Unschuld? Jetzt hör aber auf!

Mick schimpfte innerlich mit sich selbst. Irgendwas stimmte nicht mit dieser Frau, dass sie sie auf solche Gedanken brachte. Unschuld war ein Wort, das sie normalerweise gar nicht kannte.

Na ja, sie kannte es schon, aber sie benutzte es nicht oft. Die Leute, mit denen sie es beruflich zu tun hatte, waren selten unschuldig. Das war ja auch Micks Aufgabe: sie zu finden und ihnen ihre Schuld zu beweisen.

Was ihr in diesem Fall allerdings schwerfiel. »Alle drei Male«, wiederholte sie noch einmal nachdenklich. »Damit wollen Sie mir also sagen, dass es eine Einbruchsserie ist, kein Einzelfall? Ich meine, jeder der drei Einbrüche«, erläuterte sie das zum Schluss noch, weil Melina Keilbach sie sehr verständnislos ansah.

Melina sah sie noch eine Weile so an, als hätte sie Mühe, das, was Mick gesagt hatte, gedanklich zu verarbeiten, dann zuckte sie bedauernd die Schultern, fast um Verzeihung bittend. Wie es anscheinend ihre Art war. »Das kann ich nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass ich von allen drei Einbrüchen vorher geträumt habe. In den letzten Wochen gab es kaum eine Nacht, in der ich nicht von einem Einbruch geträumt habe.«

»Warum Einbrüche?«, fragte Mick. »Warum träumen Sie nicht von anderen Straftaten?«

Wieder erschien auf dem Gesicht der Bibliothekarin dieser Ausdruck, als hätte sie sich am liebsten dafür entschuldigt. »Das weiß ich auch nicht«, sagte sie. »Aber ich bin froh . . .«, sie zögerte kurz und räusperte sich, »ich bin froh, dass es nicht Mord und Totschlag ist.«

»Dann wäre ich auch nicht zuständig«, bemerkte Mick etwas vorwurfsvoll.

Nein, wenn diese Frau von etwas anderem geträumt hätte als Einbrüchen, wäre Mick nicht zuständig gewesen und hätte sich das alles hier erspart. Dann hätten sich irgendwelche Kollegen mit den Auswüchsen der Fantasie dieses kleinen grauen Mäuschens herumschlagen müssen.

Und doch kam ihr völlig ungewollt erneut in den Sinn, dass auch Mäuschen süß sein konnten. Was war das nur da in ihrem Hinterkopf? Hatte der sich gegen sie verschworen und wollte ihr einreden, dass sie plötzlich auf Bibliothekarinnen und alte Jungfern stand? Oder junge Jungfern. Junge alte Jungfern?

Sie runzelte die Stirn, als sie sich in ihren eigenen Gedanken verfing. Was auch nicht sehr oft vorkam. Noch nie vorgekommen war, soweit sie sich erinnerte.

Und das machte sie wütend. Wozu brachte diese Frau sie? Und warum?

Wahrscheinlich starrte sie das Mäuschen, die Frau, die Bibliothekarin . . . ja, was denn nun? . . . genauso verärgert an, wie sie sich fühlte, denn deren Reaktion war eindeutig. Sie wollte sich noch mehr verkriechen, wahrscheinlich weglaufen. Aber vielleicht traute sie sich nicht, weil sie befürchtete, dass Mick sie mit körperlicher Gewalt aufhalten würde.

Der eine solche Frau nicht gewachsen war. Davon ging Mick aus. Das sagte ihr ihre Erfahrung.

War das vielleicht der Grund? Hatte irgendjemand diese Frau gezwungen, mit Gewalt gezwungen, bei dieser ganzen Sache mitzumachen? Und nun konnte sie es nicht mehr länger ertragen. Weil ihre Schuld sie zu sehr drückte?

»Ich . . . Ich gehe wohl besser.« Sehr vorsichtig erhob Melina Keilbach sich von ihrem Stuhl.

Dabei beobachtete sie Micks Gesicht sehr genau. Als wollte sie jede Aktion vorausahnen.

7

Ich wusste, dass das ein Fehler war. Innerlich seufzte Melina auf. Wie hatte sie das nur für eine gute Idee halten können?

Hatte sie ja eigentlich auch nicht. Aber sie war eben, tja, pflichtbewusst. Sie stellte jedes Buch immer genau an seinen Platz zurück, sorgte dafür, dass alles immer in Ordnung war, dass nichts durcheinandergeriet.

Jetzt jedoch kämpften zwei Seelen so sehr in ihrer Brust, dass da keine Ordnung mehr war, nur noch Chaos. Vielleicht hatte sie gedacht, dass sie durch ihren Besuch bei der Polizei die Ordnung wiederherstellen konnte. Aber der Schuss war ziemlich nach hinten losgegangen.

Sie beobachtete die Polizistin, die wiederum sie beobachtete. Misstrauisch. Sie war in keiner Weise so verwirrt, wie Melina es war.

Aber da war auch noch etwas anderes in ihrem Blick, das nichts mit Misstrauen zu tun hatte. Und das verwirrte Melina noch mehr.

»Ich darf doch gehen, oder?«, fragte sie unsicher.

Michaela Mrozek nickte. »Natürlich. Es liegt nichts gegen Sie vor. Ich wüsste nicht, warum ich Sie festhalten sollte.« Ihre Mundwinkel hoben sich leicht. »Es wäre allerdings sehr nett, wenn Sie Ihre Kontaktdaten dalassen würden. Oder haben Sie das schon bei meinem Kollegen vorn am Tresen getan?« Nun hoben sich zu ihren Mundwinkeln auch noch ihre Augenbrauen fragend.

Melina schüttelte den Kopf. »Nein, da habe ich mit niemandem gesprochen.«

»Gut.« Die Kommissarin stand auf. »Dann schreiben Sie doch einfach schnell Ihre Adresse auf, Ihre Telefonnummer, Ihre E-Mail-Adresse . . .« Sie ging zu einem Seitenregal hinüber und kam mit einem Formular zurück.

»Eine E-Mail-Adresse habe ich nicht«, sagte Melina. »Ich habe kein Internet.«

Nachdem sie sich zuvor nur fragend gehoben hatten, hoben sich die Augenbrauen von Frau Mrozek nun überrascht. »Sie haben kein Internet?«

»Keine E-Mail-Adresse und keinen Computer«, gab Melina seufzend zu. »Auch keinen Fernseher übrigens.« Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß, das ist ungewöhnlich heutzutage, aber ich mache mir einfach nichts daraus.«

Auf einmal zuckten die Lippen der Kommissarin heftig. Als müsste sie gegen einen Lachanfall ankämpfen. »Das stört Sie wahrscheinlich beim Teetrinken«, vermutete sie etwas belustigt.

Selbstverständlich bemerkte Melina den Sarkasmus, aber das war sie schon gewöhnt. Die Leute fanden sie seltsam. Weil sie so anders war als die anderen. Weil sie sich für die Dinge, die für die meisten so wichtig zu sein schienen, wie das Internet, die sozialen Medien, all diese technischen Neuerungen, die die Ruhe und Geborgenheit des Privatlebens zerstörten, nicht interessierte.

Sie kannte sich mit ihren Bibliotheksprogrammen aus. Mit Datenbankrecherchen und allen technischen Voraussetzungen, die sie für ihren Beruf benötigte. Das hatte sie in ihrem Studium zur Diplom-Bibliothekarin gelernt, und darin war sie sogar oft die Beste gewesen. Weil sie, wenn sie etwas tat, es richtig tun wollte.

Darüber hinaus brauchte sie all diese Dinge jedoch nicht. Sie hätte sich auch gewünscht, dass sie sie in der Bibliothek nicht gebraucht hätte, aber da konnte sie es nicht vermeiden.

»Nach einem Tee ist mir jetzt tatsächlich«, gab sie zu, weil sie das Gefühl hatte, dass sie irgendetwas sagen musste.

Dann griff sie nach dem Formular, legte es vor sich auf den Tisch und füllte es schnell im Stehen aus, ohne sich noch einmal zu setzen.

Danach drehte sie sich für ihre Verhältnisse schnell und entschlossen um und ging zur Tür.

»Frau Keilbach?«, hielt sie die Stimme von Kommissarin Mrozek zurück.

Kurz drehte Melina das Gesicht zu ihr, ohne sich ganz zu ihr umzudrehen. »Ja?«

»Wenn Sie einmal wieder . . . träumen«, begann Michaela Mrozek, »informieren Sie mich dann? Möglichst vorher?«

Oh? Sie glaubt mir? Doch schon als Melina das dachte, verlor sich das gute Gefühl, das damit verbunden war. Nein, natürlich glaubte Frau Mrozek ihr nicht. Deshalb hatte sie diese Pause vor träumen gemacht.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen...
»Nö.« Paul schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.« Mick hob die Augenbrauen. »Ich sag doch, es...
»Einbruch?« Das ließ Mick aufhorchen. »Welcher Einbruch?« »Der, der heute Morgen in der Zeitung...
»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete...
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Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die...
Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen...
»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an...
Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses...
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