Unwillkürlich lachte sie über sich selbst. Madeleine lächelnd? Und auch noch einladend? Mal ganz abgesehen von der Idee, dass sie Sex hätte haben wollen. Mit Simi. Absurd.

So kalt und abweisend, wie sie immer wirkte, fehlte Simi für eine leidenschaftliche Madeleine, die sich gern hingab, entschieden die Fantasie. Und außerdem stand sie sowieso bestimmt auf Männer. Ob sie bei denen Leidenschaft empfand?

Simis Stirn runzelte sich in angestrengter Überlegung. Mit niemandem konnte sie sich Madeleine leidenschaftlich vorstellen, weder mit Männern noch mit Frauen. Außer natürlich leidenschaftlich wütend. Sanft und zärtlich? Liebevoll? Auf keinen Fall.

Während ihre Gedanken so auf Wanderschaft gingen, durchforstete sie ihre Schränke nach Essbarem, für ein Frühstück Geeignetes. Sie selbst brauchte nie viel, aß immer dasselbe, und eine zweite Person hatte sie noch nie eingeplant.

Sie hatte selbstgebackenes Brot und selbstgemachte Marmelade, Quark – ebenfalls selbstgemacht – und Honig von einem Biobauernhof hier in der Nähe, der Bienenstöcke hatte. Die machten auch Butter und Käse. Davon war ebenfalls noch ein kleiner Rest übrig. Demnächst hatte Simi vorgehabt, mal wieder in den Hofladen zu gehen.

Das war so ziemlich alles, was sie in ihren schmalen Wohnwagenschränken beziehungsweise dem kleinen eingebauten Kühlschrank finden konnte. Haferflocken gab es auch noch, aber sie hatte nicht mehr viel Milch. Auch da wäre ein Einkauf fällig gewesen. Beeren hatte sie aus ihrem eigenen kleinen Garten.

»Magst du Haferflocken zum Frühstück?«, rief sie durch das kleine Fenster hinaus. »Oder lieber Brot und Marmelade? Käse? Quark?«

Zuerst war es still, dann kam etwas zurück, das Simi nicht eindeutig als irgendwelche Wörter identifizieren konnte.

Deshalb ging sie zum Fenster und blickte hinaus. »Was hast du gesagt?«

Madeleine hatte mit dem Rücken zum Wohnwagen hin gesessen, jetzt drehte sie sich um und sah Simi über die Schulter hinweg an. »Ist das dein normales Frühstück?«, fragte sie, anscheinend etwas indigniert.

»Eier gibt es leider keine mehr«, erwiderte Simi. »Die wollte ich erst heute oder morgen wieder vom Bauernhof holen.« Sie lächelte. »Oder meintest du Brötchen? Die gibt es vorn am Kiosk. Der ist allerdings noch nicht geöffnet.«

In Madeleines Kopf schien etwas zu rattern. »So früh bin ich noch nie aufgestanden«, bemerkte sie verwundert. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.«

»Mein Brot ist ziemlich frisch«, gab Simi zurück. »Wenn auch nicht weiß. Ich verwende nur Vollkornmehl.«

Wieder brauchte das anscheinend einige Zeit, bis es in Madeleines Gehirn verarbeitet worden war. »Du backst selbst Brot?«

»Ich habe einen Brennofen für meine Töpferwaren«, erklärte Simi und lachte. »Mit etwas weniger Hitze kann man darin auch Brot backen.«

»Erstaunlich.« Madeleine schien tatsächlich beinah sprachlos im Angesicht dieser Auskunft.

»Wenn du auf Brötchen warten willst –«, setzte Simi an.

»Nein, nein.« Leicht konsterniert drehte Madeleine sich im Stuhl zurück, sah Simi nicht mehr an und sprach in die Luft hinein. »Brot ist schon in Ordnung.«

Schmunzelnd schüttelte Simi den Kopf. Was war Madeleine zum Frühstück gewöhnt? Hummer und Kaviar? Da hatte sie jetzt Pech gehabt. In dem einfachen Leben, das Simi führte, gab es so etwas nicht.

Sie stapelte ihre Schrankfunde auf ein handwerklich sehr schön gearbeitetes Holztablett, fügte Teller, die genauso wie die Becher aus ihrer eigenen Produktion stammten, Messer und Löffel hinzu und ging damit hinaus.

»Das ist so ungefähr alles, was ich habe«, gestand sie lachend. »Entweder selbstgemacht oder vom Hofladen. Woanders kaufe ich selten ein. Nur im Notfall. Wenn ich etwas brauche, das es dort nicht gibt.«

»Selbstgemacht oder vom Bauernhof«, wiederholte Madeleine genauso verwundert, wie sie die ganze Zeit schon gewirkt hatte.

Anscheinend fand sie das alles sehr exotisch.

10

Langsam fühlte Madeleine, wie ihr Magen sich meldete. Die Anstrengung von heute Morgen hatte das Hungergefühl eine Weile unterdrückt, aber das ganze Gerede über Essen und jetzt auch das Tablett, das vor ihr stand und das Simi gerade abräumte, um die Sachen einzeln auf den Tisch zu stellen, ließen ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Das war zwar nicht die Art Frühstück, die sie gewohnt war, aber im Grunde genommen war ihr das völlig egal. Sie wusste, dass sie auf Simi einen sehr verwöhnten Eindruck machen musste – und das war sie vermutlich auch, dessen wurde sie sich immer mehr bewusst in dieser Umgebung –, aber im Moment hatte die Biologie ihres Körpers die Oberhand gewonnen.

»Landet alles im selben Magen«, murmelte sie selbstvergessen vor sich hin, ohne dass sie überhaupt wahrnahm, dass sie es laut aussprach.

»Das hat mein Großvater immer gesagt.« Mit lachenden Augen sah Simi sie an.

Was für Augen . . .

»Was? Ach so. Bei mir meine Großmutter«, erwiderte Madeleine und versuchte, sich zusammenzureißen.

Bisher hatte die Erschöpfung es ihr fast unmöglich gemacht, sich mit irgendetwas anderem als ihren nächsten Bedürfnissen zu beschäftigen, aber auch wenn sie sich müde fühlte, ließ dieser Zustand langsam nach.

»Lebt sie noch?«, fragte Simi. Sie setzte sich nun Madeleine gegenüber an den leicht überladen wirkenden kleinen Campingtisch.

»Wer?« Madeleines Aufmerksamkeit war ziemlich absorbiert von dem, was vor ihr stand.

»Deine Großmutter«, erklärte Simi. »Mein Großvater ist nämlich leider tot.«

Langsam nickte Madeleine und nahm sich nun eine Scheibe von dem sehr dunkel aussehenden Brot. Wegen der Figur hatte sie schon lange Zeit kein Brot mehr gegessen, dunkel oder hell, und es kam ihr fast wie ein Traum vor.

»Sie lebt«, sagte sie. »Aber ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Als Kind war ich ein paarmal bei ihr.«

»Das ist schade, wie man sich aus den Augen verliert, nicht wahr?« Simi griff nach der Marmelade. »Obwohl ich versuche, Kontakt mit meiner Familie zu halten, ist das nicht immer einfach. Meine Eltern sind mittlerweile Rentner und leben in Spanien.«

»Skype?«, fragte Madeleine, ehrlich gesagt jedoch ziemlich uninteressiert, denn sie nahm sich im selben Augenblick eine Scheibe Käse, die sie fast feierlich auf ihr Brot legte.

»Sicher.« Simi nickte. »Das machen wir so oft wie möglich, aber ich habe keinen Computer. Ich muss dafür immer extra ins Internetcafé gehen.«

»Das geht doch auch mit dem Handy.« Der erste Bissen des belegten Brotes nahm nun Madeleines Aufmerksamkeit völlig in Anspruch.

»Habe ich auch nicht.« Simi lachte. »Ich weiß. Niemand glaubt mehr, ohne Handy und Internet leben zu können, aber das ist ein Irrtum.«

Kurz schloss Madeleine die Augen. Endlich wieder zu essen war immer ein Erlebnis, auch nach jeder ihrer Fastenkuren, aber diesmal hatte sie nicht freiwillig gefastet, sondern war von den Umständen dazu gezwungen worden. Das war ein Unterschied.

»Ist es das?«, fragte sie zurück, nachdem sie heruntergeschluckt hatte. »Warum? Wie soll man sonst Sachen erledigen?«

»Wie früher?« Simi hob leicht zwinkernd die Augenbrauen. »Wie zu den Zeiten meines Großvaters und deiner Großmutter.«

Madeleines Hungergefühl drängte sie dazu, die ganze Scheibe Käsebrot auf einmal in sich hineinzuschlingen, aber wenn sie eins in ihrem Leben gelernt hatte, dann war es Zurückhaltung in Bezug auf Essen. Oder auf Gefühle. Was sich ganz ähnlich anfühlte.

»Das klingt ziemlich sentimental«, sagte sie.

Simi zuckte die Schultern. »Ist mir egal, wie das klingt. Tatsache ist, dass damals niemand ein Handy hatte, es kein Internet gab, keine Onlineshops, keine sozialen Medien, und die Leute es trotzdem überlebt haben.« Sie lachte, verstrich die Marmelade auf ihrem Brot und biss hinein.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Simi das von sich gab, machte Madeleine für einen Augenblick sprachlos. Sie hatte noch nie jemanden gekannt, der ohne Handy lebte. Und das auch noch freiwillig.

Im Gegenteil, wenn ein Akku einmal zur Unzeit leer war oder ein Handy den Geist aufgab, wurde das jedes Mal als größere Katastrophe eingestuft. Alle starrten ständig auf ihre kleinen Bildschirme, selbst wenn sie sich mit jemandem unterhielten.

Sofern sie das überhaupt taten. Man saß höchstens am selben Tisch, aber eine richtige Unterhaltung kam oft gar nicht zustande. Nach der Begrüßung war jeder mit sich selbst und seinem kleinen Gerät beschäftigt, als wäre das eine unauflösliche Symbiose. Und viel wichtiger als jeder persönliche menschliche Kontakt.

Wann hatte sie zum letzten Mal mit jemandem an einem Tisch gesessen, auf dem keine Handys lagen? Sich tatsächlich mit jemandem unterhalten, ohne dass ständig irgendetwas piepte oder ein Klingelton losging? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern.

Es war fast wie eine fremde Erfahrung, die sie noch nie gemacht hatte. Eine neue Erfahrung. Wie so vieles in letzter Zeit und besonders, seit sie hier auf diesem Platz war.

»Und warum . . .«, sie räusperte sich, »warum machst du das?« Solche Fragen zu stellen war auch etwas Neues. Sie wusste gar nicht, wie sie darauf kam.

ENDE DER FORTSETZUNG

Sina Kani: Ein Bett im Caravan

1 »Das hast du dir selbst zuzuschreiben.« Madeleine hörte die Worte, aber sie konnte sie kaum...
»Ja, natürlich.« Madeleine nickte. Sie verstand das durchaus. In diesem Fall konnte sie Julianes...
»Das könnte doch dieser Peter sein«, vermutete Simi. »Kommt nach Jahren mal wieder vorbei.« »Nö....
Nachdem ihre Erstarrung sich gelöst hatte, atmete sie erst einmal tief durch. Das konnte alles...
Doch dass diese Frau meinte, Madeleine wäre jemand, die man einfach so irgendwo hinschicken...
Als die Liegefläche vor ihr ausgebreitet war, sie auf der einen Seite, Madeleine auf der anderen,...
Im Wohnwagen gab es keinerlei sanitäre Anlagen. Männer verrichteten ihre Notdurft ja wie Hunde...
Endlich trat sie aus ihrem Wohnwagen hinaus und kämpfte sich durch die Büsche die ersten Meter zum...
Sie richtete sich da nach dem alten Sprichwort, dass ein Halm, der sich im Wind beugte, nicht...
Währenddessen hustete Madeleine angestrengt und machte es ihr nicht gerade leichter. Aber zum...
»Ich sehe das anders«, setzte sie deshalb den Satz fort. »Ich faste regelmäßig.« »Mache ich auch...
Unwillkürlich lachte sie über sich selbst. Madeleine lächelnd? Und auch noch einladend? Mal ganz...