Der eigentliche Sinn des Lebens

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»Für Hilde Domin war lieben und geliebt werden der eigentliche Sinn des Lebens« las ich in dem Artikel über die deutsche Schriftstellerin in der Wikipedia.

Das hat mich tief berührt, denn für mich ist er das auch. Der Sinn des Lebens ist die Liebe.

Liebe ist etwas so Allumfassendes, wie es nichts anderes sein kann. Liebe ist das, was vielen Menschen in ihrem Leben fehlt, damit sie ein vollständiger Mensch werden können.

Hilde Domin war in erster Linie Lyrikerin. Sie schrieb Gedichte, die nicht so sehr dem Künstlichen verpflichtet waren, sondern eher dem Verständlichen.

Dein Mund auf meinem

Dein Mund auf meinem.
Ich verlor allen Umriß.
Tausend kleine Blüten
öffneten ihre Kelche
auf meinem Körper.
Du küßtest mich zärtlich
und gingst.
Trockene Scham wie ein Feuer
stand rot mir
auf Bauch und Brüsten.

Hilde Domin wurde 1909 in Köln geboren. Sie starb im Jahre 2006. Ihr langes Leben gab ihr Gelegenheit, vieles zu erfahren, leider nicht nur Gutes, denn sie war Jüdin und floh 1932 vor den Nazis. Erst 1954 kehrte sie nach Deutschland zurück.

Interessant ist, daß Hilde Domin erst sehr spät anfing, Gedichte zu schreiben, erst im Alter von 39 Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter, der sie sehr erschüttert hat. Sie sagt:

»Ich hatte niemals vor, schriftstellerisch tätig zu werden. Nach dem Tode meiner Mutter erlitt ich einen Schock und begann zu schreiben. Ohne Wunsch zu veröffentlichen. Wenn der Mensch sehr bedrückt ist, kann ihm Lyrik helfen. Lyrik ist eine größere Entlastung als etwa Prosa. Lyrik kommt mit Blaulicht. Lyrik entsteht mehr aus Leid als aus Freude. Der Mensch kann sich durch das Schreiben von Gedichten befreien. Ich kann das nur vergleichen – obwohl es natürlich etwas anderes ist – mit der Beichte oder dem therapeutischen Gespräch beim Psychiater. Dabei teilen Sie mit, was in Ihnen ist. Bei Lyrik können Sie das noch mehr tun. Ich nenne es eine Gnade, wenn man kreativ werden kann.«
(Interview mit Hilde Domin von 1994)

Ihre Gedichte waren also zu Anfang in erster Linie therapeutisch – wie sie es bei vielen Menschen sind – erst später kamen auch andere Gedanken hinzu.

Alle meine Schiffe

Alle meine Schiffe
haben die Häfen vergessen
und meine Füße den Weg.
Es wird nicht gesät und nicht geerntet
denn es ist keine Vergangenheit
und keine Zukunft,
kaum eine Bühne im Tag.
Nur der kleine
zärtliche Abstand
zwischen dir und mir,
den du nicht verminderst.


Für eine Dichterin, die 1909 geboren ist, finde ich Hilde Domins Sprache sehr eindeutig. Dinge, die uns heute eher vertraut sind, scheinen auch ihr nicht fremd gewesen zu sein, ein freier, unverstellter Zugang zur Sexualität, wie man ihn kaum bei einer Frau vermutet, die in einer Zeit lebte, in der Frauen Sexualität kaum zugestanden wurde, vor allen Dingen kein Vergnügen daran.

Mein Geschlecht zittert

Mein Geschlecht zittert
wie ein Vögelchen
unter dem Griff deines Blicks.
Deine Hände eine zärtliche Brise
auf meinem Leib.
Alle meine Wachen fliehn.
Du öffnest die letzte Tür.
Ich bin so erschrocken
vor Glück
daß aller Schlaf dünn wird
wie ein zerschlissenes Tuch.

Liebe ist nicht nur die Gemeinsamkeit zwischen zwei Menschen, die sich lieben, sie ist auch die Grundlage für ein würdevolles, aufrechtes Leben, selbst in Zeiten, in denen das schwierig ist. Hilde Domin hat sie erlebt, diese Zeiten, und deshalb betont sie die Bedeutung der Zivilcourage (die für mich nur die Umsetzung der Liebe in anderer Form ist):

»Zivilcourage ist für mich eine ganz wichtige, menschlich wichtige Eigenschaft. Daß man kein Denunziant ist, sondern daß man geradesteht, daß man sich für andere einsetzt. Und daß man nicht aufpaßt, ob etwas opportun ist, sondern etwas tut, weil man es tut, aus eigener Überzeugung.«
(Interview mit Hilde Domin von 1994)

Wenn man von Liebe erfüllt ist und an die Kraft der Liebe glaubt, kommt auch das Glück – über das man Gedichte schreibt . . . oder auch nicht. Weil es so schön ist, weil man es gar nicht in Worte fassen kann.

Schöner

Schöner sind die Gedichte des Glücks.
Wie die Blüte schöner ist als der Stengel
der sie doch treibt
sind schöner die Gedichte des Glücks.
Wie der Vogel schöner ist als das Ei
wie es schön ist wenn Licht wird
ist schöner das Glück.
Und sind schöner die Gedichte
die ich nicht schreiben werde.

Ich glaube, besser kann man es nicht ausdrücken.

Die Liebe ist das Glück, und das Glück ist die Liebe.

Der eigentliche Sinn des Lebens.

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Heike
  • Heike

    Permalink

    Auf der Suche nach dem wahren Sinn des Lebens!
    Ich gehe mal davon aus, daß es vielen so geht. Auch mir ist es so gegangen. Ich schrieb und schreibe Gedichte wenn ich traurig war oder bin.
    Zum Beispiel dieses hier:
    Auf der Suche nach dem wahren Sinn, des Lebens!
    Kein Auge hab ich zugemacht,
    an dich nur habe ich lang gedacht.
    Alleine bleib ich weiterhin,
    auf der Suche nach dem wahren Sinn.
    Die Träume von der Zweisamkeit,
    machten sich in mir recht schnell, sehr breit.
    Jetzt sitze ich hier, es ist schon dunkel,
    die Tränen laufen, die Sterne funkeln,
    keinen Hoffnungsschimmer habe ich mehr,
    fühle mich nur noch, einsam und leer.
    Ihre Augen strahlten hell und klar,
    für mich ist sie nun nicht mehr da.
    Mein Herz es schreit ganz laut nach ihr,
    doch leider greift sie nicht nach mir.
    Darum bleib ich weiterhin,
    auf der Suche nach dem wahren Sinn.
    In diesem Sinne, schönen Tag noch.
    Heike

    Dienstag, 13. November 2007 11:29

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