Währenddessen hustete Madeleine angestrengt und machte es ihr nicht gerade leichter. Aber zum Schluss schaffte Simi es, sie auf die Wiese am Rand des Sees zu befördern.

»Dreh dich zur Seite«, wies sie sie an, weil Madeleine gleichzeitig hustete und keuchte. »Dann kommt das Wasser besser raus.« Sie drückte ihre Schulter hoch und half ihr, die richtige Position zu finden.

Viel Wasser war es nicht. Das meiste hatte sich schon in diese brennenden kleinen Tröpfchen verwandelt, die das Atmen fast wie Ersticken erscheinen ließen und so schwer loszuwerden waren. Aber endlich keuchte Madeleine nur noch, hustete nicht mehr.

»Alles gut?«, fragte Simi, legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Mühsam nickte Madeleine. Sprechen konnte sie anscheinend noch nicht.

»Hast du die Verbotsschilder nicht gesehen?« Simi hob die Augenbrauen. »Baden ist im See nicht erlaubt. Wegen der Schlingpflanzen. Man darf höchstens mit einem Boot hinausfahren.«

Madeleines Augen wurden langsam wieder klar. Und ablehnend. »Nein, ich habe keine Schilder gesehen«, brachte sie mehr krächzend als sprechend hervor. Ihre blauen Augen begannen leicht wütend zu blitzen wie die Oberfläche des Wassers, wenn sich die Sonne darin spiegelte. »Die haben sie wohl versteckt.«

»Da, wo dein Wohnwagen steht, geht normalerweise niemand ins Wasser.« Simi versuchte, Madeleines offensichtlich schlechte Laune zu ignorieren. Vielleicht wäre sie auch nicht besonders gut gelaunt gewesen, wenn sie gerade fast ertrunken wäre.

Madeleine öffnete die Lippen, wurde jedoch von einem erneuten Hustenanfall daran gehindert, etwas zu sagen. Als sie ihn überstanden hatte, straffte sie ihre Schultern.

»Danke«, sagte sie, auch wenn ihr das offensichtlich schwerfiel. »Ich dachte schon . . .«

»Tja, dazu wäre es ja auch fast gekommen«, nickte Simi. »So früh morgens ist hier kaum jemand wach. Außer mir. Ich habe den Sonnenaufgang beobachtet.«

Madeleine sah sie an, als hielte sie sie für nicht ganz normal.

»Hast du irgendwo was zum Anziehen?«, fragte Simi. »Sonst hole ich schnell was von mir.«

Es schien, als ob Madeleine erst jetzt bewusst wurde, dass sie nackt war. Sie blickte an sich hinunter und schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte.

»Ich hole schnell was!«, rief Simi und sprang auf. »Warte hier auf mich!«

8

Das war ja ein erfolgreicher Morgen gewesen . . .

Madeleine saß da, nackt und bloß, wie sie diese Welt als Baby betreten hatte, und die Erschöpfung ließ sie nur daran denken, sich hinlegen zu wollen und zu schlafen.

Aber hier auf der Wiese und nackt – das ging ja wohl überhaupt nicht. Bald würden auch andere Leute außer dieser . . . Simi kommen und sie hier entdecken.

Außerdem begann sie zu frieren. Sie legte die Arme um sich, um sich zu wärmen. Die Strahlen der Sonne waren jetzt so früh am Morgen leider noch nicht stark genug dazu.

Suchend blickte sie sich um. Ihre Sachen mussten doch irgendwo sein. Wahrscheinlich da drüben hinter den Büschen. Ja, davor stand ihr Wohnwagen, auch wenn sie ihn von hier nicht sehen konnte.

Dennoch war sie ein ganzes Stück entfernt von den Büschen an Land gekommen. Oder wohl besser gesagt von dieser Frau gezogen worden, die Zeugin dieser Peinlichkeit geworden war und sich jetzt wahrscheinlich über Madeleine kaputtlachte.

Gerade wollte Madeleine sich aufrappeln, um zu den Bäumen zu laufen, doch sie schaffte es kaum zu kriechen. Also fiel sie wie ein nasser Sack auf den Rücken zurück.

»Schon wieder da!« Die fröhliche Stimme unterbrach Madeleines schweres Atmen.

Im nächsten Moment wurde ihr eine Kapuzenjacke hingehalten.

»Viel habe ich nicht, was ich dir anbieten kann, aber fürs Erste wird das wohl reichen. Und das.«

Eine labbrige Jogginghose folgte der Kapuzenjacke in Madeleines Sichtfeld.

Als Madeleine die Sachen nicht nahm, warf Simi ihr die Kapuzenjacke über die Schultern. »Komm. Ich habe schon mal Wasser aufgesetzt. Dann können wir Tee trinken, wenn wir in den Wagen kommen. Damit kannst du dich aufwärmen. Der See ist doch ziemlich kalt jetzt am Morgen.«

Mit festem Griff half Simi Madeleine auf die Beine. Da sie nun schon einmal stand, schlüpfte sie schnell in die Kapuzenjacke. Die war lang genug, um all ihre Blößen zu bedecken. Als sie die Hose anziehen wollte, fiel sie jedoch fast um, konnte das Gleichgewicht nicht halten. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Wieder war Simi wie ein Fels in der Brandung, stützte sie, half ihr fast wie einem kleinen Kind, die Hose Bein für Bein anzuziehen.

In Madeleine krampften sich Wut, Peinlichkeit und Abwehr zu einem Gefühl zusammen, das ihr wie ein Mühlstein im Magen lag. Sie wollte weg hier! Sie wollte einfach nur weg hier! Ihren Wohnwagen von innen abschließen und niemanden hereinlassen.

Doch ihre Schwäche machte sie zu einem leichten Opfer für Simis Hilfsbereitschaft, die sie entschlossen zu ihrem eigenen Wohnwagen führte. Madeleine hätte sie nicht davon abbringen können, weil sie nicht genug Kraft dazu hatte. Sie fühlte ihre Muskeln zittern, und sie weigerten sich, ihrem Befehl zu folgen.

Also ergab sie sich für den Moment in ihr Schicksal. Vor allem auch deshalb, weil der Campingplatz erwachte, sie immer mehr Geräusche hörte, wie Wagen, Zelte und Vordächer geöffnet wurden, Stimmen erklangen, leise Musik. Diese ganzen Menschen mussten nicht sehen, wie sie zu einem Wohnwagen geschleppt wurde, als wäre sie invalide.

Ihre Knie fühlten sich an wie Pudding, als sie endlich den Wohnwagen erreicht hatten. Viel weiter hätte sie es nicht geschafft.

»Setz dich«, sagte Simi und wies auf einen Gartenstuhl unter dem Vordach. »Ich bringe den Tee gleich. Dann erwachen deine Lebensgeister schnell wieder.«

Sie sprang in den Wagen hinein.

Erst jetzt fiel Madeleine auf, dass diese unverschämte Simi sie die ganze Zeit duzte. Hatte sie ihr das erlaubt? Zwar hatte Simi ihr erklärt, dass sich hier auf dem Campingplatz alle mit dem Vornamen ansprachen, aber auch da konnte man Sie sagen.

Andererseits . . . Diese Frau hatte sie aus dem Wasser gezogen, als sie sich selbst nicht mehr helfen konnte, war sozusagen ihre Lebensretterin.

Etwas Unsägliches war passiert. Sie fühlte sich dieser Frau verpflichtet. Das war ein Gefühl, das sie eigentlich gar nicht kannte.

Es gefiel ihr auch nicht, aber sie konnte es nicht zum Verschwinden bringen. Nicht jetzt jedenfalls. Vielleicht später. Morgen. Aber im Augenblick –

»Schöner, heißer Tee!«, kündigte Simis Stimme an, die immer so klang, als wäre die Welt ein wunderbarer Ort, an dem jeder sorgenfrei leben könnte.

Gleich darauf standen zwei Teebecher auf dem Campingtisch, und Simi goss ein.

»Brauchst du irgendwas? Zucker? Milch?« Sie legte leicht den Kopf schief. »Ich denke, man braucht das bei dieser Sorte nicht, aber jeder hat seine eigene Meinung.«

»Was ist es denn für eine Sorte?«, fragte Madeleine, ohne vorher zu überlegen.

»Mate«, gab Simi Auskunft. »Den kann man immer trinken.«

»Mate.« Madeleine nickte. »Ja, den kann man so trinken. Den Zucker darin habe ich mir mühsam abgewöhnt. Zu viele leere Kalorien.«

Unwillkürlich streifte Simis Blick über ihre Figur, die jetzt in den schlabbrigen Klamotten kaum zu erkennen war. Aber Madeleine konnte sich gut vorstellen, dass Simi nicht diese Klamotten sah, sondern ihren nackten Körper darunter, den sie schließlich ausgiebig hatte betrachten und sogar berühren können.

»Darüber musst du dir doch keine Gedanken machen.« Simi lachte. »Ich finde sowieso, dass das Quatsch ist.«

»Das kannst du ja finden –« Madeleine brach ab. Jetzt hatte sie es doch getan. Sie hatte diese Frau, die sie sich eigentlich vom Leib halten wollte, geduzt.

Aber was sollte es? War das jetzt noch wichtig? Nach allem anderen, was in ihrem Leben in die Brüche gegangen war, war das wohl ihr geringstes Problem.

Sina Kani: Ein Bett im Caravan

1 »Das hast du dir selbst zuzuschreiben.« Madeleine hörte die Worte, aber sie konnte sie kaum...
»Ja, natürlich.« Madeleine nickte. Sie verstand das durchaus. In diesem Fall konnte sie Julianes...
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