Teil 06

Sarah senkte den Blick. Es schien, als könnte sie Fabiola nicht in die Augen schauen.

Jetzt denkt sie an Vic und an das, was sie dieses Wochenende mit ihr hat genießen wollen, dachte Fabiola. Und was ihr jetzt fehlt.

Der nächste Gang kam, und ohne ein Wort zu wechseln widmeten sie sich beide ihren Tellern. Dennoch wurde Sarahs nicht erheblich leerer. Sie stocherte nur in ihrem Essen herum.

»Das haben die Wachteleier nicht verdient«, unterbrach Fabiola plötzlich die Stille. Sie legte ihr Besteck zur Seite, verschränkte die Hände vor dem Kinn und beugte sich leicht vor. »Du möchtest nicht hier sein. Du bist mit deinen Gedanken ganz woanders.«

»Tut . . .« Sarah blickte erst auf ihren Teller, dann auf Fabiola. »Tut mir leid. Ich hätte deine Einladung gar nicht annehmen sollen.«

Fabiola lächelte leise. »Ich bin froh, dass du es getan hast. Auch wenn du dafür offensichtlich auf etwas verzichten musst, das dir viel lieber gewesen wäre.«

Sarah legte den Kopf zurück und schloss kurz die Augen, bevor sie mit ihrer Aufmerksamkeit an den Tisch zurückkehrte. »Das ist zwar ein französisches Menü«, sie wies mit der Hand auf ihren Teller, »aber es ist nicht Frankreich. Es ist nicht«, sie schluckte, »Paris.«

»Da solltest du jetzt sein?« Fabiola schaute sie interessiert und wie sie hoffte nicht zu mitleidig an. Das hätte Sarah falsch verstehen können, und das wollte sie nicht. Es war nicht Mitleid, das sie dazu bewog, sich Sarahs Nähe zu wünschen.

Es schien, als ob es Sarah eine Menge Kraft kostete, Tränen zurückzudrängen, die bereits in ihre Kehle steigen wollten. Sie nickte. »Ja.«

»Ist sie jetzt dort?«, fragte Fabiola.

»Nein.« Sarah schüttelte den Kopf. »Sie musste woanders hin, nach Amerika.«

Wieder herrschte Stille wie zuvor, aber sie hatte etwas Erwartungsvolles. »Wir könnten hinfliegen«, bot Fabiola an. »Nach Paris. Jetzt gleich.«

Sarah starrte sie an. »Es ist mitten in der Nacht.«

»Flugzeuge fliegen immer.« Fabiola lächelte. »Und du wolltest doch nach Paris.«

»Ja . . . aber . . .«

»Mit Vic«, beendete Fabiola den Satz. »Nur Vic ist nicht hier. Sie ist in Amerika. Aber wir sind hier.«

Als ob plötzlich jemand einen Stock aus ihrem Rücken gezogen hätte, sank Sarah in ihrem Stuhl zusammen. »Du verstehst nicht . . .«

»Doch, ich verstehe sehr gut.« Fabiolas Augen hefteten sich wie Laserstrahler auf sie. »Du bist hier. Vic nicht. Und es ist nicht das erste Mal. Wie oft hat sie dir ein Wochenende versprochen und es nicht gehalten?«

Sarah atmete schwer. »Ich will gehen«, brachte sie dann mühsam hervor.

»Das kannst du jederzeit.« Fabiola schaute sie ruhig an. »Ich halte dich nicht.«

Eine Weile schien es in Sarah zu kämpfen. Vielleicht überkamen sie Erinnerungen an viele Wochenenden, die Vic abgesagt hatte.

»Wir haben schon lange kein Wochenende mehr miteinander verbracht«, antwortete sie leise. »Mal ein paar Stunden vielleicht, aber das hier, das wäre das erste Wochenende gewesen seit –« Sie brach ab. Nach einer langen Sekunde seufzte sie. »Immer kommt etwas Geschäftliches dazwischen.«

»Etwas Geschäftliches?«, fragte Fabiola. »Bist du sicher?«

Sarah stutzte. Dann lachte sie verwundert auf. »Oh ja. Da bin ich sicher. Das, was du da andeutest, das . . . das kann ich mir nicht vorstellen. Nein, das ist es nicht. Meistens sind tausend andere Leute aus der Firma dabei. Da besteht kein Zweifel.«

»Und trotzdem fühlst du dich vernachlässigt. Sehr vernachlässigt«, stellte Fabiola fest.

»Das . . . das ist privat«, antwortete Sarah angestrengt.

»Du hast mir schon sehr viel erzählt, das sehr privat ist.« Fabiola blickte sie teilnahmsvoll an. »Ist es da nicht erlaubt, dass ich daraus auch Schlüsse ziehe?«

»Ja, das ist richtig. Das kann ich dir nicht verdenken.« Sarah nickte bedauernd. »Ich hätte dir nicht so viel erzählen sollen.«

»Ich habe es dir angesehen. Du hättest mir gar nichts erzählen müssen«, sagte Fabiola.

Sarah wirkte erschrocken. »Ich . . . das tut mir leid«, stammelte sie. »So etwas sollte nicht passieren.« Ernst schaute sie Fabiola an. »Ich hätte nicht herkommen sollen.«

»Was wir alles nicht hätten tun sollen . . .« Fabiola machte ein leise klickendes Geräusch mit der Zunge. »Ich hätte dich nicht einladen sollen, du hättest nicht herkommen sollen. Vermutlich hätten wir uns gar nicht erst kennenlernen sollen.«

Sarah nickte. »Das wäre besser gewesen.« Sie straffte ihre Schultern. »Oder wir reden nur noch . . . über die Ausstellung, die Bilder, die Künstlerin.« Sie lachte verschämt. »Das ist ohnehin interessanter.«

»Das ist es nicht«, widersprach Fabiola sofort. »Im Moment gibt es für mich nichts Interessanteres als dich, wie du mir hier gegenübersitzt, wie du lächelst – wie du bist.«

»Ich –« Sarah schluckte. »Ich – das geht nicht. Wir . . . wir sollten das Essen jetzt vielleicht besser beenden.«

Fabiola spürte, wie sich ihr ganzer Körper nach Sarah sehnte, wie ihre Blicke ganz sicher immer begehrlicher wurden. Sie wollte Sarah nicht bedrängen, aber Sarah konnte das, was Fabiola empfand, kaum übersehen.

»Fabiola . . .«, hauchte sie. »Bitte nicht . . .«

»Du bist wundervoll, Sarah«, flüsterte Fabiola.

»Ich werde Vic nicht betrügen.« Sarah fand zu ihrer Stimme zurück. »Niemals. So etwas tue ich nicht.«

»Nein, so etwas tust du nicht.« Fabiola lehnte sich bequem in ihren Stuhl, und auch ihre Stimme klang wieder normal. »Das hätte ich wissen müssen.« Sie machte eine anerkennende Geste. »Ich habe dich für deine Ehrlichkeit gelobt, für deine Wahrheitsliebe. Und damit hatte ich offensichtlich mehr als recht.«

»Ich kann nicht anders, Fabiola«, bemerkte Sarah fast entschuldigend. »So bin ich nun einmal. Es tut mir leid.«

»Nein.« Fabiola lächelte leise und schüttelte nur angedeutet den Kopf. »Dir muss nichts leid tun. Du bist eine wundervolle Frau. Eine Frau mit Prinzipien. Und dagegen verstößt du nicht. Wirklich bemerkenswert.«

»Willst du . . .« Sarah räusperte sich. »Willst du nun immer noch ein Bild kaufen?«

Fabiola schmunzelte. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ehrlich gesagt würde ich dich am liebsten von Carlo abwerben, um für mich neue Künstler zu entdecken, so wie du diese Künstlerin für Carlo entdeckt hast. Aber«, sie lachte, »ich frage gar nicht erst. Die Antwort kenne ich schon: So etwas tust du nicht. Du bist Carlo treu.«

»Er war nicht der erste, bei dem ich mich beworben habe«, nickte Sarah. »Ich hatte schon viele Absagen hinter mir. Die Jobs für Kunsthistoriker sind rar gesät. Er hat mir eine Chance gegeben.«

»Er hat erkannt, was du wert bist«, berichtigte Fabiola gutmütig. »Das ist seine Spezialität.«

»Ich mag ihn«, sagte Sarah. »Und ich lasse Leute, die ich mag, nicht im Stich.«

Fabiola lachte beifällig auf. »Wenn er dir keinen Bonus für deine Bemühungen zahlt, tue ich es. Loyalität ist jedoch eigentlich unbezahlbar.« Auf einmal wurde sie ernst. »Weiß Vic, wie loyal du bist?«

Sarah senkte den Kopf. »Ich liebe Vic«, wiederholte sie dann, als sie ihn wieder hob und Fabiola ansah. »Das ist keine Frage von Loyalität. Wenn man jemanden liebt, betrügt man ihn nicht. Das ist einfach so.«

»Das ist einfach so.« Diese schlichte Aussage ging Fabiola durch und durch. Ihr wurde warm, und ein ganz merkwürdiges Gefühl erfüllte sie. Sie musterte Sarahs Gesicht. »Wie wunderbar muss es sein, von dir geliebt zu werden.«

Sarahs Augen schienen die Farbe zu wechseln, dunkler zu werden. Unwillkürlich bildete sich eine Gänsehaut auf ihren Armen, und da es im Restaurant nicht kalt war, konnte das nur eins bedeuten.

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