Teil 07

Fabiola nahm es wahr und konnte fast dasselbe fühlen.

»Ich kann etwas Selbstverständliches nicht erklären«, flüsterte Sarah. »Und ich weiß nicht, wie jemand es anders handhaben könnte.«

Fabiola lachte leicht. »Weißt du nicht?« Sie schüttelte den Kopf. »Liebe ist für viele einfach nur ein Wort. Ein Wort, das heute extrem überstrapaziert wird. Aber eine Bedeutung hat es so gut wie nie.« Sie machte einen tiefen Atemzug. »Ich habe viele gesellschaftliche Verpflichtungen, bin oft auf Einladungen, Partys, Galas. Dabei sehe ich eine Unmenge von Leuten, nur wenige davon kenne ich wirklich, aber viele kenne ich flüchtig. Wie man sich eben so kennt. Man weiß, wer mit wem verheiratet ist oder war, wer mit wem eine Affäre hat oder hatte. Selbst wenn man sich nicht am Klatsch beteiligt, bekommt man das mit. Und was man vor allem mitbekommt, ist, dass ein Ich liebe dich absolut nichts bedeutet.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte Sarah. »Ich werfe damit nicht einfach so um mich.«

»Du nicht.« Fabiola lächelte. »Aber für viele Leute ist das der Normalzustand. Deshalb«, sie hob ihr Glas und prostete Sarah zu, »habe ich gelernt, diesen drei Worten zu misstrauen. Schon lange. Ich lasse mich nicht auf Liebe ein. Damit bin ich immer gut gefahren. Und es ist mir lieber als ein Ich liebe dich, das nichts wert ist.«

Sarah schüttelte ungläubig den Kopf. »So könnte ich nicht leben. Für mich hat es eine Bedeutung.«

»Das sieht man.« Fabiola nickte. »Und das spürt man. Und das ist vielleicht auch der Grund, warum ich so offen zu dir war. Ich erzähle das nicht jedem.« Sie lächelte hintergründig. »Es ist oft auch gar nicht nötig, weil es von vornherein klar ist.« Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Ich wollte nur sagen, dass es nichts mit Liebe zu tun hat, was ich dir anbiete. Dass du Vic damit nichts wegnimmst. Daran liegt mir nichts. Aber Vic ist kaum da, und ich habe Zeit . . .«

»Das ist ja wohl nicht dein Ernst.« Fast hätte Sarah sie mit offenem Mund angestarrt, so sah es aus.

»Doch, durchaus.« Fabiola lehnte sich bequem zurück und schaute sie an. »Du bist eine außergewöhnliche Frau, eine Frau, die ich gern in meiner Nähe hätte. Eine Frau, mit der ich mich unterhalten kann, ohne mich zu langweilen. Eine intelligente Frau, eine warmherzige Frau. Dass es so etwas überhaupt noch gibt, überrascht mich mehr, als du dir vorstellen kannst.«

»Und mich überrascht dein Angebot mehr, als du dir vorstellen kannst«, erwiderte Sarah scharf. »Auf so etwas würde ich nie eingehen. So ein Arrangement suche ich nicht.«

»Das ist mir klar. Aber man kann auch etwas finden, das man gar nicht gesucht hat«, entgegnete Fabiola lächelnd. »Vic vernachlässigt dich. Du vermisst Nähe. Du vermisst Zärtlichkeit. Eine Frau wie du braucht viel davon, und Vic ist sich dessen offenbar in keiner Weise bewusst.« Sie beugte sich vor. »Ich erwarte nicht von dir, dass du mich liebst. Das kannst du für Vic reservieren, wenn du willst. Aber ich biete dir an, die leeren Stunden auszufüllen, die dein Herz jetzt leiden lassen.«

Im selben Moment, als der Kellner sich über den Tisch beugte, um die Teller abzuräumen, sprang Sarah auf. Die Wachteleier verteilten sich auf dem Boden, und einige flogen durch die Luft, landeten auf einem fremden Tisch oder Teller. Ein gelinder Tumult erhob sich.

»Jetzt weiß ich, warum du meinst, Ich liebe dich bedeutet nichts«, schleuderte Sarah Fabiola mühsam beherrscht entgegen. »Weil es dir nichts bedeutet. Du redest nicht von anderen, nur von dir. Aber mir bedeutet es etwas. Ich bin nicht eine von diesen Gesellschaftsbienen, mit denen du normalerweise zu tun hast. Wen ich liebe ist keine Klatschgeschichte. Es ist ganz allein meine Angelegenheit.« Sie holte tief Luft. »Und solltest du wirklich an irgendwelchen Bildern interessiert sein – was ich nicht glaube. Ich denke, das war nur ein Vorwand –, dann setz dich bitte mit Carlo in Verbindung. Ich stehe nicht mehr zur Verfügung!«

Sie warf wütend ihre Serviette auf den Tisch, und zwischen Kellnern, die versuchten, aufgebrachte Gäste zu beruhigen, schritt sie, als ob sie das alles nichts anginge, hinaus aus dem Lokal.

Fabiola blickte ihr beeindruckt hinterher. »Was für eine Frau«, murmelte sie, winkte dem Kellner und legte einen Schein auf den Tisch. »Das ist Ihr Trinkgeld«, sagte sie. »Den Rest setzen Sie wie immer auf meine Rechnung.«

»Sehr gern, gnädige Frau«, erwiderte er mit einem angedeuteten Lächeln, ließ den Schein mit einer fast unsichtbaren Bewegung in der Tasche verschwinden und begann den Tisch abzuräumen.

Fabiola war bereits aufgestanden und Sarah hinausgefolgt.

»Sarah . . .« Sie erwischte Sarah gerade noch so, als sie ihren Mantel anzog. »Entschuldige. Ich bin normalerweise nicht so . . .«, sie lachte verlegen, »plump. »Kann ich es irgendwie wiedergutmachen?«

Im ersten Moment schien Sarah sie gar nicht anschauen zu wollen, dann wandte sie leicht den Kopf. »Du musst dich nicht entschuldigen. Es war nur –« Sie schluckte. »Es ist ja eigentlich nichts passiert. Ich habe vielleicht auch ein bisschen überreagiert.«

Fabiola lachte leise. »Zumindest das mit den Wachteleiern war ein wenig übertrieben.«

Erstaunlicherweise musste Sarah auch lachen. »Ich konnte nichts dafür. Der Kellner kam im ungünstigsten Moment.«

»Das kann man wohl sagen.« Fabiola hörte Sarahs Stimme und fühlte sich, als würde sie sie streicheln. So eine heftige Reaktion hatte sie schon lange nicht mehr erlebt. Sie versuchte sich zusammenzureißen. »Kann ich dich nach Hause bringen? Ich meine . . .«, sie hob die Hände, »nur nach Hause bringen, sonst nichts. Das wenigstens bin ich dir schuldig.«

»Du bist mir gar nichts schuldig.« Ein vorsichtiges Lächeln schlich sich in Sarahs Mundwinkel. »Du hast klargemacht, was du willst, und ich habe nein gesagt. Das hast du akzeptiert. Also ist das das Ende der Geschichte.«

Ist es wohl, dachte Fabiola innerlich seufzend. Das hast du ganz toll hingekriegt, Fabiola. »Mein Wagen steht dort drüben.« Sie wies mit einer Hand die Straße hinunter. »Wenn du mir sagst, wo du wohnst . . .«

»Nein, ich . . .« Sarah schluckte. »Ich möchte jetzt nicht nach Hause.«

Fabiola lächelte mitfühlend. »Ist wahrscheinlich komisch, wenn man in eine Wohnung kommt, die man nicht allein bewohnt, und dann ist niemand da.«

Sarah wandte sich von ihr ab, so dass sie ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte, aber sie entfernte sich nicht von ihr.

»Was ist?« Fabiola beugte sich zu ihr, hätte sie am liebsten berührt, hielt sich aber zurück, weil sie nicht einschätzen konnte, ob Sarah auch das wollte. »Habe ich etwas Falsches gesagt?«

»Nein.« Sarahs Stimme klang sehr leise. »Leider . . .«, sie schluckte, »etwas sehr Richtiges.« Sie legte den Kopf in den Nacken. »Eigentlich ist es eine Wohnung für zwei, so war es ursprünglich gedacht, aber mittlerweile . . . bin ich sehr oft allein dort. Fast . . . immer.«

Für einen langen Moment stand Fabiola nur stumm da. Sarahs Stimme hatte so verzweifelt geklungen, so einsam. Aber sie hatte sich eindeutig dagegen ausgesprochen, das zu ändern. Fabiolas Angebot hatte sie so vehement abgelehnt, dass Fabiola nicht gewagt hätte, es noch einmal zu machen.

Plötzlich drehte Sarah sich um, hob den Blick zu ihr auf und warf sich dann ganz unvermittelt in ihre Arme. »Halt mich! Bitte, halt mich fest!«, schluchzte sie.

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