Teil 01

1

»Okay, sie ist ein wandelnder feuchter Traum, aber ich denke, sie hat sie ermordet.« Marita zuckte die Schultern.

Ker nickte gespielt nachdenklich. »Wahrscheinlich hast du recht. Sie sieht viel zu gut aus, um unschuldig zu sein. Nehmen wir sie in die Mangel, bis sie es zugibt.«

»Ach, komm schon, Ker . . .« Marita streifte sie mit einem tadelnden Blick. »Das ist meine Meinung. Alles deutet darauf hin. Findest du nicht?«

»Na ja . . . sie ist ein heißer Feger mit einer Menge Geld und einer Menge Zeit, es auszugeben.« Kers Mundwinkel verzogen sich anzüglich. »Genau mein Typ.«

»Dass sie dein Typ ist, darauf hätte ich wetten können.« Marita begab sich zu ihrem Wagen und öffnete die Fahrertür. »Nur denk dran, sie hat gerade ihre Frau umgebracht.«

Ker hob wie zum Widerspruch ihr Kinn. »Dann ist sie jetzt wenigstens Single«, gab sie mutwillig zurück.

Marita schüttelte den Kopf und stieg ein. »Du bist unverbesserlich.« Sie startete den Wagen und fuhr mit rollenden Augen an Ker vorbei über die Einfahrt des großen, protzigen Anwesens auf die Straße.

Ker grinste und ging zu ihrem Motorrad hinüber. Marita hatte einfach keinen Humor. Deshalb hatte sie auch so wenig Spaß im Leben. Aber sie waren Kolleginnen bei dieser Ermittlung wie schon bei vielen anderen, und sie kannten sich gut genug, dass ihre unterschiedlichen Auffassungen ihre Teamfähigkeit nicht beeinflussten.

Sie zog den Reißverschluss ihrer Lederjacke hoch und wollte gerade ihren Helm aufsetzen, als ein uniformierter Beamter schnell auf sie zugelaufen kam. »Kann die Gerichtsmedizin die Leiche jetzt abtransportieren, Frau Opitz?«

»Warum nicht?«, fragte Ker zurück und stülpte sich den Helm über den Kopf. »Sie ist ja tot. Allein weglaufen wird sie wohl nicht.« Dann startete sie den Motor ihrer Harley und düste davon.

Aus dem Augenwinkel erhaschte sie noch die Gestalt einer blondgelockten Frau in einem recht knappen, seidig schimmernden Nachthemd. Sie stand an einem der oberen Fenster, die bis zum Boden reichten, und blickte auf den weitläufigen Platz vor dem Haus hinunter.

Ker wäre fast in einen Wagen, der gerade die Straße herunterkam, hineingefahren, als die Ausfahrt endete.

»Verdammter Idiot!«, fluchte sie. »Ich verpass’ dir gleich einen Strafzettel!«

Aber das tat sie natürlich nicht. Sie wusste sehr gut, dass sie selbst schuld war. Langsam ließ sie den Bremsgriff und die Fußbremse ihrer Maschine los, rollte an und verbot es sich, noch einen Blick zurückzuwerfen, obwohl sie sich fast nicht beherrschen konnte.

Adriane Reichardt war einfach ein Zuckerstück. Ja, sie hatte ihre Frau umgebracht, aber das hielt Ker nicht davon ab, ihre Ausstrahlung unwiderstehlich zu finden. Als sie eben am hell erleuchteten Fenster des Schlafzimmers im ersten Stock gestanden hatte, wäre Ker am liebsten zu ihr hinaufgestürmt und hätte sie aufs Bett geworfen.

Sie atmete tief durch. Hatte Adriane ihre Frau ermordet? Ihre Geschichte klang völlig anders. Sie hatte ihre Frau mit einem Einbrecher verwechselt – es hatte genügend Einbrüche in dieser Gegend gegeben in letzter Zeit – und sie aus Notwehr erschossen. Erst danach hatte sie festgestellt, dass es ihre Frau gewesen war, und war vor Entsetzen zusammengebrochen.

Schluchzend hatte sie vor Ker und Marita gesessen und ihre Geschichte erzählt. »Ich habe sie geliebt«, wiederholte sie immer wieder. »Ich habe sie so geliebt.« Es klang glaubwürdig.

Nun ja, Ker hatte es geglaubt, Marita wohl weniger. Sie gab Verdächtigen selten eine Chance. In ihren Augen hatten es alle getan, nur einige – viel zu viele – wurden nicht erwischt.

Es war mitten in der Nacht, und deshalb kehrte Ker nicht ins Präsidium zurück, sondern fuhr nach Hause. Sie fand, der Bericht konnte bis morgen warten, aber Marita war sicherlich pflichtbewusst in ihr Büro zurückgekehrt, um ihn zu schreiben. Sparte Arbeit für Ker, die das dann nicht mehr tun musste.

Sie betrat ihre Wohnung, ein Loft in einem Industriegebiet, das viel Platz bot und noch nicht von den Luxussanierern entdeckt worden war. Es sah immer noch so aus wie die Fabrikhalle, als die es einmal gedient hatte. Deshalb war die Miete billig.

Ziemlich in der Mitte stand ein Sandsack, eingelassen in einen schweren Fuß, der den meisten, selbst heftigsten, Attacken standhielt. Sie ging darauf zu und boxte einmal kurz hinein, so eine Art Begrüßungsritual, das sie jedes Mal vollzog, wenn sie nach Hause kam. Heute jedoch merkte sie, dass der Sandsack sie mehr anzog als sonst. Sie fühlte eine starke Unruhe in sich, von der sie nicht wusste, wie sie sie loswerden sollte.

Okay, eigentlich wusste sie es. Die Unruhe hing mit Adriane Reichardt zusammen. Sie ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Oder weniger der Kopf war es, den die Gedanken an sie besetzten, sondern andere Körperteile.

Sie zog ihre Jacke aus, griff sich die Handschuhe, die am Sandsack hingen, und begann auf den schweren Gegenstand einzuschlagen. Nach einer Weile zog sie auch ihr Hemd aus. Der Schweiß rann ihr in Strömen übers Gesicht und den Oberkörper, während sie immer schwerer atmete, weil sie nicht nachlassen wollte.

Endlich umfing sie den Sandsack keuchend mit ihren Armen, ließ ihn nach ein paar Sekunden los und ging zum Kühlschrank hinüber, der in der offenen Küche stand. Sie nahm ein großes Glas und drückte es gegen den am Kühlschrank angebrachten Hebel für das innen gekühlte Wasser, das sofort zu fließen begann.

Gierig nahm sie das Glas und trank es aus. Dann stand sie da, als ob sie nicht wüsste, was sie tun sollte, füllte ihr Glas erneut, aber nur halb, und stellte es in die Öffnung für die Eiswürfel, die auf Knopfdruck herauspurzelten.

Sie betrachtete das Glas mit einem merkwürdigen Blick, als ob sie nie zuvor ein Wasserglas mit darin klingelnden Eiswürfeln gesehen hätte, setzte es an die Lippen, entschied sich dann jedoch anders, hob es höher und schüttete sich den Inhalt über den Kopf.

»Vielleicht hilft das«, murmelte sie, als die Eiswürfel beleidigt einer nach dem anderen auf den Boden plumpsten.

2

»Du würdest sie sofort verhaften. Lass mich das machen!« Ker blitzte Marita angriffslustig an.

Die lachte wissend. »Du würdest sie sicher nicht verhaften. Was würdest du mit ihr machen?« Ihre Augen blickten unschuldig in Kers leicht gerötetes Gesicht.

»Keine von uns kann sie verhaften. Wir haben ja gar keinen Haftbefehl«, brummelte Ker. »Es geht nur darum, ihre Aussage aufzunehmen. Weitere Fakten zu sammeln, wie das geschehen konnte.«

»Sehr richtig«, nickte Marita zustimmend. »Eine von uns muss das tun, und die andere muss herausfinden, warum ihre Frau zurückgekommen ist. Sie befand sich doch eigentlich auf einer Geschäftsreise.«

»Weshalb Adriane Reichardt sie nicht erwartet und für einen Einbrecher gehalten hat«, fügte Ker hinzu. »Nachvollziehbar.«

»Wenn man glaubt, dass es so war . . .« Maritas Stimme klang so gedehnt, dass man den Zweifel kaum überhören konnte.

»Ja, ich weiß, du glaubst es nicht!« Erregt schlug Ker mit einer Hand heftig auf ihren Schreibtisch, dass die Tatortfotos, die darauf lagen, hochflogen, und stand dann auf. »Aber es könnte so gewesen sein!«

»Könnte . . .«, entgegnete Marita, »ist nicht genug.«

Wild beugte Ker sich vor, sodass sie Marita direkt in die Augen sehen konnte. »Du kannst mich –«

»Mal im Mondschein besuchen?«, setzte Marita mit zuckenden Mundwinkeln fort. »Gern. Wenn ich mal Zeit habe . . .« Sie hob beruhigend die Hände. »Jetzt hör mal auf, mit dem Unterleib zu denken. Was wir brauchen, sind Beweise. Dafür oder dagegen. Aber Beweise.«

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