Teil 07

»Sie sind wirklich . . .«, Ker ließ ihren Blick durch das etwas antik eingerichtete Büro streifen, tatsächlich ein bisschen im Dreißiger-Jahre-Stil, wie in den Chandler-Romanen, an die der Name Marlowe erinnerte, auch wenn der Vorname des Detektivs dort Philip war, »eine Detektei?«

»Ja, wirklich.« Sam Marlowe betrachtete sie amüsiert. »So wie Sie eine Polizistin sind.«

Ker fühlte sich auf einmal etwas unwohl. »Das heißt, Sie haben für Frau Reichardt ermittelt? Gegen einen Angestellten?«

»Nein.« Sam Marlowe schüttelte den Kopf. »Sie wollte wissen, was ihre Frau so treibt, wenn sie nicht zu Hause ist.«

Das war ja wohl die Höhe! Ker fiel fast die Kinnlade herunter. Max Reichardt hatte Adriane nicht getraut?

»Normalerweise würde ich Ihnen das natürlich nicht mitteilen«, fuhr Sam Marlowe fort. »Aber da sie tot ist . . . Und ihre Frau sie erschossen hat . . .«

»Was wollen Sie denn damit andeuten?«, fuhr Ker auf.

»Gar nichts.« Sam Marlowe hob fast desinteressiert die Augenbrauen. »Aber da sie eine Affäre hatte, hatte sie möglicherweise ein Motiv.«

»Ich denke, Sie hatten keine Affäre?«

»Wir nicht«, nickte Sam Marlowe, »aber Adriane Reichardt.«

»Das . . . das kann nicht sein.« Ker versuchte ein unbeteiligtes Gesicht zu machen, wusste aber nicht, ob ihr das gelang. Bis eben hatte sie geglaubt, Max hätte Adriane betrogen, und nun auf einmal sollte es umgekehrt sein?

»Es ist das, was meine Ermittlungen ergeben haben«, bemerkte Sam Marlowe trocken.

»Dafür haben Sie«, Ker schluckte, »Beweise?«

»Selbstverständlich.« Sam Marlowe nickte. »Die habe ich Frau Reichardt bei unserem letzten Treffen übergeben. Damit war der Auftrag abgeschlossen.«

In Ker brodelte es. Bisher hatte es so ausgesehen, als hätte Adriane kein Motiv, als wären die tragischen Ereignisse jener Nacht reiner Zufall gewesen, aber dieser Eindruck hatte sich jetzt massiv geändert. »Können Sie sie mir zeigen?«, fragte sie.

Sam Marlowe schüttelte den Kopf. »Nein. Frau Reichardt hat darauf bestanden, dass ich ihr alles übergebe und keinerlei Kopien behalte. Tut mir leid.«

Sie hat keine Beweise. Sie könnte lügen, schwirrte es in Kers Kopf herum. Sie will Adriane nur belasten. Aber aus welchem Grund? Das musste sie sich dann auch fragen. Sie war zu sehr Polizistin, um sich diese Frage nicht zu stellen.

War Sam Marlowe vielleicht eifersüchtig? Hatte sie doch eine Affäre mit Max Reichardt gehabt und wollte sich jetzt rächen?

Ker betrachtete sie aufmerksam. Sam Marlowe sah kühl und unbeeindruckt aus. Ein leises, amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen, denn sie beobachtete Ker genauso, wie Ker es tat, und zog daraus wahrscheinlich ihre Schlüsse. Schließlich waren sie auf gewisse Art so etwas wie Kolleginnen. Sie ermittelten, trugen Beweise zusammen, sammelten Aussagen und versuchten, sich daraus ein Bild zu machen.

»Sie glauben mir nicht?«, fragte Sam Marlowe. Bedauernd hob sie die Hände. »Es ist die Wahrheit. Etwas anderes habe ich nicht für Sie.«

Ker überlegte einen Moment. »Auch wenn Sie die Beweise nicht mehr haben . . . Sie wissen doch, was bei Ihren Ermittlungen herausgekommen ist. Wer war die angebliche Affäre?«

»Angeblich?« Sam Marlowe hob spöttisch die Augenbrauen. Ihr Blick schien Ker amüsiert zu streicheln. Fast stellten sich Kers Nackenhaare dabei auf. »Ich hatte Fotos und alles. Von angeblich kann nicht die Rede sein. Aber ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen da irgendwelche weiteren Informationen geben sollte. Frau Reichardt wollte nicht, dass irgendjemand etwas davon erfährt. Und sie war meine Klientin. Also muss ich ihre Wünsche respektieren.«

»Maximiliane Reichardt ist tot«, erwiderte Ker hart. »Sie hat keine Wünsche mehr. Und es kann ihr auch nichts mehr schaden.«

Sam Marlowe spitzte zweifelnd die Lippen. »Sie verstehen das nicht. Es war ihr wirklich sehr wichtig, dass nichts davon an die Öffentlichkeit drang. Sie war erheblich älter als ihre Frau, und sie hatte sich wohl Illusionen darüber gemacht, warum dieses junge Model sie geheiratet hatte. Leider«, sie atmete tief durch, »ist das oft viel klischeehafter, als man das gern hätte. Jung und schön heiratet alt und reich.« Sie hob erneut die Hände. »Kann das wirklich Liebe sein?«

Diese Aussage brachte die Gedanken in Ker fast auf Kollisionskurs. Einerseits wollte sie glauben, dass Adriane ihre Frau geliebt hatte, dass sie sie niemals absichtlich erschossen haben konnte, aber andererseits hätte sie sich fast noch mehr gewünscht, dass es keine Liebe zwischen Max und Adriane gewesen war, dass Adriane die Frau, die sie wirklich lieben würde, noch nicht gefunden hatte. Dass ihr Herz nicht schon an eine Tote vergeben war. »Das sind doch alles nur Vorurteile«, behauptete sie.

»Können Sie so sehen, wenn Sie wollen.« Sam Marlowe zuckte uninteressiert die Achseln. »Aber in meinem Beruf begegne ich oft der überraschenden Erkenntnis, dass Vorurteile mehr als einmal auf Tatsachen beruhen. Sie in Ihrem doch auch. Oder nicht?«

Eigentlich hätte Ker das zugeben müssen, aber das wollte sie nicht. Sam Marlowe war nicht unsympathisch. Sie war kein schmieriger Privatdetektiv, auf den man am liebsten gespuckt hätte, weil er in dunklen Gassen intimsten Geheimnissen hinterherschlich, die ihn nicht im geringsten etwas angingen.

Sie war eine sehr attraktive und offensichtlich auch intelligente Frau, der Ker gern die Frage gestellt hätte, was in aller Welt sie denn in diesen Beruf verschlagen hatte. Sie hatte doch bestimmt tausend andere Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wieso hatte sie ausgerechnet diese gewählt?

»Es tut mir leid«, fuhr Sam in diesem Moment fort, »aber für mich ist der Fall Reichardt abgeschlossen. Was nach der Übergabe der Ermittlungsergebnisse passiert ist, geht mich nichts an. Ich hatte keinen Einfluss darauf und nichts damit zu tun. Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden . . .«, sie lächelte und zeigte auf ihren Laptop, »würde ich nun gern an meinen aktuellen Fällen weiterarbeiten. Ich muss noch den Bericht der heutigen Observationen fertigstellen. Das Leben geht weiter, und die Miete muss auch gezahlt werden.«

Das erinnerte sehr an das, was Adriane gesagt hatte. Maximiliane war tot, aber sonst hatte sich nichts geändert. Die Welt nahm ihren Lauf, als wäre nichts geschehen. Ein einziges Sandkorn von Millionen Sandkörnern war ins Meer geschwemmt worden, aber das beeindruckte die restlichen Sandkörner nicht.

»So leicht können Sie sich nicht aus der Affäre ziehen«, warnte Ker grimmig. »Wenn es um polizeiliche Ermittlungen geht, haben Sie kein Recht, Informationen zurückzuhalten. Schon gar nicht, wenn die Klientin tot ist.«

»Wenn ich das richtig verstanden habe«, entgegnete Sam Marlowe gelassen, »gehen Sie im Moment doch von einem Unfall aus. Und bezüglich dessen habe ich keine Informationen. Ich war nicht dabei.«

Dem konnte Ker kaum widersprechen. Alle Informationen, die Sam Marlowe unter Umständen hätte beisteuern können, würden Adriane nur belasten. Ihr ein Motiv geben, das den Unfall in eine absichtliche Tötung hätte verwandeln können. An Mord wollte sie gar nicht denken.

Nein, Adriane war keine Mörderin. Nie im Leben.

»Halten Sie sich auf jeden Fall zur Verfügung«, schnauzte sie Sam Marlowe etwas unwirsch an. »Sie wollen doch sicher nicht demnächst die Stadt verlassen, um Ermittlungen durchzuführen?«

»Hatte ich nicht vor.« Sam schmunzelte. »Und wenn, werde ich Sie selbstverständlich darüber informieren. Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie Ihre gesamte Fahndungsabteilung auf mich hetzen.« Ihre Augen blitzten vergnügt.

»Wenn Sie das so lustig finden . . .«, Ker stand auf, »dann –«

Weiter kam sie nicht, denn ihr Handy klingelte. Sie zog es heraus und schaute aufs Display. Unbekannte Nummer. Stirnrunzelnd nahm sie den Anruf an. »Ja?«

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