Teil 02

»Großartig. Schön für dich«, grummelte Hanna, während sie sich ächzend auf den Stuhl fallenließ, als hätte sie plötzlich einen Schwächeanfall. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, mischte sich Einsicht unter die Gefühlswallungen, die sie regelrecht überschwemmt hatten. Wieke hatte ja recht. Sie war mehr mit ihrem Beruf liiert und hatte sich viel zu wenig Zeit für ihre Partnerin genommen. Die Aufmerksamkeit, die sie ihr geschenkt hatte, war in den letzten Monaten immer spärlicher geworden.

Seufzend strich Hanna sich über die Augenlider. Sie war schon immer ein Workaholic. Aber während ihrer Verliebtheitsphase hatte das keine Rolle gespielt. Doch der Rausch war viel zu schnell dem Alltag gewichen, und als Ermittlerin der Mordkommission in Rostock war sie oftmals mehr auf Arbeit als zu Hause. Ihre Beziehung war schon zum Scheitern verurteilt, noch bevor sie es bemerkte. Wie ein schleichendes Gift, das langsam und unsichtbar seine tödliche Wirkung entfaltete.

Vor sich hingrübelnd verließ Hanna schließlich die Kneipe. Ihren blauen Ford Mustang hatte sie in der Nähe des Warnemünder Bahnhofes geparkt. Es war kurz nach Mitternacht, und ein paar Regentropfen benetzten ihre unbedeckten Arme. Doch noch immer war es schwülwarm. Nach wenigen Metern klebte das trägerlose Shirt an ihrem verschwitzten Körper.

Mitten in ihre Gedanken hinein mischte sich plötzlich ein seltsames Gefühl, so als würde sie beobachtet werden. Eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken hinauf zum Nacken, und sofort stellten sich die kleinen Härchen auf. Sie atmete tief die salzige Meeresluft ein. Jetzt nur nicht verrücktmachen lassen. Vielleicht bildete sie sich das auch bloß ein, und die aufkommende Müdigkeit spielte ihr einen kleinen Streich.

Doch dann sah Hanna sie. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, saß eine brünette Schönheit in einem schwarzen BMW bei laufendem Motor und heruntergelassener Fensterscheibe. Sie schien allein zu sein. Augen, deren Farbe Hanna nicht erkennen konnte, fixierten sie regelrecht, und dies auch noch ziemlich ungeniert.

Wieso starrt sie mich denn so an?, fragte Hanna sich verwundert. Normalerweise wäre sie jetzt einfach weitergegangen, doch irgendetwas faszinierte sie an der Fremden. Also entschloss sie sich, entgegen ihrer Art, die Frau direkt anzusprechen.

Aber die schien zu wissen, was Hanna vorhatte, noch ehe sie überhaupt einen Schritt auf die Straße setzte. Ihr rechter Mundwinkel hob sich zu einem spöttischen Grinsen. Dann trat sie auch schon aufs Gas und rauschte mit heulendem Motor dicht an Hanna vorbei. Ihre langen, braunen Haare wedelten im Fahrtwind. Es sah ein bisschen so aus, als würden sie Hanna zuwinken.

Samstag, 7. Juli

Helene Fischers Herzbeben riss Hanna unsanft aus dem Schlaf. Sie riss die Augen auf und starrte ungläubig auf ihr Handy, das vibrierend auf dem Nachtschränkchen lag. Herzbeben? Von wegen. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie vermutlich gerade erst eingenickt war, nachdem sie sich die halbe Nacht mit trübsinnigen Gedanken herumgeplagt hatte.

»Wer stört mich zu dieser Uhrzeit?«, meldete sie sich schlaftrunken und erstickte damit die jetzt einfach nur nervtötende Melodie im Keim.

»Eine Leiche im Kurpark Warnemünde.«

Hanna verzog augenrollend das Gesicht. »Eine Leiche wird mich wohl kaum anrufen«, grummelte sie. Sie war noch viel zu verschlafen, daher brauchte sie einen Moment, bis sie die Stimme ihres Vorgesetzten, Hauptkommissar Stefan Meier, erkannte. »Moin, Chef«, sagte sie schließlich.

»Guten Morgen, Hanna. Tut mir leid, dass ich dich an deinem freien Wochenende stören muss«, entschuldigte er sich. »Aber der Kriminaldauerdienst hat mich gerade angerufen. Die Kollegen sind völlig ausgebucht, und die Bereitschaftskraft auf dem Revier geht nicht ans Telefon. Könntest du den Fall übernehmen? Am Montag hättest du ihn sowieso auf dem Tisch.«

Ja, aber eben erst am Montag, dachte sie, sagte es aber nicht. »Bin schon so gut wie unterwegs«, antwortete sie stattdessen. Hanna ließ ihren Kopf und die Schultern kreisen, um ihre Nackenmuskulatur zu lockern.

»Prima. Die Kollegen werden es dir danken.«

»Ja, ja.« Hanna lachte leicht. »Da bin ich aber mal gespannt.«

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, schwang Hanna sich sofort aus dem Bett. Während sie sich etwas frischmachte und in ihre Klamotten schlüpfte, dachte sie daran, dass sie noch gestern Abend ganz in der Nähe an der Westseite des Alten Stroms gewesen war. Der Kurpark war nur wenige Querstraßen entfernt. Sie selbst wohnte und arbeitete in Rostock. Das Ostseebad Warnemünde, ein Stadtteil im Norden der Hansestadt, fiel daher auch in das Zuständigkeitsgebiet der Kripo Rostock.

Auf dem Weg zum etwa fünfzehnminütig entfernten Tatort hatte sie gleich mit mehreren Verkehrsrowdys zu kämpfen. »Diese halbstarken Spinner«, fluchte sie und drückte auf die Hupe. Es war Samstagmorgen, und die letzten Nachtschwärmer fuhren jetzt vermutlich gerade erst nach Hause. Dann wurde die Bundesstraße gern mal als Rennstrecke und für waghalsige Überholmanöver missbraucht.

Als sie glücklicherweise heil am Kurpark eintraf, stellte sie zufrieden fest, dass bereits großräumig abgesperrt worden war und die Kriminaltechniker und Dr. Weiland, der Rechtsmediziner, mit ihrer Arbeit schon begonnen hatten.

Der Boden unter ihren Füßen war noch etwas feucht, weil es in der Nacht geregnet hatte. Sie hob das Polizeiabsperrband an und glitt darunter hindurch.

Eine ältere, uniformierte Polizeihauptmeisterin erwartete sie bereits und begrüßte sie freundlich. Sie sah müde aus. Vermutlich war sie noch von der Nachtschicht, die eigentlich bereits zu Ende war. So brachte sie Hanna auch ohne Umschweife auf den aktuellen Stand.

»Das Opfer, eine junge Frau, soweit ich sehen konnte, lag bäuchlings im Gras.« Sie blickte auf ihren kleinen Notizblock, den sie in den Händen hielt. »Ich konnte etwas Blut am Hinterkopf entdecken«, fuhr sie fort. Ihr Blick schweifte kurz zum Leichenfundort hinüber. »Mit den Kriminaltechnikern und dem Doktor habe ich noch nicht gesprochen. Ich dachte, das überlasse ich Ihnen.«

»Natürlich.« Hannas Mundwinkel zuckten. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Streifendienstkollegen bei derartigen Kriminalfällen immer froh waren, wenn dann die zuständige Kripo vor Ort kam und sich der Sache annahm.

Mit etwas gerecktem Hals versuchte sie, einen Blick auf die Leiche zu werfen. Inzwischen hatten ihre Kollegen jedoch einen Sichtschutz davor aufgebaut, um zu verhindern, dass Touristen, die sich auch um diese Zeit schon hierher verirren konnten, ihre Sensationslust mit Handy- oder Kameraaufnahmen befriedigten.

»Der betagte Herr da drüben hat sie gegen halb fünf gefunden. War mit seinem Hund Gassi.« Sie rollte übertrieben mit den Augen. »Wie kommt man bloß auf die Idee, in dieser Herrgottsfrühe mit seinem Hund spazieren zu gehen? Das würde mir im Traum nicht einfallen«, brummte sie kopfschüttelnd.

Hanna lächelte. »Das können wohl nur Hundebesitzer verstehen.« Sie schaute hinüber zu dem alten Mann, der einen Rauhaardackel an der Leine führte und die Absperrung hoch- und runterspazierte. »Hat sonst wer noch was gesehen?«, fragte sie.

Erneut schüttelte die Kollegin den Kopf. »Wir haben keine weiteren Zeugen angetroffen.« Diesmal lag Bedauern in ihrer Stimme. »Den Klamotten nach war das Opfer bestimmt nicht das Tanzbein schwingen. Sieht mir eher nach einer Streunerin aus. Aber wer kann das bei der heutigen Jugend schon wissen.« Sie zuckte die Schultern und klopfte nun schweigend mit ihrem Kugelschreiber auf dem Notizblock herum.

»Okay, ich übernehme dann mal hier. Kann ich das haben?« Hanna zeigte schmunzelnd auf das Blatt mit den wenigen Notizen. Sie streckte die Hand aus und nahm den Zettel entgegen. »Ich bräuchte aber noch ein paar Uniformierte hier zur Absicherung, die die Gaffer zurückhalten. Wird nicht mehr lange dauern, und dann kommen die Touristen angerannt«, erklärte sie augenzwinkernd.

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