Im Wohnwagen gab es keinerlei sanitäre Anlagen. Männer verrichteten ihre Notdurft ja wie Hunde ungeniert an jeder Straßenecke, und Peter hatte es wohl nicht für nötig gehalten, irgendetwas im Wohnwagen zu haben. Zumal der den Campingplatz nie verließ. Ein paar Angelruten und alte Dosen waren darin gestapelt, ein paar Gummistiefel, sonst nichts.

Der Sanitärbereich war ausgeschildert, und sie folgte dem Weg, der dahin führte. Duschen und Toiletten gab es hier, das konnte sie den weißen Bildern auf blauem Hintergrund entnehmen.

Eine Dusche hatte sie natürlich auch nicht im Wagen, gar kein Wasser, und sie fragte sich, wie das werden sollte. Normalerweise duschte sie mehrmals täglich, zog sich auch mehrmals täglich um.

Aber das hatte sich ohnehin erledigt. Sie hatte gar nicht so viel an Kleidung mitgebracht. Was gut war, denn sie hätte überhaupt nicht gewusst, wie sie die im Wohnwagen unterbringen sollte. Augenblicklich war sie noch in ihrem SUV.

Der eigentlich auch schon nicht mehr ihr SUV war, denn die Leasingrate hatte sie schon eine Weile nicht bezahlt. Noch hatten sie den Wagen nicht abgeholt, aber das würde vermutlich bald geschehen. Sie konnte nur hoffen, dass sie sie hier auf diesem Campingplatz nicht so bald fanden.

Allerdings stellte sich schon in Kürze ein anderes Problem: Wie sollte sie das Benzin bezahlen? Kein Geld, keine Karten, kein Benzin.

All diese Gedanken schossen ihr durch den Kopf und machten sie ganz konfus. In so einer Situation war sie noch nie gewesen, und sie konnte nicht damit umgehen, wie sie jetzt merkte. So lief sie fast am Sanitärbereich vorbei.

Sie bemerkte es erst, als sie bereits am Restaurant angekommen war. Mehr ein Kiosk mit ein paar Tischen, sicherlich keine 5-Sterne-Lokalität, aber zumindest gab es hier etwas zu essen und ein paar Dinge des täglichen Bedarfs. Wenn man Geld hatte . . .

Wütend drehte sie um, weil sie sich hier nicht einmal einen Lutscher kaufen konnte – hätte sie das gewollt – und stapfte zum Eingang für die Toiletten und Duschen zurück.

Gerade, als sie hineingehen wollte, kam ein Mann in Badelatschen heraus, nur locker ein Handtuch um die Hüften geschlungen, das seinen dicken Bauch kaum bedeckte. Er grüßte sie freundlich, aber Madeleine hätte sich am liebsten übergeben. Da, wo dieser Fettwanst geduscht hatte, sollte sie vielleicht duschen? Niemals!

Doch jetzt musste sie zuerst einmal ein anderes Bedürfnis befriedigen, das sie nicht länger aufschieben konnte.

Mit angeekelt zusammengezogenen Augenbrauen ging sie in eine der Kabinen hinein, zog die Tür hinter sich zu und schloss ab, indem sie ihren Ärmel dazu benutzte, die Türklinke nicht berühren zu müssen.

Aber das war gestern gewesen, und heute war heute. Widerwillig hatte sie sich an die Toilette gewöhnt, aber die Duschen . . . Nein, das ging gar nicht! Dazu konnte sie sich nicht überwinden.

Schon gestern hatte sie deshalb auf eine Dusche verzichtet, aber heute ging das einfach nicht mehr. Sie musste duschen, sonst hätte sie sich selbst nicht mehr ertragen können. Der Geruch der Nacht hing noch an ihr, der Geruch des Schlafes und dieser scheußlichen Matratze.

Wie viele Leute darauf wohl schon geschlafen haben mochten? War Peter immer allein hier gewesen? Der Wohnwagen sah so aus, als hätte er ihn schon gebraucht gekauft.

Diese Matratze konnte Dutzenden von Menschen als Unterlage gedient haben. Brrr! Sie schüttelte sich innerlich.

Ja, sie hatte schon oft in Hotels geschlafen, aber merkwürdigerweise hatte sie sich dort nie darüber Gedanken gemacht, dass eventuell schon Hunderte, vielleicht Tausende von Menschen zuvor in ihrem Bett übernachtet hatten. Sie hatten immer wie neu ausgesehen. Wie man das von einem Hotel der Luxusklasse auch erwartete.

Das konnte man von dieser Matratze, die ja ohnehin nur eine Zusammenstellung von Sitzkissen war, auf denen vielleicht noch mehr Menschen gesessen als darauf geschlafen hatten, wirklich nicht sagen. Die Polster sahen alt aus und fühlten sich auch alt und durchgelegen oder vielleicht eher durchgesessen an.

Hätte sie Geld gehabt, hätte sie diese Unterlage sofort durch eine andere ersetzt. Sie seufzte. Hätte sie Geld gehabt, wäre sie gar nicht hier gewesen und hätte sich mit all diesen Problemen überhaupt nicht herumschlagen müssen.

Was machten Menschen ohne Geld in so einer Situation? Die sich nichts Neues kaufen konnten? Sie wusste es nicht.

Aber damit war das Duschproblem immer noch nicht gelöst. Konnte sie sich hier im Wohnwagen irgendwie waschen? Skeptisch schaute sie sich um. Das konnte sie sich nicht vorstellen. Dazu war viel zu wenig Platz, und Wasser hatte sie auch nicht. Das hätte sie erst einmal aus den Sanitäranlagen herschleppen müssen.

Langsam bekam sie auch Durst. Sie hatte noch etwas Mineralwasser im Auto gehabt, aber das war jetzt verbraucht.

Angeblich war das Wasser, das aus Wasserhähnen in Deutschland kam, ja trinkbar. Aber sollte sie wirklich das Wasser trinken, mit dem sie sich nach der Toilette die Hände gewaschen hatte? Wieder schüttelte es sie allein bei der Vorstellung.

Dennoch musste sie sich dem Problem in absehbarer Zeit stellen. Auf Essen konnte sie eine ganze Weile verzichten, das tat sie regelmäßig, aber Wasser brauchte sie unbedingt.

Doch zuerst einmal verschob sie das Problem nach hinten. Ihre Hände waren sauberer als der Rest ihres Körpers, weil sie sich nicht hatte duschen können. Das hatte jetzt erste Priorität.

Sie sah aus dem kleinen Bullaugenfenster hinaus in das dichte Buschwerk, das den Wohnwagen umgab. Zwischen den Blättern glitzerte das Wasser des Sees, der dahinter lag.

Ein See. Wasser. Nicht zum Trinken sicherlich, aber doch ganz bestimmt zum Baden. Vielleicht nicht zum Waschen gedacht, dennoch war es besser als nichts. Und hundertprozentig besser als eine Dusche, in der sie sich vielleicht Fußpilz holte.

Mindestens. Wer wusste, was Männer sonst noch so alles in einer Dusche trieben? Sie traute ihnen das Schlimmste zu.

Je länger sie das Glitzern betrachtete, desto mehr festigte sich ihr Entschluss. Sie würde in diesem See baden. Um Schweiß und Staub abzuwaschen, brauchte man keine Seife.

Gut, ihre Haare würde sie nicht ordentlich behandeln können. Aber dann musste sie sie eben unter einem Tuch verstecken. Das war nichts Neues.

Badezeug hatte sie zwar auch nicht, aber sie hatte schon oft genug nackt gebadet. Ehrlich gesagt mochte sie das. Und in Hotels konnte man das normalerweise nicht so einfach tun. Noch nicht einmal – insbesondere nicht – in Luxushotels.

So etwas überhaupt zu wollen zählte für ihre Mutter zu der Art Lebensstil, die sie verachtete. Dem Lebensstil, den sie ihrer Tochter vorwarf und den sie dafür verantwortlich machte, dass sie jetzt pleite war. Was auch immer das miteinander zu tun haben sollte.

Sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ein Handtuch hatte sie jedenfalls, das hatte sie schon gestern aus dem Wagen geholt. Die von den Dornen ruinierten hochhackigen Schuhe trug sie heute nicht mehr. Wozu hatte sie schließlich Tennisschuhe? So schnell würde sie vermutlich keinen Tennisplatz mehr betreten, da konnte sie sie auch hier auf diesem Platz ruinieren.

Ihr langer Seidenkimono, den sie als Morgenmantel trug, lag auf dem improvisierten Bett, aber den würde sie nicht mit hinunter an den See nehmen. Sie hing an diesem Kimono, der einmal ein Geschenk gewesen war, das jetzt allerdings nichts mehr bedeutete.

Mit allen Utensilien, die sie für nötig hielt, ausgestattet wartete sie kurz ab, indem sie sich umsah, ob jemand sie beobachtete. An diesem Morgen schienen jedoch alle mit sich selbst beschäftigt zu sein, was leider wohl nicht immer der Fall war.

Seit sie das mitbekommen hatte, war sie vorsichtig geworden. Sie wollte niemanden sehen, mit niemandem reden. Schon gar nicht mit den Leuten hier, die nichts mit ihr gemein hatten.

Sina Kani: Ein Bett im Caravan

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