Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses Gefühl sein würde.

Aber dann hätte sie wohl besser aufpassen sollen. Warum hatte sie sich nicht diesem älteren Polizisten am Tresen anvertraut?

Selbstverständlich wusste sie, warum. Seine Gedanken hatten ein schwarzes Loch in ihr aufgerissen. Sie konnte sich ihm nicht nähern, ohne dieses schwarze Loch zu vertiefen, noch mehr in den Abgrund sehen zu müssen.

Und dann war diese Mick gekommen. Bei ihr hatte sie das Gefühl nicht gehabt. Weil da eben diese Mauer war. Es war angenehm. Diese Art von Mauer war angenehm. Sie schützte Melina vor dem Abgrund.

Aber was bedeutete das schon? Sie hatten nichts gemeinsam. Las diese Frau überhaupt irgendetwas anderes als Dienstakten und Formulare? Hatte sie auch nur ein einziges Buch bei sich zu Hause im Schrank? Und selbst wenn, waren es wahrscheinlich eher Fachbücher als Romane.

Dennoch wusste Melina, dass das überhaupt nichts bedeutete. Hunderte von Büchern bedeuteten nichts, wenn der Mensch, der sie las, darin nichts als die Buchstaben wahrnahm, die Wörter, die Sätze.

Dabei stand das Wichtigste in einem Buch dazwischen. Es konnte nicht gedruckt, nicht in das enge Korsett des Alphabets gepresst werden. Man musste es mit dem Herzen spüren, mit dem Herzen lesen.

Aber das verstanden die meisten Leute nicht. Sie seufzte. Auch diese Polizistin würde das nicht verstehen. Denn sie war zu sehr mit der realen Welt verbunden und zu wenig mit der . . . anderen. Wahrscheinlich gar nicht. Für sie zählten nur Tatsachen. Fakten. Beweise. Spuren.

Wie beispielsweise bei diesen Bilderdiebstählen. Melina wusste, dass sie sich verdächtig gemacht hatte. Das war allerdings auch nichts Neues. Sie hatte viel mit Polizisten zu tun gehabt in ihrer Kindheit. Und auch später noch. Sie waren einfach überall, mischten sich überall ein. Und verstanden nichts.

Auf einmal merkte sie, dass sie sich wünschte, diese Polizistin würde sie verstehen. Aber Wünsche waren leider keine Tatsachen. Und außerdem wollte sie nicht noch einmal erleben, dass –

»Träumst du?«, fragte Amelie da auf einmal mit ihrer Kinderstimme, die so etwas wie Besorgnis verriet.

»Ach, tut mir leid«, entschuldigte sich Melina. Anscheinend waren ihre Gedanken weit mehr abgeschweift, als sie es mitbekommen hatte. »Hast du mich etwas gefragt?«

»Das Buch hier.« Amelie hielt ein Buch in ihren beiden kleinen Händen, denn es war ein gebundenes Buch und dazu ein dickes. Also etwas zu schwer für ein kleines Mädchen. »Das möchte ich lesen.«

»Harry Potter?« Melina lächelte. »Das ist aber sehr dick. So lange liest du ja noch nicht.«

Amelies Mundwinkel verzogen sich enttäuscht.

»Nein, nein«, korrigierte Melina sich sofort. »Das heißt nicht, dass du es nicht lesen kannst. Es ist nur vielleicht nicht so einfach.«

»Aber du kannst mir dabei helfen.« Amelies Lächeln hatte etwas Fragendes. Fast etwas Flirtendes. Obwohl kleine Mädchen von so etwas ja noch nichts wissen. Aber es ist eben alles schon angelegt.

»Natürlich kann ich das«, schmunzelte Melina. »Wir können das Buch zusammen lesen, wenn du willst. Harry ist fast so etwas wie ein . . . Bruder für mich.«

In mehr als einer Beziehung, dachte sie. Nur dass ich keinen Zauberstab habe.

Glücklich schleppte Amelie den ersten Band von Harry Potter zur Ausleihtheke.

»Hat sie Sie belästigt?«, fragte eine etwas gehetzte Frauenstimme, als sie beide zusammen den vorderen Teil der Bücherei erreichten.

»Aber nein. Amelie belästigt mich doch nie.« Das konnte Melina Amelies Mutter jederzeit versichern. »Wir haben zusammen Harry Potter zum Lesen ausgesucht.«

Mit etwas hochgezogenen Augenbrauen starrte Amelies Mutter auf das dicke Buch. »Das kann sie doch noch gar nicht.«

»Sie kann. Wenn sie will.« Melina lächelte.

Vermutlich hatte Amelies Mutter nicht viel gelesen in ihrer frühen Kindheit, nachdem sie gerade erst Lesen gelernt hatte. Aber Melina hatte das getan. Kaum dass sie lesen konnte, war ihr kein Wälzer zu dick oder zu schwer gewesen. Und sie hatte das Gefühl, Amelie war genauso.

»Ich glaube nicht«, sagte Amelies Mutter entschieden. »Außerdem ist das doch kein Buch für Mädchen. Dabei gibt es doch so nette Mädchenbücher.«

Nun schaute sie Melina etwas vorwurfsvoll an. Sie war schuld. Weil sie mit Amelie zusammen das falsche Buch ausgesucht hatte.

Möglicherweise ist Amelie nicht so ein Mädchen, wie du es warst. Kurz betrachtete Melina die junge Frau, die kaum viel älter sein konnte als sie selbst. Als sie Amelie bekommen hatte, musste sie noch ein halbes Kind gewesen sein.

»Warum versuchen Sie es nicht einfach?«, schlug sie vor. »Sie nehmen das Buch mit, und wenn Sie das nächste Mal vorbeikommen, habe ich ein paar schöne Mädchenbücher für Sie herausgesucht.« Sie lachte leicht. »Für Amelie natürlich.«

»Dann muss ich diesen Wälzer jetzt nach Hause schleppen.« Die junge Frau war schon mit einigen Einkäufen beladen und wirkte unwillig.

Melina sah, wie Tränen in Amelies Augen stiegen. Sie wollte unbedingt Harry Potter lesen, wollte in dieser Welt versinken, wie Melina es früher auch getan hatte.

»Wir wollten das Buch sowieso zusammen lesen«, änderte Melina deshalb ein wenig die Richtung. »Dann könnte es natürlich auch hier in der Stadtbücherei bleiben und Amelie kommt her, um es mit mir zu lesen.«

Sie sah der jungen Frau richtig an, wie die Erleichterung sie sich ein wenig aufrichten ließ, als hätte sich gerade das Gewicht auf ihren Schultern verringert. »Aber das kann ich Ihnen doch nicht zumuten«, wandte sie schwach und wenig überzeugend ein.

»Doch, das können Sie«, versicherte Melina ihr. »Amelie kommt doch auf ihrem Schulweg sowieso hier vorbei. Dann kann sie einen Schlenker in die Bibliothek machen, bevor sie nach Hause kommt.«

»Das . . . Ja . . . Wenn Sie meinen . . .« Das alles überforderte Amelies Mutter offensichtlich.

Melina beugte sich zu Amelie hinunter. »Also wir leihen das Buch jetzt für dich aus, und morgen kommst du direkt nach der Schule hier vorbei, und wir fangen an, es zu lesen«, schlug sie der Kleinen vor.

Amelies Augen begannen zu strahlen, aber gleichzeitig konnten ihre Mundwinkel sich noch nicht so richtig entscheiden, dabei mitzumachen.

»So machen wir’s«, beschloss da ihre Mutter schnell. »Komm, wir gehen nach Hause.«

»Tschüss, Amelie.« Melina winkte der Kleinen zu, als sie an der Hand ihrer Mutter aus der Bücherei hinausgezogen wurde.

Als Amelie sich noch einmal zu Melina umdrehte, hätte Melina fast geseufzt.

Genauso musste Mick als Kind ausgesehen haben.

10

Mick betrat eine Bibliothek nur selten. Nicht, wenn sie nicht musste. Während des Kommissar-Studiums hatte sie es getan, weil es dazugehörte, weil es ohne das nicht ging, aber privat war sie in keiner Weise begeistert davon. Noch nie gewesen.

Doch nachdem diese Bibliothekarin letzte Woche bei ihr im Revier aufgetaucht war, hatte Mick immer wieder über sie nachgedacht. War sie nun eine Kriminelle oder nicht?

Nun ja, eine Kriminelle, eine richtige Kriminelle, würde sie wohl nicht sein. Aber sie konnte diejenigen, die diese Einbrüche begingen, kennen. Sie kennen und sie unterstützen. Auch wenn man nur Schmiere stand, war man an einer Straftat beteiligt.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen...
»Nö.« Paul schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.« Mick hob die Augenbrauen. »Ich sag doch, es...
»Einbruch?« Das ließ Mick aufhorchen. »Welcher Einbruch?« »Der, der heute Morgen in der Zeitung...
»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete...
Unschuld? Jetzt hör aber auf! Mick schimpfte innerlich mit sich selbst. Irgendwas stimmte nicht...
Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die...
Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen...
»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an...
Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses...
Entschlossen zog sie die Glastür im Gebäude der Stadtbibliothek auf. Tatsächlich war sie noch nie...