Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die Polizistin glaubte nicht, dass Melina davon träumte. Sie glaubte, dass sie auf einem anderen Weg davon erfahren würde. Auf einem üblicheren Weg. Von ihren . . . Komplizen.

Chaos und Ordnung, Chaos und Ordnung, Chaos und – Melina musste sich einfach für die Ordnung entscheiden, von ihrem Pflichtbewusstsein als gesetzestreue Staatsbürgerin kam sie nicht los.

»Ich werde es versuchen«, versprach sie. »Aber eine Adresse sehe ich normalerweise nicht. Also wird Ihnen das vielleicht gar nicht viel nützen.«

»Darauf lasse ich es ankommen.«

Melina konnte nicht genau einschätzen, was für ein Tonfall das in der Stimme der Polizistin war. War es wieder Ironie? Belustigung? Oder klang es eher wie eine Warnung? Wollte sie Melina sagen, dass sie das ganze Spiel durchschaut hatte?

So wie sie es verstand. Denn es war kein Spiel. Es war bitterer Ernst, zumindest für Melina. Deshalb hatte sie ja so lange mit sich gerungen. Loyalität war eine ihrer herausragendsten Eigenschaften, doch wem gegenüber sollte sie loyal sein?

Zum Schluss hatte sie sich dann tatsächlich für den Staat entschieden, für Recht und Gesetz. Aber ob das richtig gewesen war, bezweifelte sie jetzt schon. Sie hatte selbst nicht die besten Erfahrungen mit Recht und Gesetz gemacht, obwohl sie noch nie kriminell gewesen war. Nicht im Entferntesten.

Aber das würde diese Frau, diese Polizistin, nie glauben. Wieder einmal bildete sich ein innerlicher Seufzer in Melina, den sie jedoch nicht hinausließ. Wie konnte jemand das auch glauben, was für Melina so klar ersichtlich war? Jeder auf der anderen Seite dieses Schreibtischs oder eines ähnlichen hätte das wahrscheinlich in keiner Weise nachvollziehbar gefunden.

Sie nahm das den Leuten wirklich nicht übel. Aber es war schwierig für Melina, wenn sie das Gefühl hatte, sie musste es ihnen doch sagen. So wie sie in diesem Fall das Gefühl gehabt hatte, es sagen zu müssen.

Ganz allgemein betrachtet ging sie das alles nichts an. Sie hatte nichts damit zu tun. Sie hätte sich darauf zurückziehen können, dass sie das alles nichts anging, dass sie nichts damit zu tun hatte, dass sie es am besten ignorierte und so tat, als wüsste sie von nichts.

Aber das konnte sie nicht. Was auch immer andere dazu sagten, sie konnte nur ihren Gefühlen folgen. Ihrem Verantwortungsbewusstsein. Auch wenn es sie innerlich zerriss.

Sie antwortete der Kommissarin nicht noch einmal, sondern drehte ihren Kopf wieder zurück in Richtung Gang, ging hinaus, wandte sich nach links und begab sich in Richtung Ausgang des Polizeireviers.

Völlig überraschend hob ein junger Polizist, den sie zuvor noch nicht gesehen hatte – da war nur der ältere Polizist hinter dem Tresen da gewesen –, die Klappe des Tresens für sie an.

Sie lächelte ihm auf ihre scheue Art dankbar zu, als sie hindurchtrat.

Die arme Frau tut mir leid, spürte sie ihn fast laut denken, während sie an ihm vorbeiging. Die wird wohl nie einen abbekommen.

Und damit hatte er gar nicht einmal so unrecht.

8

Hm.

Selten hatte Mick eine Sache so ratlos zurückgelassen. Selbstverständlich war jeder neue Fall am Anfang ein Rätsel – rein theoretisch gesprochen –, aber hier war es weit weniger der Fall, oder die Fälle, sondern diese . . . Frau. Diese Bibliothekarin.

So richtig konnte Mick sich noch immer keinen Reim auf sie machen. Warum war sie hergekommen? Und was hatte sie Mick nun eigentlich erzählt? Erzählen wollen. Denn in Wirklichkeit hatte sie ja gar nichts gesagt.

Nachdenklich nahm Mick das Formular in die Hand, das Melina Keilbach ausgefüllt hatte. Teilweise ausgefüllt, denn sie hatte kein Internet. Deshalb hatte sie diese Felder offengelassen.

Unwillkürlich musste Mick grinsen. Kein Internet. Keine E-Mail-Adresse. Wie aus einer anderen Zeit.

Und das war tatsächlich auch der Eindruck, den Melina Keilbach machte. Sie gehörte nicht in die moderne Welt. Sie war wie ein Überbleibsel aus einer alten, längst vergangenen Epoche.

Aber wenn sie mit diesen Einbrüchen zu tun hatte . . . Mit gerunzelter Stirn brach Mick ihre eigenen Gedanken ab. Hatte sie das? Hatte sie damit zu tun?

Irgendwie war das schwer vorstellbar. Diese Frau und irgendwelche Ganoven? Wie passte das zusammen?

Andererseits . . . Sie hob leicht die Achseln und ließ sie wieder fallen. Sie hatte schon einige merkwürdige Dinge gesehen in ihrem Beruf. Bei manchen Leuten war man wirklich überrascht, wenn sich dann herausstellte, was sie getan hatten.

Und doch schien Melina Keilbach ihr nicht in diese Kategorie zu passen. Wieder kam Mick das Wort Unschuld in den Sinn. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag. Zum zweiten Mal im Zusammenhang mit Melina Keilbach.

Obwohl es hier natürlich auf keinen Fall um diese Art von Unschuld ging, dachte sie gleich darauf auch noch einmal an den Begriff ›alte Jungfer‹. Jungfer. Jungfrau.

Sie beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Warum dachte sie jetzt bloß darüber nach? Was hatte das mit all dem zu tun, was eben hier passiert oder eher nicht passiert war?

Und doch konnte sie sich nicht davon lösen. Allein schon diese Frau und Sex im selben Satz zu nennen, schien unvereinbar. Wie sie keusch den Blick senkte . . .

Mick zog die Augenbrauen zusammen. War das alles nur eine Verkleidung? Sie versuchte, sich vorzustellen, wie Melina Keilbach ohne Brille aussah, ohne diese streng zur Seite gekämmten Haare, die in einem Zopf endeten. Ohne dieses Hängerchen.

Ups. Das war nicht gut. Denn das beschwor die Vorstellung nicht besonders kleiner Brüste herauf. Ob es das war, was Melina Keilbach versteckte? Dass sie eigentlich eine körperlich ziemlich attraktive Frau war?

Und warum interessiert mich das jetzt? Was hatte das alles mit irgendeinem Fall zu tun? Mit einem Einbruch?

Selbstverständlich gar nichts, das musste Mick sich eingestehen.

Einen kurzen Moment saß sie da und war ganz in sich versunken. Dann plötzlich öffneten ihre Augen sich weit.

Sie fand diese Frau . . . attraktiv?

Um diesen Gedanken loszuwerden, schüttelte sie heftig den Kopf. Das konnte ja wohl nicht wahr sein!

Sie hatte schon teilweise ziemlich entsetzliche Dinge gesehen in ihrem Leben, besonders in ihrem beruflichen Leben, aber ein solches Entsetzen hatte sie noch nie erfasst. Sie war den Frauen zwar wirklich nicht abgeneigt, aber es ließ sich nicht leugnen, dass eine Frau wie Melina Keilbach noch nie dabei gewesen war.

Und das hatte auch seine Gründe. Denn Mick stand überhaupt nicht auf solche Frauen. Sie waren ihr zu – ja, man musste das wohl wirklich so sagen – anspruchsvoll.

Mick war noch nie ein Kind von Traurigkeit gewesen. Sie wollte ihr Leben einfach nur genießen, wenn sie die Zeit dafür hatte. Manchmal hatten lange Dienststunden ihr da einen Strich durch die Rechnung gemacht, und dann hatte sie noch mehr das Gefühl gehabt, sie müsste etwas nachholen, sich für etwas entschädigen.

Nicht dass sie glaubte, sie wäre irgendwie benachteiligt oder sie müsste sich darüber beklagen, weil sie viel arbeiten musste, manchmal auch zu Zeiten, wo die meisten anderen frei hatten. Das war ihr Job, und sie liebte ihn.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen...
»Nö.« Paul schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.« Mick hob die Augenbrauen. »Ich sag doch, es...
»Einbruch?« Das ließ Mick aufhorchen. »Welcher Einbruch?« »Der, der heute Morgen in der Zeitung...
»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete...
Unschuld? Jetzt hör aber auf! Mick schimpfte innerlich mit sich selbst. Irgendwas stimmte nicht...
Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die...
Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen...
»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an...
Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses...
Entschlossen zog sie die Glastür im Gebäude der Stadtbibliothek auf. Tatsächlich war sie noch nie...