Teil 05

Sarahs Gesicht begann sich mehr und mehr zu verdunkeln.

»Ja, ich weiß«, fuhr Fabiola fort. »Es geht mich nichts an. Aber . . .«, sie lächelte leicht, »du leidest. Selbst wenn du das Gegenteil behauptest.« Auf Sarahs erstaunten Blick hin fügte sie hinzu: »In Anbetracht dessen, worüber wir hier reden, sollten wir uns duzen, finde ich.«

»Ich glaube nicht, dass ich das will«, sagte Sarah. »Das ist mir alles«, sie lehnte sich zurück und hob abwehrend die Hände, »sowieso schon viel zu viel.«

Fabiola atmete tief durch. »Damit hast du mir jetzt wohl mitgeteilt, dass ich dich belästige. Darum hatte ich dich gebeten, und das muss ich akzeptieren.«

»Das wäre mir lieb, ja«, erwiderte Sarah spröde. »Du bist –« Sie brach verdutzt ab. »Na gut«, fuhr sie dann aufseufzend fort. »Das macht ja nun auch nichts mehr. Aber ich glaube, ich möchte jetzt lieber gehen.«

Fabiola nickte nachdenklich. »Daran kann ich dich nicht hindern. Aber wir könnten natürlich auch«, ihre Mundwinkel zuckten, »über die Künstlerin sprechen.«

Sarah lachte auf. »Als ob du das je gewollt hättest!«

»Ach, das würde ich so nicht sagen«, widersprach Fabiola. »Ich bin schon an ihr interessiert. Als Künstlerin, meine ich. Ich glaube, du hast da etwas ganz Großes entdeckt.«

»Wenn die eine Strategie nicht klappt, versuchst du es mit einer anderen, ist es nicht so?« Sarah schüttelte den Kopf. »Du bist wirklich –«

»Ich bin wirklich«, wiederholte Fabiola und beugte sich vor, »an dir interessiert. Davon kannst du ausgehen. Und meine Aussage über die Künstlerin stimmt genauso. Das schließt sich nicht aus.«

»Mit ihr willst du aber nicht ins Bett.« Sarah schaute sie missbilligend an.

Fabiola schmunzelte. »Sie ist nicht mein Typ. Und auch sonst . . . Künstler sind schwierig.«

»Aha. Da hast du also schon deine Erfahrungen gesammelt«, stellte Sarah fest.

»Natürlich«, sagte Fabiola. »Ich bin Kunsthändlerin. Da bleibt das nicht aus.«

»Machst du das immer so?« Sarah betrachtete sie mit einem abschätzigen Blick. »Wenn die Künstlerin nicht in Frage kommt, nehme ich mir doch die Kunsthändlerin?«

»Das war jetzt nicht besonders schlau von mir, ich sehe schon.« Mit einem selbstironischen Lachen lehnte Fabiola sich zurück.

»Nein, war es nicht«, bestätigte Sarah. »Und ich glaube«, sie legte den Kopf schief, »du bist eigentlich eine sehr schlaue Frau.«

»Danke«, sagte Fabiola. »Aber was soll das jetzt heißen? Warum habe ich das Gefühl, dass dieses Kompliment einen Pferdefuß hat?«

»Was willst du wirklich von mir, Fabiola?«, fragte Sarah direkt.

Fabiola hob die Augenbrauen. »Ich dachte, das wäre klar. Du hast es ja auch schon abgelehnt.«

»Ich habe den Eindruck, das ist nicht alles.« Sarah legte nachdenklich den Kopf zur Seite. »Aber um es noch mal ausdrücklich zu sagen: Ich liebe Vic, und ich würde sie nie –« Sie brach ab, als hätte sie schon zu viel gesagt.

»Du würdest sie nie betrügen.« Fabiola lächelte. »Ich verstehe.«

»Ich glaube nicht, dass du das verstehst.« Sarahs Blick war nicht besonders freundlich. »Sonst hättest du mich gar nicht erst eingeladen.«

»Oh, man muss seine Chancen nutzen, wo man sie findet.« Fabiola lachte leicht. »Man weiß nie, was dabei herauskommt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«

»Mit mir gewinnst du nichts«, erwiderte Sarah knapp. »Außer ein paar Bildern, wenn du tatsächlich interessiert bist.« Sie lächelte. »Aber selbst die bekommst du nicht umsonst. Du musst sie kaufen.«

»Das werde ich wohl.« Auch Fabiola lächelte. »Ich hoffe, du empfiehlst mir die besten.«

Sarah runzelte die Stirn. »Du weißt, dass es so etwas nicht gibt. Jedes Bild ist einzigartig. Das Beste seiner Art. Der Wert und die Qualität liegen hauptsächlich im Auge des Betrachters.«

»Die Qualität vielleicht.« Fabiola konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. »Der Wert hängt wohl eher von dem Preis ab, den Carlo festlegt.«

»Du weißt, was ich meine«, widersprach Sarah. »Es ist nicht der Wert, der sich in Zahlen ausdrücken lässt, in Geld. Jedes Bild hat seinen ganz eigenen Wert für den Besitzer oder für den, der es besitzen will.«

Mit einem nachdenklichen Nicken stimmte Fabiola zu. »Wie so vieles in der Welt.« Ihr Blick konzentrierte sich wieder auf Sarah.

»Fabiola . . .« Als wäre sie ein Bild in einer Ausstellung, musterte Sarah Fabiola mit einem langanhaltenden Blick. »Du hast sehr viel Geld, nicht wahr?«

»Ich habe es noch nie gezählt«, sagte Fabiola, »aber bislang konnte ich alles bezahlen, was ich haben wollte.«

»Kann ich mir vorstellen.« Sarah schüttelte leicht den Kopf. »Aber es gibt Dinge, die man nicht kaufen kann.«

»Wie dich zum Beispiel?« Fabiola lächelte. »Das würde ich nie bezweifeln.«

Sarah beugte sich zurück, um dem Kellner Gelegenheit zu geben, den ersten Gang des Menüs vor ihr platzieren zu können.

Während er auch vor Fabiola einen schön verzierten Teller abstellte, schaute sie Sarah immer noch lächelnd an. »Ich frage mich, wo Carlo dich gefunden hat.«

Sarah schüttelte leicht den Kopf. »Es war wohl eher umgekehrt«, antwortete sie. »Ich habe einen Job gesucht nach meinem Kunstgeschichtsstudium –«

Fabiola unterbrach sie lachend. »Carlo nimmt keine Kunstgeschichtsstudenten. Es sei denn, sie sind männlichen Geschlechts und sehen aus wie Leonardo DiCaprio mit vierzehn.«

»Dann braucht er wohl eine Brille«, erwiderte Sarah fast schon übermütig.

Oh ja, bitte, dachte Fabiola. Entspann dich. Es könnte so ein schöner Abend werden. Ich möchte nicht, dass du gehst. Sie hatte den Eindruck, dass Sarah nicht viel Alkohol vertrug. Sie schien schon nach den wenigen Schlucken, die sie genommen hatte, leicht benebelt.

»Du hast dich also ganz einfach so bei ihm beworben, und er hat dich genommen?«, fragte Fabiola verwundert.

»So ungefähr. Ich platzte mitten in eine Verkaufsverhandlung in der Galerie hinein«, erzählte Sarah. Sie nahm einen großen Schluck Wein. Anscheinend schmeckte er ihr. »Ich wollte warten, schlenderte herum und schaute mir die Bilder an, und dann sagte der Kunde etwas, das ich einfach nicht so stehenlassen konnte. Eigentlich wollte ich mich zurückhalten, aber ich konnte nicht. Es war nur eine kleine Bemerkung, nichts Wichtiges, aber der Kunde nahm fälschlicherweise an, dass ich zur Galerie gehörte, und wollte daraufhin nur noch mit mir verhandeln.«

»Und das hat Carlo überzeugt«, stellte Fabiola lächelnd fest. »Hast du das Bild verkauft?«

»Nein«, sagte Sarah. »Weshalb Carlo mir bis heute unter die Nase reibt, dass ich keine gute Verkäuferin bin.«

»Aber er hat dich genommen.«

»Auf Provisionsbasis. Er würde mir niemals ein festes Gehalt zahlen. Das wäre ihm zu gefährlich, sagt er. Ich könnte in kunsthistorische Vorträge verfallen.« Sarah verzog das Gesicht.

»Davon habe ich bis jetzt noch nichts bemerkt.« Fabiola wartete, bis der Kellner die Vorspeisenteller abgeräumt hatte, dann fuhr sie fort: »So sehr lange kannst du aber noch nicht für ihn arbeiten. Ich komme mindestens einmal im Jahr vorbei.«

Sarah nickte. »Zehn Monate«, sagte sie. »Manchmal kommt es mir allerdings schon wie eine Ewigkeit vor. Bei allem, was Carlo mir mittlerweile überlässt.«

»Mit gutem Grund wahrscheinlich«, bemerkte Fabiola anerkennend. Dann schürzte sie leicht die Lippen und fügte schmunzelnd hinzu: »Und außerdem hat er so mehr Zeit für . . . junge Künstler.«

Sarah musste lachen. »Ja, das stimmt. Er ist ein guter Geschäftsmann, aber er wäre nicht glücklich, wenn er das Leben nicht auch anderweitig genießen könnte.«

»Manchmal beneide ich ihn«, sagte Fabiola. »Und jetzt«, sie warf einen Blick auf Sarah, »noch mehr.« Versunken nippte sie an ihrem Wein. »Das Leben zu genießen ist auf jeden Fall nicht die schlechteste Einstellung. Wenn man so jung ist wie du«, sie musterte Sarahs Gesicht, »sollte man das immer tun.«

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