Teil 04

»Klein Susi ist geknackt!«, rief es da plötzlich polternd durch die Halle.

Ker fuhr fast herum, so überraschend traf sie die laute Mitteilung. Sie ging mit schnellen Schritten hinüber. »Was?«

»Der Safe ist auf«, wiederholte der Schweißer nun etwas sachlicher. »Alles zu Ihrer Verfügung.« Er zeigte auf die weit offenstehende Safetür. »Wie die Jungfrau im Bade.«

Leicht irritiert zog Ker die Stirn kraus.

»Brauchen Sie mich dann noch?«, fragte er. »Noch was anderes zu knacken?«

»Nein.« Ker schüttelte den Kopf. »Sie können dann gehen. Danke.«

»Alles klar.« Er drehte sich um, zog die Schutzmaske vom Gesicht und begann einzupacken.

Ker trat auf den Safe zu und schaute hinein. Papiere, ein paar Packen mit Geld – sie nahm einen davon und blätterte schnell hindurch. Alles Fünfhunderter. Fünfzigtausend Euro schätzungsweise. Die Portokasse wahrscheinlich, dachte sie innerlich stirnrunzelnd – und ein paar Schmuckstücke in Samtkästchen.

Als sie Adriane hereinkommen hörte, drehte sie sich um und hielt eins davon hoch. »Gehören die Ihnen?«, fragte sie.

Es schien, als ob Adriane kurz zögerte. »Teils, teils«, sagte sie. »Ein paar gehören –«, sie schluckte, »gehörten Max.«

»Aber Sie kannten die Kombination nicht«, stellte Ker fest. »Also konnten Sie nicht an Ihre heran, wenn sie nicht da war.«

»Das sind nur die teuersten«, erklärte Adriane. »Die habe ich nicht oft getragen. Meistens nur, wenn wir zusammen irgendwo hingegangen sind, bei offiziellen Anlässen. Das, was ich täglich trage, ist in einem Schmuckkästchen in meinem Ankleidezimmer.«

Ker nickte kurz, trug dann die Sachen im Safe auf einer Liste ein und machte ein paar Fotos.

»Wissen Sie«, fuhr Adriane da plötzlich zusammenhanglos fort, »was mich wirklich erschreckt?«

Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen wandte Ker sich ihr vom Safe her wieder zu.

»Die Welt . . .«, ziellos ließ Adriane ihren Blick durch den Raum schweifen, »sieht heute kein bisschen anders aus als gestern.« Ihre Augen schienen feucht zu werden. »Max ist tot und . . . und es hat sich nichts geändert. Die Zeit ist nicht stehengeblieben, das Haus steht immer noch genauso da wie seit es gebaut wurde, alles läuft weiter, als wäre nichts geschehen.«

»Ich bin dann weg«, unterbrach der Schweißer Kers Antwort, die allerdings bislang nur daraus bestanden hatte, dass sie den Mund öffnete und dann wieder schloss wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Schön’n Tach noch, die Damen.«

»Ein Gemüt wie ein Fleischerhund«, bemerkte Ker, als sein breiter Rücken durch die Tür verschwand. »Tut mir leid.« Sie schaute Adriane mitfühlend an. »Ich weiß, dass es schmerzhaft für Sie sein muss, all diese Dinge immer wieder aufzurühren, aber wir sind nun einmal verpflichtet, die Umstände zu untersuchen.«

Eine endlos erscheinende Weile lang, die in Wirklichkeit jedoch wahrscheinlich nur Sekunden dauerte, war es so still im Raum, dass man eine Fliege hätte summen hören können wie einen Flugzeugmotor.

»Natürlich«, sagte Adriane dann mit einer merkwürdig flach klingenden Stimme. »Das müssen Sie. Sie sind ja die Polizei.« Die letzte Feststellung klang, als ob sie das zuvor vergessen gehabt hätte.

»Nicht die ganze«, erwiderte Ker lächelnd. »Nur eine einzelne Polizistin.«

»Warum sind Sie Polizistin geworden?«, fragte Adriane unvermittelt, während sie sich umdrehte und das Zimmer verließ.

Wenn Ker ihr antworten wollte, hatte sie keine andere Wahl, als ihr zu folgen. »Warum?«, echote sie.

»Sie müssen doch einen Grund gehabt haben.« Sie waren nun wieder im Wohnzimmer angekommen, und Adriane drehte sich halb zu ihr um, bevor sie weiter zur Couch ging und sich wie eine Katze, die sich in der Sonne räkelt, darauf niederließ.

Es war wie ein erotischer Akt, und Ker spürte die Auswirkungen sofort. »Ähm . . . ja . . . natürlich«, antwortete sie leicht stockend, weil es ihr wirklich schwerfiel, die Wörter zu finden. Es schien, als hätte sich alles, was zum Denken nötig war – Blut, Sauerstoff, Synapsen – in einen anderen Teil ihres Körpers verlagert. In einen, der eigentlich nicht zum Denken gebaut war.

»Also?«, beharrte Adriane mit einem unschuldig interessierten Gesichtsausdruck auf ihrer Frage. »Warum?«

»Warum?«, wiederholte Ker noch einmal, um Zeit zu schinden. Reiß dich zusammen! befahl sie sich innerlich. Konzentrier dich auf die Antwort, nicht auf ihre Beine, die unter dem Bademantel auseinandergleiten, nicht auf den Ansatz ihrer Brüste, der zwischen den Revers des Kragens hervorschimmert, noch nicht einmal auf ihre Lippen, die diese Frage gestellt haben. Sie räusperte sich. »Um zu helfen, schätze ich«, antwortete sie. »Die Guten ins Nestchen, die Bösen ins Knästchen – so was in der Art.«

»Und? Haben Sie schon viele ins Knästchen gebracht?« Adriane lächelte erneut hinreißend, und diesmal hatte Ker nur eine Wahl, nämlich zur Tür zu gehen und in den parkartigen Garten hinauszuschauen, auf das kühle Wasser des Pools, in der Hoffnung, ihr Körper würde sich seiner Temperatur anpassen.

»Einige«, antwortete sie heiser.

»Ich wette, es waren viele.« Der heiße Hauch von Adrianes Atem streifte ihren Nacken und machte jeden Versuch, die Temperatur nach unten zu drücken, zunichte. Sie schoss eher noch mehr in die Höhe. »Sie sind so groß und stark.«

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Als ob sie ganz allein auf der Welt wären.

»Entschuldigen Sie die Störung«, unterbrach da plötzlich eine Stimme die überirdische Stille. »Da ist ein Anruf für Kommissarin Opitz. Eine Kollegin will sie sprechen.«

Während Adriane gar nichts gehört zu haben schien, fuhr Ker herum und verpasste ihr dabei fast einen Kinnhaken. »Ja?«, fragte sie beinah keuchend.

»Hier bitte.« Die Haushälterin kam gemessenen Schrittes zu ihnen herüber und überreichte Ker das Handteil eines Festnetztelefons. Ihr Gesichtsausdruck ließ keinerlei Emotion erkennen.

»Ja?«, wiederholte Ker in den Telefonhörer hinein.

»Hast du dein Handy ausgeschaltet?«, fragte Maritas unzufriedene Stimme. »Ich konnte dich nicht erreichen.«

»Nein, eigentlich –« Ker fummelte in einer der Taschen an ihrer Lederjacke herum. »Ach . . .«, stellte sie überrascht fest. »Ich habe vergessen es aufzuladen. Es ist leer.«

»Na ja«, erwiderte Marita. »So weiß ich wenigstens, dass du noch im Haus bist.«

»Der Schweißer ist gerade weg«, erklärte Ker, deren Atem sich nun, da sie Adriane nicht ansah, etwas beruhigte. »Sind eine Menge Unterlagen im Safe, die wir sichten müssen. Dazu bin ich noch nicht gekommen. Auch eine ganze Menge Geld.« Sie lachte leicht. »Wir würden das jedenfalls denken.«

»Okay«, sagte Marita. »Ich habe etwas ganz Interessantes herausgefunden. Kommst du jetzt rein?«

Kers Kopf wandte sich automatisch in Adrianes Richtung, die sich mittlerweile wieder auf der Couch niedergelassen hatte und mit ihrem lasziven Anblick einen heißen Schauer nach dem anderen auf Kers Haut hervorrief. Sie räusperte sich. »Ja«, erwiderte sie nickend. »Ich komme jetzt rein.«

»Dann bis gleich.« Marita legte auf.


»Was hast du für mich?« Ker warf sich mit Schwung in ihren Stuhl am Schreibtisch, dass er quietschte und fast umfiel.

»Na, du bist ja energiegeladen«, wunderte Marita sich blinzelnd. »Angenehmen Morgen gehabt?«

»Es war . . . ist ein Arbeitstag«, entgegnete Ker schnippisch. »Ich habe die ganzen Unterlagen mitgebracht, die im Safe waren. Geld und Schmuck natürlich nicht. Das geht uns wohl nichts an.«

»Ist es ihr Schmuck?«, fragte Marita grinsend.

»Ihrer und der ihrer Frau.« Ker spitzte die Lippen. »Die teuren Stücke, die sie anscheinend nicht oft getragen hat.« Jetzt grinste sie auch. »Nur falls du fragen wolltest, warum sie die Kombination nicht kannte. Dasselbe habe ich auch getan.«

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