Teil 05

»Brav«, lobte Marita. »Du hast doch noch nicht ganz vergessen, dass du Polizistin bist.«

»Es ist nur deine schmutzige Fantasie, die mir unterstellt, dass ich das vergessen könnte«, erwiderte Ker betont. »Die Gefahr besteht nicht.«

»Freut mich, wenn es so ist«, meinte Marita trocken. »Zu dem, was ich herausgefunden habe . . .« Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Es gibt keinerlei Beweise, dass Maximiliane Reichardt tatsächlich auf eine Geschäftsreise gehen wollte. Sie hat gestern in einem Hotel eingecheckt.«

»In einem Hotel? Hier?« Kers Augen öffneten sich erstaunt. »Obwohl sie das große Haus hat?«

Marita nickte bedeutungsschwanger. »Sie hatte Besuch von einer Frau.«

Wenn Kers Augen sich noch mehr hätten öffnen können, wären ihre Augäpfel herausgesprungen. »Wie bitte? Sie hatte eine Affäre? Mit der –« Sie brach ab.

»Mit der Frau zu Hause, wolltest du sagen?«, fragte Marita. »Ja, manche kriegen den Hals wohl nie voll.«

»Das heißt, sie hat ihrer Frau gesagt, sie geht auf eine Geschäftsreise, trifft sich mit einer anderen Frau, kommt dann aber früher zurück als geplant?« Ker runzelte die Stirn. »Irgendwas passt da nicht zusammen. Wenn sie sich nur mit ihrem Flittchen treffen wollte, wäre sie doch wahrscheinlich sowieso abends wieder nach Hause gekommen. Wie von der Arbeit. Wäre gar nicht aufgefallen.«

Maritas Mundwinkel zuckten heftig. »Jede Frau, die nicht Adriane Reichardt ist, muss ein Flittchen sein?«

»Du kannst die . . .«, Ker zögerte demonstrativ, »Dame nennen, wie du willst«, bemerkte sie säuerlich. »Aber was kann sie bei einer anderen Frau gesucht haben, das sie nicht zu Hause bekommt?«

Marita schmunzelte noch mehr. »Vielleicht ist Madame Adriane nicht so freizügig, wie du denkst. Ich weiß ja nicht, wie weit du das schon ausprobiert hast.«

»Ich war dort, um nach Beweisen zu suchen, nicht –« Ker brach ab. Innerlich wurde ihr heiß und kalt. Sie war gegangen nach Maritas Anruf, aber was, wenn Marita nicht angerufen hätte? Das Bild von Adriane auf der Couch, die sie mit halbgeöffneten Lippen verlockend ansah, schob sich vor ihr inneres Auge. »Sie ist am Boden zerstört«, setzte sie trotzig fort. »Die Frau, die sie geliebt hat . . .«, erneut machte sie eine Pause, »und die sie offensichtlich betrogen hat, ist tot. Ob sie von dem Betrug wusste?«, setzte sie noch grüblerisch hinzu.

»Gäbe ihr ein Motiv. Eifersucht«, meinte Marita. »Sie wusste, dass ihre Frau von ihrer Geliebten kommt, hat auf sie gewartet und sie kaltblütig erschossen.«

»Das . . .«, Ker schnappte nach Luft, »glaube ich niemals. Sie ist nicht . . . kaltblütig.«

»Aha.« Marita schob skeptisch ihre Unterlippe vor. »Du musst es ja wissen. Hast du dafür . . .«, sie zögerte genüsslich, »Beweise gesammelt, als du dort warst?«

»Ich sagte doch schon –« Ker sprang von ihrem Stuhl hoch. »Nein«, fuhr sie dann schweratmend fort, während sie Marita wütend anstarrte. »Du kannst ja die Haushälterin fragen, wenn du mir nicht glaubst. Sie war die ganze Zeit da.«

»Mit euch im Zimmer?«, fragte Marita. Sie schüttelte den Kopf. »Das ist jetzt nicht wichtig. Aber wir müssen alle Möglichkeiten erforschen, und das kannst du nicht, wenn du sie von vornherein von aller Schuld reinzuwaschen versuchst.«

»Sie hatte Angst. Es hatte viele Einbrüche gegeben«, argumentierte Ker. »Deshalb hatte sie die Waffe überhaupt. Sie wollte sie nicht, sagte sie. Ihre Frau hat sie ihr zu ihrem Schutz besorgt.«

»Da konnte sie ja noch nicht wissen, dass sie damit erschossen werden würde«, erwiderte Marita nüchtern. »Und meiner Erfahrung nach fassen Frauen, die Angst vor Waffen haben, sie auch dann nicht an, wenn es angebracht wäre. Das weißt du genau.«

»Sie ist in Panik geraten, verdammt noch mal!«, stieß Ker heftig hervor. »Sie hat verdächtige Geräusche gehört, konnte nicht mehr klar denken.«

»Ja . . .« Marita dehnte das kleine Wörtchen fast unendlich. »Nicht mehr klar denken zu können kann gewisse Reaktionen hervorrufen.«

»Ach, lass mich doch in Ruhe!« Ker verschränkte die Arme vor der Brust und wandte sich von Marita ab.

»Mach ich gern«, sagte Marita. »Lass uns die Unterlagen durchsehen. Vielleicht finden sich da noch Hinweise. Wenn Maximiliane Reichardt ihre außerhäuslichen Aktivitäten vor der schönen Adriane verstecken wollte, hat sie vielleicht auch Kreditkartenabrechnungen und so etwas, in denen Hotelaufenthalte vermerkt sind, von denen ihre Frau nichts wissen sollte, im Safe aufbewahrt. Wenn es stimmt, dass Blondchen die Kombination nicht kannte.«

Kers Augen schossen Blitze auf sie.

»Ach, komm schon . . .« Marita lachte. »Sie ist blond, oder? Jetzt mach dich nicht lächerlich. Für mich ist sie noch lange nicht aus dem Schneider, auch wenn du davon nichts wissen willst.«

»Man bringt niemanden um nur aus Eifersucht.« Ker versuchte, wieder zu ihrer professionellen Sichtweise zurückzukehren, denn tief innerlich wusste sie, dass Marita recht hatte. »Nur Psychopathen tun das. Weil sie eigentlich keinen Grund brauchen, um zu töten.« Sie strich sich nachdenklich über das Kinn. »Wenn es kein Unfall war, muss es ein stärkeres Motiv gegeben haben als Eifersucht. Sie hätte sich schließlich einfach scheiden lassen können.«

»Du ziehst jetzt doch in Betracht, dass sie es absichtlich getan haben könnte?«, fragte Marita überrascht nach.

Ker schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie es nicht tun wollte. Aber ich will alle Verdachtsmomente ausschalten, die sie belasten.«

»Damit sie dir dann dankbar in die Arme fällt?« Marita stand auf und griff nach den Ordnern und USB-Sticks, die Ker mitgebracht hatte. »Du bist verrückt.«

»Jeder ist unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist«, quetschte Ker zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. »Vergiss das nicht.«

»Das vergesse ich schon nicht«, entgegnete Marita gutgelaunt. »Selbst Blondchen profitiert davon. Aber in ihrem Fall müssen wir ja noch nicht einmal nach einem anderen Täter suchen. Schließlich hat sie es zugegeben.«

»Sie fühlte sich bedroht. Es ist ihr gutes Recht, sich zu verteidigen, wenn sie sich bedroht fühlt.« Ker wollte nicht nachgeben.

»Ist es.« Marita nickte. »Aber wie bedroht kann man sich von einer unbewaffneten Frau fühlen, die auch noch die eigene Ehefrau ist?«

»Weil sie nicht dachte, dass es ihre Frau ist . . .« Ker knirschte mit den Zähnen. »Sie hat einen Einbrecher erschossen, nicht ihre Frau.«

»Nur dumm«, stellte Marita stoisch fest, »dass es ihre Frau ist, die tot ist.«

3

»Ja, sie war öfter hier.« Der Hotelangestellte nickte.

»Allein?«, fragte Ker.

Er grinste. »Nein. Sie kam immer allein, aber kurz darauf kam die andere Frau, blieb eine Weile und ging dann wieder. Kurz darauf ging sie. Sie kamen nie zusammen und gingen nie zusammen, aber sie haben dasselbe Zimmer benutzt.«

»Und wie lange ging das?«

»Oh . . .« Er überlegte. »Eine ganze Weile. Genau kann ich’s nicht sagen. Aber ich kann nachsehen.«

»Okay, tun Sie das.« Ker nickte. »Sie hat sich also noch einmal mit ihrem Flittchen getroffen«, murmelte sie leise vor sich hin, »um dann nach Hause zu gehen und erschossen zu werden. Warum? Was sollte das?«

Der Angestellte, der im Computer geblättert hatte, blickte sie an, als hätte sie die Fragen an ihn gestellt. Er war ein älterer Mann mit einem grauen Haarkranz um eine glänzende Glatze herum, die jetzt die Deckenbeleuchtung spiegelte, als wäre ihm gerade ein Licht aufgegangen. »Sie war kein Flittchen«, widersprach er. »Keine von den Damen aus dem Milieu. Sie hat ein Büro hier die Straße runter. Diskrete Ermittlungen steht dran.«

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