Teil 12

Ker beschloss, auf Maritas Unterstellungen nicht mehr einzugehen. »Wenn du meinst«, sagte sie. »Aber wir haben immer noch keinen schlüssigen Beweis gefunden, dass sie es mit Absicht getan haben könnte. Und solange wir den nicht haben, ist sie unschuldig.«

»Hast du überhaupt nach so einem Beweis gesucht?«, fragte Marita.

»Ich habe die Privatdetektivin gefunden, die von der Affäre wusste«, wehrte Ker sich. »Das war mehr, als du rausgefunden hattest.«

»Na gut.« Marita nickte. »Ein Punkt für dich. Diese Privatdetektivin ist vielleicht noch einen zweiten Blick wert. Sie muss wissen, wer die Affäre ist.«

»Wenn du sie dazu bringst, es dir zu sagen . . .« Ker lachte ein wenig schadenfroh. »Viel Spaß.«

»Für mich würde sich der Spaß in Grenzen halten. Du bist doch die Frauenheldin.« Marita blickte fragend. »Willst du sie nicht noch einmal besuchen?«

»Würdest du dich mit einer Frau treffen wollen, die sich Sam Marlowe nennt?«, fragte Ker seufzend zurück.

»Du sagtest, sie sieht gut aus.« Provozierend hob Marita die Augenbrauen. »Das genießt du sonst doch immer.«

Zur Antwort verzog Ker nur das Gesicht.


»Frau Kommissarin.« Ein belustigtes Funkeln blitzte in Sam Marlowes Augen auf, als sie Ker sah. »Ich hätte nicht damit gerechnet, Sie so schnell wiederzusehen. Was für ein unerwartetes Vergnügen.«

»Kein Wunder, dass Sie gut sind in Ihrem Beruf«, erwiderte Ker. »Sie lügen hervorragend.«

Sam grinste. »Man tut, was man kann.« Sie beugte sich leicht vor. »Und was kann ich für Sie tun?«

Normalerweise hätte Ker jetzt gedacht: Eine ganze Menge, aber ihre Gedanken waren einzig und allein von Adriane besetzt. »Mir die Unterlagen aus dem Fall Reichardt geben«, erwiderte sie brüsk.

»Ich habe Ihnen schon letztes Mal gesagt, dass ich das nicht kann«, entgegnete Sam ruhig. »Ich habe sie nicht mehr.«

»Das glaube ich Ihnen nicht.« Ker blickte sie scharf an. »Was ist, wenn Sie sie noch einmal brauchen?«

»Wofür?« Sam zuckte die Schultern. »Wenn der Kunde weiß, was er wissen wollte, habe ich mit der Sache nichts mehr zu tun.« Sie lächelte. Genauso hinreißend, wie Ker es in Erinnerung hatte. »Ich bin keine Polizistin, die Fallakten für Staatsanwälte oder Richter anlegen muss, damit sie den Lebensweg eines Kriminellen genau nachverfolgen können.«

In diesem Moment hätte Ker fast gern mit Sam Marlowe getauscht. Dann hätte sie alle Beweise, die Adriane in einem schlechten Licht erscheinen ließen, einfach verschwinden lassen können. »Aber Sie haben doch auch ein Gedächtnis«, stellte sie fest. »Es ist erst ein paar Tage her, dass Sie die Ergebnisse weitergegeben haben. Da werden Sie doch noch wissen, wie die Person hieß, mit der . . .«, sie zögerte unwillkürlich, »Adriane Reichardt eine Affäre hatte.«

Sam Marlowe schürzte die Lippen. »Also vermuten Sie jetzt, dass es kein Unfall war?«

»Ich vermute gar nichts«, wies Ker sie schroff zurück. »Ich bin nur verpflichtet, jeder Spur nachzugehen und eindeutig herauszufinden, was passiert ist.«

»Hm.« Nachdenklich lehnte Sam sich in ihrem Schreibtischsessel zurück. Auf einmal begannen ihre Mundwinkel zu zucken. »Das letzte Mal, als Sie hier waren, sind Sie ziemlich plötzlich aus dem Büro gestürzt«, erinnerte sie sich. »Und ich meine, den Namen Adriane gehört zu haben, als Sie telefonierten.«

»Und?«, fragte Ker bissig. »Was wollen Sie jetzt damit sagen?«

»Nichts.« Sam hob die Hände. »Es wundert mich nur, dass Sie eventuell auch in Richtung Mord ermitteln. Mir schien es so, als ob Sie Frau Reichardt, Adriane Reichardt, näher kennen. Ich meine«, sie zögerte kurz, »nicht nur beruflich.«

»Ich wiederhole mich ja nur ungern.« Kers Backenzähne mahlten. »Aber was wollen Sie denn damit sagen?«

»Das wissen Sie ganz genau.« Sam lächelte entgegenkommend. »Ich bin ja nun auch nicht ganz unerfahren in dem Geschäft, und mir hat man auch schon das eine oder andere Angebot gemacht, wenn ich«, sie schürzte leicht die Lippen, »meine Ermittlungen einstelle.«

»Und? Haben Sie es getan?«, fragte Ker herausfordernd.

»Sie lenken vom Thema ab.« Sam lächelte immer noch. »Es geht hier nicht um mich, sondern um Sie . . . und Adriane Reichardt.«

»Sie unterstellen mir da Dinge –« Wütend sprang Ker auf.

»Ich unterstelle nichts, ich beobachte nur«, sagte Sam. »Das ist mein Beruf. Und ich ziehe meine Schlüsse daraus. Sie sind nicht die erste, die sich von einer oder einem Verdächtigen einwickeln lässt. Adriane Reichardt ist zugegebenermaßen eine sehr attraktive Frau.« Sie schmunzelte etwas. »Wenn man auf den Typ steht. Und sie ist nicht ganz unerfahren darin, ihre Reize einzusetzen. Beruflich wie privat.«

Ker musste sehr an sich halten. »Wieso könnte es nicht die Affäre gewesen sein?«, fragte sie eisig. »Deren Namen Sie mir nicht verraten wollen?« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Waren Sie das vielleicht? Aber sie wusste selbst, dass das Schwachsinn war. Zumindest wäre es sehr unwahrscheinlich gewesen.

»Oh natürlich, das wäre möglich.« Sam nickte ernsthaft. »Auch wenn ich das nicht glaube. Aber Frauen wie Adriane Reichardt bringen Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie normalerweise nie tun würden. Maximiliane Reichardt hat sie immerhin geheiratet.« Sie lachte.

»Geben Sie mir jetzt den Namen oder nicht?«, bellte Ker hinaus. Sie wusste, sie hätte Adriane fragen können – und sollen –, aber irgendwie wollte sie das vermeiden. Es war ihr unangenehm, in Adrianes Gegenwart darüber nachzudenken, dass sie mit einer anderen Frau –

»Was passiert, wenn ich Ihnen den Namen gebe?«, fragte Sam zurück.

»Das hat Sie nicht zu interessieren. Sie behindern polizeiliche Ermittlungen.« Ker befleißigte sich immer noch dieses Kasernenhoftons. »Wenn Sie privat entscheiden, Ihre Ermittlungen einzustellen, können Sie das jederzeit tun. Ich nicht.«

Eine Weile zuckten Sams Lippen mehr als verdächtig. Dann konnte sie sich anscheinend jedoch nicht mehr zurückhalten. »Das würden Sie gern, nicht wahr? Ihre Ermittlungen einstellen. Adriane Reichardt freisprechen und laufenlassen. Wenn Sie könnten.«

»Sie erinnern mich sehr an meine Kollegin«, brummte Ker. »Die würde Adriane . . . Reichardt auch am liebsten ans Kreuz nageln.«

»So weit würde ich sicher nicht gehen«, entgegnete Sam, doch es klang höchst amüsiert. »Dennoch würde ich sie auch nicht gleich von der Liste der Verdächtigen streichen.«

»Welche Liste?« Ker gab ein hohles Geräusch von sich. »Sie hat es zugegeben. Sehr bequem. Für meine Kollegin gibt es gar keine anderen Verdächtigen.«

»Das ist natürlich auch nicht richtig«, bemerkte Sam nachdenklich. »Man sollte immer alle Möglichkeiten ausloten.«

»Wie nett, dass Sie mir meinen Beruf erklären.« Kers Stimme klang nicht nur abschätzig, sondern ätzend. »Sonst wüsste ich gar nicht, was ich tun soll.«

»Nun seien Sie mal nicht gleich beleidigt.« Sam beugte sich vor. »Im Prinzip stehen wir doch auf derselben Seite. Nur kann ich niemanden verhaften.«

»Auf derselben Seite?« Ungläubig riss Ker die Augen auf. »Da habe ich mich ja wohl verhört. Wenn Ihnen jemand genügend Geld in die Hand drückt, verschwinden alle Unterlagen.«

Sam schüttelte den Kopf. »So ist es nicht. Ich übergebe meinen Kunden die Unterlagen, wenn sie das möchten. Dazu haben sie das Recht. Wenn ich jedoch von einem Verbrechen erfahren hätte, würde ich das sicher nicht tun. So weit geht mein Kundenservice nicht.«

»Sie können viel behaupten, wenn der Tag lang ist«, murmelte Ker.

»Sicher. Sie müssen mir nicht glauben.« Sam zuckte die Schultern. »Aber ich kann Ihnen versichern, dass während der ganzen Zeit, in der ich Adriane Reichardt observiert habe, kein Hinweis auf ein Verbrechen aufgetaucht ist. Sie hatte eine Affäre. Aber das ist nicht strafbar. Und zum Therapeuten zu gehen auch nicht.«

»Therapeut?« Ker horchte auf. »Was meinen Sie damit?«

ENDE DER FORTSETZUNG

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