Teil 11

»Und? Hat es was gebracht?«, fragte Marita. »Hat die Privatschnüfflerin was rausgefunden?« Sie lachte. »Bestimmt. Unser Lieblingsrauschgoldengel ist doch kein Kind von Traurigkeit.«

Ker presste ihre Kiefer zusammen. »Sie hatte eine Affäre«, wiederholte sie das, was Adriane zugegeben hatte. »Aber ihre Frau hat sie vernachlässigt, war immer nur im Geschäft –«

»Ker . . .« Argwöhnisch trat Marita auf ihren Schreibtisch zu. »Wo warst du heute Nacht?«

»Wieso?« Ker tat unschuldig.

»Hast du gemerkt, wie sich deine Stimme gerade verändert hat?«, fragte Marita.

Sie war zu lange Polizistin, um so etwas zu überhören. Und Ker war zu unvorsichtig gewesen, es zu verschleiern. Vor lauter Ärger über Maritas abschätzige Bezeichnungen für Adriane hatte sie nicht aufgepasst.

»Ich weiß nicht, was du meinst.« Mühsam versuchte Ker, das Gesicht zu wahren. Marita wusste nichts. Sie vermutete nur.

»Ach komm, hör auf.« Mit strengem Gesichtsausdruck verschränkte Marita die Arme vor der Brust. »Wie sagtest du schon gleich zu Anfang? Sie ist genau dein Typ.«

»Das habe ich nie bestritten, aber das heißt noch lange nicht –«

»Heißt es nicht?« Marita schüttelte tadelnd den Kopf. »Ich weiß, du hast eine große Klappe, was Frauen betrifft. Das ist oft nur heiße Luft –«

Empört blies Ker die Backen auf.

»Aber nicht immer«, beendete Marita den Satz.

Ein paar Sekunden rauschte das Geschehen im Büro um sie herum, als wäre genau dort, wo sie beide waren, das Auge des Sturms, absolute Stille.

»Nein, nicht immer«, sagte Ker dann.

»Du warst also heute Nacht bei ihr? Deshalb konntest du dein Hemd nicht . . . bügeln?« Maritas Augenbrauen wanderten fragend, aber im Prinzip schon wissend nach oben.

»Es ist kein Mord. Es war ein Unfall.« Abweisend presste Ker die Lippen zusammen. »Sie ist nichts weiter als das arme Opfer tragischer Umstände.«

»Das hast du beschlossen?« Maritas Mundwinkel zuckten. »Vorher oder nachher?«

Nun, da sie es zugegeben hatte, wusste Ker nicht mehr, was sie sagen sollte.

»Und wenn es doch Mord ist?«, fragte Marita, jetzt aber eher besorgt als böse. »Dann hast du mit einer Mörderin geschlafen. Momentan noch mit einer Mordverdächtigen in einer Ermittlung, mit der du betraut bist. Wenn das jemand erfährt, bist du deinen Job los.«

Kers Gesichtsmuskeln verzogen sich gleichzeitig abwehrend und gequält, aber sie sagte nichts dazu. Sie musste nichts sagen. Sie wusste, dass Marita recht hatte, und doch übte Adrianes Anziehungskraft einen unwiderstehlichen Reiz auf sie aus. Wie ein Magnet, den sie nicht abschalten konnte und der fast noch einen Magneten in ihr selbst anstieß, damit sich die Pole zusätzlich gegenseitig verstärkten.

»Ich weiß, dass es nichts nützt, dir so etwas zu sagen.« Marita seufzte. »Und durch mich erfährt niemand etwas, das weißt du. Aber du weißt auch, dass du deine Objektivität einbüßt, wenn du so weitermachst.« Sie seufzte tief auf. »Du hast sie schon eingebüßt, denn ich bin nicht der Meinung, dass Madame so unschuldig ist, wie sie tut.«

»Du kennst sie nicht –«, setzte Ker an.

»Definitiv nicht so wie du, das ist wahr«, unterbrach Marita sie. »Aber die Frage ist: Wie gut kennst du sie wirklich?« Sie gab ein hohles Geräusch von sich. »Außerhalb der Kiste, meine ich.« Sie beugte sich zu Ker vor. »Was hat diese Privatdetektivin noch herausgefunden? Wer ist die Affäre?«

Ker zuckte die Schultern. »Das weiß ich nicht. Wirklich nicht«, fügte sie hinzu, als sie Maritas skeptischen Gesichtsausdruck bemerkte. »Sie hat es mir nicht gesagt. Sie sagte, sie hätte alle Beweise an Maximiliane Reichardt übergeben und nichts zurückbehalten.«

»Und du glaubst ihr?« Nachdenklich kaute Marita auf ihrer Unterlippe herum.

»Schwer zu sagen.« Ker kippte ihren Stuhl zurück und wippte damit hin und her. »Sie ist ziemlich undurchsichtig. Lässt sich nicht gern in die Karten schauen. Tut so, als würde sie einem alles sagen, mit dem ehrlichsten Blick der Welt, aber ich bin nicht sicher, ob sie nicht Kopien von allem hat. Als Rückversicherung oder Altersversorgung. Man kann nie wissen, was kommt. Vielleicht denkt sie auch an ihre Rente . . . die sie nicht hat.«

»Du traust ihr Erpressung zu?« Marita war an allem interessiert, was die Möglichkeit einer neuen Straftat andeutete.

Ker lachte leicht. »Ich traue ihr fast alles zu. Sie ist eine wunderschöne Frau, aber knallhart.«

»Da kenne ich noch jemanden, auf den die Beschreibung zutrifft«, meinte Marita süffisant. »In dem Fall willst du aber nichts davon wissen.«

»Sie sind sich überhaupt nicht ähnlich!«, protestierte Ker laut und fiel dabei fast vom Stuhl, weil er vollends hintenüber zu kippen drohte.

Sie klappte ihn nach vorn und stützte die Ellbogen auf ihrer Schreibtischplatte ab. Auf einmal fühlte sie wieder Adrianes Hände auf sich und hatte ihr süßes Säuseln im Ohr. Das konnte sie sich mit Sam Marlowe gar nicht vorstellen.

»Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht«, behauptete Marita. »Maximiliane Reichardt kann eine Affäre für ausreichend erachtet haben, ihre Ehe aufzulösen. Und das hätte Blondchen bestimmt nicht gepasst. Also hat sie dem schnell einen Riegel vorgeschoben.«

Kers Lippen bildeten einen weißen Strich. »Warum willst du sie unbedingt zur Mörderin machen? Hätte sie es dann einfach so zugegeben? Sie war in Schock. Vollkommen erschüttert. Reagiert so eine Mörderin nach einem eiskalten, geplanten Mord?«

»War sie mal Schauspielerin?«, fragte Marita. »Oder vielleicht ist sie auch einfach ein Naturtalent. Jedenfalls«, sie hob die Hand, als Ker wütend aufsprang, »gibt es ein Motiv. Das Mittel, die Waffe, hatte sie auch, und die Gelegenheit kam quasi zur Tür hereinmarschiert. Was für Schlüsse lässt dich deine kriminalistische Ausbildung aus diesen Tatsachen ziehen?« Sie verwandelte ihre immer noch in die Luft erhobene Hand in einen mahnenden Finger. »Deine Ausbildung und Erfahrung, nicht dein Unterleib.«

Ker kam um ihren Schreibtisch herum und setzte sich vor Marita auf die Kante. »Es bleibt immer noch die Tatsache . . .«, sie blickte Marita etwas herausfordernd an, »bestehen, dass sie es nicht geleugnet hat. Warum hat sie nicht behauptet, ein Einbrecher hätte ihre Frau erschossen? Aber nein, sie sagt, sie hat ihre Frau für einen Einbrecher gehalten. Gibt sich selbst die Schuld.«

»Weil es ihre eigene Waffe war?« Marita blickte sie mitleidig an. »Ich würde mal sagen, sie hat keine Verbindungen zur Unterwelt, um sich eine unregistrierte Waffe zu besorgen. Also hat sie die genommen, die schon da war. Und sich eine passende Erklärung dazu ausgedacht.«

»Ein Einbrecher hätte die Waffe finden und Max Reichardt damit erschießen können«, wandte Ker ein. »Und wir würden jetzt nach diesem Einbrecher suchen, statt uns mit Adriane zu beschäftigen.«

Marita nickte nachdenklich. »War ihr vielleicht zu kompliziert. Diesen Einbrecher zu beschreiben und alles. Dabei kann man viele Fehler machen, sich selbst widersprechen. Dann hätte sie schuldiger ausgesehen als jetzt.«

»Sie ist nicht schuldig!« Ker sprang erneut auf. »Sie hat eine traumatische Erfahrung durchgemacht, und wir machen alles nur noch schlimmer.«

»Du auch?« Maritas Mundwinkel zuckten. »Wenn ich jetzt du wäre, würde ich fragen: Bist du so schlecht im Bett?«

»Ach, hör auf.« Ker winkte ab und ging zu ihrem Stuhl hinter dem Schreibtisch zurück. »Ich hätte dir gar nichts davon erzählen sollen.«

»Hast du ja nicht«, sagte Marita. »Ich habe es dir angesehen. Du solltest noch ein bisschen an deinen Verschleierungstaktiken arbeiten. Da kannst du bei Madame Adriane in die Schule gehen. Sie kann das gut.«

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.