Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen nachts so viele Hunde. Das bin ich nicht gewöhnt.«

»Ach so.« Er schien mit der Auskunft zufrieden zu sein. »Aber wenn Sie krank werden, sagen Sie bitte rechtzeitig Bescheid. Es hat keinen Sinn, wenn Sie uns alle anstecken. Und die Bibliotheksbesucher dazu.« Jetzt wieder ein bisschen misstrauischer musterte er sie. »Lieber ein paar Tage zu Hause bleiben, hören Sie? Das ist vernünftiger.«

»Ja, das mache ich.« Melina nickte. »Danke, Herr Krämer.«

»Tu ich doch gern.« Und mit seiner ganzen Jovialität machte er sich davon.

»Ihr seid ja schon ein richtiges Liebespaar.« Die vor Neid grün gefärbte Stimme von Evelyn schnitt durch die Luft.

»So ist es nicht, Evelyn.« Melina seufzte. Das Leben könnte so schön sein . . . ohne Evelyn. Allerdings schoss ihr gleich noch der Gedanke durch den Sinn, dass das eventuell auch für Marvin zutraf. Evelyn war nicht die Einzige, die ihr das Leben schwer machte. Was sie etwas versöhnlicher gegenüber Evelyn stimmte, sodass sie sie freundlich ansah. »Kann ich irgendetwas für dich tun?«

»Du kannst mir mal helfen, die Bücher einzuräumen«, schnappte Evelyn. »Wenn du neben deinen . . . Unterhaltungen mit Herrn Krämer Zeit dafür hast.«

»Herr Krämer hat sich nur danach erkundigt, ob ich krank bin«, erklärte Melina. »Er will nicht, dass ich euch dann alle anstecke.«

»Und? Bist du?« Evelyn wich sofort ein paar Schritte zurück.

»Nein, bin ich nicht.« Melina lächelte müde. »Ich habe nur schlecht geschlafen. Wahrscheinlich sehe ich deshalb etwas mitgenommen aus.«

»Schlecht geschlafen.« Evelyns Mundwinkel zuckten. »Oder vielleicht einfach zu wenig? Oder überhaupt nicht?« Jetzt hatten sogar ihre Augen einen grünen Schimmer, obwohl sie braun waren.

Zuerst wusste Melina nicht, was sie meinte, doch dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. »Ich war allein«, entgegnete sie an der Oberfläche kühl, auch wenn sie merkte, dass sie sich lieber in ein Mauseloch verkrochen hätte. »Ich kenne hier doch noch überhaupt niemanden.«

»Doch. Herrn Krämer«, behauptete Evelyn und dampfte zu den Bücherkarren ab.

Melina klappte die Kinnlade herunter. Unterstellte Evelyn ihr etwa tatsächlich, dass sie etwas mit Herrn Krämer haben könnte? Er war weit über fünfzig. Und verheiratet. Seine beiden erwachsenen Töchter waren auch schon auf dem Weg dazu.

Außerdem, das wusste Melina genau, sah sie nun wirklich nicht nach einem Vamp aus. Dafür sorgte sie schon. Sie kleidete sich so unauffällig, dass man sie für eine kleine graue Maus hätte halten können.

Sibylle hatte immer versucht, sie von etwas mehr Farbe zu überzeugen, aber Melina wollte einfach nicht auffallen. Hätte sie ihre Arbeit in der Bibliothek hier tatsächlich aus einem Mauseloch heraus machen können, wäre ihr das sehr recht gewesen. Der Umgang mit Menschen war für sie immer sehr anstrengend.

Sie hörte Evelyn verärgert am Bücherkarren rappeln. Sie wollte ganz klar deutlich machen, dass sie hier die älteren Rechte hatte. Melina war in ihren Augen nur so etwas wie ein Lehrling, obwohl sie genauso wie Evelyn die Ausbildung zur Bibliothekarin abgeschlossen hatte.

Viel später als Evelyn natürlich, die schon zwanzig Jahre in der Bibliothek arbeitete. Deshalb hätte Melina – so kurz, wie sie sie kannte – auch normalerweise Sie zu ihr gesagt und sie mit ihrem Nachnamen angesprochen, aber Herr Krämer hatte von Anfang an deutlich gemacht, dass er wünschte, dass seine Angestellten ein freundschaftliches Verhältnis hatten und sich duzten.

Der Einzige, der hier gesiezt wurde, war er. Vielleicht gab ihm das ein Gefühl von Überlegenheit. Er war eben der Chef, und das wollte er auch zeigen. Seine Jovialität war nur eine Art Zuckerüberzug.

Aber sie konnte Evelyn jetzt nicht mit der Arbeit alleinlassen. Es waren eine Menge Bücher zurückgegeben worden, und die mussten alle wieder in die Regale geräumt werden. So früh am Morgen gab es meist nicht so viel anderes zu tun, also stand sie hinter der Ausleihtheke auf und ging zu Evelyn hinüber.

Dort vorn an der Ausleihtheke zu sitzen, die auch gleichzeitig für die Anmeldung und als Anlaufstelle für Fragen der Bibliotheksbenutzer diente, war sowieso nicht ihr Lieblingsplatz. Da kam wirklich jeder vorbei und sprach sie an. Auch wenn sie am Computer arbeitete und Bücher katalogisierte, war sie nie allein oder ungestört.

Das überließ sie deshalb lieber Evelyn, die zwar Haare auf den Zähnen hatte, sich aber trotzdem gern mit Menschen abgab. Lieber jedenfalls als Melina. Auch wenn die meisten Menschen sich umgekehrt lieber mit Melina unterhielten als mit Evelyn.

»Lass mich das machen«, schlug sie vor, als sie bei Evelyn ankam, die die Bücher auf dem Karren so sortierte, dass sie zu den entsprechenden Abteilungen in der Bücherei passten, damit man sie gleich in einem zurückstellen konnte. »Geh du lieber nach vorn.«

»Ach, bist du jetzt schon die Chefin hier?«, fauchte Evelyn sie an. »Hat Herr Krämer dich schon dazu gemacht?«

»Bitte . . . Evelyn.« Melina fuhr sich mit einer Hand müde übers Gesicht. »Du kannst das da vorn doch viel besser als ich. Du hast viel mehr Erfahrung. Das hier, das kann doch jeder machen, auch ich. Dazu muss man nicht viel können.« Treuherzig blinzelte sie Evelyn an, um ihr das Gefühl zu vermitteln, Melina hielte sich selbst für eine dumme kleine Idiotin und Evelyn für den großen Zampano.

Das besänftigte Evelyn tatsächlich. Sie war ohnehin der Meinung, dass Melina nicht halb so viel konnte wie sie, da konnte sie eine Ausbildung haben, wie sie wollte. Dabei hatte Melina in ihrer Ausbildung jetzt sicherlich sehr viel mehr gelernt als Evelyn vor zwanzig Jahren, aber dieses Gefühl wollte sie ihr auf keinen Fall vermitteln.

Sie hatte in ihrem wenn auch noch jungen Leben die Erfahrung gemacht, dass man am besten durchkam, wenn einen keiner bemerkte, wenn sie nicht auffiel, nicht herausragte, sich nicht in irgendeiner Weise hervortat. Unter dem Radar fliegen nannten das manche. Und das konnte Melina gut.

»Das stimmt, dazu muss man nicht viel können«, wiederholte Evelyn selbstgefällig. »Dann mach du das mal.«

Mit großen Schritten ging sie zur Anmeldung zurück, als hätte sie nun eindeutig bewiesen, dass sie die Chefin war, nicht Melina.

Melina war jedoch erleichtert, dass sie den Bücherkarren nach hinten zwischen die Regale schieben konnte, wo sie allein war.

4

»Auf wen wartet die denn?« Polizeioberkommissarin Michaela Mrozek, von ihren Kollegen und vielen anderen Mick genannt, wies mit dem Kinn auf die zusammengesunkene Gestalt auf der Bank an der Wand des Polizeireviers, an der sie nun schon zum dritten Mal vorbeigelaufen war.

»Keine Ahnung.« Polizeihauptwachtmeister Paul Wilke zuckte die Schultern. »Sitzt schon eine Weile da.«

»Will sie Anzeige erstatten?« Mick runzelte die Stirn.

»Kann sein«, meinte Paul. »War so viel los. Hab sie nicht gefragt.«

»Kennst du sie?« Mit einem Schritt trat Mick auf den Tresen der Polizeistation zu. »Ist sie öfter hier?«

Das war manchmal der Grund, warum die Diensthabenden im Revier Leute ignorierten. Wenn sie jeden Tag herkamen und die absurdesten Dinge anzeigten. Einfach, weil sie nichts anderes zu tun hatten. Dann hoffte man, sie würden es sich anders überlegen und vielleicht doch wieder gehen.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen...
»Nö.« Paul schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.« Mick hob die Augenbrauen. »Ich sag doch, es...
»Einbruch?« Das ließ Mick aufhorchen. »Welcher Einbruch?« »Der, der heute Morgen in der Zeitung...
»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete...
Unschuld? Jetzt hör aber auf! Mick schimpfte innerlich mit sich selbst. Irgendwas stimmte nicht...
Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die...
Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen...
»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an...
Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses...
Entschlossen zog sie die Glastür im Gebäude der Stadtbibliothek auf. Tatsächlich war sie noch nie...