Entschlossen zog sie die Glastür im Gebäude der Stadtbibliothek auf. Tatsächlich war sie noch nie hier gewesen und kam sich ganz fremd vor. Sie war nicht leicht zu verunsichern, und doch erschlug sie diese Atmosphäre fast.

Rasch verschaffte sie sich einen Überblick und ging dann auf den Tresen zu, hinter dem eine ältere Frau saß. Rosa Strickjacke . . . Und da hatte sie gedacht, es könnte nicht mehr schlimmer kommen.

Wenn eine erwachsene Frau Rosa trug, hatte Mick immer das Gefühl, sie wollte sich kleinmachen, wollte anderen den Eindruck vermitteln – insbesondere wohl Männern –, dass sie harmlos war, dass sie keine Gefahr darstellte. Eben dass sie noch ein kleines Baby war, das man nicht ernstnehmen musste.

So etwas brachte Mick in Rage. Es war schon schlimm genug, dass Männer sich oft einbildeten, Frauen wären weniger wert als sie. Diese Fehleinschätzung musste man als Frau nicht noch unterstützen, indem man nach außen hin den Eindruck vermittelte, man wäre noch ein Kleinkind.

Sie sah, wie die Frau bei ihrem Eintritt hochblickte, wie ihre Augenbrauen sich dann noch ein wenig mehr hoben, als Mick auf den Tresen, hinter dem die rosa Strickjacke saß, zuging. Vermutlich kamen nicht oft Polizisten in Uniform hier herein.

»Guten Tag.« Mick nickte der Frau zu, als sie vor dem Tresen angekommen war. »Ich suche Frau Melina Keilbach. Sie arbeitet doch hier?«

Die dunklen Augen hinter der Schmetterlingsbrille zogen sich neugierig zusammen. »Was hat sie denn mit der Polizei zu tun? Hat sie etwas angestellt?«

Schon der Tonfall deutete an, dass diese Frau sich vielleicht über eine bestätigende Auskunft von Mick gefreut hätte. Sie hatte wohl nicht sehr viel übrig für ihre Kollegin.

»Sie arbeitet hier?«, wiederholte Mick ihre Frage, die die Frau immer noch nicht beantwortet hatte.

Die Frau schien ein wenig enttäuscht, dass Mick ihr nicht mehr sagen wollte. »Ja«, entgegnete sie widerwillig. »Sie ist irgendwo da oben.« Mit dem Kopf wies sie in die höheren Etagen hinauf, von denen man hier unten nur ein paar Regale hinter einem Geländer sehen konnte. »Bücher einräumen.«

Mick sah ein Mikro neben dem Computer stehen und überlegte für einen kurzen Moment, ob sie Melina Keilbach ausrufen lassen sollte, damit sie zum Eingang kam. Das würde sicherlich Zeit sparen. Denn wenn sie sie in mehreren Stockwerken suchen musste, dauerte das auf jeden Fall länger.

Dann entschied sie sich jedoch dagegen, weil die Nase der Frau hinter dem Tresen vor Neugier immer länger wurde. »Wo genau sie ist, wissen Sie nicht?«, fragte sie stattdessen.

Die Frau zuckte die Schultern. »Es sind Bücher für alle Abteilungen zurückgegeben worden. Sie kann überall sein.«

Da Mick ihr gegenüber nicht aus dem Nähkästchen geplaudert hatte, wollte Melina Keilbachs Kollegin der Polizei offenbar auch nicht helfen. »Eine bestimmte Reihenfolge hat sie nicht?«

Widerstrebend presste die Frau die Lippen zusammen. »Normalerweise fangen wir ganz oben an und kommen dann Etage für Etage herunter, bis der Bücherkarren leer ist.«

»Und wie lange ist sie schon weg?« Fragend hob Mick die Augenbrauen.

Die Frau zuckte die Schultern. »Darauf habe ich nicht so genau geachtet. Eine halbe Stunde vielleicht oder etwas mehr.«

Das gab Mick zumindest schon einmal einen Anhaltspunkt. Neben dem Tresen sah sie eine Tafel, die die Orientierung in der Bibliothek erleichtern sollte. Sie warf einen Blick darauf. Gleich um die Ecke musste es einen Fahrstuhl geben.

Sie hätte auch die Treppe nehmen können, aber ihr Sportprogramm hatte sie heute schon gehabt. Sie hatte einen kleinen Gauner durch die halbe Stadt verfolgt.

Verabschiedend nickte sie der Frau zu. »Vielen Dank.« Dann ging sie zum Fahrstuhl.

Dieser Fahrstuhl war einer der langsamsten, die sie je erlebt hatte. Vermutlich wäre sie doppelt so schnell oben gewesen, hätte sie die Treppe genommen. Als er gefühlt Zentimeter für Zentimeter nach oben schlich, dachte sie sogar darüber nach, ihn anzuhalten, um auf die Treppe zu wechseln und rascher oben zu sein.

Endlich jedoch kam er an, und die Türen öffneten sich. Hier oben erschlug einen die Atmosphäre noch mehr als unten in der weiten Halle. Bücherregale standen dicht an dicht, Teppichboden dämpfte die Schritte, alles atmete Vergangenheit.

Bücher waren für Mick Vergangenheit. Heutzutage war doch alles digitalisiert. Wollte man ein Buch lesen, konnte man das auf einem Tablet oder Handy tun. Man musste sich nicht die Mühe machen, dicke Wälzer mit sich herumzuschleppen, Papierseite für Papierseite umzublättern.

Nachdem die Türen des Fahrstuhls sich wieder geschlossen hatten, ebenso langsam, wie er gefahren war, horchte Mick nach Geräuschen. Es war so still hier, dass man fast eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Stille machte Mick viel nervöser als Lärm. Denn Stille war oft bedrohlich, wenn man es mit Verbrechern zu tun hatte. Es war die Ruhe vor dem Sturm.

Sich hier in dieser Umgebung einen Sturm vorzustellen, eine Verfolgungsjagd oder gar eine Schießerei, erschien ihr jedoch absurd. Sie ging langsam in die erste Regalreihe hinein und sah sich nach Melina Keilbach um. Ihre Kollegin hatte von einem Bücherkarren gesprochen, der war sicher nicht so leicht zu übersehen. Er musste irgendwo zwischen den Reihen stehen, vermutete Mick.

Obwohl die Bücher in den Regalen sehr unterschiedlich in äußerer Gestaltung und Größe waren, sah jede Reihe aus wie die andere. Als Mick zum dritten Mal um eine Ecke bog, hätte sie gar nicht mehr so genau sagen können, wo sie eigentlich war.

Endlich hatte sie das ganze Stockwerk abgegrast, Melina Keilbach jedoch nicht gefunden. Sie ging zur Treppe, um es ein Stockwerk tiefer zu versuchen. Erst im dritten Stockwerk von oben hatte sie Glück. Am Ende einer Reihe sah sie den Bücherkarren stehen, auch wenn er einsam und verlassen schien. Sie hatte in den ganzen drei Stockwerken bisher noch keinen einzigen Menschen getroffen.

Mit einem forschenden Blick ging sie auf das Regal auf Rädern zu. Irgendwo hier musste Melina Keilbach doch sein. Der Wagen war noch nicht leer.

Mick ging daran vorbei und verließ die Regalreihe, wandte sich nach links und blieb abrupt stehen, während sie gleichzeitig einen spitzen Schrei hörte. Sie war fast in Melina Keilbach hineingelaufen, die wohl auf ihrem Weg zurück zu dem Bücherkarren war.

ENDE DER FORTSETZUNG

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen...
»Nö.« Paul schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.« Mick hob die Augenbrauen. »Ich sag doch, es...
»Einbruch?« Das ließ Mick aufhorchen. »Welcher Einbruch?« »Der, der heute Morgen in der Zeitung...
»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete...
Unschuld? Jetzt hör aber auf! Mick schimpfte innerlich mit sich selbst. Irgendwas stimmte nicht...
Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die...
Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen...
»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an...
Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses...
Entschlossen zog sie die Glastür im Gebäude der Stadtbibliothek auf. Tatsächlich war sie noch nie...