Teil 01

Freitag, 6. Juli

»Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?« Wieke wedelte energisch mit der Hand vor Hannas Gesicht herum.

»Äh, was hast du gesagt?« Hanna wusste ganz genau, dass das nicht das war, was Wieke hören wollte, aber ihr Blick hing an einer jungen Frau, die in der gut gefüllten Hafenkneipe immer ganz dicht an den besetzten Barhockern und um die Tische herumschlich. Allein dieser Umstand ließen bei ihr die Alarmglocken läuten.

»Ich dachte, du wolltest etwas sagen«, erwiderte Wieke spitz. »Ich dachte«, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, »wir wollten über unsere Beziehung reden.«

Wieder zog der freche Kurzhaarschnitt der blonden jungen Frau Hannas Blick an. »Ähm . . . ja . . . klar . . . unsere Beziehung . . .«, murmelte sie abwesend, während sie die Blondine mit Argusaugen beobachtete.

Eigentlich hatte Wieke schmale Hände, aber als sie eine davon nun zur Faust geballt vor Hanna auf den Tisch donnerte, hätte man das gar nicht vermutet.

Instinktiv hielt Hanna ihr Bierglas fest und spürte im selben Moment, wie ein paar Spritzer des Weizengebräus auf ihren Unterarm tropften. »Was ist los mit dir?«, fragte sie überrascht.

Wieke schnappte laut nach Luft. »Was mit mir los ist? Sag mal, spinnst du? Wir wollten über unsere Beziehung reden, aber du hast nichts Besseres zu tun, als anderen Weibern hinterherzustarren. Ihr Blick durchbohrte die junge Frau in den abgewetzten Jeans fast, die Hanna immer noch nicht aus den Augen ließ.

Schwupps. Schon versanken flinke Finger in einer Jackentasche, die über einer Stuhllehne hing. Abrupt sprang Hanna auf. »Entschuldige Wieke, wir reden gleich weiter. Dauert nicht lange.« Die Worte, die ihre Freundin ihr noch hinterherrief, wurden von den Kneipengeräuschen verschluckt. Hanna kümmerte sich nicht darum. Sie hatte nur noch ein Ziel vor Augen: sich die kleine Diebin zur Brust zu nehmen, bevor die noch das Weite suchte.

Sie glitt zwischen den Sitzgruppen entlang, bis sie direkt hinter der Blondine, die sich bereits dem nächsten Zielobjekt – eine Geldbörse, die aus einer Gesäßtasche hervorlugte – widmete, zum Stehen kam. Hanna beugte sich leicht nach vorn, sodass sie fast den Kopf der Taschendiebin streifte. »An Ihrer Stelle würde ich das lassen. Ansonsten muss ich Sie jetzt verhaften«, sagte sie mit gedämpfter, aber eindringlicher Stimme.

Wie vom Blitz getroffen schoss das Haupt der jungen Frau in die Höhe. Beinahe wäre sie mit dem Hinterkopf gegen Hannas Nase geknallt, die gerade noch so zurückweichen konnte. Fast schon zeitlupenartig drehte sich die Blondine nun zu Hanna um. Ihre blaugrauen Augen waren weit aufgerissen, und der Ausdruck in ihrem Gesicht spiegelte blankes Entsetzen wider. »Scheiße«, entfuhr es ihr, und es hörte sich fast wie ein Stöhnen an.

Jetzt erschien die Frau Hanna sogar noch jünger. Ihr gehetzter Blick suchte links und rechts nach einer Fluchtmöglichkeit. Und auch wenn sie versuchte, das unauffällig zu tun, so hatte Hanna es doch sofort bemerkt. Unwillkürlich glitt ihr ein leichtes Schmunzeln über die Lippen, ehe sie wieder ein unnachgiebiges Gesicht aufsetzte. Ihr Gegenüber fest im Blick bewegte Hanna ihren Kopf nur ein wenig hin und her. »Vergiss es. Oder du handelst dir gleich eine gehörige Portion Ärger ein«, warnte sie die junge Frau, etwas Unüberlegtes zu tun. »Wie heißt du?«, fragte sie.

»Niki«, kam es schmallippig zurück. Sie trat von einem Bein aufs andere. Ihre Unruhe war ihr deutlich anzusehen.

»Niki wie Nicole oder Nikita? Hast du vielleicht auch einen Nachnamen?«, fragte Hanna weiter. Doch dafür erntete sie nur ein Schulterzucken. Sie seufzte auf. »Erst klauen wie ein Rabe und dann auch noch unkooperativ sein.«

Die junge Dame zog eine Schnute wie ein kleines, bockiges Kind. »Bist du etwa ein Bulle oder warum willst du das wissen?«, reagierte sie auffallend schnippisch. Offenbar hatte sie sich von ihrem ersten Schock erholt. Am widerspenstigen Ausdruck in ihren Augen erkannte Hanna, dass sie gerade abwog, wie weit sie noch gehen konnte.

Herausfordernd hob Hanna eine Augenbraue und erwiderte den finsteren Blick. »Nein, ich bin der barmherzige Samariter. Liebe deinen Nächsten und so weiter. Du verstehst mich?« Den spöttischen Unterton konnte sie sich nicht verkneifen. Und erzielte damit genau die Wirkung, die sie sich erhofft hatte. Die Blondine zuckte unvermittelt zusammen. »Du wirst jetzt auf der Stelle zurückgeben, was du eben aus der Jacke da vorn – mit einem Kopfnicken wies sie in die Richtung – unberechtigterweise an dich genommen hast. Und versuch mich ja nicht zu verarschen«, schob sie noch eine Warnung hinterher.

Nun senkte die junge Frau die Augenlider, während sie sichtlich nervös auf ihrer Unterlippe kaute. Sie wirkte mit einem Mal richtig niedergeschlagen und stand wie ein Häufchen Elend vor Hanna. Die Arme hingen jetzt schlaff an ihr herunter. Schließlich nickte sie zögernd. Offenbar hatte sie sich entschieden, und Hanna hoffte, dass die Kleine das Richtige tat. Sie wollte um keinen Preis Aufsehen erregen und sich hier als Super-Cop aufspielen. Sie war ja nicht mal im Dienst. Und hinter ihr, am Tisch in der Ecke, wartete immer noch Wieke auf sie, der sie auf jeden Fall eine Erklärung schuldete.

Die rechte Hand der Frau verschwand unvermittelt in der großen Seitentasche ihres Hoodies. Es war purer Reflex, dass Hanna automatisch eine Habachtstellung einnahm. Ihre Hände hoben sich vor ihren Oberkörper, um einen plötzlichen Angriff besser abwehren zu können.

Mit einem misstrauischen Blick, wobei sie die Augenbrauen ein wenig zusammenzog, musterte die Blondine Hanna. Fast hatte es den Anschein, als checkten sie sich gegenseitig ab. Dann, mit einem Ruck, wandte sich Niki, oder wie auch immer die Frau tatsächlich hieß, ab und schwebte leichtfüßig wie eine Elfe zu besagter Jacke. Im Vorbeigehen zog sie ihre Hand aus dem Pullover und ließ das Portemonnaie geschickt in die Jackentasche zurückgleiten. Anschließend drehte sie sich noch einmal kurz zu Hanna um, die sie nicht aus den Augen gelassen hatte, und verschwand im nächsten Moment von der Bildfläche, als ob sie sich in Luft aufgelöst hätte. Selbst nachdem sie ertappt worden war, schien sie von ihrer Behändigkeit nichts eingebüßt zu haben.

Hanna blieb stirnrunzelnd zurück. Hätte sie das Mädel nicht trotzdem festnehmen müssen, um sie dann den Kollegen vom Streifendienst zu übergeben? Wer weiß, was sie noch alles geklaut hat. Hanna wusste ja gerade mal ihren Vornamen. Und ob der überhaupt stimmte, war auch dahingestellt.

Nachdenklich drehte sie sich um, um zu ihrem Tisch und zu Wieke zurückzukehren. Doch schon auf halbem Wege musste sie erkennen, dass der Platz nicht mehr besetzt war. Ihre Freundin war einfach abgehauen? Sie war doch keine fünf Minuten weggewesen.

Unmut machte sich wie ein Geschwür in ihr breit, als sie einen kleinen Zettel auf der Mitte des Tisches erblickte. Ohne wirklich zu verstehen, las sie die Zeilen, die in einer Sauklaue dahingekritzelt und ein Beleg dafür waren, dass sie eilig und lieblos verfasst worden waren. »Das darf doch nicht wahr sein«, fluchte sie leise. Wieke hatte es tatsächlich fertiggebracht, eine zweijährige Beziehung mit ein paar Wörtern und auf ziemlich unpersönliche Art und Weise zu beenden. Und was bitte schön wollte sie ihr denn mit dem letzten Satz sagen?

Ich habe eine andere Frau kennengelernt, die meine Vorzüge eindeutig zu schätzen weiß.

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