Teil 08

Noch immer konnte sie sich nicht vorstellen, dass die kleine Niki mit diesem brutalen Überfall etwas zu tun gehabt haben könnte. Auch wenn die Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung im vergangenen Jahr anscheinend bewies, dass sie sehr wohl zu Gewalt fähig war. Also hatte Hanna ein bisschen recherchiert und erfahren, dass es sich beim damaligen Geschädigten um Raimund Hassbach gehandelt hatte, eine zwielichtige Gestalt und Geschäftsführer einer Striptease-Bar in Wismar. Nicole Bernhagen hatte ihm vor seinem Wohnhaus aufgelauert und dann mit einer Zaunlatte auf ihn eingeprügelt. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, vor Eintreffen der Polizei zu flüchten.

Hassbach hatte damals ausgesagt, dass Nicole an sein Geld wollte, doch als sie festgenommen wurde, hatte sie keinerlei Diebesgut bei sich. Und dabei hätte sie die Möglichkeit gehabt, ihn um seinen Geldkoffer zu erleichtern und dann abzuhauen. Der ganze Fall war irgendwie undurchsichtig, auch weil Nicole jegliche Aussage verweigert hatte. Der Sinn erschloss sich Hanna nicht. Alles deutete darauf hin, dass Nicole Bernhagen einen triftigen Grund für ihre Attacke hatte und es ihr dabei nicht um das Geld des Mannes ging.

Hanna hatte sich die wichtigsten Eckdaten notiert. Sie würde dem Herrn auf jeden Fall einen Besuch abstatten.

Jetzt ärgerte sie sich ein wenig, dass sie an die Informationen erst gelangt war, nachdem Sandy Hilpert ihr Büro verlassen hatte. Sie hätte zu gern gewusst, ob Sandy dieser Vorfall bekannt war und ob sie dazu hätte etwas sagen können. Das Mädchen für eine weitere Befragung ausfindig zu machen, dürfte zudem ein schwieriges Unterfangen werden. Da sie keinen festen Wohnsitz angeben konnte, wurde ihr in der Vergangenheit lediglich ein Zustellungsbevollmächtigter beim für sie zuständigen Amtsgericht benannt.

Hanna dachte darüber nach, ob sie bei Gelegenheit versuchen sollte, den Unterschlupf am Strand in Warnemünde ausfindig zu machen. Vielleicht hielt Sandy sich immer noch dort auf.

Allerdings würde sie hier kaum alles allein bewerkstelligen können. Sie musste Tino, ihren Lieblingskollegen, mit in die Ermittlungen einbinden, ob ihm das nun passte oder nicht. Hanna wollte nicht, dass Meier, ihr Chef, ihr irgendwelche Fremdkräfte zur Seite stellte, nur weil das Mordkommissariat mal wieder hoffnungslos überlastet war. Nicht in diesem Fall!

Endlich überquerte Hanna die Rügenbrücke, die als wichtigste Verbindung zwischen dem Festland und der Insel galt. Hanna hätte auch in Stahlbrode die Autofähre nehmen können, aber es war fast Mittag, und sie hatte einfach keine Lust, sich auch noch in die wartende Fahrzeugschlange einzureihen.

Wie auf Kommando fing ihr Magen an zu knurren. Erst jetzt nahm sie wahr, dass sie heute noch kaum etwas zu sich genommen hatte. Eine Tasse Kaffee, die sie sich im Büro zubereitet hatte und ein vom Freitag übriggebliebener Apfel, das war alles gewesen. Sie musste unbedingt noch eine Kleinigkeit essen, bevor sie die Familie Bernhagen aufsuchte.

In Putbus wurde sie fündig und machte an einem kleinen Imbissladen halt. Sie war noch nicht oft hier gewesen. Aber Putbus war ein wunderschönes kleines Städtchen, das sich in einem Biosphärenreservat im Südosten der Insel befand. Weiße Häuser in einer klassizistisch angelegten Stadtanlage und der große Schlosspark prägten den Ort.

Doch jetzt hatte Hanna kaum einen Blick dafür übrig. Herzhaft biss sie in ihr Fischbrötchen, als die Verkäuferin, eine ältere Dame, zu ihr an den kleinen Tisch trat und ihr ungefragt Kaffee nachschenkte. Dabei lächelte sie mitfühlend, als wäre es Hanna anzusehen, dass sie noch eine ordentliche Portion Koffein gebrauchen konnte.

Hanna bedankte sich mit einem Nicken, denn allmählich spürte sie tatsächlich die Müdigkeit in ihren Knochen.

»Sind Sie zu Besuch hier in unserer schönen Stadt?«, fragte die Frau, nachdem sie die Kaffeekanne hinter den Tresen gestellt und sich nun mit einem Lappen in der Hand wieder in ihre Richtung begab.

Hanna schluckte ihren Brötchenbissen hinunter. »Nun, leider habe ich keine Zeit für diesen wirklich hübschen Ort. Ich bin auf dem Weg zur Familie Bernhagen«, antwortete sie. »Kennen Sie die vielleicht?«

»Die Bernhagens?« Die ältere Frau rümpfte die Nase. »Wer kennt die nicht«, fügte sie grummelnd hinzu. Sie wandte sich ab und begann, heftig mit dem Lappen über den anderen, unbesetzten Tisch zu wischen, obwohl Hanna keinen Schmutz oder auch nur einen einzigen Krümel darauf entdecken konnte. »Was wollen Sie denn von denen?«, fragte die Verkäuferin nach. Offenbar hatte die Neugier gesiegt.

Hannas Mundwinkel zuckten. Gerade kam sie sich ein bisschen vor wie Miss Marple, die in einem kleinen Laden in irgendeinem Kaff saß und bei einem gemütlichen Kaffeeklatsch Augen und Ohren offenhielt. Doch im Moment waren sie beide die einzigen hier. Sie nahm die Serviette, um sich den Mund abzuputzen. »Ich bin wegen Nicole Bernhagen hier«, wählte sie schließlich ihre Worte mit Bedacht.

Die grauhaarige Dame hielt inne und schaute über die Schulter zu Hanna herüber. »Niki?« Kurz blitzte Erstaunen in ihrem faltigen Gesicht auf. Doch dann fing sie an zu lächeln. »Ach, die kleine Niki. Das war so ein nettes und aufgewecktes Mädel. Wissen Sie . . .« Verstohlen warf sie einen Blick durch den Raum und kam dann zu Hanna an den Tisch. »Niki passte überhaupt nicht in die Familie. Die führen sich nämlich auf, als würde ihnen ganz Putbus gehören.« Die letzten Worte hatte sie leise gesprochen, als fürchtete sie, dass die Wände Ohren haben könnten. »Früher war Niki oft bei mir im Laden, um sich was zum Naschen zu holen. Sie liebte Süßes.« Die Verkäuferin lachte auf, wurde aber sogleich wieder ernst. »Aber Sie werden Niki nicht antreffen. Sie wohnt schon lange nicht mehr hier. Hat es wahrscheinlich nicht mehr ausgehalten«, fügte sie seufzend hinzu.

Anscheinend besann sie sich nun, dass sie ins Plaudern verfallen war. Denn sie drehte sich abrupt um und begab sich eilig hinter den Tresen zurück.

Hanna hätte gern noch etwas erwidert, aber just in diesem Augenblick betraten zwei weitere Kunden den kleinen Laden. Sie trank ihren Kaffee zu Ende und wartete noch ein Weilchen.

Aber als hätte man eine Schleuse geöffnet, kamen schon wieder die nächsten Kunden. Also legte sie das Geld auf den Tisch und verließ den Imbiss, jedoch nicht, ohne sich vorher von der netten Verkäuferin mit einem lässigen Winken zu verabschieden.

Es roch förmlich nach Reichtum, als Hanna auf das pompöse Anwesen der Bernhagens fuhr. Ein großes, gusseisernes Tor und eine Videosprechanlage hatten sie leider daran gehindert, den Besitzern unangemeldet gegenübertreten zu können. Das wäre Hanna in diesem Fall lieber gewesen. Aber so hatte sie sich erst ausweisen müssen, damit man ihr das Tor überhaupt öffnete. Sie hatte auch gemerkt, dass der Mann an der Sprechanlage sie nur ungern zum Haus passieren ließ. Wahrscheinlich hätte er sie gern auf der Stelle abgewimmelt, so missmutig, wie er nach ihrem Anliegen gefragt hatte. Und Hanna hatte es einige Mühe gekostet, ihm zu erklären, dass sie das persönlich mitteilen wollte.

Normalerweise wäre sie nicht allein gekommen, um die Todesnachricht zu überbringen. Sie hatte das schon einige Male tun müssen, und dann hatte sie stets einen Kollegen oder einen Seelsorger dabei gehabt. Man konnte nie wissen, wie die Hinterbliebenen reagierten. Und solch ein Ereignis stellte auch für den Überbringer der Nachricht keine alltägliche Situation dar. Und niemals wollte sie die Routine über ihre Menschlichkeit, die ihre Sinne öffnete für die Signale, die ihr Gegenüber aussendete, die Oberhand gewinnen lassen.

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