Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht vorgestellt hatte. Dennoch war sie zufrieden damit, denn Bücher hatte sie immer geliebt. Bücher waren ihre Fluchtburgen gewesen, in denen sie sich vor der Realität verstecken konnte. Einer Realität, die sie oft überforderte.

Bücher aus der Stadtbücherei zuerst einmal, denn Bücher zu kaufen hatte sie sich als Kind nicht leisten können. Deshalb hatte sie schon von frühester Jugend an ein spezielles Verhältnis zu Bibliotheken und Büchereien entwickelt.

Der Geruch der Bücher, die Ruhe, die Möglichkeit, sich zwischen den Regalen zu verstecken und nicht gefunden zu werden, das alles hatte ihr damals ein positives Gefühl vermittelt, ein Geborgenheitsgefühl, das sie auch jetzt noch empfand und das sie beruhigte.

Weshalb sie gern in einer Stadtbibliothek arbeitete, auch wenn sie sich mit Kolleginnen wie Evelyn herumschlagen musste, die ihr das nicht gerade erleichterten.

Damit die Außenwelt nach Feierabend nicht mehr in ihre eigene kleine Welt eindringen konnte, stellte sie ihr Handy ab, sobald sie nach Hause kam. Das wollte sie auch heute gerade tun, als es klingelte.

Sie sah aufs Display und nahm ab. »Hallo Sibylle.«

»Hallo Melina«, kam die freundliche Stimme einer älteren Frau aus dem Lautsprecher zurück. »Wie geht es dir? Ich wollte mich mal wieder nach dir erkundigen. Und dich zum Sonntagsessen einladen. Wie wär’s? Du warst schon lange nicht mehr da.«

»Ja, ich weiß.« Sofort ergriffen Schuldgefühle von Melina Besitz. »Tut mir leid. Ich bin immer so müde, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Am Wochenende versuche ich mich dann zu erholen.«

»Und stellst dein Handy ab, das kenne ich ja schon von dir.« Sibylle lachte. »Ich habe schon mehrmals versucht, dich zu erreichen, aber ich wurde immer auf die Mailbox verwiesen. Da spreche ich nicht drauf. Hört sowieso niemand ab.«

»Ich auch nicht«, gab Melina zu. »Ich weiß nur nicht, wie man die deaktiviert, sonst hätte ich das längst getan.«

»Ich wollte dich nicht bei der Arbeit stören«, sagte Sibylle. »Manchmal sind da Privatgespräche ja nicht gern gesehen.«

»Allerdings.« Melina seufzte. »Wenn du meine Kollegin Evelyn am Telefon erwischt hättest, die hätte dir was erzählt. Und mir erst.«

»So etwas habe ich mir schon gedacht. Das wollte ich dir ersparen«, erklärte Sibylle fürsorglich. »Aber wenn man dich nicht mal auf der Arbeit anrufen kann, bist du wirklich schwer zu erreichen, so ganz ohne Internet und alles.«

Melina wand sich ein bisschen. »Ich habe gern meine Ruhe, lese, sitze auf dem Sofa und trinke Tee. Die sozialen Medien sind nichts für mich. Oder irgendwelche Apps auf dem Handy, um sich Nachrichten zu schicken. Das macht mich nur nervös.«

»Ich weiß«, erwiderte Sibylle verständnisvoll. »Aber die anderen würden dich am Sonntag gern mal wieder sehen. Willst du sie gar nicht sehen?«

»Doch, doch.« Melina begann zu lächeln. »Ich habe schon öfter daran gedacht. Aber dann . . . kam immer etwas dazwischen.«

Sibylle sagte für einen Moment nichts mehr, doch Melina konnte regelrecht spüren, wie sich eine Frage in ihr aufbaute. Und da kam sie auch schon. »Marvin vielleicht?«

Durch diese Frage wurde das Lächeln gleich wieder aus Melinas Gesicht gewischt.

Das sah Sibylle zwar nicht, aber sie konnte es sich vermutlich denken. »Ich habe recht, nicht wahr?«

»Es geht ihm nicht gut«, antwortete Melina. »Und er hat doch nur mich.«

»Das stimmt nicht. Er hätte auch mich. Und andere«, widersprach Sibylle. »Wenn er wollte. Aber er will nicht.«

»Er nimmt nicht gern Hilfe an.« Melina atmete tief durch. »Er will es allein schaffen.«

»Das ist dumm«, stellte Sibylle kurz und bündig fest. »Du solltest ihn nicht noch dabei unterstützen, sich so zu verhalten. Du weißt, wohin das führt.«

Ein gequältes Seufzen entrang sich Melinas Brust. »Er ist mein Bruder. Er ist alles, was ich habe.«

»Wirklich?« Sibylle äußerte nur dieses eine kurze Wort, dann wartete sie.

»Es tut mir leid«, wand Melina sich. Sie fühlte sich furchtbar. »Ich habe es nicht so gemeint. Ich weiß, dass du immer für mich da bist. Aber du bist nicht –«

»Ich bin nicht deine Mutter. Wir sind keine biologische Familie«, bestätigte Sibylle ruhig. »Aber du hast lange genug in meinem Haus gelebt, um zu wissen, dass man nicht blutsverwandt sein muss, um sich umeinander zu kümmern.«

Wie so oft, wenn es um Marvin ging, versuchte Melina auszuweichen. »Marvin war nicht so lange da.«

»Er hat das selbst entschieden«, sagte Sibylle. »Niemand hat ihn weggeschickt. Er hätte genauso lange in unserem Haus bleiben können wie du.«

»Ich weiß.« Immer mehr machte sich die Erschöpfung in Melina breit. Sie wusste, dass ihre Pflegemutter es gut meinte, aber es war im Moment einfach alles zu viel für sie.

»Ich will nicht mehr länger in dich dringen«, bemerkte Sibylle versöhnlich, die ein untrügliches Gespür dafür hatte, wann es zu viel war. »Ich weiß, dass das keinen Sinn hat. Ich will nur, dass du weißt, dass ich für dich da bin und dass du immer zu mir kommen kannst. Und denk dran: Du bist nicht für Marvin verantwortlich. Abgesehen davon, dass er dein älterer Bruder ist, nicht dein jüngerer.« Sie machte eine kurze Pause. »Ich würde mich nur sehr, sehr freuen, wenn du am Sonntag zum Essen kommst. Und die anderen auch. Sie haben schon nach dir gefragt.«

Melina bekam ein schlechtes Gewissen. Auch wenn Sibylle nicht ihre Mutter war, liebte sie sie doch wie eine Mutter, denn sie war fast die einzige, die sie je gekannt hatte.

An ihre tatsächliche Mutter, ihre und Marvins, konnte sie sich kaum mehr erinnern. Sie und ihr Vater waren fast nur wie ein Schemen aus ihrer Vergangenheit, denn sie waren schon gestorben, als Marvin und Melina noch Kinder gewesen waren.

»Ich komme am Sonntag zum Essen«, versprach sie und begann nun doch wieder zu lächeln. »Und . . . danke, Sibylle.«

»Gern geschehen.« Es war, als käme auch von Sibylle ein Lächeln durchs Telefon. »Ich freue mich auf Sonntag. Und jetzt mach dir einen schönen Tee und erhol dich. Ich wollte dir nicht deinen Feierabend rauben.«

»Das hast du nicht.« Ein warmes Gefühl durchzog Melina. Sibylle hatte die Fähigkeit, jedem Menschen diese Wärme zu vermitteln. Auch bei Marvin hatte sie das getan, doch er – »Wir sehen uns am Sonntag. Tschüss.«

»Tschüss.«

Die Verbindung löste sich auf wie ein Tau, das gekappt wurde.

Endgültig stellte Melina ihr Handy ab und war froh, dass es nun nicht mehr klingeln konnte.

3

»Geht es Ihnen nicht gut?« Der Leiter der Stadtbibliothek, Herr Krämer, sah Melina ein wenig besorgt an.

»Nein, nein.« In solchen Situationen lief Melina gern einmal rot an, aber glücklicherweise bemerkte Herr Krämer das nicht. Er hielt das einfach für eine gesunde ländliche Wangenfarbe. »Alles in Ordnung. Ich habe nur nicht so gut geschlafen.«

»Sie werden mir wohl doch nicht krank?« Jovial klopfte Herr Krämer Melina auf die Schulter. »Ich bin froh, dass wir endlich mal eine zweite Kraft hier haben.«

Laura Beck: Meine traumhafte Bibliothekarin

1 Ich muss es tun. Ich muss es einfach tun. Unentschlossen biss Melina sich auf die Lippe....
Und das setzte sich im Erwachsenenleben fort. Einem Erwachsenenleben, das sie sich so auch nicht...
Melina schüttelte den Kopf. »Ich bin nur noch nicht . . . Die neue Wohnung. Und da draußen kläffen...
»Nö.« Paul schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.« Mick hob die Augenbrauen. »Ich sag doch, es...
»Einbruch?« Das ließ Mick aufhorchen. »Welcher Einbruch?« »Der, der heute Morgen in der Zeitung...
»Hing«, sagte die Polizistin. »Das Landschaftsbild von Vermeulen ist auch weg.« Nun betrachtete...
Unschuld? Jetzt hör aber auf! Mick schimpfte innerlich mit sich selbst. Irgendwas stimmte nicht...
Sie wollte, dass Melina sie vor dem nächsten Einbruch informierte, das ganz sicher, aber die...
Aber gerade auch deshalb hatte sie dieses Familiending nie so richtig verstanden. Viele Frauen...
»Dann kümmere dich gefälligst um das Balg!«, zischte Evelyn weit über die Theke gebeugt nah an...
Nicht dass sie so etwas wie diese Mick erwartet hatte. Dass sie erwartet hatte, dass da dieses...
Entschlossen zog sie die Glastür im Gebäude der Stadtbibliothek auf. Tatsächlich war sie noch nie...