»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an ihrem Gesicht. »Und bring ihr bei, dass sie dahinten nichts zu suchen hat!«

»Schon gut.« Melina stand auf und reichte Amelie die Hand. »Komm, Amelie, wir gucken uns jetzt mal die Bücher an.«

Amelie legte sofort ihre eigene kleine Hand in Melinas und sah sie von unten herauf voller Vertrauen an. Dann winkte sie Melina mit dem anderen Händchen zu, sich noch einmal zu ihr hinunterzubeugen.

Als Melina das tat, flüsterte Amelie ihr ins Ohr: »Sie ist gemein.«

Ganz konnte Melina sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als Amelie das sagte, aber sie versuchte, es doch zu verstecken. Aus erzieherischen Gründen.

Deshalb machte sie ein ernstes Gesicht und erwiderte: »Sie hat vielleicht nur schlecht geschlafen. Jetzt lass uns einfach zu den Büchern gehen.«

Während sie mit Amelie an der Hand durch die Regale schlenderte, dachte sie jedoch ausnahmsweise einmal nicht an Bücher. Sie dachte an diese Polizistin, diese Michaela Mrozek. Sie war mehrmals an Melina vorbeigelaufen, als die vorn auf der Bank gesessen hatte, und dabei hatte Melina mitbekommen, dass ihre Kollegen sie Mick nannten.

Was, das musste Melina zugeben, auch viel besser zu ihr passte. Michaela Mrozek, nein Mick, hatte kurze Haare und eine entschlossene Art. Eine sehr eindeutige Art, die Melina abging. Die sie bei anderen Leuten aber sehr bewunderte, weil sie sich gar nicht vorstellen konnte, wie man so sein konnte.

Natürlich taumelte Melina auch nicht gerade durchs Leben, sonst hätte sie ihr Fachhochschulstudium zur Diplom-Bibliothekarin gar nicht abschließen können, aber dort hatte sie sich auch mehr auf all das konzentriert, was mit Büchern zusammenhing, als auf ihre Studienkollegen.

Sie fand den Umgang mit Menschen, selbst mit anderen Leuten, die sich mit Büchern beschäftigten, oft sehr verwirrend. Zuerst hatte sie den Eindruck gehabt, sie hätten etwas gemeinsam, aber dieser Eindruck hatte sich sehr schnell immer mehr verflüchtigt. Auch Leute, die sich zu Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ausbilden ließen, waren eben Leute. Menschen. Soziale Wesen.

Und als das betrachtete Melina sich nicht. Jedenfalls nicht so richtig. Alle schienen immer das Bedürfnis zu haben, miteinander zu reden, dieses Bedürfnis lag ihr ziemlich fern. Sie redete mit Büchern, und sie sprachen mit ihr, so wie sie sich ein Gespräch vorstellte. Mit Menschen lief das immer völlig anders ab. Verwirrend eben.

In dieser Hinsicht war die Polizistin – Melina musste unwillkürlich ganz kurz lächeln – Mick wenigstens eine Ausnahme. Sie war sehr zielgerichtet vorgegangen und davon nicht abgeschweift, wie das bei normalen Gesprächen so oft der Fall war.

Das lag natürlich daran, dass dies ein berufliches Gespräch gewesen war, quasi eine Art Verhör, und da redete man nicht über private Dinge oder kam vom Hölzchen aufs Stöckchen. Das kam Melina sehr entgegen.

Auf der anderen Seite hatte sie auch in dieser Situation ihre sozialen Defizite gespürt. Sie hatte gemerkt, dass diese Mick sie zum Teil mit einem Interesse betrachtet hatte, das Melina nicht richtig einordnen konnte. Und das, obwohl sie meistens spürte, was die Leute über sie dachten.

So wie sie das auch bei dem jungen Polizisten gespürt hatte, dessen mitleidige Gedanken sie begleitet hatten, als er ihr den Tresen öffnete. Nichts Besonderes.

Das Besondere war eher, dass sie bei dieser Mick nicht ganz genau gespürt hatte, was sie dachte. Es schien eine Art Mauer zwischen ihnen zu stehen, die sich von der Mauer unterschied, die Melina normalerweise von anderen Menschen trennte.

Ganz automatisch kümmerte sie sich um Amelies Lesebedürfnisse, beantwortete ihre Fragen und schlug Bücher vor, konnte sich währenddessen aber nicht von ihren Gedanken über diese Mick lösen.

Nein, das wollte sie nicht! Es war einfach zu gefährlich. Und sie war es nicht gewöhnt.

Doch diese Polizistin hatte etwas in ihr aufgewühlt, das sie lange in sich verschlossen hatte. Wahrscheinlich war sie ihr schon deshalb am Rand dieses Bildes in dem Artikel aufgefallen. Auch wenn das nur ein fast zufälliges Bild gewesen war, das dieser Pressefotograf oder diese Pressefotografin da geschossen hatte.

Micks Gestalt war kaum zu erkennen gewesen. Ihr Gesicht auf keinen Fall, denn sie hatte schützend – beziehungsweise versteckend – ihren Arm hochgehalten, um das zu verhindern. Und doch hatte Melina irgendetwas gespürt, das von dieser kaum zu erkennenden Gestalt ausging.

Das war nichts Besonderes. Sie spürte ja immer etwas. Oftmals wusste sie jedoch nicht genau, was es bedeutete. Der Nebel hatte sich auch erst ein bisschen geklärt, als sie Mick dann tatsächlich auf dem Polizeirevier sah. Nur in welche Richtung geklärt, das wusste Melina immer noch nicht so genau.

Ganz eindeutig traute diese Frau ihr nicht. Das war sicherlich eine Auswirkung ihres Berufes, aber vielleicht lag es auch daran, dass sie Melina äußerst sonderbar fand.

Aber wer fand das nicht? Sie hätte fast geseufzt, unterdrückte es aber angesichts von Amelies Gegenwart. Kinder wollten immer für alles eine Erklärung, und Melina hatte keine. Da hätte sie nur herumgestottert, und dann hätte Amelie sie mit diesem verwunderten Kinderblick angeschaut, der immer zu sagen schien: Du bist doch erwachsen. Warum weißt du das nicht?

Leider war es nicht so einfach. Man konnte so erwachsen sein, wie man wollte – und dafür hielt Melina sich ohnehin nicht –, es gab trotzdem nicht immer auf alle Fragen eine Antwort. Insbesondere nicht auf Fragen, die einen im Innersten berührten.

Tat sie das, diese Mick? Berührte sie Melina im Innersten? Es gab selten Menschen, denen das gelang. Weil da immer diese Mauer war. Durch die Melina nicht von ihrer Seite aus durchdringen konnte und durch die auch nichts von der anderen Seite zu ihr durchdringen konnte.

Es gab so eine Übergangszone, in der sie anderen Menschen begegnete oder die ihr begegnen konnten. So ähnlich wie bei der Mengenlehre. Große Teile der verschiedenen Kreise berührten sich nicht, aber in der Mitte überlappten sich die Kreise ein wenig. Diese kleine, sehr kleine Teilmenge erlaubte es, dass sie überhaupt ein Leben führen konnte, das das von anderen Menschen berührte.

Aber die Teilmengen änderten sich, und manchmal war es auch nur eine scheinbare Berührung, keine echte. Als wäre ein Netz zwischen den verschiedenen Kreisen gespannt, durch das man zwar hindurchsehen konnte, einen Blick erhaschen auf den anderen Kreis, die andere Welt, aber trotzdem wurde die Trennung, die das Netz darstellte, nie aufgehoben.

Wollte man hindurchgreifen, etwas anfassen auf der anderen Seite und es zu sich herüberziehen, konnte man das nicht. Es blieb immer bei dem hilflosen und auch hoffnungslosen Versuch. Ein aussichtsloses Unterfangen, weil man sich nie endgültig verständigen konnte.

Und dann war da ja noch . . . diese andere Geschichte. Sie wollte nicht, dass das noch einmal passierte. Sie würde sich schon ewig die Schuld am ersten Mal geben, ein zweites Mal musste sie unbedingt verhindern.

Warum musste es ausgerechnet eine Polizistin sein, die jetzt ihre Gedanken beherrschte? Das war der Grund gewesen, warum sie so lange gezögert hatte, zur Polizei zu gehen.

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
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