Teil 06

»Diskrete Ermittlungen?« Ker riss die Augen auf. »Was soll das heißen? Eine Detektei?«

Er zuckte die Schultern. »Kommt mir so vor. Hab sie nur zufällig da gesehen. Bis dahin wusste ich nicht, wer sie ist.«

»Kann trotzdem eine Escort-Agentur sein«, vermutete Ker. »Aber das schreiben sie natürlich nicht aufs Fenster.«

»Geht mich nichts an.« Er schüttelte den Kopf. »Wer hierherkommt und sein Zimmer bezahlt, ist ein Hotelgast, weiter nichts.«

»Diskretion überall«, bemerkte Ker zynisch. »Es ist kaum zu ertragen.«

»Ging ungefähr drei Monate.« Der Angestellte ließ seine Augen über ein paar Eintragungen auf dem PC-Bildschirm fahren. »Keine lange Affäre.«

»Manche Leute lieben die Abwechslung«, sagte Ker.

Sie wusste, es war ein unprofessioneller Kommentar, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Es rief jedes Mal Empörung in ihr hervor, wenn sie sich vorstellte, dass irgendjemand Adriane betrügen könnte – insbesondere ihre eigene Frau. Es hielt sie davon ab, allzu viel Mitleid mit Maximiliane Reichardt zu empfinden, obwohl sie tot war.

Nicht dass sie üblicherweise Mitleid mit Mordopfern empfand. Es war ihr Job zu untersuchen, wer sie umgebracht hatte. Die Opfer lernte sie nie kennen, nur die Hinterbliebenen, die Verdächtigen, die Zeugen. So konnte sie keine wie auch immer geartete Beziehung zu den Opfern aufbauen. Alles, was sie über sie erfuhr, war Hörensagen. Oft Vorurteile und Vermutungen. Spekulationen über Charakter und Persönlichkeit, gegen die sich die Leiche nicht mehr wehren konnte. Daraus und aus den Indizien musste sie Schlüsse ziehen, damit sie zu Beweisen wurden, die den Mörder überführten.

Wenn es ein Mord war. Wenn sie den Täter nicht kannte. Aber Adriane hatte bereits zugegeben, dass sie ihre Frau erschossen hatte. Nur hatte sie es nicht gewollt, hatte ihre Frau nicht erkannt, hatte in Notwehr oder zumindest in Angst um ihr Leben gehandelt. Kein Mord, keine Mörderin. Maximiliane hatte sie betrogen, das allein ließ sie eine Strafe verdienen.

Nun ja, vielleicht nicht den Tod. Das fand selbst Ker zu hart nur für einen Ehebruch.


»Tut mir leid. War gerade undercover unterwegs.« Die Frau mit den dunklen Haaren lüftete ihr Cover, nämlich einen Hut, und ließ eine wallende Mähne herausfließen. »Warten Sie schon lange?«

»Sie sind Sam Marlowe?« Ker war ziemlich überrascht. Unter dem Namen hätte sie eher eine Frau in einem Männeranzug erwartet, keine so attraktive Gestalt im Ascot-Outfit, wie sie ihr jetzt gegenübersaß. Sie sah aus, als wäre sie gerade frisch aus My Fair Lady entsprungen.

»Das ist mein Pseudonym«, erklärte die Dame. »Wie Sie sich vielleicht denken können.« Sie lächelte hinreißend.

Wenn Maximiliane Reichardt mit ihr eine Affäre gehabt hatte, konnte Ker das auf gewisse Art sogar verstehen. Obwohl sie es gar nicht verstehen wollte. »Und wie heißen Sie richtig?«, fragte sie ziemlich schroff.

Sam Marlowe hob die Augenbrauen. »Das ist unwichtig und geht niemanden etwas an«, antwortete sie. »Allerdings haben Sie sich auch noch nicht vorgestellt.«

»Ja, stimmt«, musste Ker zugeben. Sie zog ihren Ausweis heraus und reichte ihn über den Tisch. »Und ich fürchte, Sie müssen mir Ihren wirklichen Namen nennen. Ich ermittle in einem Fall.« Sie hob nun auch die Augenbrauen. Was Sam Marlowe konnte, konnte sie schon lange. »Soweit ich weiß, kannten Sie das Opfer. Maximiliane Reichardt.«

Überaus elegant gestylte Augenbrauen hoben sich über dunklem Mascara. »Frau Reichardt ist tot?«, fragte sie.

Frau Reichardt? Ker hätte fast gelacht. Das Büro mochte sich den Anschein einer Detektei geben – mit diesem lächerlichen Namen –, aber so wie diese Dame aussah, ging sie einem anderen Gewerbe nach. Auf hohem Niveau und teuer, und auf jeden Fall diskret, jedoch die Ermittlungen waren wohl nur dichterische Freiheit. Es sei denn, sie erpresste ihre Kunden.

Das war natürlich auch noch eine Möglichkeit. Wenn Maximiliane Reichardt erpresst worden war . . . Aber nein. Niemand erschoss die Gans, die goldene Eier legte. Sie hätte vielleicht ihre Erpresserin erschossen, aber nicht umgekehrt. Und warum hätte Adriane dann behaupten sollen, sie hätte ihre Frau umgebracht? Das ergab keinen Sinn.

»Ja, sie ist tot«, bestätigte sie.

»Wie . . .« Die schöne Stirn legte sich in fragende Falten. »Wie ist das passiert?«

»Ihre Frau –«, Ker beobachtete genau, ob Sam Marlowe bei dieser Erwähnung zusammenzuckte –, »hat sie erschossen. Sie hat sie für einen Einbrecher gehalten.«

»Oh«, machte Sam Marlowe.

Ker hatte das Gefühl, etwas lief hier nicht ganz so, wie sie es erwartet hatte. Sam Marlowe war sicherlich leicht überrascht, aber keinesfalls erschüttert.

Nun ja, warum sollte sie auch? Sie hatte eine solvente Kundin verloren, das war alles. Vermutlich hatte sie noch mehr solcher in gewisser Weise bedürftiger, aber zahlungskräftiger Damen in der Hinterhand.

»Meinen Ermittlungen zufolge«, Ker zog ein Notizbuch heraus, als müsste sie nachsehen, das beeindruckte die Befragten immer, »haben Sie sich kürzlich noch mit Frau Reichardt getroffen.«

»Hm. Ja, stimmt.« Die elegante Dame bestätigte es freimütig.

»Im Hotel«, ergänzte Ker etwas hintergründig.

»Ja. Sie bestand darauf.« Die dezent geschminkten Mundwinkel zuckten. »Sie fand, weder ihr Büro noch ihr Haus wären für ein solches Treffen geeignet.«

»Sie gehen auch in Büros?«, fragte Ker etwas verblüfft.

»Wo immer meine Kunden mich hinbestellen«, nickte Sam Marlowe. »Der Kunde ist König.« Sie lachte. »Ich hätte ein Café vorgeschlagen, aber sie war etwas geheimniskrämerisch.« Gelassen zuckte sie die Schultern. »Sie hätte natürlich auch herkommen können, aber das wollte sie genauso wenig.«

Ker schaute sich um. Das hier war nicht gerade ein kuschliges Nest, keines der üblichen Appartements mit breitem Bett und rotem Licht, sondern ein ganz normales Büro. Vor der Tür saß eine Sekretärin. Sie fragte sich, wie Sam hier ihre Kundinnen bedienen wollte. Musste eine sehr exotische Klientel sein.

»Irgendetwas irritiert Sie«, stellte Sam Marlowe fest. »Darf ich wissen, was das ist?«

»Ähm . . .« Ker fühlte sich ein wenig in die Ecke gedrängt. Sie sollte der Dame ihr eigenes Geschäft erklären? »Sie hatten eine Affäre mit Maximiliane Reichardt«, platzte sie dann unvermittelt heraus. »Ungefähr drei Monate lang. Oder ging es länger? Gab es auch noch andere Hotels?«

Sam Marlowe blickte sie erstaunt an. »Eine Affäre? Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ach, kommen Sie«, sagte Ker, nun wieder in ihrem üblichen Tonfall. »Reden wir doch nicht um den heißen Brei herum. Das hier ist eine Escort-Agentur, und Sie sind die Chefin. Ich sehe zwar keine anderen Mädels, aber das geht wohl per Telefon.«

Jetzt schien Sam Marlowe wirklich perplex. Dann plötzlich lachte sie laut heraus. »Ach, deshalb sind Sie so komisch.« Sie schüttelte den Kopf. »Sie denken, eine Escort-Agentur würde sich Sam Marlowe – Diskrete Ermittlungen nennen? Finden Sie das nicht ein bisschen unpassend? Glauben Sie, da käme irgendein Kunde?«

»Sie sind ja wohl eher auf Kundinnen spezialisiert«, erwiderte Ker trocken.

»Ich nehme, was kommt.« Sam Marlowe lachte. »Oh, das war jetzt auch wieder nicht richtig. Das erweckt einen ganz falschen Eindruck.« Sie stand auf und ging zu einer Ecke hinüber, öffnete eine Tür in einem Unterschrank und nahm aus dem kleinen Kühlschrank, der dahinter versteckt war, eine Flasche Mineralwasser heraus. »Sie auch?«, bot sie Ker an.

Ker schüttelte den Kopf.

Sam Marlowe füllte ein Glas mit dem sprudelnden Wasser und kam zurück. »Eine Detektei, die von einer Frau geführt wird, bekommt meistens auch nicht viele Kunden.« Sie zuckte die Achseln. »Ist leider immer noch so. Deshalb habe ich mir den Namen Sam Marlowe zugelegt. Die Leute wollen dann zwar immer Herrn Marlowe sprechen, aber wenn sie schon mal hier sind, ist der Auftrag so gut wie gesichert. Und mit Auftrag meine ich«, sie setzte sich wieder, »Überwachungen. Diskrete Ermittlungen. Wie es auf dem Fenster steht. Meistens Ehemänner oder Ehefrauen, die einen Verdacht haben. Oder manchmal auch Arbeitgeber, die den Krankmeldungen ihrer Arbeitnehmer nicht trauen.«

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