Teil 10

Eine Weile war es völlig still. Als ob sie beide aufgehört hätten zu atmen.

»Und du . . .«, fuhr Adriane dann zögernd fort, »hast mit dieser Privatdetektivin gesprochen?«

Ker nickte. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Warum war ihr das nur herausgerutscht?

»Dann weißt du ja Bescheid«, stellte Adriane nüchtern fest.

Langsam drehte Ker sich um. »Du streitest es nicht ab?«

Adriane gab ein hohles Geräusch von sich. »Das kann ich ja wohl kaum. Bestimmt hast du die Beweise gesehen.« Sie hatte sich aufgerichtet, saß nun angelehnt auf dem Sofa und strich sich die langen Haare zurück. »Ja. Ja, ich hatte eine Affäre. Nichts Ernstes . . .« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber Max war nie da, wir sahen uns manchmal noch nicht einmal nachts.« Sie holte tief Luft. »Und sie hatte auch Affären.« Mit weit geöffneten Augen schaute sie Ker an. »Ja, ich weiß, wie das aussieht. Ich liege mit jemand anders im Bett, Max kommt nach Hause, erwischt uns, ich gerate in Panik . . . und –« Sie schluckte schwer. »Aber so war es nicht.«

Ker schaute sie an. »Wie war es dann?«

Adriane warf den Kopf zurück, dass ihre Haare flogen. »Wie ich es gesagt habe! Wie ich es schon tausendmal erzählt habe!« Nach diesem unvermittelten Ausbruch wirkte sie so erschöpft, dass sie mutlos ihr Kinn sinken ließ. »Jedenfalls kommt es mir so vor.« Wieder legte sie ihr Gesicht in die Hände. »Warum glaubt mir denn nur niemand?«

»Ich glaube dir.« Ker ging zum Sofa zurück und ließ sich erneut davor nieder. Ihre Stirn krauste sich nachdenklich. »Du sagtest, sie hatte Affären?«

Adrianes Gesicht schälte sich langsam aus ihren Händen. »Haben die nicht alle erfolgreichen Geschäftsleute?«, fragte sie resigniert. »Als ich sie heiratete«, sie schluckte, »wusste ich nicht, wie das ist. Sie hat mich mit Blumen überschüttet, mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Auf jeden Fall, wenn sie dachte«, seufzend lehnte sie sich zurück, »dass meine Wünsche etwas mit Schmuck, Pelzen oder Kleidern zu tun hatten.«

»Sie hat dich gekauft«, stellte Ker fest, und ihre Wangenknochen mahlten.

Adriane verzog etwas schmerzlich das Gesicht. »Das hätte sie nicht tun müssen. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Sie war so selbstsicher, so . . . ja, wirklich überwältigend.« Ihre Miene zeigte so etwas wie Anbetung. »Sie war die große Liebe meines Lebens.«

Ker musste heftig schlucken. So einen Gesichtsausdruck hatte sie bisher nur selten gesehen. Und ganz sicher niemals in Bezug auf sich selbst. Maximiliane Reichardt war in mehr als einer Hinsicht eine beneidenswerte Frau gewesen. »Deshalb ist es wichtig, dass wir diesen Fall abschließen«, sagte sie. »Dass kein Zweifel bleibt, was wirklich geschehen ist.«

»Ich dachte, du glaubst mir?«, fragte Adriane mit einem kindlich naiven Tonfall in der Stimme.

»Ja.« Ker lächelte sie an. »Aber es darf nicht dabei bleiben, dass ich die einzige bin.«

Leicht stockend verzogen sich Adrianes Mundwinkel. »Deine Kollegin glaubt mir nicht, nicht wahr?«

»Marita ist eine misstrauische Natur«, erklärte Ker fast so, als wäre sie daran schuld. »Für sie gibt es keine Unschuldigen.«

»Dann bin ich wahrscheinlich in guter Gesellschaft«, vermutete Adriane mit Galgenhumor. »Oder waren immer alle Verdächtigen schuldig in den Fällen, die ihr untersucht habt?«

»Wenn einer der Verdächtigen schuldig ist, müssen die anderen unschuldig sein. Normalerweise. Wenn es keine Verschwörung ist.« Ker runzelte die Stirn. »Allerdings gab es meistens nicht nur eine Verdächtige – die auch noch gestanden hat.« Unterstützend griff sie nach Adrianes Hand, umfing sie zuversichtlich mit ihren eigenen. »Aber es geht hier nicht um Mord oder Totschlag. Es geht um einen Unfall. Ein tragisches Missverständnis. Du hast schon genug gelitten dadurch. Da muss nicht auch noch eine lang hingezogene Untersuchung folgen, um es dir noch schwerer zu machen.«

»Ja, es wäre schön, wenn die bald abgeschlossen werden könnte«, bestätigte Adriane. »Aber auch ein Freispruch kann mir die Schuld nicht nehmen.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich habe sie umgebracht. Ich habe Max umgebracht!« Sie brach aufschluchzend zusammen. »Warum war ich zu feige, die Tabletten zu nehmen?«, murmelte sie ins Kissen. »Warum war ich nur zu feige dazu? Wie soll ich ohne Max leben?« Ihre Schultern zuckten unter heftigen Weinanfällen.

Etwas linkisch legte Ker ihre Arme um Adrianes von immer neuem Schluchzen erschütterten Körper. »Du kannst es nicht mehr ändern«, flüsterte sie tröstend. »Es nützt nichts, wenn du auch noch stirbst. Dadurch wird Max nicht wieder lebendig.«

Adriane drehte sich unter ihr, wandte ihr ihr tränenüberströmtes Gesicht zu. Ihr Arm legte sich um Kers Nacken und zog sie zu sich herunter. »Bleib bei mir«, hauchte sie schwach. »Oh bitte . . . bleib bei mir.«

4

»Was hast du denn gemacht?«, begrüßte Marita Ker am nächsten Morgen im Büro. »Du siehst ja noch zerknitterter aus als sonst.« Sie lachte und wies auf Kers Brust. »Dein Hemd, meine ich.«

»Ja, ähm . . . ich hatte keine Zeit, es zu bügeln«, erklärte Ker etwas steif. Glücklicherweise sahen ihre Hemden fast alle gleich aus, sodass Marita wenigstens nicht bemerken konnte, dass Ker auch keine Gelegenheit gehabt hatte, das Hemd zu wechseln.

»Als ob du das je tun würdest«, stellte Marita freundschaftlich neckend fest. »Du hängst sie doch nur nass auf.«

Das musste Ker zugeben, und sie ärgerte sich, dass sie ihr Hemd nicht einfach durchs Wasser gezogen und auf einen Bügel gehängt hatte, um den gewünschten Effekt zu erzeugen. Aber ihre Gedanken – und Hände – waren anderweitig beschäftigt gewesen. »Manche Hemden sind eben knittriger als andere«, behauptete sie.

»Kann schon sein.« Marita hatte heute offensichtlich ihren gutmütigen Tag. »Was hast du über Frau Reichardt noch rausgefunden?«

»Frau Reichardt?« Kers Augen weiteten sich erschrocken. »Rausgefunden?«

»Na, du wolltest doch noch mal in das Hotel.« Maritas Augenbrauen zogen sich irritiert zusammen. »Anscheinend war es dir ja nicht genug, was ich herausgefunden hatte.« Ihre Mundwinkel fielen nach unten.

»Nein . . . äh . . . ja.« Sie meint Max, nicht Adriane. Fast hätte Ker erleichtert aufgeatmet. Scheinbar selbstverständlich wie immer setzte sie sich hinter ihren Schreibtisch, obwohl sie um die Selbstverständlichkeit schwer kämpfen musste. »Ich meine . . . ich dachte . . . da müsste noch mehr sein. Und war es auch«, fügte sie schnell hinzu. »Zuerst sah es ja so aus, als hätte Maximiliane Reichardt eine Affäre gehabt. Mit dieser Frau, die da im Hotel bei ihr war, nicht nur einmal. Aber das ist falsch.«

»Das ist falsch?« Nun war Marita wirklich erstaunt. »Aber der Hotelportier sagte doch –«

Ker nickte. »Er hat sie nur kommen und gehen sehen. Was auf dem Zimmer geschehen ist, wusste er nicht. Da hat er einfach seine Fantasie spielen lassen.« Sie schnaubte durch die Nase. »Seine schmutzige. Die Frau war eine Privatdetektivin.«

»Sie hatte eine Affäre mit einer Privatdetektivin?« Marita schien verwirrt.

»Nein, keine Affäre«, korrigierte Ker. »Sie hat sie engagiert.«

Nun zog Marita die Augenbrauen hoch. Es war dasselbe, als ob sie durch die Zähne gepfiffen hätte. »Engagiert? Für das blonde Gift?«

Am liebsten wäre Ker aufgesprungen und hätte zugeschlagen. Ihre Hände ballten sich unter dem Tisch zu Fäusten. So sehr sie Marita manchmal mochte, manchmal hätte sie auch gut auf sie verzichten können. Aber sie beherrschte sich. Was im Moment nur etwas schwierig war, da sie gerade . . . aus Adrianes Armen kam. »Um ihre Frau zu überwachen, ja«, berichtigte sie Marita erneut, diesmal mit einem äußerst kühlen Tonfall in der Stimme.

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