Endlich trat sie aus ihrem Wohnwagen hinaus und kämpfte sich durch die Büsche die ersten Meter zum See hinunter, bis es offener wurde. Da endete wohl diese kleine Parzelle, um die Peter sich nie gekümmert hatte. Am See war der Rasen zentimeterkurz geschnitten.

Es war ziemlich früh am Morgen, weil sie nicht gut hatte schlafen können. Außer ihr schien noch niemand wach zu sein. Das kam ihr gerade recht. Sie würde nicht lange brauchen und dann ungesehen wieder in ihrem Wohnwagen verschwinden können.

Schnell legte sie die Tennisschuhe, die Leggings und das Top, in denen sie jeden Morgen joggte, an einer Stelle ab, die noch von einem Busch geschützt war, warf das Handtuch darüber und sprang dann in den See.

Es war kalt, sehr kalt. Sie hatte vergessen, dass das hier kein beheizter Pool war, und gar nicht daran gedacht, die Temperatur des Wassers erst einmal vorsichtig mit dem Fuß zu prüfen. Doch es dauerte nur eine Minute, da hatte sie sich an das Wasser gewöhnt und fand es sehr erfrischend. Wenn sie morgens nach dem Joggen duschte, duschte sie schließlich auch zum Schluss kalt.

Auf einmal fühlte sie ihre Lebensgeister erwachen. In den letzten Tagen hatte sie sich manchmal fast wie tot gefühlt oder zumindest kurz davor. Schon länger als in den letzten Tagen. Doch da war es wirklich ernst geworden.

Sie begann zu schwimmen und fühlte die Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers, der trotz seiner zweiundvierzig Jahre von regelmäßigen Fitness- und Pilatesstunden gut trainiert war. Ebenso fastete sie regelmäßig, weshalb es ihr jetzt nicht viel ausmachte, nichts zu essen.

Glücklicherweise war ihre blonde Kurzhaarfrisur nicht sehr empfindlich. Dennoch würde sie nach diesem Bad im See sicher ihren damenhaften Touch verlieren. Vielleicht konnte sie da mit dem Föhn nachher noch etwas retten, auch wenn sie dazu in den Sanitärbereich gehen musste, denn im Wohnwagen war kein Strom.

Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie sich wirklich wohlfühlte. Sie hatte schon fast vergessen, wie das war. Mittlerweile hatte sie sich notgedrungen eher daran gewöhnt, dass es nicht so war. Den größten Teil ihres Lebens hatte sie jedoch noch nicht einmal darüber nachgedacht.

Sie hatte auch gar nicht darüber nachdenken müssen. Es war nie nötig gewesen. Sie war in eine Familie hineingeboren worden, in der man nicht über Geld sprach. Weil man es einfach hatte. Die, die es nicht hatten, waren selbst schuld.

So hatte sie es von klein auf gehört, und natürlich hatte sie das geglaubt. Warum sollte sie auch nicht? Es gab niemanden, der ihr etwas anderes erzählte. Sie wusste noch nicht einmal, dass eine andere Sichtweise existierte.

Dann hatte sie festgestellt, dass sie sich mehr für Frauen interessierte als für Männer. Zum ersten Mal hatte sie gemerkt, was es hieß, nicht der Norm anzugehören. Zumindest nicht der Norm, die für ihre Familie bestimmend war.

Sie hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt, doch in diesen ihren Teenagerjahren wurde es noch schlechter. Ihrem Vater war sie – das hatte sie schon sehr früh in ihrem Leben feststellen müssen – mehr als egal. Deshalb interessierte ihn auch nicht, mit wem sie schlief. Er schlief sowieso, mit wem er wollte.

So wurstelte sie sich ziemlich allein durch die Pubertät, und ihr Panzer wurde immer dicker. Mit Geld konnte sie sich alles kaufen, was sie sich wünschte, und das tat sie auch ausgiebig. Das störte niemanden, denn es war ja genug davon da.

Auch wenn sie manchmal in Filmen sah, dass es da noch etwas anderes geben musste, in ihrem eigenen Leben sah sie das nie. Hatte sie es deshalb auch nicht vermisst?

Von frühester Jugend an wechselte sie von Party zu Party, manchmal ohne große Unterbrechungen dazwischen. Sie hatte viele angebliche Freundinnen und Freunde, traf auch die eine oder andere Frau, mit der sie Sex hatte, doch es wurde nie etwas Festes daraus.

Bis sie Jana getroffen hatte. Jana war so etwas wie ein Wunder für sie gewesen, denn sie war die erste Frau, bei der sich in Madeleine Gefühle entwickelten, die über reinen Sex hinausgingen. Sie hatte das ein wenig irritierend gefunden, aber trotzdem nicht lange darüber nachgedacht. Sie war es nicht gewöhnt, über Dinge nachzudenken, denn sie musste es nie.

Jana hatte immer viel Geld gehabt, aber das war ja nichts Besonderes. Dennoch schien sie nicht aus derselben Gesellschaftsschicht zu stammen wie Madeleine, wie sich an einigen Kleinigkeiten zeigte.

Sie sprach viel über Geld, was Leute, die mit vollen Kreditkarten in ihrer Wiege geboren worden waren, so gut wie nie taten. Es galt als unfein.

Außerdem arbeitete Jana tatsächlich. Sie hatte ihr Geld nicht geerbt wie praktisch alle anderen, die Madeleine kannte.

Was sie allerdings arbeitete, das wurde Madeleine nie so ganz klar. Es hatte mit Geld zu tun, mit Investitionen, mit der Börse, mit Aktien, mit dem Auf und Ab von Anlagewerten, die in der Welt herumgeschoben wurden, ohne dass sie je jemand zu Gesicht bekam.

Da ihre Mutter Jana nicht leiden konnte, war der Kontakt zu Madeleines Familie praktisch vollständig abgerissen. Unter den gegebenen Umständen hatte das Madeleine nicht viel ausgemacht. Für sie hatte sich nicht viel geändert.

Statt von dem Geld ihrer Familie lebte sie eben nun von Janas Geld. Sie merkte praktisch keinen Unterschied.

Bis . . . ja, bis plötzlich kein Geld mehr da war.

7

Simi stand morgens immer früh auf. Allein schon, um den Kater zu füttern. Aber das war nicht der einzige Grund. Sie war schon immer eine Frühaufsteherin gewesen. Dafür war sie abends sehr früh müde und lag weit vor Mitternacht im Bett.

Hier auf dem Campingplatz genoss sie es oft, am Morgen ganz allein zu sein. In ihrer unmittelbaren Umgebung gab es keine solchen Frühaufsteher wie sie.

Sie saß wie jeden Morgen mit einem Becher Tee unter dem Vordach und beobachtete den Sonnenaufgang, bis die Sonne sich langsam zu einem Punkt hinaufgearbeitet hatte, der sie gelb erstrahlen ließ. Es war wie das Erklimmen einer Leiter, auf der sie sich dann oben ausruhte.

Manchmal musste Simi richtig lächeln, wenn sie daran dachte, wie schwer es die Sonne doch haben musste, diese große Distanz zu überwinden. Dabei wusste sie ganz genau, dass das nur Einbildung war. Es war nicht die Sonne, die am Horizont aufstieg, sondern die Erde, die sich ihr entgegendrehte.

Wenn sie jedoch hier so saß, konnte sie sich gut vorstellen, wie die Menschen zu Galileos Zeiten das nicht hatten glauben können. Es sah einfach völlig anders aus.

Solche Gedanken gingen ihr immer einmal wieder durch den Kopf, auch wenn sie sich nicht ständig damit beschäftigte. Im täglichen Leben hatte sie andere Dinge zu tun.

Jetzt im Sommer verlangte der Garten, den sie um ihren Wagen herum angelegt hatte, tägliche Aufmerksamkeit. Diese Beschäftigung mit der Natur gab ihr viel Kraft, die sie früher oft vermisst hatte. Es war ein ganz anderes Leben hier. Die Hetze und Hektik der Stadt waren weit entfernt.

Nur wenn die Wochenendcamper auf dem Platz einfielen, wurden sie manchmal in diese Stille und Ruhe getragen. Insbesondere die Kinder konnten ihr Glück der plötzlichen Freiheit oft kaum fassen und gaben dem lautstark Ausdruck. Aber auch manche Erwachsene konnten anscheinend nicht leben, ohne Musik aus irgendwelchen Lautsprechern erschallen zu lassen.

Früher hätte sie so etwas aufgeregt. Jetzt nicht mehr. Sie wartete einfach ab, bis es vorbei war. Wenn es allzu schlimm wurde, machte sie lange Spaziergänge im Wald.

Sina Kani: Ein Bett im Caravan

1 »Das hast du dir selbst zuzuschreiben.« Madeleine hörte die Worte, aber sie konnte sie kaum...
»Ja, natürlich.« Madeleine nickte. Sie verstand das durchaus. In diesem Fall konnte sie Julianes...
»Das könnte doch dieser Peter sein«, vermutete Simi. »Kommt nach Jahren mal wieder vorbei.« »Nö....
Nachdem ihre Erstarrung sich gelöst hatte, atmete sie erst einmal tief durch. Das konnte alles...
Doch dass diese Frau meinte, Madeleine wäre jemand, die man einfach so irgendwo hinschicken...
Als die Liegefläche vor ihr ausgebreitet war, sie auf der einen Seite, Madeleine auf der anderen,...
Im Wohnwagen gab es keinerlei sanitäre Anlagen. Männer verrichteten ihre Notdurft ja wie Hunde...
Endlich trat sie aus ihrem Wohnwagen hinaus und kämpfte sich durch die Büsche die ersten Meter zum...
Sie richtete sich da nach dem alten Sprichwort, dass ein Halm, der sich im Wind beugte, nicht...
Währenddessen hustete Madeleine angestrengt und machte es ihr nicht gerade leichter. Aber zum...
»Ich sehe das anders«, setzte sie deshalb den Satz fort. »Ich faste regelmäßig.« »Mache ich auch...
Unwillkürlich lachte sie über sich selbst. Madeleine lächelnd? Und auch noch einladend? Mal ganz...