Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen wollten nichts lieber, als eine Familie zu gründen, statt in ihrem Job aufzugehen. Zumindest aber mit einem festen Partner oder einer festen Partnerin dauerhaft zusammenleben, egal ob verheiratet oder nicht. Das hatte Mick noch nie gewollt.

Zwar war sie keine von diesen Leuten, die immer herausblökten, ihre Freiheit wäre ihnen heilig, was eigentlich nur bedeutete Ich will keine Verantwortung übernehmen, denn Verantwortung war für sie absolut kein Fremdwort, nicht nur im Dienst, aber trotzdem fühlte sie sich innerlich nicht bereit dazu, ihren privaten Alltag permanent mit einer anderen Person zu teilen.

Sie wusste nicht genau, warum das so war. Ehrlich gesagt hatte sie auch noch nie so richtig darüber nachgedacht. Es erschien ihr einfach wie eine Selbstverständlichkeit. Wenn sie allerdings sah, wie andere Leute sich in dieser Angelegenheit verhielten, befielen sie manchmal Zweifel, ob das wirklich so selbstverständlich war.

Bedrückt fühlte sie sich durch diese Erkenntnis jedoch nicht. Es war eben einfach nur eine Erkenntnis wie viele andere, wie Erkenntnisse in einem Fall, die sich zu einem Bild zusammenfügten, bis man genau wusste, worum es ging. Dann konnte man den Fall zufrieden abschließen.

Ganz genauso war es im Privatleben zwar nicht, aber sie verglich das trotzdem immer gern. Dadurch wurden die Dinge so viel greifbarer. Schwammige Verhältnisse waren ihr ein Gräuel. Es gab so nebelhafte Gefühle, die nie zu etwas führten. Das bekam sie bei anderen oft mit.

Für Mick war so etwas nichts. Sie brauchte klare Verhältnisse, keine nebelhaften, wabernden, bei denen man nicht genau wusste, wo vorn und wo hinten war.

Und genau das verkörperte diese Melina Keilbach. Sie war ein einziges Wabern. Nichts an ihr konnte man so richtig festmachen. War sie nun eine Schwindlerin oder nicht? War sie geltungssüchtig, wollte sich nur in den Vordergrund spielen, einmal ihre fünf Minuten Ruhm genießen?

Aber womit? Wenn sie der Polizei etwas mitteilte, was die schon wusste, kam sie doch zu nichts.

Mick wusste einfach nicht, was sie von ihr halten sollte, woran sie mit ihr war.

Und dann kamen auch noch diese komischen Gefühle hinzu, dieses Kneifen im Hinterkopf, das ihr etwas sagen zu wollen schien.

Solche ungenauen Angaben machten sie immer verrückt. So richtig wusste sie nicht, was sie damit anfangen sollte, auch wenn ihr das eine oder andere daran bekannt vorkam.

Was ihr daran bekannt vorkam, passte jedoch überhaupt nicht zu Melina Keilbach. Beziehungsweise zu ihrem Verhältnis.

Sie hatten natürlich keins. Kein Verhältnis und keine Beziehung. Und je mehr sie jetzt darüber nachdachte, desto gereizter wurde sie. Dass sie überhaupt darüber nachdachte, war doch ein Witz! Was sollte das?

Diese Frau machte sie genauso verrückt wie ungenaue Angaben. Aber das war ja auch kein Wunder. Sie war die Verkörperung ungenauer Angaben.

Erfahrungsgemäß waren ungenaue Angaben entweder eine Verschleierungstaktik oder es war eben so, wie es war. Die Zeugen hatten nicht mehr gesehen oder gehört, als sie gesehen oder gehört hatten. Deshalb konnten sie auch nicht mehr sagen.

Normalerweise behaupteten die Zeugen jedoch nicht, sie hätten das alles nur geträumt. Im Gegenteil, die meisten bestanden darauf, dass sie alles ganz genau gesehen hatten. Dass sie dabei gewesen waren. Das gab ihnen ein Gefühl von Wichtigkeit.

Dieses Gefühl vermittelte Melina Keilbach nicht.

Genauso nachdenklich, wie Mick das Formular in die Hand genommen hatte, legte sie es jetzt wieder auf ihren Schreibtisch zurück. Als ob sie noch etwas davon erwartete, irgendeine Aufklärung, konnte sie ihren Blick nicht gleich davon abwenden.

Das, was auf diesem Formular stand, war alles, was sie von Melina Keilbach wusste. Und dass sie behauptet hatte, sie hätte von den Einbrüchen geträumt. Nicht nur von einem Einbruch, sondern sogar von mehreren.

Wer behauptete so etwas? Doch nur Spinner. Oder Leute, die meinten, die Welt wäre ihnen etwas schuldig. Ein wenig Aufmerksamkeit. Viel mehr Aufmerksamkeit, als sie normalerweise bekamen.

Die dritte Möglichkeit war selbstverständlich, dass Melina wirklich etwas mit den Einbrüchen zu tun hatte. Dass sie so tun wollte, als hätte sie nur davon geträumt, weil sie nicht zugeben wollte oder konnte, dass sie auf anderem Weg von den Einbrüchen erfahren hatte. Auf einem wesentlich direkteren Weg.

Das war die Möglichkeit, für die Mick sich unter anderen Umständen sofort entschieden hätte.

Doch weil sie Melina dann als eine Kriminelle hätte betrachten müssen, zögerte sie damit.

9

Etwas zupfte an Melinas Rock. Nein, nicht etwas. Jemand.

Sie schaute das kleine Mädchen an, die sich anscheinend hinter die Ausleihtheke geschlichen hatte und sie jetzt mit großen Augen musterte.

Unwillkürlich musste Melina lächeln. Sie kannte das kleine Mädchen. Sie kam öfter hierher in die Stadtbücherei. »Kann ich etwas für dich tun, Amelie?«, fragte sie deshalb freundlich.

»Was tust du da?«, erhob sich da plötzlich Evelyns Stimme unterdrückt, aber doch durchdringend über die Theke, hinter der Melina sich zu Amelie hinuntergebeugt hatte. »Ich habe dir doch schon das letzte Mal gesagt, du darfst da nicht hin!«

Sie erinnerte Melina an einen rosa Drachen aus einem Disneyfilm, denn heute trug Evelyn tatsächlich eine rosa Strickjacke.

»Sie tut doch nichts Böses«, erwiderte Melina lächelnd. Dabei lächelte sie allerdings hauptsächlich Amelie an, nicht Evelyn. »Sie möchte nur, dass ich ihr die neuen Bücher zeige.« Ihr Lächeln vertiefte sich noch. »Nicht wahr, Amelie?«

Amelie nickte stumm, aber heftig. Gleichzeitig huschten ihre Augen etwas furchtsam zu Evelyn hinüber, doch dennoch rührte sie sich nicht, schien an Melinas Seite wie festgewachsen.

Melina hatte ein wenig vor sich hingeträumt, weshalb sie Amelies Annäherungsversuche nicht gleich bemerkt hatte. Das Kind kam fast jeden Tag. Sie war eine richtige Leseratte.

Da Melina das als Kind auch gewesen war – und bis heute ist –, fand sie Amelie sehr sympathisch und konnte sie sehr gut verstehen. Auch Amelie wirkte ein bisschen schüchtern, wie es Melina ebenfalls gewesen war. Was sich bei ihr auch kaum verloren hatte.

Das wünschte sie Amelie nicht. Sie wünschte ihr nicht, sich wie Melina in ihrem Alter in Bücher flüchten zu müssen, in die Welten, die sich darin für sie auftaten und in denen sie schwelgen konnte, weil sie sich vor der Realität verstecken wollte. Die meistens eher unangenehm war. Sehr unangenehm.

Manchmal hatte sie das Gefühl, sie hatte nie aus diesen Welten hinausgefunden. Deshalb war sie auch Bibliothekarin geworden. Denn ein Leben ohne Bücher konnte sie sich nicht vorstellen.

Ein Leben ohne die Fluchtmöglichkeit, die sie boten. Ein Leben ohne die Freundschaft zu ihnen und zu den Figuren, die in ihnen enthalten waren. Figuren, die sie weit mehr als ihre Freunde betrachtete als reale Menschen.

In der Realität hatte sie allerdings auch keine Freunde. Oder Freundinnen. Dazu fanden die meisten Leute sie zu merkwürdig. Und umgekehrt war es genauso. Sie verstand die Menschen nicht. Nicht, womit sie sich beschäftigten, und nicht, wofür sie sich interessierten.

Denn so gut wie nichts davon interessierte Melina. Ihre eigenen Interessen lagen auf ganz anderen Gebieten.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen...
»Nö.« Paul schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.« Mick hob die Augenbrauen. »Ich sag doch, es...
»Einbruch?« Das ließ Mick aufhorchen. »Welcher Einbruch?« »Der, der heute Morgen in der Zeitung...
»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete...
Unschuld? Jetzt hör aber auf! Mick schimpfte innerlich mit sich selbst. Irgendwas stimmte nicht...
Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die...
Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen...
»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an...
Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses...
Entschlossen zog sie die Glastür im Gebäude der Stadtbibliothek auf. Tatsächlich war sie noch nie...