Teil 12

Lieber nicht, dachte Fabiola. Aber sie war selbst schuld. Warum hatte sie damit angefangen? Sie hätte aus Georgina einfach irgendeinen unverdächtigen Georgios oder so etwas machen können, dann hätte Sarah gar nicht erst nachgefragt.

Die Pilotin und ihr Co-Pilot fuhren die Maschine so selbstverständlich an ihren vorbestimmten Platz auf dem Flugfeld wie andere Leute ihr Auto in die Garage. Danach drehte die Pilotin sich um. »Der Wagen kommt gleich. Nur eine Minute.«

Fabiola nickte. »Wir warten«, sagte sie.

»Du bist das alles so gewöhnt«, bemerkte Sarah bewundernd. »Als ob du das jeden Tag machen würdest.« Sie lachte. »Aber wahrscheinlich tust du das auch.«

»Nicht jeden Tag.« Fabiola lächelte sie an. »Ohne dich wäre ich heute nicht in Paris.«

»Aber an irgendeinem anderen Tag. Oder?«, fragte Sarah nach.

Darauf antwortete Fabiola nicht, sondern verneigte sich stattdessen galant ein wenig vor Sarah und machte eine höflich-einladende Geste mit dem Arm. »Bitte, nach Ihnen, gnädige Frau.«

Noch einmal lachte Sarah und ging vor Fabiola den Gang zum Ausstieg entlang. »Wenn das so weitergeht, erwarte ich gleich noch einen roten Teppich zum Abschluss«, scherzte sie erneut.

»Lässt sich bestimmt machen.« Fabiola schmunzelte. »Alles lässt sich arrangieren, wenn man nur das nötige Kleingeld hat.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte Sarah. »Nur hatte ich das nie und werde es wohl auch nie haben.«

»Geld ist auch nicht wichtig.« Hinter Sarah betrat Fabiola die lange Treppe auf der Außenseite, die sie auf das Flugfeld hinuntersteigen mussten, und ihre Schritte hallten metallisch in der Nachtluft wider.

»Ach nein?« Sarah drehte sich um, nachdem sie unten angekommen war, und blickte zweifelnd zu Fabiola hinauf, die noch auf den letzten Stufen der Treppe stand. »Da habe ich aber einen ganz anderen Eindruck. Wenn ich so die Leute sehe, die in Carlos Galerie kommen . . .«

Wie geheimnisvoll ihre Augen schimmern, dachte Fabiola. Selbst hier im kalten Licht des Flughafens. Sie hätte fast geschluckt, dann jedoch trat sie schmunzelnd neben Sarah, als ob gar nichts gewesen wäre. »Die Leute in Carlos Galerie sind nicht repräsentativ.« Sie lachte. »Oder das sind sie, aber nur für eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe.«

»Die reichen Schwulen, meinst du?« Sarahs Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, was Schatten auf ihrer Stirn spielen ließ, die auf einmal an eine venezianische Maske erinnerten.

»Die auch.« Fabiola lachte erneut. »Aber das ist wohl nur ein Teil. Carlo zieht sie an. Die meisten seiner Kunden sind nicht schwul, sondern einfach nur reich. Oder sagen wir einmal wohlhabend.«

»Als was würdest du dich bezeichnen?« Nun schmunzelte Sarah auch. »Wohlhabend? Oder reich?«

»Darüber mache ich mir keine Gedanken«, entgegnete Fabiola wegwerfend. »Ah, da kommt der Wagen«, fügte sie schnell hinzu, als sie die Lichter eines Autos auf sich zukommen sah.

Hier auf dem Flugfeld wirkte jedes Auto klein verglichen mit den großen Flugmaschinen, die das Terrain beherrschten, aber als der Wagen näherkam und sie hinter den Lichtern die Form erkennen konnten, schnappte Sarah nach Luft. »Ein Rolls Royce?«

Fabiola verzog die Lippen. »Hatte ich schon einmal erwähnt, dass Georgina Luxus liebt?«, fragte sie blinzelnd. »Es ist ihr Wagen und ihr Chauffeur.«

»Ich bin noch nie in einem Rolls Royce gefahren«, fuhr Sarah atemlos fort und legte sich eine Hand auf die Brust, als müsste sie sich selbst festhalten.

»Ist auch nur ein Auto«, meinte Fabiola. »Nur etwas größer und bequemer.«

Der Wagen hielt, und ein Chauffeur in Uniform stieg aus. »Herzlich willkommen in Paris, Madame«, begrüßte er zuerst Fabiola, dann wandte er den Blick zu Sarah und wiederholte auch in ihre Richtung noch einmal: »Madame«. Er nickte ehrerbietig.

»Danke, Henri.« Auch Fabiola nickte ihm zu, im Gegensatz zu ihm jedoch freundlich distanziert, wie es mit den meisten Leuten ihre Art war.

Währenddessen hatte Henri bereits die hintere Tür des Wagens geöffnet und stand mit der Hand auf der Klinke daneben.

»Bitte sehr.« Mit einem Arm machte Fabiola eine leicht auffordernde Geste zu Sarah hin. »Schönheit vor Alter.«

»Jetzt hör aber auf!« Sarah lachte, doch Fabiolas Bemerkung hatte sie offensichtlich entspannt. Sie stieg recht selbstverständlich in den Rolls ein.

»Ich bin älter als du«, wehrte Fabiola sich neckend, während sie hinter Sarah einstieg und in den weichgepolsterten Ledersitz glitt. »Das wirst du ja wohl nicht bestreiten.«

Mit einem leisen, fast entschuldigenden Geräusch schloss sich die Tür hinter ihr, als Henri sie von außen sanft ins Schloss drückte.

»Das bestreite ich ja auch nicht.« Sarahs lächelndes Gesicht war wie ein Spiegel des Glücks. »Aber schön . . . bist du auch. Ich meine«, sie räusperte sich, »ich finde nicht, dass ich schön bin, aber du bist es wirklich. Wenn eine Frau über vierzig ist, wird sie erst richtig schön, weil sich ihre ganze Lebenserfahrung in ihrem Gesicht widerspiegelt. Ihr Charakter. Ihre . . . Intelligenz.«

»Na, vielen Dank für die Blumen.« Fabiola lachte. »Fahren Sie los, Henri«, warf sie nach vorn zum Chauffeur hin. »Wie üblich.«

»Sehr wohl, Madame.« Er startete den Motor, was man jedoch kaum mitbekam, so leise war er, und fuhr dann die Trennscheibe zum hinteren Teil des Wagens hoch.

»Ich meine, bis auf das über vierzig«, fuhr Fabiola mit etwas schief verzogenen Mundwinkeln fort. »Das hätte ich jetzt nicht unbedingt haben müssen.«

»Oh entschuldige.« Wie schon einmal hielt Sarah sich die Hand vor den Mund, als wollte sie sich selbst davor bewahren, dass etwas Unerwünschtes herauskäme. »Du bist nicht –«

»Doch, doch.« Erneut lachte Fabiola. »Ich bin über vierzig. Aber ich hoffe halt gegen alle Wahrscheinlichkeit immer, dass man es mir nicht gleich ansieht.«

»Tut mir leid.« Sarah nahm die Hand herunter. »Das liegt sicher nur daran, dass ich geschult darin bin, Bilder genau zu betrachten und jedes kleinste Detail wahrzunehmen. Das tue ich wohl ganz automatisch auch mit Gesichtern. Ich weiß nicht, ob andere Leute das genauso sehen.«

Fabiola seufzte. »Was hat es schon für eine Bedeutung? Man wird älter, das kann man nicht verhindern.« Sie lächelte. »Aber wenn ich dich so ansehe, wünsche ich mir eben manchmal, etwas jünger zu sein.«

»Ich nicht«, antwortete Sarah sofort, ehrlich, wie sie war. »Ich . . .«, sie zögerte, »mag ältere Frauen.«

»Oh, heute werde ich wirklich mit Komplimenten überschüttet.« Fabiola schüttelte ungläubig lachend den Kopf. »Ältere Frau . . .«

»Ich trete wohl nur ins Fettnäpfchen hier«, entschuldigte Sarah sich verlegen. »Das wollte ich nicht. Bitte vergiss mein dummes Gerede.«

»Du hast ja recht.« Fabiola seufzte. »An meinem vierzigsten Geburtstag habe ich so getan, als wäre nichts passiert. Ich habe ihn nicht gefeiert, ich war unterwegs und habe gearbeitet wie immer. Aber als ich dann nach Hause kam, habe ich in den Spiegel geschaut und dachte plötzlich, ich hätte tausend Fältchen mehr.«

»Ach was«, widersprach Sarah sofort, drehte sich leicht auf dem Sitz und wandte sich ihr zu. »Du hast doch überhaupt keine Fältchen.« Als wollte sie das überprüfen, hob sie eine Hand und strich über Fabiolas Gesicht, als würde sie nach Unebenheiten suchen.

Fabiola hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, so schwer war es, ein Aufstöhnen zu unterdrücken. Schnell hob auch sie die Hand und schob Sarahs weg. »Doch, die habe ich«, sagte sie. »Hier im Wagen ist es zu dunkel. Da sieht man sie nicht.«

Als Fabiola ihre Hand wegschob, verhielt Sarah in der Bewegung und betrachtete ihr Gesicht fast noch intensiver als zuvor. Dann drehte sie sich unvermittelt zurück und ließ sich tief in die Polster sinken. »Nur ein bisschen bequemer«, meinte sie lachend. »Das ist eine ungeheure Untertreibung.«

»Ist eben alles Handarbeit, die auch ihren Preis hat.« Fabiola zuckte die Schultern. Sie gab sich cool, aber sie war heilfroh, dass Sarah sich zurückgezogen hatte. Sie hätte sonst bald nicht mehr garantieren können, dass ihre spanische Etikette diesem Ansturm von Gefühlen noch gewachsen war. »Die Frage ist, ob man das alles nur für den Weg vom Flugplatz zum Appartement braucht.«

Sarah stutzte. »Zum . . . Appartement?«, wiederholte sie fragend. »Wir fahren zu einem Appartement? Ich dachte Seine, Eiffelturm . . .«

»Natürlich.« Fabiola nickte. »Aber ich nahm an, du willst dich vielleicht erst noch ein bisschen frischmachen nach dem Flug, nach dem Abend . . .« Auf einmal kam Fabiola sich albern vor. »Es ist –« Sie brach ab und räusperte sich. »Ich habe gar nicht darüber nachgedacht«, sagte sie dann. »Ich kann Henri auch zur Seine fahren lassen.« Sie beugte sich schon vor, um auf den Knopf der Sprechanlage zu drücken.

»Warum Appartement?«, fragte Sarah da. »Warum nicht Hotel?«

Hätte ich doch nur nichts gesagt. Fabiola räusperte sich erneut. »Wie gesagt, ich habe nicht darüber nachgedacht. Wir können überall hinfahren, wo du willst.«

»Ist es Georginas Appartement?«, fragte Sarah. Sie lachte. »Ja, selbstverständlich. Ihr Flugzeug, ihr Rolls, ihr Chauffeur, ihr Appartement.«

Kurz war es still. »Nein«, sagte Fabiola dann. »Es ist mein Appartement.«

Nun war es sogar noch länger still. Erst nach einer ganzen Weile tropfte ein leises »Oh« von Sarahs Lippen. »Das meintest du vorhin mit wie üblich

ENDE DER FORTSETZUNG

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