Teil 08

Fabiola tat nichts lieber als das, aber ein sehr merkwürdiges Gefühl beschlich sie. Sie legte ihre Arme um Sarah, tat sonst aber nichts. Was auch immer kommen würde, es musste von Sarah ausgehen.

»Ganz ruhig«, murmelte sie besänftigend. »Ich bin ja da.«

Sie spürte Sarahs Schlucken an ihrer Schulter. »Ja. Du bist da.« Tief atmete sie durch. »Es scheint dir gar nichts auszumachen, da zu sein.«

Verwundert lachte Fabiola auf. »Warum sollte es das?«

Noch einmal wiederholte Sarah das, was Fabiola gesagt hatte. »Ja, warum sollte es das?«

»Sarah . . .« Fabiola strich sanft über Sarahs Rücken. »Was möchtest du gern? Was kann ich für dich tun? Du brauchst es nur zu sagen.«

Sarah lachte trocken auf. »Und dann fliegst du mit mir nach Paris, ich weiß.«

»War das zu übertrieben?« Fabiola fühlte sich leicht verunsichert, und das war etwas, das sie überhaupt nicht kannte. Sie mochte das Gefühl nicht, und normalerweise befiel es sie auch nicht. Sarah löste Dinge in ihr aus, mit denen sie nicht gerechnet hatte. »Tut mir leid, aber für mich . . . ist das nicht so etwas Besonderes. Auch wenn das jetzt angeberisch klingt.«

»Tut es nicht.« Sarah schüttelte den Kopf. »Vic fliegt auch ständig in der Weltgeschichte herum. Nur nicht . . .«, sie schluckte schwer, »mit mir.«

»Ich glaube«, Fabiola verzog das Gesicht, »wir sollten nicht über Vic reden. Ehrlich gesagt«, ihre Augenbrauen wanderten nach oben, »kann ich Vic nach allem, was ich so höre, nicht besonders gut leiden, obwohl ich sie nicht kenne. Und da du sie sehr gut leiden kannst, müssten wir uns dann wohl darüber streiten, was ich gern vermeiden möchte.«

Sarahs Schultern schienen zu zucken.

»Schon wieder falsch?«, fragte Fabiola.

»Schon wieder richtig«, erwiderte Sarah und hob das Gesicht. »Eigentlich machst du ziemlich viele Dinge richtig – und ich bestrafe dich noch dafür.«

»Es ist keine besonders schlimme Strafe für mich«, Fabiola schmunzelte, »dass du in meinen Armen liegst.«

Eine gewisse Unruhe schien von Sarah auszugehen. »Und ich möchte am liebsten hier liegenbleiben«, flüsterte sie. »Für immer und ewig.«

Fabiola durchrann ein warmes Gefühl. »Ich habe nichts dagegen«, flüsterte sie zurück. »Wird auf die Dauer wahrscheinlich nur ein bisschen unbequem«, ihre Stimme nahm wieder normale Lautstärke an, »die ganze Zeit hier so auf der Straße zu stehen.«

»Ich kann nicht . . .« Sarah löste sich langsam, anscheinend fast widerstrebend von ihr. »Ich kann nicht, Fabiola.«

»Ich weiß.« Fabiola seufzte. »Aber wie wäre es mit einem Tanzlokal? Tanzt du gern?«

»Wahnsinnig gern.« Sarahs Augen begannen geradezu zu strahlen. »Ich habe es nur«, das Strahlen verschwand, »schon sehr lange nicht mehr getan.«

»Das ist aber schade.« Fabiola lächelte sie an. »Wie wäre es, heute Abend wieder damit anzufangen?«

»Nur tanzen?«, fragte Sarah.

»Nur tanzen«, bestätigte Fabiola nickend und mit ernstem Gesichtsausdruck. »Großes De-Arrighi-Ehrenwort.« Sie lachte leicht. »Falls dir das nichts sagt: In meiner Familie gilt Ehre viel. Fast mehr als alles andere. Spanische Familien sind da noch sehr altmodisch.«

»Ach wirklich?« Sarah schaute sie interessiert an. »Du bist Spanierin?« Sie lachte leicht. »Na ja, die dunklen Haare und diese leicht olivfarbene Haut sind schon ziemlich eindeutige Anzeichen.«

»Und trotzdem bin ich es nur zur Hälfte. Meine Mutter war Deutsche. Mein Vater ist allerdings ein spanischer Grande.« Fabiolas Mundwinkel zuckten. »So was wie Zorro, falls du den Film kennst. Natürlich ohne die Maske. Aber er heißt tatsächlich Don Diego.«

»Wie aufregend«, sagte Sarah. »Darüber würde ich gern mehr hören. Zorro . . .« Sie lächelte leicht. »Ich erinnere mich an den Film. Und an die Szene, als Zorro dieser hübschen Señorita das Kleid aufschlitzt . . .«

Fabiola lachte. »So etwas tut mein Vater nicht. Und ich«, sie blinzelte Sarah an, »übrigens auch nicht. Obwohl ich fechten kann. Das habe ich schon als Kind gelernt. Ich habe drei Brüder, und mein Vater fand, dass es alle seine Kinder lernen müssten, nicht nur die männlichen Mitglieder der Familie.«

»Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich für einen so altmodischen Spanier?«, fragte Sarah. »Entschuldige, wenn die Frage dumm klingt, aber ich kenne mich mit Spaniern wirklich nicht aus. Ich kannte noch nie welche.«

»Das ist gar nicht dumm«, erwiderte Fabiola lächelnd. »Aber wenn du nichts dagegen hast, würde ich das Gespräch lieber irgendwo drin fortsetzen.«

»Welches Tanzlokal hattest du denn im Sinn?«

»Fändest du es sehr langweilig, in eins zu gehen, in dem nicht die allermodernste Musik gespielt wird?«, fragte Fabiola mit entschuldigend gerunzelter Stirn. »Ich mag es, wenn Musik melodiös und harmonisch ist.« Sie lächelte. »Ich bin auch ein bisschen altmodisch.«

»Dann mögen wir anscheinend dieselbe Art von Musik.« Sarah lächelte zurück. »Tanzt du Tango?«

Fabiola lachte. »Das ist eher südamerikanisch als spanisch, aber ja: Ich tanze Tango.«

»Wunderbar«, sagte Sarah. »Dann kannst du es mir ja beibringen. Ich wollte das immer schon lernen.«

»Nichts würde ich lieber tun.« Fabiola reichte ihr ihren Arm. »Und ich glaube, ich kenne wirklich genau das richtige Lokal.«

Sie fühlte sich auf einmal großartig. Vielleicht bot der Abend ja doch noch Aussichten. Nicht die, an die sie zuerst gedacht hatte, aber auf jeden Fall noch ein paar Stunden mit Sarah.

Und im Augenblick wünschte sie sich gar nicht mehr.


»Oh mein Gott!« Sarah schaute Fabiola hingerissen an. »Tango ist wirklich –«

»Ja, das ist er«, bestätigte Fabiola lächelnd. »Ich habe immer gern Tango getanzt.«

»Wenn ich gewusst hätte, was mir da entgeht . . .« Sarahs Blick kehrte sich nach innen. »Dann hätte ich mich nicht davon abhalten lassen, einen Tangokurs zu machen.«

»Und warum hast du dich davon abhalten lassen?« Im selben Moment, als sie das sagte, wusste Fabiola die Antwort schon, und sie ärgerte sich, dass sie überhaupt gefragt hatte.

Vic natürlich. Wer sonst? Also würden sie schon wieder über Vic reden, was sie eigentlich hatte vermeiden wollen.

Sarah antwortete nicht, als hätte sie denselben Gedanken gehabt. »Ich bin eine dumme Kuh«, sagte sie endlich. »Ich tanze gern. Und nun habe ich so lange nicht getanzt, nur weil –«

»Ärger dich nicht.« Fabiola machte den nächsten Tangoschritt, glitt mit ihrem Fuß zwischen Sarahs Beine. »Es hat keinen Sinn, Versäumtem nachzutrauern. Nur die Gegenwart ist wichtig.«

»Die Gegenwart . . .« Es war, als ließe Sarah den Klang des Wortes in sich nachschwingen. »Die Gegenwart wird bald Vergangenheit sein.«

Fabiola fühlte einen leisen Stich. »Dann sollten wir sie genießen«, schlug sie vor und beugte Sarah im selben Moment weit nach hinten, so dass ihre Lippen sich fast berührten.

Sarahs Kopf schwebte nur Zentimeter über dem Boden. Sie schaute zu Fabiola hoch, und wenn Fabiola sich nicht täuschte, lag eine Sehnsucht in ihren Augen, die ihrer eigenen nicht unähnlich war.

Sie richtete Sarah wieder auf und schob ihre Hüfte an ihr vorbei, um zu einer Passage durch den Raum zu starten.

Wie sie es sich schon gedacht hatte, war Sarah eine Frau, die sich beim Tanzen führen ließ. Obwohl sie noch nie Tango getanzt hatte, folgte sie jedem von Fabiolas Schritten, so dass es so aussah, als hätten sie den Tanz gemeinsam einstudiert.

Tango war reine Improvisation. Der führende Partner entschied und gab vor, wie die Bewegungen abliefen. Die Tanzpartnerin wusste nie genau, was der nächste Schritt sein würde, in welche Richtung es ging. Es war ein Spiel von Verlockung und Verfolgung. Wer diesen Tanz tanzen wollte, musste aufmerksam und einfühlsam sein.

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