Sie richtete sich da nach dem alten Sprichwort, dass ein Halm, der sich im Wind beugte, nicht brechen konnte. Im Gegensatz zu einem starren Ast, der sich dem Wind entgegenstellte. Es war viel leichter, wenn man das Leben so betrachtete.

Lange war sie Teil dieser Hektik gewesen, jetzt wollte sie das nicht mehr. Das Streben vieler Menschen nach Geld und Erfolg erschien ihr unnütz. Man brauchte gerade so viel, wie man eben brauchte, um zu leben. Dann war man viel glücklicher.

Eine ganze Weile hatte sie so gesessen, den Kater aus dem Augenwinkel beobachtet, wie er fraß und dann wieder verschwand, den Geräuschen gelauscht, die Gerüche des erwachenden Tages in sich aufgenommen.

Die Vögel zwitscherten am frühen Morgen manchmal so laut, dass sie an die Wochenendcamper erinnerten. Doch dann plötzlich war Ruhe. Es war, als würden sie sich einfach nur freuen, dass sie nicht mehr schlafen mussten, dass die Sonne aufgegangen war und ein neuer Tag ihnen wunderbare Erlebnisse versprach.

Auch wenn das vielleicht jedes Mal dieselben waren. Vögel waren nicht so anspruchsvoll wie Menschen, die immer wieder etwas Neues brauchten. Die sich nicht zufriedengeben konnten und deshalb oft frustriert und unglücklich mit dem Schicksal haderten.

Sie musste zugeben, dass sie selbst auch einmal zu diesen Menschen gehört hatte. Wie froh war sie, dass das nicht mehr der Fall war. Es war eine Zeit gewesen, an die die Erinnerung immer mehr verschwamm.

Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, brachte sie Becher und Teekanne in den Wohnwagen zurück, spülte sie aus und trocknete sie ab. Währenddessen blickte sie geistesabwesend aus dem Fenster hinaus, das auf den See zeigte.

Durch die etwas erhöhte Position des Wagens konnte sie ihn gut überblicken. Ihr Eingangsbereich und das Vordach lagen jedoch in die andere Richtung.

Da war doch etwas. Sie kniff die Augen zusammen. Schwamm da jemand?

Das war ungewöhnlich, zudem noch um diese frühe Morgenstunde. Aber auch, weil Baden im See eigentlich verboten war.

Vor allem Kinder verstießen immer wieder gegen diese Vorschrift, doch wenn nicht gerade Wochenende war, wenn nur die Dauercamper auf dem Platz waren, hielt sich meistens jeder daran.

Man hielt sich schon mal am Ufer auf, ließ die Füße ins Wasser baumeln, und es gab sogar Boote. Die gehörten den Leuten, die ihre Mobilheime direkt am Wasser hatten. Aber schwimmen tat auch von denen niemand.

Auf einmal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Das musste Madeleine Höriger sein! Sie war neu hier und hatte die Verbotsschilder eventuell übersehen. Oder einfach nicht darauf geachtet. Was gut zu ihrem arroganten Auftreten passen würde.

Was für andere galt, galt für sie noch lange nicht. Sie war etwas Besonderes und konnte einfach tun, was sie wollte, hielt sich an keine Regeln. Die waren nur für Kleingeister. Für die unteren Zehntausend.

Seufzend schüttelte Simi den Kopf. Das würde noch Ärger geben. Diese Frau trug das Wort Ärger quer über die Stirn geschrieben.

Als sie sich schon abwenden und in ihren Garten gehen wollte, veränderte sich etwas an dem Bild, das sie aus der Entfernung wahrgenommen hatte. Es wurde ungleichmäßig, chaotisch. Wasser spritzte hoch und Arme fuchtelten durch die Luft.

Simi kniff die Augen zusammen und versuchte, mehr zu erkennen. Was war da los? Leider hatte sie kein Fernglas wie Nele, deshalb konnte sie nur Vermutungen anstellen. Aber es sah . . . nicht gut aus. Gar nicht gut.

Rasch warf sie das Geschirrhandtuch zur Seite und rannte, nein sprang mit einem großen Satz zur Tür hinaus. Sie drehte fast noch im Sprung um, raste durch ihren Garten und über die Wiese, die dahinter lag, zum See hinunter.

Je näher sie ihm kam, desto mehr hörte sie nun auch Geräusche. Gurgelnde Geräusche und Rufe.

»Hilfe! Hil-!« Erneut gurgelnd brachen die Rufe ab.

Ihr blieb fast das Herz stehen. Um ein Boot zu holen, war es zu spät. Sie musste selbst in den See springen. Ohne auf ihre Kleidung zu achten, lief sie ohne anzuhalten direkt ins Wasser hinein, als sie es erreicht hatte.

Das Wasser spritzte hoch, es klatschte fast wie Applaus, als sie die Wasseroberfläche mit den Armen vor sich teilend mit Storchenbeinen so weit wie möglich hineinrannte, bevor der Untergrund jäh abfiel.

Das kam so plötzlich, dass sie nach Luft schnappte, aber Wasser schluckte. Hustend kam sie wieder hoch. Das hätte sie wissen sollen.

Aber hatte sie nicht. Und das war jetzt auch völlig egal. Da draußen ertrank ein Mensch, und das musste sie verhindern.

Immer noch gegen den Hustenreiz ankämpfend begann sie zu schwimmen. Weitausgreifende kraulende Bewegungen, während ihre Füße mit affenartiger Geschwindigkeit das Wasser hinter ihr wie eine Schiffsschraube aufschäumen ließen.

Der See war nicht besonders groß, aber trotzdem dauerte es eine Weile, bis sie die um Hilfe Rufende erreicht hatte, denn sie war ganz schön weit hinausgeschwommen.

Auch wenn sie vermutet hatte, dass es Madeleine war, erkannte sie sie inmitten der verzweifelten Bewegungen und mit verzerrtem Gesicht, mit Haaren, die wie Algen an ihrer Stirn und an ihren Schläfen klebten und dadurch nicht mehr blond, sondern dunkel erschienen, kaum wieder.

»Ruhig!«, rief sie ihr zu. »Ganz ruhig! Je mehr du dich bewegst, desto schlimmer wird es.«

Die Ertrinkende hörte sie nicht. In ihrem Kopf rauschte wahrscheinlich nur jedes Denken lähmende Angst, die alles andere übertönte. Weiter schlug sie verzweifelt um sich, strampelte mit den Beinen und wurde immer tiefer unter Wasser gezogen.

Simi tauchte und versuchte Madeleines Beine aus den Schlingpflanzen zu befreien, die sie festhielten. Doch dabei schlugen Madeleines Tritte sie fast k. o. So ging es nicht.

Also tauchte sie wieder auf und versuchte Madeleine zu beruhigen.

»Ich bin es, Simi. Ich helfe dir. Aber du musst deine Beine stillhalten.«

In Madeleines Augen sah sie jedoch nur Panik. Panik und Hilflosigkeit. Simi wusste nicht einmal, ob sie sie erkannte.

Auf jeden Fall strampelte sie weiter und unterstützte damit die im Wasser wogenden Arme der Schlingpflanzen noch mehr, die sie hinunterzogen.

Unaufhörlich trat Simi neben ihr Wasser, griff nach ihrer Schulter, schüttelte sie. »Madeleine! Madeleine! Hör auf! Bleib still! Dann mache ich dich los.«

Auf einmal schien es, als ob Madeleine sie hörte. Ihre Augen öffneten sich weit, und sie sah Simi an.

»Gut«, seufzte Simi. »Ich dachte schon, ich müsste dich bewusstlos schlagen wie in irgendwelchen Fernsehserien.«

Madeleine schien kurz wie erstarrt, sank dadurch aber auch wieder unter die Wasseroberfläche. Noch einmal wild mit den Armen fuchtelnd und sich fast auf dem Wasser abstützend kam sie hoch, holte tief Luft und sank erneut unter Wasser, diesmal absichtlich, strampelte nicht mehr.

Wie ein Pfeil tauchte Simi hinab und befreite ihre Füße von den Schlingpflanzen, auch wenn das gar nicht so einfach war. Natürlich hatte sie nicht daran gedacht, ein Tauchermesser mitzubringen. Außerdem besaß sie so etwas auch gar nicht.

Endlich waren Madeleines Füße frei, und sie konnte wieder auftauchen. Doch sie war so erschöpft, dass sie allein deshalb wieder hinuntersank, kaum dass sie mit dem Kopf über Wasser gelangt war.

»Kannst du ans Ufer schwimmen?«, fragte Simi, während sie neben ihr im Wasser die Stellung hielt.

Madeleine nickte, doch es sah nicht so aus, als sie es versuchte.

Also hob Simi einen Arm, um ihr zu signalisieren, dass sie aufhören sollte. »Leg dich auf den Rücken. Ich schleppe dich.«

Anscheinend verstand Madeleine nicht sofort, also drehte Simi sie im Wasser, erfasste sie mit festem Griff und hielt ihren Kopf oben, während sie mit kräftigen Stößen ihres zweiten Arms und ihrer Beine zurück auf das Ufer zusteuerte.

Sina Kani: Ein Bett im Caravan

1 »Das hast du dir selbst zuzuschreiben.« Madeleine hörte die Worte, aber sie konnte sie kaum...
»Ja, natürlich.« Madeleine nickte. Sie verstand das durchaus. In diesem Fall konnte sie Julianes...
»Das könnte doch dieser Peter sein«, vermutete Simi. »Kommt nach Jahren mal wieder vorbei.« »Nö....
Nachdem ihre Erstarrung sich gelöst hatte, atmete sie erst einmal tief durch. Das konnte alles...
Doch dass diese Frau meinte, Madeleine wäre jemand, die man einfach so irgendwo hinschicken...
Als die Liegefläche vor ihr ausgebreitet war, sie auf der einen Seite, Madeleine auf der anderen,...
Im Wohnwagen gab es keinerlei sanitäre Anlagen. Männer verrichteten ihre Notdurft ja wie Hunde...
Endlich trat sie aus ihrem Wohnwagen hinaus und kämpfte sich durch die Büsche die ersten Meter zum...
Sie richtete sich da nach dem alten Sprichwort, dass ein Halm, der sich im Wind beugte, nicht...
Währenddessen hustete Madeleine angestrengt und machte es ihr nicht gerade leichter. Aber zum...
»Ich sehe das anders«, setzte sie deshalb den Satz fort. »Ich faste regelmäßig.« »Mache ich auch...
Unwillkürlich lachte sie über sich selbst. Madeleine lächelnd? Und auch noch einladend? Mal ganz...