»Ich sehe das anders«, setzte sie deshalb den Satz fort. »Ich faste regelmäßig.«

»Mache ich auch ab und an.« Simi nickte. »Vor allem«, sie lachte, »weil ich das Essen oft über der Arbeit vergesse.«

»Arbeit?« Madeleine ließ ihren Blick über Simis leger gekleidete Gestalt gleiten. So würde sicherlich niemand ins Büro gehen.

Zwar hatte sie sich nach dem unverhofften Bad im See umgezogen, um die nasse Kleidung loszuwerden, aber das, was sie jetzt trug, sah praktisch genauso aus wie das, womit sie sich ins Wasser geworfen hatte.

»Ich töpfere«, erklärte Simi. »Damit verdiene ich hauptsächlich mein Geld.« Sie wies mit einer Hand auf die Töpferscheibe, die unter dem Vordach stand.

Wieder war Madeleine erstaunt. »Damit kann man Geld verdienen?«

Simi zuckte die Schultern. »Nicht viel, aber es reicht.«

Vorsichtig nippte Madeleine an ihrem Tee, der mittlerweile leicht abgekühlt war, sodass man ihn trinken konnte. Sie nahm einen Schluck.

Alles, was diese Simi ausstrahlte und verkörperte, erschien ihr außerordentlich fremd. Wie sie sich anzog, wie sie sich verhielt, wo sie wohnte, wie sie arbeitete, mit wie wenig Geld sie lebte, ohne anscheinend größere Ansprüche zu stellen.

»Dass ich damit auch Geld verdienen kann, ist sozusagen nur ein Nebeneffekt«, erklärte Simi. »Ich möchte damit mehr meine Kreativität ausdrücken. Es ist nicht immer funktional, was dabei herauskommt.« Sie lachte. »Aber zum Ausgleich mache ich dann auch mal ein paar Teebecher.« Hinweisend hob sie ihren eigenen Teebecher hoch.

Jetzt erst bemerkte Madeleine, dass diese Teebecher nicht industriell gefertigt waren. Es waren Einzelstücke, offenbar mit der Hand gemacht. Die Oberfläche war leicht ungleichmäßig, und sie waren mit verschiedenen Mustern bemalt.

So etwas war für sie die Art billigen Geschirrs, die vielleicht in eine Studentenbude gehörte, aber nicht in ein erwachsenes Leben. Nicht in ein Leben, wie sie es kannte. Hätte sie eine Dinnerparty mit solchem Geschirr veranstaltet, hätten die meisten ihrer Bekannten sie wohl ziemlich schräg angeguckt. Weil es ein Zeichen dafür gewesen wäre, dass sie sich nichts Besseres leisten konnte. Dass sie auf dem absteigenden Ast war oder nicht ganz richtig im Kopf.

Solche Sorgen hatte diese Simi augenscheinlich nicht. Ihr war das, was andere über sie dachten, offenbar völlig egal. Sie lebte ein Leben, das keine Zustimmung von anderen brauchte, das ganz in sich selbst ruhte, seinen Sinn aus sich selbst bezog.

Sinn – insbesondere der Sinn des Lebens – war etwas, worüber Madeleine sich noch nie Gedanken gemacht hatte. Niemand aus ihrer Umgebung tat das. Mit Ausnahme vielleicht von ein paar Männern und auch einigen Frauen, deren Lebenssinn anscheinend darin bestand, Geld zu verdienen. Viel Geld. So viel Geld wie möglich.

Sie hatten dann auch entsprechend teure Frauen oder manchmal Männer, die es für sie ausgaben. Denn dazu hatten Menschen, die sich immer nur ums Geldverdienen kümmerten, meistens gar keine Zeit.

Eine dieser Frauen, die sehr gut Geld ausgeben konnten, war Madeleine gewesen. Und auch darüber hatte sie sich keine Gedanken gemacht. Solange Geld da war, musste man das nicht tun.

Solange Geld da war . . . Das war eben das Problem. Denn selbst Geld zu verdienen, das hatte Madeleine nie gelernt. Womit auch? Sie konnte noch nicht einmal töpfern. Überhaupt nichts Nützliches.

Das war nicht Teil ihres Lebensplans gewesen.

Wenn sie überhaupt einen gehabt hatte.

9

Nachdenklich betrachtete Simi die Frau, die sie aus dem See gezogen hatte und die ehrlich gesagt immer noch so aussah wie eine nasse Katze, trotz der trockenen Kleidung, die Simi ihr gegeben hatte.

Sie war vermutlich eine dieser Frauen, die morgens immer sehr lange im Bad brauchten, bevor sie so aussahen, wie sie aussehen wollten. Bevor ihnen aus dem Spiegel das Bild entgegensah, das sie von sich selbst hatten.

Sogar eine Kurzhaarfrisur wie die von Madeleine Höriger war nicht dafür geschnitten, von allein in Form zu fallen, um die Sache praktischer zu machen. Sie musste geföhnt werden, damit sie der Absicht des Schnitts entsprach.

Dass etwas vor allem praktisch sein sollte, hätte auch gar nicht zu dieser Madeleine gepasst. Sie machte einen sehr unpraktischen Eindruck auf Simi. So als ob sie sich ihre langen Fingernägel noch nie an irgendetwas schmutzig gemacht hätte.

Aber warum sollte sie auch? Es war offensichtlich, dass sie normalerweise Personal hatte. Mit nichts, was man so tagtäglich brauchte, kannte sie sich aus. Das hatte sie wahrscheinlich immer ihren Dienstboten überlassen.

»Ich kann dir auch welche machen«, fuhr Simi in Hinsicht auf ihre Teebecher fort, von denen sie eben gesprochen hatten. »Falls du keine in deinem Wohnwagen hast.«

»Wie?« Madeleine fuhr wie aus einem Traum auf. »Nein. Ja. . . . Ich weiß nicht.« Der Blick ihrer blauen Augen blitzte jetzt nicht wütend wie zuvor, nachdem Simi sie nackt auf die Wiese gerettet hatte, sondern tatsächlich etwas verwirrt. »Ich habe noch nicht nachgeschaut.«

Freundlich lächelte Simi auf sie hinunter, da sie stand, während Madeleine saß. »Und bestimmt auch noch nicht gefrühstückt«, nahm sie an. »Ich auch nicht. Es ist ja noch sehr früh. Darf ich dich zum Frühstück einladen?«

Wie in einem Reflex legte Madeleines Hand sich auf ihren Bauch, oder – vor allem, da sie gar keinen Bauch hatte – wohl eher auf ihren Magen. »Frühstück«, wiederholte sie, als müsste sie erst darüber nachdenken, was das wohl sein könnte.

»Zu früh?«, fragte Simi. »Ich bin eine Frühaufsteherin, deshalb frühstücke ich auch sehr früh am Morgen, und da du schon so früh schwimmen gegangen bist, dachte ich –«

»Ich konnte nicht schlafen«, unterbrach Madeleine sie unwirsch. »Wie soll man das auch auf diesen . . .«, sie schien sich kurz zusammenzureißen, vielleicht weil ihr etwas in den Sinn gekommen war, das sie dann doch nicht sagen wollte, »Sitzkissen?«

Simi zuckte die Schultern. »Alles Gewohnheitssache. Aber ich muss zugeben«, sie lachte leicht, »in dem Wohnwagen sieht alles so aus, als wäre es schon fünfzig Jahre alt.«

»Ist es bestimmt auch.« Madeleine holte tief Luft. »Ich habe keine Ahnung, wann Peter den zum letzten Mal benutzt hat. Und davor«, ihre Augen wanderten in Richtung des Wohnwagens hinüber, »war er wohl auch nicht neu.«

»Könnte sein.« Zustimmend nickte Simi. »Aber bestimmt kann man trotzdem etwas daraus machen. Das haben viele hier getan. Mit neuen Matratzen und ein bisschen Eigeninitiative . . .«

»So lange bleibe ich nicht hier.« Madeleine stellte den Teebecher, den sie immer noch in den Händen gehalten hatte, mit einer entschiedenen Geste auf den Tisch zurück und stand auf.

Doch sofort begann sie zu taumeln und fiel fast genauso kraftlos in den Campingstuhl wie zuvor, als Simi sie von der Wiese bis hierher gestützt hatte. Anscheinend war ihr schwindlig geworden. So sah es jedenfalls aus. Kein Wunder nach dem anstrengenden Erlebnis im See.

»Ich glaube, du brauchst jetzt erst einmal Frühstück«, beschloss Simi deshalb. »Bleib hier sitzen. Ich mache was.«

Frühstück für zwei . . . Das war etwas, was sie schon lange nicht mehr gehabt hatte. Als sie in den Wohnwagen zurücksprang, kam ihr zu Bewusstsein, dass sie das hier auf dem Campingplatz überhaupt noch nie getan hatte, zu zweit frühstücken. Wenn sie ein gemeinsames Frühstück mit dem Kater nicht dazurechnen wollte.

Früher . . . Na ja, früher war alles anders gewesen. Aber auch damals hatte ein gemütliches Frühstück eher zu den Ausnahmen gehört. Sowohl allein als auch zu zweit. Im Bett oder außerhalb.

Ein gemeinsames Frühstück im Bett. Mit Madeleine. Ihr brach fast der Schweiß aus, als sie daran dachte. Seit sie Madeleine nackt gesehen hatte, ging ihr das Bild nicht mehr aus dem Sinn, wie sie auf einer Matratze aussehen würde. Erwartungsvoll lächelnd und einladend.

Sina Kani: Ein Bett im Caravan

1 »Das hast du dir selbst zuzuschreiben.« Madeleine hörte die Worte, aber sie konnte sie kaum...
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