Teil 03

Ker musste schlucken.

Glücklicherweise hatte die Nymphe beim Schwimmen auf das Evaskostüm verzichtet und trug zumindest einen knappen Bikini. Dem Anlass angemessen in schwarz.

Aber vermutlich war das eher dem geschuldet, dass Schwarz durch den Kontrast das Blond ihrer Haare am besten hervorhob. Sie hatte den Bikini sicherlich nicht erst jetzt gekauft.

Lächelnd ging sie auf eine Sonnenliege zu, auf der ein Handtuch lag, hob es auf und wrang ihre Haare aus, während sie einen Blick zu Ker herüberwarf.

»Entschuldigung.« Ker konnte es gerade noch verhindern zu stammeln. »Ich wollte Sie nicht stören.«

»Kein Problem«, erwiderte Adriane mit ihrer süßen und doch vollen Stimme, die leicht vibrierend nachschwang. »Wasser ist wie ein Lebenselixier für mich. Ich schwimme jeden Tag.« Sie trocknete noch ein wenig ihre Haare, dann schlang sie sich das Handtuch um die Hüften und kam auf Ker zu.

»Gehen wir doch wieder hinein«, lud sie Ker mit einem Lächeln ein. »Ich werde mir nur schnell etwas überziehen.«

Ach, das ist wirklich nicht nötig, dachte Ker. Meinetwegen kannst du so bleiben.

»Wir sind –« Ker brach ab und räusperte sich. »Ich habe einen Schweißer mitgebracht. Für den Safe.« Sie räusperte sich erneut. »Wenn Sie einverstanden sind.«

Adriane hob mit einer reizenden Geste die Augenbrauen, auffallend genug, um sie verführerisch erscheinen zu lassen. »Warum sollte ich nicht damit einverstanden sein?«, fragte sie in einem geradezu säuselnden Tonfall. »Ich bin ja selbst daran interessiert zu erfahren, was in dem Safe ist. Meine Frau –« Auf einmal verstummte sie. »Sie hat da immer sehr geheimnisvoll getan«, fügte sie nach einem kaum merklichen Schlucken hastig hinzu und ging mit schwingenden Hüften hinein.

Für einen Moment hoffte Ker, dass das Handtuch um ihre Bikinifigur herunterfallen würde, aber das tat es nicht. Adriane hatte wohl Übung darin, es genau so zu verknoten, dass es das nicht tat – oder vielleicht doch . . . wenn sie es wollte. Das war aber heute anscheinend nicht der Fall.

Ker seufzte entsagungsvoll und folgte ihr. Während Adriane nach rechts in den Wohnbereich abbog, schwenkte sie selbst nach links und sammelte den Schweißer in der Eingangshalle auf. »Kommen Sie. Ich zeige Ihnen, wo es ist.« Mit dem Kinn wies sie in Richtung der Tür des Arbeitszimmers, das sie bereits in der Nacht des Mordes untersucht hatten, ohne den Safe öffnen zu können.

Er wuchtete seine Gerätschaften ins Zimmer, Ker schob das Bild, das den Safe verdeckte, zur Seite und machte eine einladende Geste. »Bitteschön. Viel Vergnügen.«

»Aber immer doch, Gnädigste«, grinste er zuvorkommend und öffnete seinen Koffer, aus dem er eine Schutzmaske nahm.

»Können Sie sagen, wie lange es dauert?«, fragte Ker.

»Na . . .« Er warf einen abschätzenden Blick auf die kleine, in die Wand eingelassene Metalltür. »Bei dem Modell nicht lange. Die Leute denken immer, das Zeug ist so sicher . . .« Er schüttelte den Kopf. Er war offensichtlich nicht dieser Meinung.

»Dann lasse ich Sie mal allein, Meister«, kündigte Ker an. »Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie fertig sind.«

»Mach ich«, bestätigte der Mann nickend und widmete sich nun seinem Schweißbrenner.

Ker verließ das Arbeitszimmer und schaute sich um. Sie wusste, wonach sie suchte, und es kam auch gleich darauf um die Ecke.

Adriane Reichardt hatte sich nur einen Bademantel übergeworfen, dessen Gürtel sie so locker verschlungen zu haben schien, als sei er nicht dazu bestimmt, den Stoff lange geschlossen zu halten.

Ker fragte sich, ob sie den nassen Bikini ausgezogen und dafür etwas anderes unter dem Bademantel angezogen hatte. Aber warum dann überhaupt der Bademantel? Hätte sie dann nicht gleich etwas anderes – Ker schluckte so unauffällig wie möglich. Hatte die blonde Schönheit überhaupt etwas darunter an?

Sie spürte, wie die Vorstellung, dass es nicht so sein könnte, sie erregte. Sie hätte gern nachgeschaut. Aber das ging dann wohl doch zu weit.

»Es dauert«, sie drehte sich halb um und wies zum Arbeitszimmer zurück, »wahrscheinlich nicht lange«, teilte sie Adriane Reichardt mit.

»Keine Sorge, ich habe Zeit.« Das charmante Lächeln hätte jede Modezeitschrift zieren können. Was es ja bei einigen auch tat. »Sie müssen sich nicht beeilen.« Adriane ging zu einer Bar hinüber. »Möchten Sie etwas trinken?« Gleich darauf lachte sie leise auf. »Aber nein, natürlich nicht. Sie sind ja Polizistin, und Sie sind im Dienst. Da trinken Sie sicher nicht.«

Ker nickte bestätigend. »Keinen Alkohol«, sagte sie. »Aber wenn Sie etwas Nicht-Alkoholisches haben . . .«

»Selbstverständlich.« Adriane beugte sich hinunter, und kurz darauf tauchte sie mit ein paar Orangen wieder auf. »Ich mache Ihnen gleich etwas.«

»Oh, Sie müssen nicht –« Ker hob abwehrend die Hand.

Adriane lachte. »Kein Problem. Alles elektrisch.« Sie lächelte Ker so hinreißend an, dass die in eine andere Richtung schauen musste, um ihre Fassung zu bewahren. »Und es ist auch nicht ganz uneigennützig. Ich hatte an einen Campari Orange gedacht.«

Sie schnitt die Orangen schnell durch und drückte die Hälften auf die Kuppel einer silbern schimmernden Zitruspresse, die sich leise summend sofort zu drehen begann. Der Saft lief beinah unanständig über den Rand quellend heraus – aber vielleicht lag es auch nur an der Person, die ihn dazu brachte, dass Ker diesen Eindruck hatte –, und sie füllte ein Glas damit, das sie Ker über den halbhohen Tresen zuschob.

Danach nahm sie eine Flasche mit dunkelrot schimmerndem Campari, ließ zwei Fingerbreit davon in ein hohes Longdrinkglas fließen und verwandelte den blutroten Ton dann mit dem Rest des Orangensafts in die Ahnung eines Sonnenuntergangs über dem Pazifik.

Sie nahm das Glas und prostete Ker auf einmal merkwürdig zurückhaltend zu. »Was vermuten Sie denn, was im Safe ist?«, fragte sie beinah schüchtern.

Ker zuckte die Schultern. »Sie sagten ja, es werden wohl die Finanzunterlagen sein, die Ihre Frau nicht offen im Büro herumliegen lassen wollte.«

»Ja . . .« Es klang gedehnt, und Adriane sah so aus, als ob sie das bezweifelte. Auf einmal schlug ihr Gesichtsausdruck um. Es schien, als wäre sie den Tränen nahe. Sie stellte ihr Glas ab und schluckte. »Entschuldigung«, sagte sie. »Gerade ist mir wieder bewusst geworden, warum Sie überhaupt hier sind. Dass das alles nicht nötig wäre, wenn . . . wenn Max . . . Maximiliane noch leben würde.« Sie hob die Hände vors Gesicht. »Mein Gott«, flüsterte sie dahinter hervor. »Wie konnte das nur passieren?«

Ker wusste nicht genau, was sie tun sollte. Sie war dienstlich hier, also konnte sie die trauernde Witwe wohl kaum in die Arme nehmen, um sie zu trösten, auch wenn sie das gern getan hätte.

So stützte sie sich nur auf den Tresen, beugte sich leicht darüber und sagte leise: »Es war ein Unfall. So etwas passiert. Leider. Wenn Sie . . .«, sie räusperte sich, »wenn Sie darüber reden wollen oder Hilfe brauchen –« Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche und legte sie neben ihr Glas. »Sie können mich jederzeit anrufen. Tag und Nacht.«

Um Adriane Zeit zu geben, sich von ihrer Erschütterung zu erholen, sagte Ker dann nichts mehr, trank langsam ihren Orangensaft und beobachtete das leichte Zittern der blonden Locken hinter den immer noch vorgehaltenen Händen.

Endlich nahm Adriane sie herunter und sah Ker an. »Sie müssen mich für eine Heulsuse halten«, brachte sie leise über die schön geschwungenen Lippen. »Ich dachte, ich könnte mich beherrschen, aber –«

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