Als die Liegefläche vor ihr ausgebreitet war, sie auf der einen Seite, Madeleine auf der anderen, und sie sich plötzlich vorgestellt hatte, wie Madeleine darauf niedersinken würde. Wie schön sie aussehen würde, wenn sie darauf lag. Wie verführerisch trotz ihrer ganzen herablassenden Abwehrhaltung.

Verführerische Frauen waren hier auf dem Campingplatz die Ausnahme. Um auf einem Campingplatz zurechtzukommen, um das zu mögen, womit man hier jeden Tag umgehen musste, war es von Vorteil, ein eher robuster Typ zu sein. Ein bodenständiger, praktischer Typ.

Nichts davon traf auf Madeleine zu. Wahrscheinlich konnte sie noch nicht einmal einen Knopf annähen.

»Na, wer ist sie?« Das war Nele, die sie unvermittelt aus ihren Gedanken riss. »Peters Frau?«

Sie stand mit einem Fuß auf der untersten Treppenstufe, die in Simis Wohnwagen hineinführte, und streckte ihren Kopf vor wie ein Truthahn, der gleich zum Angriff übergehen wollte.

Obwohl sie sich erst noch von Madeleines verführerischem Bild auf der Liegefläche des Wohnwagens verabschieden musste, antwortete Simi mechanisch: »Nein, sie ist nicht seine Frau.«

»Wusst’ ich’s doch!« Als wäre diese Antwort eine Einladung gewesen, kam Nele nun ganz herein. »Du hast nicht zufällig einen Kaffee?«

Leicht tadelnd hob Simi die Augenbrauen. »Du weißt doch, ich trinke keinen Kaffee. Nur Tee.«

»Ach ja, richtig. Hast du was Neues?« Wenn Nele etwas war, dann unempfänglich für jede Art von subtilem Unterton.

Sofern man ihr etwas nicht direkt sagte, in klaren, einfachen Worten, wusste sie nichts davon. Und selbst dann weigerte sie sich manchmal, es zu verstehen, wenn es ihr nicht in den Kram passte.

»Wenn du willst, kannst du ihn probieren«, gab Simi gutmütig nach. »Aber schimpf hinterher nicht wieder, weil du eigentlich keinen Tee magst.«

»Ich komme mir dabei immer so vor, als wäre ich krank.« Muffelig zog Nele die Nase kraus. »Nur dann trinkt man Tee.«

Simi lachte. »Dann müsste ich jeden Tag krank sein.«

Aber Nele war auch nicht gekommen, um Tee zu trinken. Sie wollte die aktuellsten Neuigkeiten erfahren. Ohne Tee oder Kaffee konnte sie auskommen, aber nicht ohne Klatsch und Tratsch.

»Nun sag schon«, drängte sie und kam ganz nah zu Simi heran. »Wer ist sie? Was will sie hier? Und wer hat den Lexus bezahlt?«

Über die letzte Frage musste Simi erneut lachen. »Woher soll ich das wissen? Meinst du, so etwas hätte ich sie gefragt?« Sie hob die Augenbrauen. »Und was das andere betrifft . . . Das weiß ich auch nicht. Sie heißt Madeleine Höriger. Das ist alles, was ich weiß.«

»Madeleine?« Nele zog die Stirn kraus. »Wer heißt denn Madeleine? Was ist das für ein Name? Ist die Französin?«

Simi zuckte die Achseln. »Ihrem Akzent nach nicht. Sie hat keinen.« Sie drehte sich um und wollte an Nele vorbeigehen, aber dafür war ihr Wohnwagen zu klein. »Ich würde jetzt ganz gern wieder in den Garten.«

Nele interessierte Simis Gartenarbeit nur am Rande. Ihre Neugier ließ sie fast bersten. »Sonst hast du nichts rausgekriegt? Gar nichts?«

»Was bin ich? Privatdetektivin?«, fragte Simi zurück. »Wenn du etwas wissen willst, frag sie doch selbst.« Sanft drängte sie Nele in Richtung Tür, sodass sie rückwärtsgehen musste.

Unwillig stieg Nele die Stufen hinunter, blieb dann aber wieder stehen. »Wenn sie nicht Peters Frau ist, hat sie den Wohnwagen dann von ihm gekauft?«, fragte sie in die Luft hinein, ohne Simi direkt anzusehen.

Simi seufzte. »Ich . . . weiß . . . es . . . nicht«, wiederholte sie akzentuiert. »Und es geht mich auch nichts an. Das ist ihre Sache.«

»Aber du musst sie doch irgendwas gefragt haben«, beharrte Nele stur auf irgendeiner Auskunft. Irgendeiner, egal welcher. »Worüber habt ihr gesprochen?«

»Über gar nichts«, entgegnete Simi, hockte sich vor ihr Blumenbeet und zupfte Unkraut heraus. »Ich habe ihr gezeigt, wie sie das Bett zusammensetzen muss, das war alles.«

»Das wusste sie nicht?« Gern hätte Nele sich neben Simi gehockt, um sie besser zu Antworten drängen zu können, aber sie hatte ein schlechtes Knie. Deshalb konnte sie nicht in die Hocke gehen und beugte sich nur tief herunter. »Hat sie so was denn noch nie gemacht?«

»Anscheinend nicht«, bestätigte Simi. Mit einem wie sie hoffte verabschiedenden Blick schaute sie zu Nele hoch. »Und das ist wirklich alles, was ich weiß. Ich habe ihr keinen Fragebogen zu ihrem Leben vorgelegt, den sie ausfüllen musste.«

»Bist du denn gar nicht neugierig?« Neles Blick wanderte zum Stellplatz von Madeleines Wohnwagen hinüber, auch wenn man von hier aus ohne Fernglas nicht viel sehen konnte. »Sie . . . passt doch gar nicht hierher. Was tut sie hier?«

Die Frage hatte Simi sich zwar auch schon gestellt, aber sie würde das nicht mit Nele diskutieren. Dann bekam sie sie nie los.

»Frag sie selbst«, wiederholte sie. Sie stand auf, rieb sich die dreckigen Hände an ihrer Latzhose ab und ging zu der Töpferscheibe hinüber, die unter dem Vordach stand. »Ich muss jetzt arbeiten.«

»Hast du einen Auftrag?«, fragte Nele.

Neugier war Neugier. Egal, worauf sie sich bezog.

»Noch nicht«, sagte Simi. »Aber eine Frau hat mich gefragt, ob ich ihr ein paar Teebecher mit ihrem Logo drauf machen kann. Sie hat ein Yogastudio und will sie an ihre Kunden verschenken. Ich mache ihr ein paar Proben. Dann kann sie entscheiden, was sie will.«

Simi betrachtete ihre Töpferei als künstlerische Arbeit, einen Ausdruck ihrer Kreativität, aber sie musste auch Geld verdienen. Und so versuchte sie, das Nützliche mit dem Künstlerischen zu verbinden.

»Na gut«, sagte Nele. Ihr Blick wanderte wieder zu dem zugewachsenen Wohnwagen unter den Bäumen am Rande des Sees hinüber. »Aber du hättest wirklich ein bisschen mehr herauskriegen können.«

»Das nächste Mal werfe ich sie in den Folterkeller«, entgegnete Simi trocken, setzte sich an die Töpferscheibe und warf sie an, indem sie die Schwungscheibe mit den Füßen in Drehung versetzte. So brauchte sie keinen Strom.

Dass du wichtige Dinge nie ernstnehmen kannst«, beklagte Nele sich, starrte noch einmal hinüber, ging dann aber zuerst einmal zu ihrem Wagen zurück.

Wenn Klatsch und Tratsch wichtig waren, nahm Simi die tatsächlich nicht ernst. Aber obwohl sie keine Klatschtante war, musste sie zugeben, dass auch sie gern mehr über diese geheimnisvolle Frau erfahren hätte, die sich da in dem Dornröschenschloss von Wohnwagen versteckte. Denn den Eindruck hatte sie auf Simi gemacht.

Während sie das dachte, fuhren ihre Hände über den Ton und formten etwas daraus, streichelten die Rundung ganz sanft –

Auf einmal hielt sie entgeistert inne. Was tat sie denn da?

Sie starrte auf den Klumpen, der sich ganz von selbst zu einer Art Kalebasse geformt hatte, während sie vor sich hinträumte.

Man konnte das für ein ganz harmloses Gefäß halten, einen Behälter, in dem man etwas aufbewahren oder Wasser herumtragen konnte.

Aber wenn man ganz genau hinsah, erinnerte es doch sehr an die runden Hüften und die schmale Taille einer Frau.

Sie drückte den Klumpen wieder zusammen und zog das nächste Mal einen geraden Teebecher hoch.

6

Madeleine hatte eine unruhige und albtraumgeplagte Nacht in diesem Wohnwagen verbracht.

Da sie nicht wusste, wie man das Bett wieder in seine Sitzform zurückbaute, hatte sie es gestern so gelassen, wie diese unsägliche Frau namens Simone es zusammengesetzt hatte, war mühsam darüber geklettert und eine Toilette suchen gegangen.

Öffentliche Toiletten waren ihr ein Graus, und sie benutzte sie nie. Höchstens mal eine in einem 5-Sterne-Restaurant, wenn es unbedingt sein musste. Aber auch wenn sie es zu verstecken versuchte, in diesem einen Punkt war sie menschlich, und auch sie musste manchmal dem Bedürfnis nachgeben.

Sina Kani: Ein Bett im Caravan

1 »Das hast du dir selbst zuzuschreiben.« Madeleine hörte die Worte, aber sie konnte sie kaum...
»Ja, natürlich.« Madeleine nickte. Sie verstand das durchaus. In diesem Fall konnte sie Julianes...
»Das könnte doch dieser Peter sein«, vermutete Simi. »Kommt nach Jahren mal wieder vorbei.« »Nö....
Nachdem ihre Erstarrung sich gelöst hatte, atmete sie erst einmal tief durch. Das konnte alles...
Doch dass diese Frau meinte, Madeleine wäre jemand, die man einfach so irgendwo hinschicken...
Als die Liegefläche vor ihr ausgebreitet war, sie auf der einen Seite, Madeleine auf der anderen,...
Im Wohnwagen gab es keinerlei sanitäre Anlagen. Männer verrichteten ihre Notdurft ja wie Hunde...
Endlich trat sie aus ihrem Wohnwagen hinaus und kämpfte sich durch die Büsche die ersten Meter zum...
Sie richtete sich da nach dem alten Sprichwort, dass ein Halm, der sich im Wind beugte, nicht...
Währenddessen hustete Madeleine angestrengt und machte es ihr nicht gerade leichter. Aber zum...
»Ich sehe das anders«, setzte sie deshalb den Satz fort. »Ich faste regelmäßig.« »Mache ich auch...
Unwillkürlich lachte sie über sich selbst. Madeleine lächelnd? Und auch noch einladend? Mal ganz...