Teil 03

Die Menschenmasse hatte sich zerstreut, nun standen kleine Grüppchen von zwei oder drei Personen vor den verschiedenen geschickt aufgehängten und beleuchteten Ausstellungsstücken und schauten sie sich genauer an. Vielleicht überlegte der eine oder andere schon, ob er eines der Werke kaufen sollte.

Am Buffet hatte sich zuerst eine richtige Traube gebildet, aber die löste sich ebenfalls schon wieder auf. Eine bekannte Gestalt, die sich nicht zu rühren schien, schälte sich heraus.

»Essen Sie gar nichts?«

Anscheinend traf die Frage Sarah überraschend. Sie war so konzentriert und mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie überhaupt nicht bemerkt hatte, dass Fabiola neben sie getreten war. Ruckartig blickte sie auf. »Ich habe – keinen Hunger«, erwiderte sie beinah etwas entschuldigend.

»Das ist aber schade.« Fabiola lächelte und ließ ihren Blick über das Buffet schweifen. »Sieht gut aus.«

Sie bemerkte, wie Sarah erneut ein geschäftsmäßiges Lächeln aufsetzte. Schließlich war Fabiola eine Kundin der Galerie, die eventuell Geld einbringen konnte. »Kann ich Ihnen irgendetwas zeigen?«, bot sie zuvorkommend an. »Interessieren Sie sich für eines der Gemälde der Künstlerin besonders?«

»Nichts Spezielles. Mehr so allgemein«, sagte Fabiola. »Eine bemerkenswerte Neuentdeckung Ihrer Galerie.« Sie ließ sich von dem weißbejackten Kellner hinter dem Buffet ein Glas Champagner einschenken und prostete Sarah damit zu.

»Ich habe sie in Amsterdam entdeckt«, erklärte Sarah. Sie lachte. »In einer Umgebung, die nicht gerade künstlerisch wirkte!«

»Ja, ich hörte schon, dass Sie sie entdeckt haben.« Fabiola nickte. »Respekt.«

Verhalten zuckte Sarah die Schultern. »Das wird sich noch zeigen. Bislang ist sie nur einem eingeweihten Publikum bekannt. Bis sie in der Kunstszene ein Begriff ist, kann es noch dauern.«

»Was denken Sie? Lohnt es sich jetzt schon, ihre Bilder zu kaufen?«, fragte Fabiola. »Als Kapitalanlage, meine ich. Werden sie im Wert steigen?«

Sarah überlegte eine Weile. »Das kann man natürlich nie sagen«, erwiderte sie dann zurückhaltend. »Ich denke, sie ist sehr vielversprechend, aber – nun ja, garantieren kann ich Ihnen da nichts.«

Fabiolas Mundwinkel hoben sich amüsiert. »Sie sind keine gute Verkäuferin«, sagte sie. »Ich finde das sehr sympathisch.«

»Ich bin –« Sarahs Gesicht verzog sich, als müsste sie sich für etwas rechtfertigen, das ihr peinlich war. »Ich habe Kunstgeschichte studiert, nicht Betriebswirtschaft. Obwohl das heute wahrscheinlich angebrachter wäre.«

»Ach, angebracht. Was ist schon angebracht?«, erwiderte Fabiola wegwerfend. »Sie lieben Kunst, das ist die Hauptsache. Und Sie haben einen guten Blick für Details, sonst hätten Sie diese Künstlerin nicht entdeckt. Das spricht alles sehr für Sie.«

Anscheinend überrascht von dem Kompliment entgegnete Sarah verlegen »Danke«, als hätte sie eigentlich kein wie immer geartetes Kompliment verdient.

Bekommt sie denn nie Komplimente? dachte Fabiola erstaunt. Bei ihrem Aussehen müsste sie doch damit überschüttet werden. »Nichts zu danken«, bemerkte sie lächelnd. »Carlo denkt dasselbe. Er hält sehr viel von Ihnen. Das hat er mir selbst gesagt.«

»Tatsächlich?« Auch das schien Sarah zu überraschen.

Fabiola lachte. »Ich werde ihm mitteilen, dass er das auch mal Ihnen sagen soll, nicht nur seinen Kunden und Geschäftspartnern. Das ist ja unmöglich.«

»Nein, nein.« Nun lächelte Sarah endlich auf eine nicht so geschäftsmäßig gezwungene Art. »Er hat es mir schon gesagt. Ich wusste nur nicht, dass er das auch anderen erzählt. Meistens«, sie schürzte die Lippen, »kassiert er die Lorbeeren ganz gern selbst.«

»Ich weiß.« Fabiola schmunzelte. »Aber wir sind sehr alte Freunde. Und er weiß, dass ich das, was er erzählt, durchaus nicht immer glaube. Ich durchschaue ihn.« Sie schenkte Sarah einen wohlwollenden Blick, das war zumindest ihre Absicht, aber sie merkte sofort, dass es ein zu eindeutiges Wohlwollen war. Sie räusperte sich. »Hat er Sie denn wenigstens mal zum Essen eingeladen für Ihre Entdeckung?«

Sarah lachte. »Vielleicht, wenn die Bilder verkauft sind. Aber auch dann –« Sie schüttelte skeptisch den Kopf. »Ich glaube nicht, dass er das tut.«

»Darf ich es dann tun?«, fragte Fabiola. »In Vertretung für ihn?«

»Ich . . . ähm . . .« Sarah wirkte vollkommen überfordert von der Einladung. Sie blieb stecken und sprach nicht mehr weiter.

»Oder haben Sie keine Zeit?«, ergänzte Fabiola ihre Frage.

»Zeit?« Sarah zögerte immer noch. »Doch, Zeit habe ich eigentlich genug . . . dieses Wochenende.« Sie versank wieder in Schweigen.

Das dachte ich mir, ging es Fabiola durch den Sinn. Das, was du vorhattest, ist ja ausgefallen. »Dann wäre doch alles in Ordnung«, sagte sie. »Es sei denn –« Sie sah Sarah fragend an. »Es sei denn, Sie hätten keine Lust.«

Es schien, als wöge Sarah die Vor- und Nachteile dieser Einladung innerlich gegeneinander ab. So dauerte es eine Weile, bis sie Fabiola vorsichtig musterte.

Fabiola bemerkte es und lächelte sie freundlich an. »Ich beiße nicht«, versicherte sie. »Ich will nur mit Ihnen essen gehen.«

Sarahs Mundwinkel schienen zu zucken. »Etwas anderes kommt auch gar nicht in Frage.«

»Dann ist ja alles klar«, sagte Fabiola. »Also? Gehen Sie mit mir essen? Oder haben Sie schon etwas anderes vor?«

Immer noch musterte Sarah sie, als ob sie keine Entscheidung treffen könnte, doch dann sagte sie plötzlich: »Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts anderes vor. Also gehen wir essen.« Ein leichtes Lächeln ließ ihr Gesicht entspannter erscheinen. »Warum nicht?«

Die erste Schlacht wäre geschlagen. Fabiola spürte das Kribbeln wieder. Sarahs Lächeln machte ihr ein wenig Hoffnung und versprach die Aussicht auf einen netten Abend, auch wenn sie weiteres schon im Voraus abgelehnt hatte. Aber das konnte sich noch ändern. Sie hatte da so ihre Erfahrungen.

»Das freut mich.« Unwillkürlich versank sie für einen Moment im Anblick von Sarahs Gesicht. »Sie sehen wundervoll aus, wenn Sie lächeln«, sagte sie leise.

Es war nichts, das sie geplant hatte. Die Worte kamen einfach so heraus. Und auf einmal kam sie sich komisch vor. Das verunsicherte sie selbst, obwohl das normalerweise nicht zu ihren Charaktereigenschaften gehörte.

Sarahs Gesichtsausdruck hatte sich sofort verschlossen, als sie ihr das Kompliment gemacht hatte. Fabiola bedauerte, dass es ihr herausgerutscht war. Sie machte gern Komplimente, und meistens hörten die Frauen sie auch gern, aber Sarah war im Moment in Gedanken wahrscheinlich bei Vic und wünschte sich nichts mehr als bei ihr zu sein. Fabiola störte da nur.

»Dann bis morgen«, sagte sie schnell. »Wir sehen uns.« Sie stellte ihr Champagnerglas ab, drehte sich um und begab sich zum Ausgang.

»Aber –« Sarah blickte ihr verwirrt hinterher. »Ich weiß ja nicht einmal, wie Sie heißen.«

Fabiola wandte sich noch einmal zu ihr zurück. »Fragen Sie ihn«, schlug sie mit einem spöttischen Emporziehen ihrer Augenbrauen in Carlos Richtung vor. »Ich treffe Sie um acht im Fra Diavolo.« Damit ging sie endgültig.

Eigentlich hatte Fabiola vorgehabt, viel länger zu bleiben, sich noch ein wenig mit Carlo zu unterhalten, ein paar der anderen bekannten Gesichter anzusprechen und die Vernissage erst sehr viel später ausklingen zu lassen wie sonst immer. Manchmal zogen sie in den frühen Morgenstunden sogar noch in eine Bar um.

Aber heute hatte sie fast die Flucht ergriffen. Warum nur?

Sie lachte leise über sich selbst. Sie wusste, warum. Der Grund hieß Sarah. Sarah . . . Auf einmal erschien ihr der Name wie reine Musik.

Sie blieb stehen und hob ihr Gesicht an. Die frische Nachtluft strich darüber und kühlte es. Sie hatte gar nicht gewusst, wie heiß es gewesen war.

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.
Datenschutzerklärung Einverstanden