Teil 10

Sarah verzog etwas peinlich berührt das Gesicht. »Ich fürchte nicht. Da war ich noch nicht geboren.«

Fabiola lachte laut auf und warf den Kopf zurück. »Denkst du denn ich? So alt bin ich dann doch noch nicht!«

»Oh, tut mir leid.« Beschämt hielt Sarah sich eine Hand vor den Mund. »Das wollte ich damit nicht sagen.« Die Hand blieb, wo sie war, aber ihre Augen begannen sich zu verändern, funkelten und blitzten wie ein kleines Sternenmeer über den ihren Mund abdeckenden Fingern, und ihre Augenwinkel zogen sich so eindeutig amüsiert zusammen, dass man ihren Mund gar nicht sehen musste, um das herauslesen zu können.

»Du machst dich über mich lustig.« Als Fabiola das erkannte, hatte sie fast das Bedürfnis, die Hände in die Hüften zu stemmen, denn es empörte sie schon ein wenig.

»Du kokettierst mit deinem Alter«, gab Sarah zurück, »aber so alt bist du doch wirklich nicht.«

»Ach nein?« Nun musste Fabiola heftig schmunzeln. »Immer wenn jemand so etwas sagt, meint er meistens das Gegenteil.«

»Ich nicht.« Sarah hob sich leicht an und hauchte einen sehr zarten und sehr unschuldigen Kuss auf Fabiolas Lippen. »Du bist süß.«

Das brachte Fabiola noch mehr aus dem Gleichgewicht, als sie es ohnehin schon war. Sarahs Gegenwart wurde immer mehr zu einer Herausforderung für sie. Und ihre Lippen brannten, obwohl Sarahs sie kaum berührt hatten. Sie schürzte ihre eigenen Lippen, um gegen das Brennen und Kitzeln anzugehen, und versuchte sich zu fassen. »Ich glaube, die Zeit, in der ich – vielleicht – süß war, ist schon lange vorbei. Auf jeden Fall hat das schon lange niemand mehr zu mir gesagt.«

»Dann sollte es mal wieder jemand tun.« Sarahs Augen strahlten sie an, als hätte sie nun den Sternenhimmel endgültig auf die Erde heruntergeholt.

»Das hast du ja gerade«, entgegnete Fabiola verlegen, was ihr so peinlich war, weil sie es niemals zeigen wollte. »Und jetzt vergessen wir das ganz schnell wieder.«

»Ach nein, eigentlich finde ich es ganz nett.« Sarahs Augen hatten etwas so Herausforderndes, wie Fabiola es ihr gar nicht zugetraut hätte. »Und es ist wahr. Du bist süß. Du solltest eine Frau haben, die dir das öfter mal sagt.«

Wenn du diese Frau wärst, hätte ich nichts dagegen. Innerlich hätte Fabiola fast den Kopf geschüttelt. Merkte Sarah denn gar nichts? »Wenn du meinst«, erwiderte sie so cool wie möglich. »Aber die Frau muss wohl erst noch geboren werden. Bisher habe ich sie jedenfalls nicht gefunden.«

Das ist eine glatte Lüge, dachte sie. Sie steht gerade vor mir. Aber Sarah sah nur Vic, wollte nur Vic. Und solange das so war, hatte Fabiola keine Chance, das musste sie akzeptieren. Oder es war besser, es zu akzeptieren, wenn sie nicht daran verzweifeln wollte. Und Verzweiflung lag ihr überhaupt nicht. Hatte ihr noch nie gelegen.

»Warum tanzen wir nicht auch unter den Seinebrücken?«, fragte sie. »Noch ist es nicht zu spät, nach Paris zu fliegen und das heute Nacht noch zu schaffen.«

»Heute . . . Nacht?«, wiederholte Sarah etwas perplex.

»Du hast nichts anderes vor, oder?«, fragte Fabiola zurück. »Und ich auch nicht. Das Flugzeug eines Freundes steht immer für mich bereit. Wir können sofort losfliegen.« Sie schaute auf die Uhr. »Oder in spätestens einer Stunde.«

Sarah fiel fast die Kinnlade herunter. »In einem Privatflugzeug?«

Fabiola zuckte die Schultern. »Viele Leute haben so etwas. Es ist wirklich nichts Besonderes. Aber praktisch.«

»Na ja . . . nichts Besonderes . . .« Sarah bezweifelte das offensichtlich.

Vorsichtig berührte Fabiola ihre Schulter, aber wie vorsichtig auch immer es gedacht gewesen war, die Berührung durchzuckte sie, als hätte sie eine heiße Herdplatte angefasst. An Tanzen – wenn es nur dabei bleiben sollte – war wohl nicht mehr zu denken. Aber ein Flug nach Paris . . . Das konnte doch auch ganz schön sein. Die Lichter an der Seine . . .

»Du willst nicht?«, fragte sie. Sie zog ihre Hand zurück und die Schultern hoch, als ob sie ihren Hals darin versinken lassen wollte. »Du musst natürlich nicht . . .«

»Aber du hättest es gern.« Sarah legte den Kopf schief. Sie war ganz offensichtlich eine Frau, die anderen gern einen Gefallen tat. »Und ich habe ja tatsächlich nichts anderes vor. Also warum nicht?«

Obwohl sie sonst sehr flexibel und für ihre rasche Auffassungsgabe bekannt war, erwischte diese plötzliche Entscheidung Fabiola etwas auf dem falschen Fuß. »Wirklich?«

»Natürlich.« Nun zuckte Sarah die Schultern. »Verlieren kann man dabei ja nichts. Und ehrlich gesagt . . .«, ihr Blick wurde leicht verträumt, »könnte ich mir dann einbilden, das Wochenende wäre nicht ganz verloren.«

Und Vic wäre da, fügte Fabiola in Gedanken hinzu. Vic, nicht ich. Sie fragte sich, ob es tatsächlich so eine gute Idee gewesen war, Sarah diesen Ausflug nach Paris vorzuschlagen. Aber nun konnte sie nicht mehr zurück. Schon gar nicht, nachdem Sarah zugesagt hatte.

»Dann lass uns das möglichst schnell in die Tat umsetzen«, schlug sie vor und zog sich schon in Richtung Ausgang des Tanzlokals zurück. »Bevor die Nacht vorüber ist.«

3

Der Flug war wie im Rausch vergangen. Fabiola hatte fast nichts davon mitbekommen. Sie hatte immer nur Sarah angesehen.

Irgendwie war es ihr unerklärlich, dass sie sich so von einer Frau angezogen fühlte, die sie praktisch überhaupt nicht kannte. Oder vielleicht war es gar nicht das Sich-angezogen-Fühlen, sondern die Art des Sich-angezogen-Fühlens. Sie hatte sich schon oft von Frauen angezogen gefühlt, einfach weil sie mit ihnen schlafen wollte, das war ihr nicht unbekannt. Und sie wollte mit Sarah schlafen, auch das stritt sie zumindest sich selbst gegenüber nicht ab. Aber da war noch etwas anderes, und das war ihr ziemlich unbekannt.

Es war eine Anziehungskraft, die nichts mit Sex zu tun hatte. Oder vielleicht ja, aber nicht nur. In ihrem ganzen Leben war sie sich selten so hilflos vorgekommen. In ihrer Erziehung hatte das Beherrschen von Gefühlen eine große Rolle gespielt, die spanische Etikette bestand fast nur daraus. Die temperamentvolle Spanierin, die Sarah in ihr sah, war sie nicht wirklich. Äußerlich hatte sie sich eine ganz andere Fassade zugelegt.

Sie konnte lachen und sich über etwas freuen, so schlimm war es nicht, dass man ihr das ganz abgewöhnt hatte – denn als Kind hatte sie es gern getan, war aber stets dafür getadelt worden –, doch oftmals hielt sie sich zurück und zeigte keine oder nur sehr wenige Gefühle. Sarah jedoch holte Gefühle aus ihr heraus, die sie schon lange nicht mehr nach außen getragen hatte, und das verwirrte sie.

Verwirrung war kein Gefühl, das sie schätzte. Verwirrung machte das Leben unbehaglich und schwierig. Es war wesentlich besser, wenn man zu jeder Zeit wusste, was man tun konnte und wollte. Deshalb wäre ihre erste Reaktion gewesen, sich von Sarah zurückzuziehen. Aber das konnte sie nicht. Sarah war wie ein Licht am Ende des Tunnels, auf das man einfach zugehen musste, wenn man nicht in der Dunkelheit bleiben wollte.

»Oh mein Gott, schau dir dieses Lichtermeer an!« Sarah sprang auf und beugte sich über sie, um besser durch das Fenster hinaussehen zu können, das auf der Seite lag, in die das Flugzeug sich jetzt für den Landeanflug neigte. Es war die Seite, auf der Fabiola saß.

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