Teil 01

1

Fabiola betrat die Kunstgalerie und schaute sich wohlwollend um. Carlo hatte sich hier eines der geschmackvollsten Juwele geschaffen, die es in dieser Branche gab. Sie kam immer wieder gern hierher.

Diesmal kam sie jedoch offenbar zum falschen Zeitpunkt, denn es herrschte ein kreatives Durcheinander. Im Schaufenster hatte sie die Ankündigung für eine Vernissage gesehen, doch ganz offensichtlich waren die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen.

Sie schaute sich nach Carlo um, konnte ihn aber nicht entdecken. Sie würde vielleicht besser heute Abend wiederkommen. Hier störte sie nur. Als sie sich schon abwenden wollte, um zu gehen, wurde sie durch eine begeisterte Stimme in der Bewegung aufgehalten.

»Ich freue mich. Ich freue mich so!« Eine junge Frau sprang vor Freude fast in die Luft. »Endlich ein Wochenende zu zweit! Mit dir. Ganz allein.« Sie legte ihre Arme um den Hals einer großen, hageren Frau und sah sie zärtlich an.

»Ich freue mich auch.« Die große Frau lächelte etwas amüsiert auf die kleinere hinunter. Dann begann auf einmal ihr Handy zu klingeln.

»Oh nein!« Die kleinere Frau stöhnte auf.

Die Stirn der großen legte sich in Falten. »Tut mir leid«, sagte sie. Sie löste sich von der kleineren und griff in ihre Jackentasche. Als sie das Handy ans Ohr legte, drehte sie sich weg und ging ein paar Schritte zum Fenster hin, so dass man nicht hören konnte, was sie sagte.

Als sie jedoch mit einem bedauernden Gesichtsausdruck zurückkehrte, verschwand auf einmal alle Freude aus dem Gesicht der kleineren Frau. Sie nickte resigniert. »Schon okay, Vic«, sagte sie. »Du musst weg.«

»Sarah . . .« Vic trat auf sie zu. »Ich kann es nicht ändern. Es gibt Probleme mit den neuen Spezifikationen. Tut mir so leid . . .«

»Ich weiß«, sagte Sarah. »Geh schon. Dein Flug wartet.«

Vic beugte sich zu ihr. »Du bist wunderbar«, sagte sie. »Wir holen es nach, ich verspreche es.« Sie hauchte einen flüchtigen Kuss auf Sarahs Wange.

Sarah nickte erneut, und Vic drehte sich um und ging schnell zur Galerietür hinaus.

Fabiola bemerkte, mit was für einem sehnsüchtigen Ausdruck in den Augen Sarahs Blick der verschwindenden Gestalt folgte, die draußen auf der Straße schon wieder an ihrem Handy hing. Das war nicht das erste Mal, dachte Fabiola. So ist sie schon öfter versetzt worden.

Die junge Frau tat ihr leid. Sie war wie ein Häufchen Elend zurückgeblieben und schien sich gar nicht rühren zu können. Fabiola ließ ihren Blick über sie gleiten. Sie war wahrscheinlich irgendetwas zwischen Mitte und Ende zwanzig und sehr, sehr hübsch. Fabiola lächelte und trat auf sie zu.

»Wann ist die Vernissage heute Abend?«, fragte sie sanft.

Die junge Frau namens Sarah drehte sich schnell um die eigene Achse und blickte verwirrt in die Richtung, aus der die Frage gekommen war.

»Entschuldigung.« Fabiola lächelte. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«

»Nein. Nein, das tun Sie nicht.« Sarah versuchte sich ganz offensichtlich zusammenzureißen. »Die Vernissage. Ja, ja . . . natürlich, heute Abend . . . heute Abend um acht.« Sie lachte etwas verlegen. »Verzeihen Sie. Ich war ganz in Gedanken.«

Fabiola lächelte immer noch freundlich. »Sie waren etwas abgelenkt, das verstehe ich.«

Sarah lächelte zurück, jedoch leicht gezwungen und unsicher. »Abgelenkt, ja, so war es wohl.«

Was für ein Lächeln, dachte Fabiola. Selbst in diesem Augenblick, da Sarahs Lächeln nur einen geschäftsmäßigen Anstrich hatte, fühlte Fabiola ein leichtes Kribbeln in ihren Fingerspitzen, als ob sie Sarah berühren wollten. Das hätte ich jetzt nicht erwartet, dachte sie. So etwas hier zu finden.

Sie blickte für einen kurzen Moment nachdenklich auf dieses unerwartete Geschenk, dann lächelte sie wieder. »Also bis heute Abend dann. Bei der Vernissage. Werden Sie da sein?«

Sarah sah vom Boden hoch, auf den sie ihren Blick gesenkt hatte. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Verwirrtes. »Ja. Ja, ich werde da sein. Natürlich. Es ist ja unsere Vernissage.« Ihre Worte klangen abwesend und unbeteiligt.

Oh-oh, dachte Fabiola. Sie würde jetzt am liebsten weglaufen, dieser Frau hinterher.

Sie sah, dass Sarah in diesem Moment schon wieder vergessen hatte, dass sie, Fabiola, da war. Verloren stand sie im Raum, als ob jemand sie mitten in der Galerie vergessen hätte.

»Ist alles in Ordnung?« Nur schwer konnte Fabiola sich von ihrem Anblick losreißen. Ein wenig erinnerte diese junge Frau sie mit ihren langen blonden Haaren an eine Märchenfee, die plötzlich in eine Welt geworfen worden war, die sie nicht verstand. Leider war ihr auf der Reise vom Märchenland hierher wohl ihr Zauberstab abhandengekommen.

Langsam erwachte die frischgetaufte Fee aus ihrer Geistesabwesenheit. »Ja, alles in Ordnung«, murmelte sie leise.

»Wollen Sie sich nicht setzen?«, fragte Fabiola. Sie hatte das Gefühl, dieses zarte Wesen könnte jeden Augenblick umfallen.

Erstaunt blickte Sarah sie an, aber in diesem Moment kam Carlo, der Besitzer der Galerie, aus dem hinteren Teil des Ladens auf sie zu. »Fabiola!« Er breitete lachend die Arme aus. »Ist es schon wieder soweit?«

Fabiola hob fragend die Augenbrauen.

»Ist schon wieder ein Jahr um?«, erläuterte Carlo lächelnd. Er war ein kleiner, dünner Mann, und als er Fabiola nun umarmte, verschwand er fast in ihr. Sie war größer als er.

»Scheint so«, erwiderte sie. Ihr Lächeln war voller Sympathie. Sie mochte Carlo ungeheuer gern. »Mir kommt es allerdings so vor, als hätten wir uns gestern erst gesehen.«

»Mir auch«, sagte er. Dann wandte er sich mit einem irritierten Blick an Sarah. »Wolltest du nicht schon längst weg sein?«

Die blonde Fee zögerte einen Moment. »Ja, wollte ich«, sagte sie dann. Sie zwang ein Lächeln in ihre Mundwinkel. »Aber das hat sich jetzt erledigt. Also kann ich dir doch bei den letzten Vorbereitungen für die Vernissage helfen, wie du es wolltest.«

»Ich wollte . . .«, erwiderte Carlo gedehnt, »dass du wegfährst. Die Vernissage hätte ich auch allein geschafft.«

Sarah lächelte weiter etwas gezwungen. »Aber ein bisschen Hilfe kann man doch immer gebrauchen, nicht wahr?«

»Natürlich«, stimmte er zu. »Aber mir wäre es lieber, wenn du glücklich wärst. Das wievielte Mal war das jetzt, dass sie dich im letzten Moment sitzengelassen hat?«

Erschrocken warf Sarah einen Blick auf Fabiola. »Ich – sie hat mich nicht . . .«, protestierte sie schwach. »Ich meine, sie musste beruflich weg, das war alles.«

»Das war alles«, wiederholte Carlo ohne besondere Betonung. »Wie immer.«

Sarah blickte ihn etwas trotzig an. »Und übrigens bin ich glücklich. Ich weiß gar nicht, was du meinst.«

Carlo betrachtete sie kurz nachdenklich, dann sagte er: »Na gut. Wenn du unbedingt arbeiten willst, habe ich nichts dagegen.« Er wies nach hinten. »Du könntest dir ein paar Gedanken zu den Aquarellen machen. Da weiß ich noch nicht genau, wie sie hängen sollen.«

Es schien, als ob Sarah erleichtert wäre, sich in den hinteren Teil der Galerie zurückziehen zu können.

Kurz darauf war sie aus Fabiolas Blickfeld verschwunden.

»Oha«, bemerkte Carlo mit wissender Miene, während er Fabiolas Gesicht musterte. »Du hast Interesse an ihr.«

Fabiola zuckte die Schultern. »Sie scheint nicht sehr glücklich zu sein, auch wenn sie das behauptet.«

»Sie will es einfach nicht wahrhaben.« Carlo seufzte. »Diese Vic ist nicht gut für sie. Überhaupt nicht gut. Aber sie hängt an ihr, als wäre sie alles, was sie hat. Das ist einfach nicht vernünftig.«

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