Schreibe ohne Angst. Überarbeite ohne Gnade.

Nicht nur im NaNoWriMo – aber dort natürlich sehr massiv, weil dort viele Leute gleichzeitig viele Wörter am Tag schreiben und sich austauschen – hört man immer wieder: „Ich komme einfach nicht weiter, weil ich gleich immer alles überarbeite und nie damit zufrieden bin.“

Ich glaube, das Problem ist sehr nachvollziehbar, oder? Wenn ich diesen Artikel jetzt schreiben würde und würde sofort immer wieder lesen, was ich geschrieben habe, Wörter ersetzen, Sätze umstellen, etwas streichen oder neu schreiben, eventuell das ganze Thema ändern … Dann würde ich vermutlich nie fertig. Und wenn man das so liest, dann denkt man sich eigentlich auch: Warum sollte irgendwer das überhaupt tun?

Tja, dafür ist meistens die sogenannte Innere Kritikerin verantwortlich. Zwar gibt es ein paar Leute, die sich für ein Geschenk an die Menschheit halten und meinen, sie könnten nie etwas falsch machen, aber die meisten Leute sind – trotz des ganzen „Selfietums“ heutzutage – doch eher kritisch sich selbst gegenüber. Gerade, was das Schreiben betrifft.

Und am Anfang ist man natürlich auch sehr unsicher. Ist das überhaupt gut genug, was ich schreibe? Will das irgendjemand lesen?

Solange man noch nichts veröffentlicht hat, kann man das nicht wissen. Selbst wenn man Feedback aus Familie und Freundeskreis bekommt, das Feedback unbekannter Leserinnen, die nur das Produkt meines Gehirnschweißes sehen, aber mich nicht kennen und mir auch nicht schmeicheln wollen, ist noch etwas ganz anderes. Und es fällt oft auch sehr anders aus. Die Familie oder auch der Freundeskreis sind da meistens doch viel gnädiger.

Leserinnen, die die Auswahl zwischen Tausenden, ja Millionen von Büchern haben, stellen einfach höhere Ansprüche. Und legen mein Buch vielleicht auch schnell wieder zur Seite, wenn es sie nicht fesselt. Während man das, was der eigene Sohn oder die eigene Tochter produziert hat, oft doch sehr wohlwollend bis zu Ende liest, egal, ob es unterhaltsam ist oder nicht. Man will das Kind ja nicht demotivieren. 😉

So zittert man also ein wenig vor der Kritik unbekannter Leute, die nichts als mein „Geschreibsel“ zur Grundlage haben, weil sie mich als Menschen gar nicht kennen. Denen es nur darum geht, unterhalten zu werden, nicht mir zu schmeicheln.

Es ist absolut richtig, wenn man sich solche Gedanken macht. Menschlich und sympathisch. Aber man sollte sich von solchen Gedanken trotzdem nicht in die Enge treiben, sich nicht lähmen lassen, nicht vom ersten Wort an alles sofort überarbeiten, und das immer wieder, sodass man überhaupt nicht mit seiner Geschichte vorankommt.

Während man schreibt, sollte man das alles möglichst vergessen. Es hindert mich nur daran, meine Kreativität zu entfalten, meine Gedanken fließen zu lassen, mich dem Sog der Geschichte und meiner Figuren anzuvertrauen und mich von ihnen mitreißen zu lassen. Denn eins vom Wichtigsten beim Schreiben ist, dass man mit seinen Figuren praktisch eins wird, dass man alles, was man hinschreibt, miterlebt, als wäre man dabei, und das würde nicht nur auf dem Papier oder auf dem Computerbildschirm passieren.

Das kann man aber nicht, wenn man ständig immer wieder alles umschreibt. Dann komme ich nie in diesen Flow, wie man das nennt, bei dem ich alles um mich herum vergesse und nur in der Geschichte bin. Im Flow sieht man keine Fehler mehr, man denkt nicht mehr wirklich nach. Man schreibt einfach nur hin, was einem in den Sinn kommt, was vor dem inneren Auge wie eine Filmszene abläuft. Manchmal kommt man dabei gar nicht nach, weil der Film schneller läuft, als meine Finger tippen können. 😎

Das wäre also dann dieses Schreiben ohne Angst, wie es hier im Titel steht. Ich muss mir keine Sorgen machen, was ich da schreibe, ich schreibe einfach nur. Die Wörter fließen aus mir heraus wie ein nie enden wollender Strom, die Geschichte purzelt aus mir heraus wie die passend geschnittenen Teile eines Puzzles und setzt sich Stück für Stück zusammen. Es ist wie ein Rausch, nur ohne Drogen. 🙂

Das ist das Schöne daran – und natürlich auch das Gefährliche. Denn manchmal starrt man hinterher nur entsetzt auf das, was man geschrieben hat. Es ist wirklich nicht zu gebrauchen. Das sollte einen aber nicht daran hindern, es zu schreiben. Selbst das, was man im Moment für unbrauchbar hält, kann sich später noch als brauchbar erweisen. Das weiß man nie.

Wenn ich es jedoch für die Geschichte, die ich gerade im Moment schreibe, nicht gebrauchen kann, muss ich es streichen. (Und in einer separaten Datei oder einem OneNote-Abschnitt aufheben. Auf keinen Fall endgültig löschen!) Aber nicht jetzt, nicht während ich den ersten Entwurf schreibe, die Rohfassung. Da bleibt alles so, wie es ist.

Erst wenn ich mit der Geschichte fertig bin, schaue ich mir das an, nämlich in der Überarbeitung. Dort gehe ich meinen ganzen Text, meine ganze Geschichte, meinen ganzen Roman von vorn bis hinten durch und mache mir wie eine Lektorin Anmerkungen, korrigiere, streiche, ergänze, was mir auf den ersten Blick auffällt, notiere mir Ideen, was ich eventuell verbessern kann, ohne das jedoch gleich in Szenen umzusetzen. Das sind mehr so Stichworte.

Bei der ersten Überarbeitung hält man sich noch nicht so lange auf, das macht man dann bei der zweiten Überarbeitung. Und die dritte Überarbeitung sollte möglichst das Endprodukt ergeben, das druckfertige Manuskript. Man kann natürlich auch mehr Überarbeitungen machen, wenn man das will, aber auch da sollte man sich eine Grenze setzen, denn sonst landet man wieder bei Schritt 1, dass man jedes Wort umschreibt, jeden Satz, jeden Absatz, jede Szene – und nie fertig wird.

Oftmals hängt man so sehr an seinem Text, dass es einem richtig wehtut, wenn man etwas streichen muss, wenn man etwas an den Figuren ändern muss. Oder sogar eine Figur, die man liebgewonnen hat oder die dem eigenen Alter Ego sehr nahekommt, streichen. Das nennt sich Kill your darlings und ist eins vom Schrecklichsten, was man manchmal tun muss. Aber was sein muss, muss sein. Wenn eine Figur nichts zur Geschichte beiträgt – so nett sie auch ist – muss sie weichen.

Beim Überarbeiten muss man also gnadenlos sein, wenn eine gute Geschichte dabei herauskommen soll.

Aber eben erst beim Überarbeiten. Beim Schreiben sollte man an so etwas überhaupt nicht denken.

Sonst sabotiert man sich selbst.

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