»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete sie Melina sehr misstrauisch. »Wie eine ganze Menge anderes.«

Da Melina ihr nun etwas beschrieben hatte, das nicht auf den Zeitungsfotos gewesen war, hatte das natürlich ihren kriminalistischen Argwohn geweckt. Das war unvermeidlich.

Vielleicht hätte ich nicht herkommen sollen. Es hat ja doch keinen Sinn, dachte Melina ziemlich niedergeschlagen. Doch obwohl sie sich müde fühlte, schlug ihr Herz bis zum Hals.

Sie hätte das nicht tun sollen, das wurde ihr immer mehr klar. Das war alles nicht das, was sie wollte.

Aber nun war sie schon einmal hier und konnte es nicht mehr ändern. Jetzt musste sie da durch.

»Was wissen Sie über den Schmuck?«, fragte die Kommissarin da plötzlich. »Wenn Sie das Regal gesehen haben, wissen Sie doch sicher auch, dass dahinter ein Safe ist.«

Melina schüttelte den Kopf. »Von einem Safe weiß ich nichts. Ich kann nicht durch Wände oder hinter Türen sehen.«

»Sie können . . . was?« Kommissarin Mrozek blieb fast die Kinnlade hängen.

»Ich meine, ich träume nur von Dingen, die . . . die direkt vor mir sind.« Am Ende wurde Melinas Stimme immer leiser.

Sie wusste ja selbst, dass sie sich verrückt anhörte. Und wenn sie das selbst schon so empfand, wie sollte es dann diese Polizistin empfinden? Die garantiert nicht wegen ihrer Begabung für Fantasie hier eingestellt worden war. Dann hätte sie nicht einen so brutalen, der Realität verhafteten Beruf gewählt.

Melina hätte sich niemals vorstellen können, so einen Beruf auszuüben. Es schauderte sie allein bei der Vorstellung. Und doch hatte sie damals –

Schnell versuchte sie, ihre Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken. »Haben Sie denn irgendeine Spur?«, fragte sie.

»Außer Ihnen?«, fragte die Kommissarin etwas bissig.

Melinas Augen öffneten sich weit. »Außer mir?«, fragte sie völlig verdattert zurück.

»Na ja, außer Ihnen ist bis jetzt niemand vorbeigekommen und hat uns freiwillig Informationen angeboten«, erweiterte die Kommissarin ihre Aussage. Sie blickte Melina strafend an. »Was auch immer die wert sind.«

Unvermittelt senkte sie die Augen auf den Bildschirm ihres Tablets, das vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Es zeigte jedoch nur das Logo der Polizei. Wie Melina es auch schon auf dem Zeitungsfoto gesehen hatte.

»Ich kann Ihnen nicht mehr sagen als das, was ich weiß«, entgegnete Melina verzweifelt.

Was für eine dumme Idee es gewesen war, herzukommen! Wie konnte sie nur so blöd gewesen sein?

Aber sie war eben eine äußerst pflichtbewusste Staatsbürgerin. Schon immer gewesen. Sie wollte alles richtig machen. Und machte doch alles falsch. Das Gefühl hatte sie im Augenblick jedenfalls.

»Das frage ich mich«, murmelte die Kommissarin, bevor sie wieder von ihrem Tablet aufblickte, das sie gar nicht entsperrt hatte. »Was Sie wissen.«

Ihre Augen musterten Melina auf genau die Art, die man von einer Polizistin erwartete. Extrem misstrauisch und ohne die Absicht, irgendetwas zu glauben. Vorwurfsvoll geradezu und auf jede Lüge gefasst. Darauf gefasst, dass sie nur Lügen hören würde, auf keinen Fall die Wahrheit.

Michaela Mrozek saß mit dem Rücken zum Fenster des Büros, während Melina ins Licht blickte. Das war bestimmt kein Zufall. Und auch wenn das Licht, das von draußen hereindrang, eher grau als leuchtend hell war, bedeutete das, dass Melinas Gesicht deutlich zu erkennen war, während das Gesicht der Polizistin im Schatten lag, quasi im Dunkeln.

Ebenso dunkel wie die Haare dieser Kommissarin, die Melina mittlerweile regelrecht Angst einflößte. Hatte sie das richtig verstanden? Sie hielt Melina für eine Verdächtige? Das konnte doch nicht wahr sein!

»Ich weiß gar nichts«, verteidigte sie sich entmutigt. »Ich habe keine Ahnung, was das alles bedeutet. Aber es hat . . .«, sie räusperte sich, »es hat mich beunruhigt. Und ich wollte Sie wissen lassen, dass . . . dass ich davon geträumt habe. Auch wenn ich annehme«, sie senkte den Blick, »dass das jetzt im Nachhinein nichts mehr nützt.«

»Das stimmt allerdings«, bemerkte die Kommissarin trocken. »Es hätte weit mehr genützt, wenn Sie uns das vorher gesagt hätten.«

6

Oh Mann! Mick war mittlerweile schon ziemlich genervt von dieser altjüngferlichen Tante. Konnte die nicht mal zu Potte kommen? Aber was hatte sie denn erwartet von einer Strickjacke mit Faltenrock?

Sie fand es fast etwas überraschend, dass diese Melina Keilbach nicht auch noch eine Rüschenbluse trug. Aber das Hängerchen war ja auch schon schlimm genug.

Jetzt sah sie so aus, als hätte Mick ihr mit ihrer Aussage einen furchtbaren Schlag versetzt. Mick hätte ja mal interessiert, was der Grund war. Hatte sie irgendetwas mit dieser Sache zu tun oder nicht?

Geträumt! Das konnte sie ihrer Großmutter erzählen! Was für ein Blödsinn!

Aus irgendeinem Grund hatte sie sich dazu getrieben gefühlt, mit der Polizei zu sprechen. Den Grund konnte Mick sich jedoch nicht so richtig vorstellen. Melina Keilbach war nicht die übliche Selbstbeschuldigerin. Die gab es oft, und die hatten manchmal ebenfalls diese schüchterne Art, mit der auch Frau Keilbach auftrat.

Aber sie hatten meistens auch noch etwas anderes. Was bei Melina Keilbach fehlte. Diese Leute, die am liebsten jedes Verbrechen auf sich nehmen wollten, das sie gar nicht begangen hatten, wollten einfach im Rampenlicht stehen. Deshalb hatten sie meistens auch etwas Hinterlistiges. Man sah es ihnen vielleicht nicht sofort an, aber es war da.

Bei der süßen kleinen Melina war davon nichts zu spüren. Sie war tatsächlich schüchtern und zurückhaltend und quälte sich ziemlich damit, dass sie hier jetzt im Mittelpunkt stand. Und sie beschuldigte sich ja auch gar keines Verbrechens. Im Gegenteil. Sie bestritt es.

Was wiederum Micks Argwohn weckte. Warum war sie dann überhaupt hergekommen? Im Nachhinein, nachdem alles schon vorbei war? Das sah so aus, als wollte sie sich von etwas freisprechen, wollte die Sache an sich aber nicht stören.

Das hätte sie doch genauso gut tun können, wenn sie sich gar nicht gemeldet hätte. Bis vor Kurzem hatte Mick, hatte niemand hier bei der Polizei ihren Namen gekannt, überhaupt etwas von ihr gewusst. Und das wäre auch so geblieben. Höchstwahrscheinlich jedenfalls.

Oder war sie gar nicht die, für die sie sich ausgab? Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte Mick die Gestalt, die auf der anderen Seite des Schreibtisches saß und fast völlig in sich zusammengesunken war. War das alles nur Maskerade?

Das konnte man natürlich nie wissen. Es gab sehr begabte Schauspieler unter den Kriminellen. Bei denen war man wirklich verblüfft, wenn sie ihre Maske dann ablegten.

Und doch konnte Mick sich das bei dieser Frau immer noch nicht vorstellen. Hatte sie vorhin tatsächlich gedacht, sie wäre süß? Auf einmal kam ihr das wieder in den Sinn wie ein Vorwurf aus ihrem eigenen Inneren heraus. Wie war sie denn auf den Gedanken gekommen?

Doch als sie Melina Keilbach nun noch einmal betrachtete, merkte sie, dass da durchaus etwas war, was man als süß hätte bezeichnen können. Es war nicht die Art von süß, die Mick normalerweise meinte, wenn sie das mit einer Frau in Zusammenhang brachte. Es hatte nichts Erotisches oder Aufreizendes. In der Tat war da so viel Unschuld, wie Mick es noch nie erlebt hatte.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
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