reichardt. Und ich sollte wirklich gehen.«

»Frau Reichardt?« Adrianes Mundwinkel zuckten. »Es klang so schön, wie du . . .«, sie richtete sich halb auf einem Ellbogen auf, »meinen Vornamen ausgesprochen hast.«

»Aber es war unangemessen«, sagte Ker.

»Kerstin?« Adriane blickte fragend. »Das stand auf deiner Karte.«

»Ker«, brummte Ker. »Meine Freunde nennen mich Ker.«

»Ker«, wiederholte Adriane weich. Sie legte sich wieder auf die Couch zurück, und ihr Blick kehrte sich nach innen. »Ich dachte, es wäre Max«, murmelte sie leise. »Ich dachte, sie wäre zurück.«

»Das . . .« Ker schluckte. »Das habe ich gemerkt. Deshalb hätte ich nie –«

»Bitte . . .« Adriane schaute sie an. »Entschuldige dich nicht mehr dafür.« Sie lächelte leicht. »Es war schön. Für einen Augenblick dachte ich, es wäre alles wieder in Ordnung.«

»Es ist alles in Ordnung.« Ker trat einen großen Schritt auf das Sofa zu. »Du musst dir um nichts Sorgen machen.« Sie hockte sich hin, damit sie mit Adriane auf Augenhöhe war. »Ich kümmere mich um alles.«

»Du bist so wunderbar stark und selbstbewusst.« Adriane sprach leise und schaute ihr tief in die Augen. »Es ist wahnsinnig beruhigend, dass du hier bist.«

»Ich . . .«, Ker räusperte sich, »kann aber nicht ewig hierbleiben.«

»Ist eine Nacht«, Adriane machte eine lange, bedeutungsvolle Pause, »ewig?«

»Eine . . .«, mühsam schluckte Ker ihre Überraschung hinunter, »Nacht?«

»Ich fühle mich heute allein nicht . . . wohl«, erklärte Adriane zögernd. »Meine Haushälterin ist nicht da. Ehrlich gesagt«, sie verzog die Mundwinkel, »habe ich sie fortgeschickt. Max hatte sie eingestellt. Manchmal hatte ich das Gefühl, um mich zu . . . überwachen.«

»Überwachen? Warum denn?« Ker setzte sich zu ihr auf die Sofakante.

Adriane zuckte die Schultern. »Max war immer ein bisschen misstrauisch. Lag wohl daran, dass sie Geschäftspartnern nicht traute. Es war ihr zur Gewohnheit geworden. Erst wenn ein Geschäft vollständig abgewickelt wäre, könnte sie sicher sein, dass die anderen sie nicht betrogen hätten, sagte sie immer.«

»Aber eure Ehe war doch kein Geschäft«, wandte Ker ein.

»Für mich nicht.« Angestrengt starrte Adriane in die Luft. »Aber ich frage mich . . . habe mich manchmal gefragt, ob es für Max nicht doch eins war. In gewisser Weise.«

»Sie hat dich nicht geliebt?«, fragte Ker, obwohl sie sich sehr überwinden musste.

»Ich habe sie geliebt.« Adriane wirkte nachdenklich. »Aber manchmal hatte ich tatsächlich den Eindruck, das muss für uns beide reichen. Sie war nicht . . .« Schluckend blickte sie zur Seite. »Sie war nicht . . . der gefühlvolle Typ«, fuhr sie dann fort, und es schien, als ob sie sich dazu zwingen müsste.

»Sie war mehr Geschäftsfrau als Ehefrau«, stellte Ker fest. »Willst du das damit sagen?«

Adriane nickte langsam. Sehr, sehr langsam, wie eine Sprungfeder, die mit letzter Kraft ausschwingt. »Ja. Ihr Geschäft war ihr immer wichtiger als ich. Sie hatte manchmal . . .«, erneut schluckte sie, »oft . . . nicht viel Zeit für mich.« Ihr Blick kehrte zu Ker zurück. »Aber deshalb habe ich sie nicht erschossen, verstehst du mich? Wegen so etwas erschießt man doch niemanden.« Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte auf. »Sie war alles für mich«, drang es unter den geschlossenen Fingern hervor. »Alles.«

»Natürlich.« Ker umfasste ihre Hände und drückte sie leicht. »Natürlich war sie das. Und bald wirst du dich nicht mehr damit beschäftigen müssen. Wir werden den Fall zu den Akten legen, und damit ist es erledigt.«

»Wirklich?« Langsam ließ Adriane ihre Finger sinken, sodass Ker ihr Gesicht wieder sehen konnte. »Erledigt? Richtig erledigt?«

»Na ja . . .« Ker zuckte die Achseln. »Es wird schon noch eine Verhandlung geben. Der Staatsanwalt wird sicherstellen wollen, dass du ohne Vorsatz gehandelt hast. Es ist noch immer nicht ganz klar, was Max hier im Haus wollte. Warum hat sie ihre Geschäftsreise abgebrochen?«

»Ich weiß es nicht.« Adriane warf die Hände in die Luft. »Ich wusste oft nicht, was Max wollte, warum sie etwas tat. In Geschäfte hat sie mich nie eingeweiht. Sie sagte, ich verstünde nichts davon und sollte mir mein hübsches Köpfchen nicht damit belasten.« Etwas schief verzog sie einen Mundwinkel. »Ich fürchte, dass ich nicht ganz unschuldig daran bin, dass sie das dachte. Ich habe mich tatsächlich nie für Geschäfte interessiert. Max war . . .« Sie verschränkte ihre Hände ineinander. »Auf gewisse Art war sie . . . überwältigend. Sie hat nicht viel auf die Meinung anderer gegeben und ehrlich gesagt . . . auch nicht auf meine.«

»Hat sie oft Geschäftsreisen gemacht?«, fragte Ker.

»Sicher.« Adriane nickte. »Sie musste oft zu Konferenzen, Vertragsverhandlungen . . . was weiß ich.«

»Und du hast sie nie begleitet?«

Erstaunt blickte Adriane sie an. »Begleitet? Warum?«

»Bist du . . .« Ker versuchte es vorsichtig auszudrücken. »Bist du sicher, dass es immer nur Geschäftsreisen waren?«

»Was willst du damit sagen?« Mit aufgerissenen Augen starrte Adriane sie an.

»Ich meine«, führte Ker aus, obwohl ihr nicht ganz wohl dabei war, »dass sie vielleicht eine Geliebte hatte. Oder mehrere. Wenn sie so oft unterwegs war.«

Diesen Gedanken wollte sie immer noch nicht aufgeben. Sam Marlowe spukte ihr im Kopf herum. Aber Sam Marlowe hatte nur in eine Richtung ermittelt. Was wäre dabei herausgekommen, wenn Adriane sie engagiert hätte, um Max zu überwachen?

Adriane wirkte verwirrt. »Wie . . . wie kommst du darauf?«

Tief atmete Ker durch. »Oftmals ist es so, dass man anderen das zutraut, was man selbst tut. Lügt man gewohnheitsmäßig, hält man das für so normal, dass man auch anderen ständig unterstellt, sie würden lügen. Weil man sich gar nicht vorstellen kann, dass jemand die Wahrheit sagt. Und da sie dich hat überwachen lassen –« Abrupt brach sie ab.

»Sie hat was?« Diesmal war es keine Verwirrung, die aus Adrianes Augen sprach, sondern absolute Verblüffung.

»Ähm . . . ich meinte . . . du sagtest doch, du hättest das Gefühl gehabt, sie hat eure Haushälterin dafür engagiert«, versuchte Ker sich herauszuwinden.

Adrianes Augenbrauen zogen sich zusammen. »Das hast du nicht gemeint. Die Haushälterin hat dich bis jetzt überhaupt nicht interessiert.«

Ker ging zum Sessel zurück, um etwas Distanz zwischen sich und Adriane zu schaffen, und schaute sie nicht an. »Sie hat eine Privatdetektivin beauftragt«, teilte sie dem Gemälde an der Wand mit.

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