Teil 11

»Ja.« Fabiola hielt die Luft an. »Paris trägt nicht umsonst den Beinamen Stadt des Lichts.« Sarahs Duft stieg ihr in die Nase, und sie hätte am liebsten gar nicht mehr angefangen zu atmen, aber das musste sie.

Ganz unschuldig legte Sarah eine Hand auf ihr Knie, um sich besser abstützen und noch weiter vorbeugen zu können. Das kleine Fenster erlaubte keinen großen Ausblick.

»Du kannst hier sitzen, wenn du möchtest«, bot Fabiola mit unterdrückter Stimme an. Sie spürte, wie ihre Beherrschung nachließ.

»Nein, nein, geht schon.« Sarah stützte sich noch mehr ab und schien gar nicht zu bemerken, was sie damit in Fabiola auslöste.

Nur noch ein paar Minuten, dachte Fabiola. Dann sind wir unten.

»Ist das nicht herrlich?« Sarahs begeistert glänzende Augen wandten sich ihr zu. »Ich glaube, das war eine gute Idee, hierherzukommen.«

Da bin ich nicht so sicher, dachte Fabiola. »Der Anflug auf Paris ist immer so«, antwortete sie mühsam. »Zumindest bei Nacht.«

»Ich bin noch nie bei Nacht irgendwo mit dem Flugzeug angekommen, immer nur tags.« Sarahs Atem ging schnell, und ihre Brust hob und senkte sich direkt vor Fabiolas Nase.

Sie brauchte sich nur vorzubeugen, diese Brust zu küssen, die Brustwarze in den Mund zu nehmen – Schnell sprang Fabiola auf. »Bitte«, bot sie noch einmal schweratmend an. »Nimm meinen Platz. Wenn ich da nicht sitze, kannst du doch viel besser sehen.«

»Es macht mir wirklich nichts aus«, sagte Sarah, ließ sich aber auf Fabiolas Platz fallen und rutschte ganz nah an den Rand, presste ihre Nase ans Fenster.

Fabiola trat ein paar Schritte zurück. Sie musste sich erst einmal beruhigen. Tolle Abendvorstellung, Fabiola, dachte sie. Essen gehen, tanzen gehen und jetzt das. Vielleicht hättest du deine Routine einmal ändern sollen. Eigentlich ist das doch die Vorbereitung fürs Bett. Aber das sollte es nicht sein.

Was sein sollte, war aber nicht, das spürte sie mehr als deutlich. Was in ihrem Kopf vorging, hatte nichts mit dem zu tun, was in ihrem Unterleib vor sich ging. Absolut gar nichts. Als ob es dazwischen überhaupt keine Verbindung gäbe.

»Hinsetzen und anschnallen!«, kam es da etwas barsch aus dem vorderen Teil der Maschine. Die Pilotin fand es nicht sehr lustig, dass Fabiola so mitten im Gang stand. Weil Fabiola das Flugzeug so kurzfristig angefordert hatte und auch weil die Strecke nach Paris so kurz war, gab es keine Stewardess. Die hätte diesen Wunsch wahrscheinlich etwas freundlicher formuliert.

»Ja, natürlich.« Ausatmend ließ Fabiola sich auf dem Platz nieder, auf dem zuvor Sarah gesessen hatte, und schloss den Gurt.

Auch Sarah hatte die Aufforderung gehört, zog sich entsagungsvoll seufzend vom Fenster zurück und schnallte sich an. »Ich kann es kaum erwarten«, sagte sie und lächelte Fabiola an, ließ ihren Blick zurück zum Fenster schweifen und lächelte auf dem Rückweg zu Fabiolas Gesicht dann wieder. »Das sieht alles so verheißungsvoll aus.«

»Ist das das erste Mal für dich in Paris?«, fragte Fabiola und hätte sich fast auf die Zunge gebissen. Das klang anzüglich.

»Nein, nein.« Sarah lachte. Sie war viel zu aufgeregt, um irgendwelche subtilen Anzüglichkeiten mitzubekommen. Da hätte man schon mit dem Holzhammer kommen müssen. »Wenn man Kunstgeschichte studiert, kommt man gar nicht um Paris herum. Aber es ist das erste Mal, dass ich nicht wegen des Studiums oder geschäftlich hier bin.«

Ihre Augen strahlten Fabiola so hingerissen an, dass Fabiola schlucken musste. »Ja, geschäftlich war ich auch schon oft hier«, erwiderte sie zurückhaltend.

»Und privat nicht?« Sarahs Augen öffneten sich fragend.

Fabiola zögerte kurz. »Doch, privat auch«, gab sie dann zu.

»Auch an der Seine?«, fragte Sarah und zwinkerte leicht.

»Auch an der Seine«, bestätigte Fabiola. »Man kann sehr schöne Ausflüge mit einem der Schiffe machen. Auch dort sieht man dann die Lichter, aber anders. Vom Fluss her wirkt alles anders, fast ein bisschen magisch verschwommen, wie in einem Nebel. Geheimnisvoll mit all den dunklen Ecken und sich rätselhaft bewegenden Schatten, von denen man nicht weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen.«

»Das klingt ja richtig poetisch.« Sarahs Lächeln war immer noch begeistert, aber jetzt bekam es genau diesen magischen Schimmer, den Fabiola gerade beschrieben hatte. »Ich wusste gar nicht, dass du eine poetische Ader hast.«

»Habe ich nicht.« Schief zog Fabiola einen Mundwinkel hoch. »Ich weiß auch nicht, woher das gerade gekommen ist.« Sie lachte. »Vielleicht wollte ich dir Konkurrenz machen. Du hast so etwas Poetisches.«

»Ich?« Sarah warf den Kopf zurück. Ihre Haare flogen wie feine Federn auf, wie das Federkleid eines jungen Vogels. »Nein, ich bin gar nicht poetisch. Ich mag Bilder. Ich habe es studiert, sie zu beschreiben und zu interpretieren. Und seit ich bei Carlo bin«, ihre Lippen verzogen sich etwas spöttisch, »auch ihren Geldwert einzuschätzen, aber ich bin absolut keine Künstlerin. Ich kann weder malen noch Gedichte schreiben.«

Das musst du auch gar nicht, dachte Fabiola. Du bist selbst das Bild. Du bist selbst das Gedicht. »Wir landen«, sagte sie. »Gleich ruckelt es.« Sie lächelte. »Bei so einem kleinen Flugzeug merkt man das mehr.«

»Na, so klein ist es auch wieder nicht.« Sarah blickte sich überwältigt um. »Das ist mehr wie die ganze Erste-Klasse-Abteilung eines normalen Flugzeugs.«

»Ja, Georgina liebt Luxus«, bestätigte Fabiola schmunzelnd.

»Georgina?« Sarah wirkte erstaunt. »Sagtest du nicht, dieses Flugzeug gehört einem Freund?«

»Sie ist . . . eine Freundin«, entgegnete Fabiola etwas unbehaglich. »Wir kennen uns schon lange. Wir waren zusammen im Internat.« Warum habe ich das jetzt gesagt? dachte sie. Ich muss ihr doch nicht erklären, wer Georgina ist. Und schon gar nicht so genau. Sarah holte Sachen aus ihr heraus, die sie bisher noch keiner Frau erzählt hatte. Da musste sie aufpassen.

»Oh, im Internat. Das klingt nobel«, scherzte Sarah, warf schnell noch einen Blick durch das Fenster hinaus, da setzte das Flugzeug schon auf. »Hier am Flugplatz gibt es auch viele Lichter, aber es ist kein Vergleich zu dem Blick von oben vorhin. Wo die ganze Stadt glitzert und strahlt«, stellte sie fest.

»Dann müssen wir uns schnellstmöglichst wieder nach oben begeben«, scherzte Fabiola zurück. »Nächste Station Eiffelturm?«

»Wollten wir nicht an die Seine?« Es war nicht genau auszumachen, ob Sarah eher erstaunt oder enttäuscht war. Enttäuschung kannte sie wahrscheinlich nur zu gut, also erwartete sie eventuell, dass Fabiola sie genauso im Stich ließ wie Vic.

Das dürfte auf keinen Fall passieren. Wie Vic, nein, wie Vic wollte Fabiola im Leben nicht sein. »Ja, natürlich, die Seine«, bestätigte sie leicht unbehaglich. Innerlich jedenfalls fühlte sie sich so. Sie hoffte, dass es nicht nach außen drang.

»Das war dein eigener Vorschlag«, sagte Sarah. Sie runzelte verwirrt die Stirn. »Willst du das jetzt nicht mehr?«

»Selbstverständlich.« Sie rollten bereits aus, und Fabiola löste den Gurt. »Seine, Eiffelturm – alles, was du willst.«

»So hatte ich das eigentlich nicht gemeint.« Sarah öffnete ebenfalls ihren Gurt und streckte die Beine aus. »Viel Platz ist hier«, stellte sie fest. »Ich glaube, das ist sogar noch mehr als in der Ersten Klasse.«

»Ja.« Fabiola stand auf. »Georgina hat auch sehr lange Beine. Sie braucht das.«

»Sie klingt irgendwie interessant, deine Georgina«, meinte Sarah lachend, während sie nun auch aufstand. »Du musst mir mehr über sie erzählen.«

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