Teil 04

Fast, als wäre sie in Trance, folgte Marina ihm die große, mit wertvollen Schnitzereien verzierte Holztreppe in die nächste Etage hinauf, und Ronja blieb völlig entgeistert zurück.

Als wollte sie einen bösen Traum loswerden, schüttelte sie heftig den Kopf. »Na, den Irrtum müssen wir aber sofort aufklären.« Sie atmete tief durch und hob entschlossen die Augenbrauen zu einem fast angriffslustigen Blick.

Dann schritt sie ebenfalls die Treppe hinauf und begab sich den Gang hinunter zu ihrem eigenen Zimmer. Dort legte sie die Stadtkleidung ab und zog sich ein paar dem Landleben gewachsene Schuhe an ebenso wie eine rustikale Hose und Bluse. So fühlte sie sich weitaus besser. Sie hatte heute einen Termin mit ihrem Bankier gehabt und war deshalb recht geschäftsmäßig gekleidet gewesen, was sie ziemlich hasste.

Als sie ihr Zimmer wieder verließ, kam ihr Johann schon sehr aufgeregt entgegen. »Sie sollen bitte sofort zur Frau Baronin kommen, Frau Baronin.«

Manchmal musste Ronja darüber schmunzeln, dass Johann sowohl ihre Großmutter als auch sie Frau Baronin nannte und man deshalb hin und wieder nicht genau wusste, wer gemeint war. Heute war ihr jedoch nicht nach Schmunzeln zumute. »Geht es ihr nicht gut?«, fragte sie besorgt.

Johann verzog schuldbewusst die vielen Runzeln in seinem verhutzelten Gesicht. »Sie hat sich leider sehr über die Neuigkeit aufgeregt. Glücklicherweise ist der Arzt gerade da und hat ihr gleich ein Beruhigungsmittel gegeben.«

»Sie haben doch nicht etwa –?« Ronja schaute ihn missbilligend an. »Das war ein bisschen überstürzt.«

»Ich weiß, Frau Baronin.« Johann sah ziemlich unglücklich aus. »Aber wir haben uns alle so gefreut, und die Frau Baronin hat gefragt, was der Grund der Freude ist. Da musste ich es ihr doch sagen.«

»Wirklich, Johann . . .« Ronja schüttelte tadelnd den Kopf. »Hätten Sie mich doch vorher gefragt.«

Johann schaute sie nur an, und allein dieser Ausdruck in seinem Gesicht, das ihr seit Kindertagen vertraut war, besänftigte Ronja.

Sie lächelte. »Ist schon gut«, sagte sie und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Dann werde ich jetzt mal zu Großmutter gehen.« Und ihr sagen, dass es nicht stimmt, fügte sie in Gedanken hinzu. Das würde ihre Großmutter nicht freuen. Aber sie konnte sie ja schließlich nicht in dem Glauben lassen, dass Marina –

Fast hätte Ronja ungläubig aufgelacht. Wie konnte überhaupt irgendjemand glauben, dass sie und Marina . . .? Manchmal zimmerten die Leute sich ihre eigene Welt zurecht, und sie wollten nichts anderes hören. Das war einfach nur ärgerlich. Nun musste sie das alles erst einmal wieder geradebiegen.

Als sie in den Räumen ihrer Großmutter ankam, hielt sie direkt hinter der Tür der Arzt auf, den Ronja schon seit vielen Jahren kannte und der das Vertrauen ihrer Großmutter besaß, das nicht einfach zu erringen war. Von einem anderen Arzt ließ sie sich nicht behandeln.

»Sie hätten es ihr ruhig ein bisschen schonender beibringen können«, begrüßte er Ronja mit einem strafenden Blick. »Sie wissen doch, dass Ihre Großmutter ein schwaches Herz hat. Sie hat sich so gefreut, dass es beinah stehengeblieben wäre. Gut, dass ich gerade da war.«

»Johann hätte das nicht sagen sollen«, erwiderte Ronja leise mit einem Blick auf das Bett, auf dem ihre Großmutter lag und offensichtlich schlummerte. »Es stimmt nämlich gar nicht. Marina ist nicht . . . Ich meine . . . Wir sind nicht verheiratet. Ich habe sie heute erst kennengelernt, und es hat sich zufällig so ergeben, dass sie mitgekommen ist. Aber sie wird in Kürze das Gut wieder verlassen, und wahrscheinlich werden wir sie nie mehr wiedersehen.«

»Ach du je.« Dr. Werding riss entsetzt die Augen auf. »Das dürfen Sie Ihrer Großmutter auf keinen Fall sagen!«

Ronjas Stirn runzelte sich verärgert. »Wieso nicht? Ich kann doch nicht –«

»Hören Sie . . .« Er legte ihr eine Hand auf den Arm. »Wenn Sie das tun und das Herz Ihrer Großmutter noch einmal einer solchen Belastung ausgesetzt wird, dann könnte es wirklich stehenbleiben. Es war schon beim ersten Mal heute knapp, das sagte ich doch schon. Ich kann das nicht erlauben. Das Risiko ist zu groß.«

»Aber . . .« Ronja schaute zu der schlafenden Gestalt ihrer Großmutter in der Art von voluminösem Kleid, das sie gern trug, hinüber. »Es stimmt nicht«, flüsterte sie dem Arzt zu. »Es wäre eine Lüge!«

»Dann ist es eben eine.« Er zuckte die Schultern. »So schlimm ist das nicht. Johann sagte, die junge Frau wäre sehr nett. Also . . .«

»Also bereitet er das Herrschaftszimmer für uns vor«, wisperte Ronja. »Das geht nicht. Wir kennen uns überhaupt nicht!«

Er hob die Augenbrauen. »Es gibt wirklich Schlimmeres, als mit einer hübschen jungen Frau im selben Zimmer zu übernachten.«

»Haben Sie eine Ahnung!«, zischte Ronja unterdrückt. »Das geht auf keinen Fall!«

»Tun Sie, was Sie wollen«, erwiderte er mit wütend blitzenden Augen. »Aber wenn etwas passiert, haben Sie die Verantwortung. Ich habe Sie gewarnt.«

»Ronja . . .« Leise meldete sich ihre Großmutter vom Bett. »Da bist du ja, mein Schatz.« Sie versuchte, sich aufzurichten.

»Nicht, Großmutter.« Ronja ging schnell zu ihr hinüber. »Bleib liegen. Dr. Werding sagt, dass du dich nicht anstrengen darfst.«

»Ach, warum bin ich nur so eine schwache alte Frau?«, schimpfte ihre Großmutter ärgerlich. »Dabei war es eine so große Freude für mich.« Sie lächelte ihre Enkelin glücklich an. »Endlich hast du wieder jemanden gefunden. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.«

»Großmutter . . .« Ronja verzog das Gesicht.

»Aber du hättest wirklich etwas sagen können«, fuhr ihre Großmutter tadelnd fort. »Ich weiß, ihr jungen Leute seid heutzutage nicht mehr so förmlich, aber in unserer Familie war es immer üblich, eine Hochzeit anders zu feiern. Nicht in der Stadt, sondern hier bei uns auf dem Gut, mit allen Nachbarn und Leuten. Die werden sehr enttäuscht sein, wenn wir das nicht nachholen.«

Innerlich stöhnte Ronja auf. »Das hat doch Zeit, Großmutter«, erwiderte sie, während sie sich mühsam zur Ruhe zwang. »Erhol dich erst einmal. Dann können wir darüber reden.« Sie warf einen Blick zu Dr. Werding hinüber, und er nickte ihr wohlwollend und auch ein wenig dankbar zu. »Ruh dich aus«, lächelte sie ihre Großmutter an. »Mach dir jetzt keine Gedanken mehr.«

»Ich möchte mir gern so viele Gedanken machen.« Ihre Großmutter lächelte zurück. »Und deine Braut so bald wie möglich kennenlernen. Heute beim Abendessen bin ich bestimmt wieder erholt genug. Dann kannst du sie mir vorstellen.«

Ronja fing einen warnenden Blick von Dr. Werding auf. »Ja«, nickte sie schicksalsergeben. »Beim Abendessen.«

»Dann lass mich jetzt noch ein bisschen ruhen, Kind.« Die Augenlider ihrer Großmutter wurden schwer. »Bis heute Abend.« Ihre Stimme versickerte, und ihre Atemzüge zeigten an, dass sie erneut eingeschlummert war.

»Das haben Sie gut gemacht«, lobte Dr. Werding, als Ronja zur Tür ging und das Zimmer verlassen wollte. »Es wäre jetzt wirklich zu viel für sie gewesen. Sie werden sehen, so ist es das Beste.«

»Davon«, Ronja verzog schief einen Mundwinkel, »bin ich nicht so überzeugt.«


»Steht dir gut«, begrüßte Marina sie lächelnd, als Ronja das sogenannte Herrschaftszimmer betrat, einen riesigen Raum mit hoher Decke, der das Schlafzimmer ihrer Eltern gewesen war und den sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatten. Sie musterte Ronja von oben bis unten. »Du siehst wie die geborene Gutsherrin aus.«

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