Teil 08

»Kommissarin Opitz, ich . . . ich . . .« Es war Adrianes Stimme. Sie klang unterdrückt und irgendwie unklar. »Ich möchte nicht, dass Sie . . . sich Vorwürfe machen. Es hat nichts . . . mit Ihnen . . . zu tun.« Die Wörter wurden immer wieder von Geräuschen unterbrochen, die wie Schlucken klangen oder sogar wie leises Schluchzen. »Es hat nur mit Max zu tun . . . und mir . . . und damit . . . was passiert ist.« Die Stimme wurde immer verschwommener, war kaum noch zu verstehen. »Es ist alles so furchtbar. Ich ertrage das nicht mehr. Ich bin schuld und . . .« Eine lange Pause folgte. »Es ist sowieso zu spät«, kam es dann noch fast wie ein Hauch, der sich in Luft auflöste, hinterhergeweht.

»Adriane!« Ker stieß den Namen so laut hervor, dass er von den Wänden widerhallte. »Was ist los? Was tun Sie?«

»Das, was . . . getan werden muss«, wisperte Adriane leise und erschöpft. »Es hat alles keinen Sinn mehr.« Daraufhin erklang ein dumpfes Geräusch, als ob das Telefon zu Boden gefallen wäre.

»Adriane!«, rief Ker noch einmal, aber sie bekam keine Antwort mehr.

Für einen Augenblick war sie wie erstarrt, dann raste sie zur Tür, riss sie auf und stürmte an der verdutzten Sekretärin vorbei hinaus.

Draußen vergaß sie fast, ihren Motorradhelm aufzusetzen, bevor sie auf ihre Maschine sprang. Adriane hatte verzweifelt geklungen, völlig niedergeschmettert und des Lebens überdrüssig, von Schuldgefühlen zu Boden gedrückt. Es hatte sich angehört, als wollte sie sich etwas antun.

Ker raste durch den Stadtverkehr wie von Furien gehetzt, alle Verkehrsregeln außer Acht lassend und ständig in Gefahr, zwischen den Autos, durch die sie sich hindurchdrängte, zerquetscht oder von einer sich plötzlich öffnenden Fahrzeugtür abrupt gestoppt zu werden. Glücklicherweise geschah davon nichts.

Dann endlich erreichte sie den Nobelvorort, spritzte Kieselsteine nach rechts und links, während sie die Auffahrt hinaufjagte, bremste direkt vor der Tür, dass die Räder wie auf Kufen zur Seite rutschten, und schaffte es gerade noch, den Seitenständer aufzuklappen, bevor sie absprang. Obwohl sie sehr an ihrer Maschine hing und sie hegte und pflegte, wäre es ihr in diesem Moment jedoch auch egal gewesen, wenn das Motorrad umgekippt wäre.

Sie klingelte und rüttelte an der Haustür, rief laut »Adriane!« Anscheinend war die Haushälterin nicht da, denn niemand öffnete ihr. Aufs Höchste beunruhigt, mit zum Zerreißen gespannten Nerven, lief sie schnell um das Haus herum und nahm den Weg durch den Garten, in der Hoffnung, die Glastür wäre nicht verschlossen.

Sie hatte recht. Diese Tür konnte sie aufschieben und gelangte direkt hindurch ins Wohnzimmer. Sie sah Adriane sofort. Zusammengekauert saß sie an der Wand, eine fast leere Whiskyflasche neben sich, deren Hals sie umklammert hielt.

Schnell lief Ker zu ihr und beugte sich über sie.

Wie in Zeitlupe drehte sich Adrianes Kopf zu ihr. »Ich konnte nicht . . .«, schluchzte sie stockend. »Ich wollte es tun, aber ich konnte nicht . . .« Sie hob ihre andere Hand an, öffnete sie, und es fielen Tabletten heraus.

Ker warf einen Blick darauf und nahm sie an sich. »Sie haben nichts davon genommen?«

Sehr langsam schüttelte Adriane den Kopf. »Ich bin so ein Feigling. Tabletten und Alkohol . . . das soll doch eigentlich ganz einfach sein.« Ihr ganzer Oberkörper zuckte. »Aber ich habe es nur bis zum Alkohol geschafft.« Sie umklammerte ihre Knie und senkte den Kopf auf ihre Brust. »Ich bin so ein Feigling«, wiederholte sie selbstzerfleischend murmelnd.

Ker ließ sich neben ihr auf ein Knie nieder und berührte sanft ihre Schulter. »Es gibt keinen Grund, so etwas zu tun«, entgegnete sie leise. »Du warst nicht schuld. Rede dir das nicht ein.«

Ein paar Sekunden lang rührten sie sich beide nicht. Dann endlich hob Adriane den Kopf. »Ich habe sie getötet. Ich habe Max umgebracht«, flüsterte sie. Ihr tränenüberströmtes Gesicht wandte sich Ker zu. »Ich habe sie geliebt, und ich habe sie umgebracht.« Sie zitterte am ganzen Körper.

»Dir ist kalt«, stellte Ker besorgt fest. »Du musst dich hinlegen. Eine Decke . . .« Sie schaute sich um. Das Sofa erschien am geeignetsten. »Komm«, sagte sie leise. »Kannst du aufstehen?« Sie erhob sich und streckte ihre Arme aus.

Adriane sah sie an, als würde sie nicht verstehen, was sie von ihr wollte.

Ker ergriff ihre Hände und zog sie hoch. Sofort warf Adriane ihr die Arme um den Hals. »Halt mich«, hauchte sie. »Halt mich fest.«

Ganz von selbst legten Kers Arme sich um sie. »Keine Angst«, flüsterte sie. »Es wird alles gut.«

Adrianes warmer Körper verursachte ihr eine Gänsehaut, ein Kribbeln überall, sie fühlte, wie ihre Brustwarzen sich aufstellten. Schnell drehte sie sich zur Seite und umfasste Adrianes Taille mit festem Griff, hob sie fast an, als sie sie zum Sofa hinüberführte.

Adrianes Beine knickten dauernd ein, und zum Schluss trug Ker sie dann tatsächlich fast. Endlich ließ sie sie aufs Sofa hinuntersinken, griff nach der Decke und legte sie über sie. »Du musst einfach nur schlafen«, wisperte sie ihr zu. »Wenn du aufwachst, wirst du sehen, was für ein Unsinn das war.«

Adriane schien sie gar nicht mehr zu hören. Ihre Augen waren geschlossen, und sie sah aus wie ein Baby, das sanft entschlummert ist.

Ker lächelte. Nein, niemals war sie eine Mörderin. Sie konnte die furchtbare Wahrheit noch nicht einmal ertragen. Sie litt unter ihren Schuldgefühlen, unter dem Tod ihrer Frau, unter der schrecklichen Erkenntnis, dass er nicht mehr rückgängig zu machen war, dass sie sie endgültig verloren hatte.

Sollte Sam Marlowe doch erzählen, was sie wollte. Sie hatte ja keine Ahnung, was für ein empfindsamer Mensch Adriane war. Dass sie sich hatte umbringen wollen, weil das alles sie so tief erschütterte.

Ker setzte sich in einen Sessel und beobachtete, wie die Decke sich sanft über Adrianes Brustkorb hob und senkte. Sie konnte sie jetzt nicht alleinlassen. Wenn sie aufwachte und niemand da war, konnte sie sich doch noch für die Tabletten entscheiden. Ker wusste schließlich nicht, ob sie noch mehr davon hatte.

Da sie keine Ruhe fand, stand sie auf und ging zur Glastür, schloss sie, schaute in den Garten hinaus. Es war wirklich ein Paradies. Sie hatten so viel gehabt, Max und Adriane, und jetzt hatte das für Adriane alles auf einmal keine Bedeutung mehr.

Sicher, sie hatte Max nur aus Habgier geheiratet . . . Angewidert rümpfte Ker die Nase, als sie an diese Unterstellung von Sam Marlowe dachte. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sich Adriane wohl jetzt gefreut, hätte es gar nicht erwarten können, das Erbe anzutreten, für das sie sich Max hingegeben hatte.

Und was war in Wirklichkeit? Sie wollte sich umbringen. Es lag ihr überhaupt nichts an dem Geld, an dem Haus, an Besitz. Sie trauerte um ihre große Liebe. Das Leben erschien ihr sinnlos, weil die nicht mehr da war.

Ein warmes Gefühl, fast wie Zärtlichkeit, überflutete Ker. Sie ging zum Sofa hinüber und schaute lächelnd auf Adriane hinunter, deren blonde Locken ihr Gesicht umrahmten, als wäre es der Glorienschein eines Engels.

Vorsichtig ließ Ker sich neben ihr nieder und betrachtete sie, konnte sich nicht zurückhalten, sich vorzubeugen und einen Kuss auf ihre Wange zu hauchen, dann auf ihre Lippen.

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